Lukas_Sieper 17.10.2017, 10:06 Uhr 2 0

Die Gedanken sind frei

Kolumne

Nun, zunächst sei anzumerken, dass dem Autor dieser Zeilen durchaus bewusst ist, das er sich auf äußerst kontroverses Terrain begibt. 

Am 10. September 1964 wurde der Portugiese Armando Rodrigues de Sá als millionster Gastarbeiter in Deutschland feierlich begrüßt. Vorangegangen war eine in den 60er Jahren ausführlich betriebene Politik der Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und sowohl europäischen als auch nicht-europäischen Staaten, dazu zählten Italien, Spanien, Griechenland, Portugal und Jugoslawien (das es heute nicht mehr gibt). Aber eben auch mit der Türkei, Tunesien und Marokko. Die Nachfahren dieser Gastarbeiter sind heute mehr oder weniger gut integriert, aber zumindest aus dem Straßenbild, besonders der Stätte, nicht mehr wegzudenken. Sicher, es gibt viele Viertel in Deutschlands Städten, in denen man eher das Gefühl hat in Istanbul als in Köln Kalk zu sein und sicher gibt es in der Realität die von der Polizei so eifrig verneinten "rechtsfreien Räume". Aber die meisten "Ausländer", von denen viele einen deutschen Pass haben und damit gemäß Artikel 116 des Grundgesetzes Deutsche sind, leben um mal dem Klischee treu zu bleiben als Mechaniker, Fabrikarbeiter oder Besitzer von Pizzerien und Dönerbuden. 

Nun gab es schon immer Leute in Deutschland, die angesichts einer großen Anzahl von Menschen mit fremder Herkunft in unserem Land, die Befürchtung hatten wir verlieren unsere Kultur, unsere Werte oder zumindest unsere doch eigentlich sehr gut funktionierende soziale Kultur. Schon in den 60er Jahren waren circa 55% der Bevölkerung gegen die Anwerbeabkommen, auch wenn die Geschichte der damaligen Politik Recht gegeben hat. Und vor gar nicht so langer Zeit sagte der Generalsekretär der CSU Andreas Scheuer (etwas anders als in den Medien zitiert): "Weil wenn er mal über einen langen Zeitraum in den Verfahren herinnen ist, entschuldigen Sie die Sprache, das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese, der über drei Jahre da ist, weil den wirst Du nie wieder abschieben. Aber für den ist das Asylrecht nicht gemacht, sondern er ist Wirtschaftsflüchtling. Aber wir haben halt eine Gesellschaft, wo’s Du den Vereinsvorsitzenden, den Pfarrer, schlimmstenfalls den Landtagsabgeordneten, den Bundestagsabgeordneten, und wie sie alle heißen, findest, der sagt: „Alle müssen durch dieses strenge Verfahren, aber der, der hat sich so gut integriert.“ 

Nun kann man von der Einstellung, es sei schlimm jemanden nicht abschieben zu können, halten was man will. Das Entscheidende aber ist, Andreas Scheuer ist ein lupenreiner Demokrat. So sehr die CSU auch regelmäßig am Rechten rand fischt, man kann sich sicher sein, dass bei einer Alleinregierung der CSU auf Bundesebene (um mal das Extrem durchzuspielen) unsere freiheitlich demokratische Grundordnung auf jeden Fall erhalten bleiben würde. Nun sind in den letzten drei Jahren wieder viele Ausländer nach Deutschland gekommen. Je nachdem wen man fragt, variieren die Zahlen zwischen circa 750.000 und 1,3 Millionen Menschen. Die Zahl 750.000 kommt von den in Deutschland gestellten Asylanträgen, die Zahl 1,3 Millionen von der Tatsache, das hunderttausende Menschen eben nicht richtig registriert wurden und die Zahl jener, die vor der Grenzöffnung durch die Kanzlerin, an der Österreichisch-Ungarischen Grenze ausharrten, ungefähr auf diese Zahl geschätzt wurde. Es sei also um eine Mitte zu finden anzunehmen, das erneut circa eine Million Menschen nach Deutschland gekommen sind, da es sicher nicht nur 750.000 sind, aber vielleicht auch nicht unbedingt 1,3 Millionen. Also eine Millionen Menschen. Dies hat in der Bevölkerung die selben Sorgen hervorgerufen, die konservative Herzen wie eh und je höher schlagen lassen. Diese Sorgen haben Menschen und Meinungen auf den Plan gerufen, die eben so gar nicht demokratisch sind wie es zunächst scheint. Das bedeutet nicht, dass diese Menschen ihre Meinungen nicht haben dürfen, und es soll hier auch gar nicht um irgendeine Partei gehen, so "demokratiefeindlich" sie auch für den ein oder anderen erscheinen mag. Vielmehr geht es um die soziologische Diskussion innerhalb der Bevölkerung. Immer häufiger finden sich nur verhärtete Fronten und beide Seiten werfen sich gegenseitig Populismus vor. Neue Kampfwörter wie "Lügenpresse" oder auf Englisch "Fake News" haben sich nicht nur in den Köpfen der Menschen festgesetzt, sondern werden auch und grade im Internet fleißig praktisch umgesetzt. Und sehr oft, führt das zu einer Angst vor Ausländern und Flüchtlingen, die einer genaueren Untersuchung bedarf. Im Jahr 2016 gab es 2.269 Anzeigen wegen Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, bei denen die Täter Flüchtlinge waren. Die konkreten Herkunftsländer der Tatverdächtigen decken sich zumindest bei den ersten Dreien, auch mit den Hauptherkunftsländern von Flüchtlingen weltweit. Nun sei in Anbetracht der Tatsache, das es sich dabei lediglich um Anzeigen, nicht um Prozesse handelt aber auch der Tatsache das sicher nicht alle Frauen solche Straftaten zur Anzeige bringen, angenommen alle diese Täter sind schuldig. Es sei also zunächst angenommen wir haben 2.269 Flüchtlinge in Deutschland, die sich der sexuellen Belästigung bis hin zur Vergewaltigung im Jahr 2016 strafbar gemacht haben. In den Jahren 2014 bis 2016, also den Jahren in denen circa eine Millionen Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind wurden insgesamt 6.036 Fälle von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung aufgeklärt, in denen die Tatverdächtigen Zuwanderer waren. Dabei ist zu beachten, dass es sich natürlich um einige Fälle aus vergangen Jahren handelt und das die Zahl im Jahr 2016 mit 3.404 Tätern am höchsten war. Rechnet man dies aber grob auf die Drei Jahre ergibt sich eine Zahl von circa 2.000 Flüchtlingen in diesen Jahren, die sich solcher Straftaten schuldig gemacht haben. Zieht man eine theoretische Dunkelziffer und die Bagatelldelikte hinzu, kann man guten Gewissens von 3.000 Tätern im Jahr ausgehen, sprich ungefähr der Zahl der Täter im Jahr 2016. Das bedeutet das circa 3000 von 1.000.000 Flüchtlingen solche Straftaten begangen haben, das sind 0,3%. Trotzdem geht eine steigende Anzahl von Menschen in der Bevölkerung davon aus, Flüchtlinge hätten generell eine Neigung zur Vergewaltigung, hätten ein Frauenbild das anders ist (was sicher stimmt) und sie deshalb dazu anleitetet "unsere Deutschen Frauen zu missbrauchen", ungeachtet der Tatsache, das es in Deutschland im Jahr 2016 34.038 aufgeklärte Fälle der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung gab, bei denen der Täter kein Zuwander, sprich Deutscher war. Das bedeutet 0,41% der deutschen Bevölkerung haben sich solcher Straftaten schuldig gemacht. Dies entspricht nicht nur demselben Wert bei den Flüchtlingen, er ist sogar noch höher. 

Zu was führt uns das? Es bedeutet das unsere Gesellschaft zumindest bezüglich der Sicherheit der sexuellen Selbstbestimmung der deutschen Frau, nicht mehr oder weniger in Gefahr ist als vorher. Es führt zu der Erkenntnis, das sich unter Flüchtlingen einige Straftäter befinden (und hier wurde ja lediglich auf eine bestimmte Art von Straftaten eingegangen). Aber es führt nach umfassender rationaler Überlegung nicht zu der Erkenntnis, der Großteil der Flüchtlinge habe ein Problem mit dem sexuellen Verständnis von Frauen und neige zur Vergewaltigung. Vielmehr sind unter den Flüchtlingen ähnlich viele schlechte Menschen zu finden, wie im Rest der Bevölkerung. Wie gesagt, es gibt sicher eine hohe Dunkelziffer und die Geschichten wie Frauen im Aldi begrapscht wurden sind wahrscheinlich größtenteils wahr. Aber wer sehen will wie gerne "reine" Deutsche Männer Frauen begrapschen, der muss nur mal um 22 Uhr in eine belebte Diskothek irgendwo in Deutschland gehen. Diese Fakten über Flüchtlinge sollten also nicht zum Anlass genommen werden, grundlegende demokratische Prinzipien anzuzweifeln. Jeder Mensch hat das Recht auf Asyl. Jeder Mensch hat das Recht nach Deutschland zu kommen und einen Antrag zu Stellen hier leben zu dürfen. Wenn dieser Antrag dann abgelehnt wird, weil der betreffende ein "Wirtschaftsflüchtling" ist, dann ist dies gut und richtig, denn es verdeutlicht das wir in einem Rechtsstaat leben. Das die deutschen Behörden von diesen Anträgen in den letzten Jahren komplett überlastet sind, das viele Menschen ohne vernünftige Registrierung als Flüchtlinge in unser Land gekommen sind ist ein großes Problem. Aber das ist nicht die Schuld der Menschen die gekommen sind, nicht die Schuld der Flüchtlinge. Es ist die Schuld einer Politik die auf das was gekommen ist nicht vorbereitet war und deren Aufgabe es jetzt ist, diese Lücken in unserer Verwaltung zu schließen und nicht Menschen einfach Massenweise zurück in ihre Heimatländer aus denen sie geflohen sind zu deportieren. Es ist unsere Aufgabe als Bürger dieses großartigen Staates unsere Gesellschaft selbst zu erhalten, die vielen Menschen die gekommen sind sowohl in Wirtschaft als auch in sozial Struktur zu integrieren. Und wenn sich das in 30 Jahren so äußert, dass es neben der Dönerbude auch einen syrischen Falafel Verkäufer gibt, dann ist das in Ordnung.


Tags: Politik, Gesellschaft, Angst, Rassismus
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Kommentare

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    "Das bedeutet das circa 3000 von 1.000.000 Flüchtlingen solche Straftaten begangen haben, das sind 0,3%.[...]ungeachtet der Tatsache, das es in Deutschland im Jahr 2016 34.038 aufgeklärte Fälle der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung gab, bei denen der Täter kein Zuwander, sprich Deutscher war. Das bedeutet 0,41% der deutschen Bevölkerung haben sich solcher Straftaten schuldig gemacht. Dies entspricht nicht nur demselben Wert bei den Flüchtlingen, er ist sogar noch höher."


    Dafür, dass diese "3000 Fälle" hier aufgenommen worden sind, um sie vor Krieg, Gewalt und Verfolgung  - also vor dem widerrechtlichen Zugriff auf ihren Körper durch Andere - zu schützen  (s. Grundgesetz und Menschenwürde und so), ist diese Anzahl auch in Relation zu der Gesamtzahl von 1000 000 (Es sind übrigends mehr als eine Millionen gekommen) trotzdem zu hoch. Das ist doch der springende Punkt. Dein relativierender Whataboutism macht die Sache da nicht besser. Mal davon abgesehen, dass deine prozentuale Gegenüberstellung in diesem  Deliktbereich impliziert, dass darunter fallende Straftaten seit der Ankunft der Flüchtlinge insgesamt zugenommen haben, was lange Zeit geradezu für unmöglich gehalten wurde. Ich weiß nicht, ob dir das aufgefallen ist. Aber du bist noch sehr jung, schätze noch unter 20. Ich war da auch noch sehr idealistisch. Zwischen 20 und 40 wird sich diesbezüglich allerdings noch Einiges ändern. Isso. 




    19.10.2017, 10:08 von mirror87
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    So simpel ist das alles nicht.

    Ich bin da bei diesem älteren FAZ - Artikel hier:

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/kriminalitaet-straftaten-steigen-doch-die-medien-schweigen-14987350.html

    17.10.2017, 12:36 von chiral
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