Birthe_Dannenberg 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 3

Der Krieg geht weiter...

Das deutsche Kontingent für Afghanistan wird erhöht; in neun weiteren Ländern sind deutsche Soldaten stationiert. Es gibt nur wenige Todesfälle - aber tausende Heimkehrer kämpfen mit ihren Erinnerungen. Doch die Bundeswehr lässt ihre Soldaten im Stich.

Da war die Sache mit seiner Freundin und der Gasmaske. Sie sitzen in der Badewanne, Christian schaut sie an zwischen den Schaumbergen, sie lächelt. Plötzlich sieht er, dass sie eine Gasmaske trägt. Er springt auf, rennt in Panik durch die Wohnung, und es dauert mal wieder einige Minuten, bis ihm klar wird: Das war Einbildung, ein Flashback vom Krieg. Es sind die Bilder aus seinem Bundeswehreinsatz, die ihn verfolgen; der ständige ABC-Alarm, das Kauern im Bunker, das Donnern der Flugabwehrraketen. Die Gasmaske, in der ihm der Schweiß bis über die Lippen steigt; die Angst, dass jeden Moment eine Giftgasrakete einschlagen könnte.

Christian Bernhardt, 31, war im Frühjahr 2003 als Soldat in Kuwait, in den ersten Wochen des Irakkriegs. In sein Gesicht hat sich, von der rechten Schläfe bis über die Wange, eine Sorgenfalte gegraben; obwohl ihn kein Schuss, kein Granatsplitter getroffen hat, tobt seit fast fünf Jahren der Krieg in ihm weiter. Für zwölf Wochen ist er jetzt in der Nervenklinik wegen PTBS, Posttraumatischer Belastungsstörung, einer psychischen Krankheit, die immer mehr deutsche Soldaten nach Auslandseinsätzen befällt - und mit der die Bundeswehr viele von ihnen alleine lässt.

»Die haben mich abgeschrieben«, sagt Christian. Er sitzt auf der Raucherterrasse der Klinik in Nordhessen, umgeben von dicht bewaldeten Hügeln. Auf dem Tischchen vor ihm liegt ein Aktenordner mit Gutachten, Briefen und Notizen, die von einer jahrelangen Odyssee zeugen: einer Odyssee aus Schriftwechseln, erniedrigenden Untersuchungen in Bundeswehrkrankenhäusern, abschlägigen Bescheiden, Geldnot, Wut und Selbstmordgedanken. Anders als die Ärzte hier in der Klinik behauptet die Bundeswehr, seine Krankheit habe nichts mit dem Kriegseinsatz zu tun; will keine Behandlungskosten zahlen, keine Wiedereingliederung ins Berufsleben. In einem Bundeswehr- Gutachten bescheinigt ihm ein Psychiater, sein Leiden basiere vielmehr auf einem »grenzwertig kompensierten und verdrängten neurotischen Konflikt«, einem »frühkindlichen Störungsmuster«. Wenn ihm nicht ein Selbsthilfeverein zu dem Therapieplatz hier in der zivilen Klinik verholfen hätte, wer weiß... er hatte schon geplant, sich in irgendeiner Fußgängerzone aufzuhängen, um den Hals ein Schild: Opfer des Krieges gegen den internationalen Terrorismus.

Von Afghanistan über Darfur bis zum Horn von Afrika - in zehn Krisengebieten der Welt sind heute deutsche Soldaten stationiert. Mehrere der Einsätze sind nicht nur politisch und völkerrechtlich umstritten. Sie bergen Risiken, die von jenen, die diese Einsätze beschließen, lange unterschätzt wurden: Hunderte der Soldaten kehren jedes Jahr traumatisiert und psychisch krank zurück. »Ich glaube nicht, dass unsere militärische Führung bis zur Generalität hin genau weiß, was unsere Soldaten alles erleben«, sagt Karl-Heinz Biesold, Leiter der Psychiatrie im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg. Biesold weiß, dass es nicht nur die spektakulären Fälle sind, die die Krankheit PTBS auslösen, Fälle wie der einer Soldatin aus Niedersachsen, die als Rettungssanitäterin im Kosovo war; eines Tages stand vor ihr auf der Straße ein Kind mit einer Mine in der Hand. Sie hält an, will dem Kind die Sprengfalle abnehmen; das Kind aber läuft weg, in ein Feld und tritt dort auf eine andere Mine, wird vor den Augen der jungen Frau zerrissen.

Es kann Monate, mitunter Jahre dauern, bis die Symptome der PTBS ausbrechen. Das macht die Krankheit für manche Betroffenen doppelt tückisch: Berufssoldaten können sich in Bundeswehrkrankenhäusern behandeln lassen, haben Anspruch auf Umschulung. Für ehemalige Zeitsoldaten wie Christian Bernhardt dagegen, deren Dienstzeit abgelaufen ist, sieht sich der Bund in vielen Fällen nicht mehr zuständig und streitet nach Meinung von Heinz Sonnenstrahl, Gründer des Selbsthilfevereins Skarabäus, den Zusammenhang zwischen Krankheit und Auslandseinsatz ab. Mindestens 2000 solcher Fälle gebe es mittlerweile, schätzt der ehemalige Hauptmann: »Unsere Gesellschaft schiebt eine immer größere Bugwelle von traumatisierten und vergessenen Soldaten vor sich her. Und die Zahl wird weiter steigen, weil die Auslandseinsätze zunehmen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der Erste dieser Betroffenen Amok läuft.« Christians Leidensgeschichte beginnt mit einem Flug nach Kuwait, in einen Bundeswehreinsatz, der im Nachhinein besonders fragwürdig erscheint. Seine Krankheit ist ein Kollateralschaden der Legende von Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen, mit der die US-Regierung ihren Krieg gegen den Irak begründet hat. Atomare, biologische, chemische Waffen - die bis heute, mehr als fünf Jahre nach Kriegsbeginn, nicht gefunden wurden.

20. März 2003, Militärflughafen Köln-Bonn: Die USA haben soeben vom Camp Doha in Kuwait aus ihren Einmarsch in den Irak gestartet, um »Saddam zu beseitigen«, wie Präsident Bush verkündet hatte. Christian Bernhardt, 26 Jahre alt, Zeitsoldat aus Oer-Erkenschwick, steht mit kurz geschorenen Haaren in Uniform, Farbe »wüstentarn«, auf dem Rollfeld. Sein Handy klingelt; es ist sein bester Freund, der ihn fragt: Christian, warum denn ausgerechnet du, das kann doch nicht wahr sein? Christian überlegt, was er ihm antworten soll. Dann ist der Akku leer. Christian steigt in die Maschine nach Kuwait.

Im Landeanflug sieht er überall in der Stadt Sirenenlichter blinken, gelbe, rote, blaue; es ist sein erstes Bild vom Krieg. Am Flughafen steht der deutsche Botschafter, er dankt den Soldaten, dass sie da sind, zum Schutz der Zivilbevölkerung. Christian trägt eine dreizehn Kilo schwere schusssichere Weste; in der Dunkelheit steigen er und seine Kameraden in einen Bus; die Fenster sind verhängt, damit niemand von außen sieht, dass Soldaten darin sitzen. Um 22.05 Uhr stoppt der Bus plötzlich auf freier Strecke: Raketenalarm. Christian sitzt hinten rechts, er zieht seine Gasmaske auf, der ABC-Anzug ist noch nicht griffbereit - mit einem so frühen Beschuss hat niemand gerechnet. Ist die Maske wenigstens dicht?, denkt er, atmet und wartet, wie alle anderen im Bus mit den zugezogenen Vorhängen. Durch einen Spalt sieht Christian schließlich zwei Lichtblitze; die Flugabwehrgeschosse haben die irakischen Raketen heruntergeholt. Entwarnung, die Fahrt geht weiter.

»Der Einsatz militärischer Mittel ist unverzichtbar, um die terroristische Bedrohung zu bekämpfen.« So steht es in einem Beschluss des Deutschen Bundestages vom 7. November 2001. Die Mehrheit des Parlaments hat entschieden: Deutschland beteiligt sich am Kampf gegen den internationalen Terrorismus. Konkret: »Im Rahmen der Operation Enduring Freedom werden bis zu 3900 Soldaten mit entsprechender Ausrüstung bereitgestellt.« Darunter rund 800 Soldaten der ABC-Abwehrkräfte, spezialisiert auf den Umgang mit atomaren, biologischen und chemischen Kampfstoffen. Erst aus einem Zeitungsbericht im Januar 2002 erfahren die Abgeordneten, dass ein Vorauskommando der ABC-Kräfte mittlerweile tatsächlich für ein Manöver in Kuwait gewesen ist und die Einheit auf Wunsch der Amerikaner möglicherweise fest vor Ort bleiben solle. Das Bundesverteidigungsministerium hat das Mandat des Parlaments als Persilschein genutzt; eine Abstimmung für einzelne Einsätze ist damit nicht mehr nötig. Achtzig Prozent der Deutschen sprechen sich gegen jegliche deutsche Beteiligung am Irakkrieg aus. Bundeskanzler Gerhard Schröder verkündet: »Wir haben deutlich gemacht, dass wir uns an einer militärischen Aktion nicht beteiligen werden.«

In Kuwait, von wo aus die Invasion gestartet wird, allerdings schon. Die Regierung von George W. Bush hat der Welt »Beweise« präsentiert, dass der Diktator seit Jahren ein Arsenal an ABC-Waffen aufbaue: Milzbranderreger, Giftgas, möglicherweise sogar Uran für Atomsprengköpfe. Dass er damit Terroristen unterstützen könnte, die so »tausende oder hunderttausende unschuldiger Menschen in unserem oder einem anderen Land töten.« Zweifel, etwa vom UN-Inspektor Hans Blix, lassen sie nicht gelten: »Es gibt keine Debatte in der Welt, ob sie diese Waffen haben«, verkündet Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, »jeder trainierte Affe weiß das.«

Um ihre eigenen Soldaten im Camp Doha vor ABC-Angriffen der Iraker zu schützen, brauchen die Amerikaner die Unterstützung der Deutschen mit ihren »Fuchs«-Spürpanzern. Am 20. März 2003 starten die USA ihren Angriff; die ersten Bomben fallen auf Bagdad. Im Deutschen Bundestag streiten die Abgeordneten darüber, ob die ABC-Einheit aus Kuwait wieder abgezogen werden soll. Kanzler Schröder spricht ein Machtwort: »Niemand kann die Konsequenzen für das deutsch-amerikanische Verhältnis der nächsten dreißig bis fünfzig Jahre abschätzen, falls die Spürpanzer abgezogen werden und es dann tatsächlich zum Einsatz von ABC-Waffen käme.« Die deutsche ABC-Truppe vor Ort wird verstärkt - am 21. März starten eben jene 109 Soldaten von Köln aus nach Kuwait, zu denen auch Christian Bernhardt gehört. Wie allen anderen hat man ihm den Milzbrandimpfstoff »BioThrax« gespritzt.

Im Lager angekommen, beim Ausladen des Busses in der Dunkelheit, denkt er: Schau an, wir sind also tatsächlich im selben Lager wie die Amerikaner; »Camp Doha«, rund zehn Kilometer nordwestlich von Kuwait-Stadt, die zentrale Basis für den Irakkrieg mit rund 10 500 Soldaten. Das »German Village« befindet sich direkt neben dem Rechenzentrum, von dem aus die Amerikaner das koordinieren, was Verteidigungsminister Donald Rumsfeld als »Angriff von nie dagewesener Wucht« angekündigt hat. Ein deutscher Kommandeur weist die Neuankömmlinge ein; auf einer großen Weltkarte zeigt er ihnen ihr Einsatzgebiet: Es reiche von Kasachstan bis Kenia; sollte es innerhalb dieser Region irgendwo einen terroristischen Anschlag mit Massenvernichtungswaffen geben, würde die Einheit sofort dorthin verlegt werden, um die Zivilbevölkerung zu schützen. Macht Sinn, denkt Christian Bernhardt, da liegt Kuwait ja geografisch genau in der Mitte. Er sieht, wie die US-Soldaten mit Jeeps und Panzern in die Wüste aufbrechen, Richtung irakische Grenze. Die ersten Nächte schlafen sie mit fünfzig Mann in einer Lagerhalle, dann zu sechst in 12-Quadratmeter-
Räumen. Wobei von Schlafen eigentlich keine Rede sein kann. Sie liegen in ABC-Montur auf den Pritschen, über der normalen Uniform einen speziellen Kohlefaseranzug; Gasmaske, Jacke und Spritzen mit dem Gegengift Atropin immer in Griffweite. Alle paar Stunden schreit die Sirene los, nachts um zwei, nachts um fünf. Dann ist wieder eine Rakete aus dem Irak in Richtung Kuwait unterwegs; es ist fast immer ABC-Alarm, denn es könnte ja etwas aus Saddams Massenvernichtungsarsenal dabei sein. Allein zwischen dem 20. März und dem 10. April starten aus der irakischen Region Basra 26 Mal Raketen vom Typ Al-Samoud 2 und Ababil 100; dreizehn von ihnen schlagen in der Nähe des Camp Doha ein. Die Prozedur ist jedes Mal dieselbe: aufspringen, Gasmaske auf und im Laufschritt zum Bunker, einem brusthohen Betonbau mit Sandsäcken obendrauf; darin mit angewinkelten Beinen sitzen, Schulter an Schulter, und ruhig atmen in der Maske, das ist in dem Moment das Wichtigste. Warten, bis die Patriot-Abwehrrakete, die gerade donnernd über den Bunker hinweg gestartet ist, mit einem dumpfen Schlag das irakische Geschoss vom Himmel holt und danach dreimal die Entwarnung »All clear« über die Lautsprecher kommt. »Der Lauf zum Bunker ist jedes Mal wie die Reise nach Jerusalem, schreibt Christian in sein Tagebuch. In den ersten Tagen gibt es noch nicht genug Bunkerplätze für alle; wer zu spät kommt, muss sich gebeugt in der Lagerhalle an die Wand stellen und dort abwarten, was kommt: Entwarnung oder ein Raketeneinschlag.
Das Camp Doha ist wie eine US-amerikanische Stadt. Es gibt »Burger King« und »Kentucky Fried Chicken«, die Soldaten bekommen so viel Cola und Snickers-Eis, wie sie wollen. An den Wänden hängen Bilder, die amerikanische Kinder für die Kämpfer gemalt haben. Auf vielen sieht man einen grünen Panzer mit einer Stars-and-Stripes-Flagge obendrauf. Christian Bernhardt sitzt oft mit US-Soldaten am Tisch, sie sagen Sachen wie »take it easy«; einmal zeigt einer auf die deutsche Flagge an seiner Schulter, »hey, what?s that«, fragt er, »where are you guys from?« Auf Flatscreens läuft CNN, zumindest für ein paar Tage; nachdem die ersten Nachrichten über gefallene US-Soldaten kommen, bleiben die Bildschirme schwarz. Einmal heult der ABC-Alarm während des Essens los. Christian sieht einen amerikanischen Soldaten, der sein Tablett abstellt, seine Gasmaske aufsetzt, sein Tablett wieder nimmt und damit in Richtung Essensausgabe geht. Es ist heiß, manchmal über vierzig Grad im Schatten; die Luftfeuchtigkeit steigt bis auf achtzig Prozent. Einmal, als Christian während eines Alarms im Bunker sitzt, spürt er, wie sich in der Gasmaske sein Schweiß staut, ihm über die Lippen steigt; wenn jetzt nicht gleich Entwarnung kommt, denkt er, und der Pegel die Nase erreicht, dann stehe ich vor der Wahl: entweder die Maske kurz öffnen und riskieren, Giftgas einzuatmen - oder am eigenen Schweiß ersticken.

Was er in diesen Momenten dachte oder fühlte, daran kann sich Christian Bernhardt heute nicht erinnern; in diesen Momenten ging es nur darum zu funktionieren, binnen Sekunden die Gasmaske aufzuhaben, ruhig zu atmen. »Es ist erstaunlich«, notiert er in sein Tagebuch, »obwohl der Puls rast, behält man einen kühlen Kopf.« So scheint es zumindest. Erst Jahre später, bei der Traumatherapie in der Nervenklinik, wird klar: Dieser wochenlange Alarmzustand, das Kauern im engen Bunker, das Geschrei der Sirene, auf das jeden Moment der Einschlag einer Giftgasrakete hätte folgen können - die se Dinge waren es, die Christians Gehirn krank gemacht haben. Die Posttraumatische Belastungsstörung, PTBS, ist Folge einer seelischen Verletzung; dabei muss es sich nicht um ein spektakuläres, einmaliges Schockerlebnis handeln, es kann auch eine Vielzahl dicht aufeinanderfolgender Angstsituationen sein. Die Krankheit entsteht, wenn so viele Reize auf das Gehirn einströmen, dass es diese nicht einordnen und verarbeiten kann. Die Symptome treten oft Monate, manch mal erst Jahre nach den traumatisierenden Ereignissen auf: In Flashbacks, ausgelöst durch simple Reize wie Lärm oder Tageslicht, wird das Gehirn wieder an das Ereignis erinnert; die Szene läuft vor dem inneren Auge immer wieder aufs Neue ab, wie ein Film. Für die Betroffenen beginnt ein Strudel aus Angstzuständen, Schweißausbrüchen und Schlafstörungen; viele ziehen sich aus der Gesellschaft zurück, betäuben ihren Schmerz mit Alkohol und an deren Drogen; tragen sich mit Selbstmordgedanken. Fachleuten ist die Krankheit auch unter dem Namen »Vietnam-Syndrom« bekannt. Amerikanische Ärzte fanden heraus, dass bis zu siebzehn Prozent der Soldaten im Kriegseinsatz mit psychischen Problemen zurückkehren. Insgesamt 671 Soldaten, gibt die Bundeswehr auf ihrer Website bekannt, seien seit 1996 wegen einer Posttraumatischen Belastungsstörung in Bundeswehrkranken- häusern untersucht und behandelt worden; dies entspreche »weniger als einem Prozent der im Ausland eingesetzten Soldaten. Damit liegt die Bundeswehr weit unter den Zahlen von Betroffenen bei anderen Streitkräften.« Deutsche Soldaten, psychisch allen anderen überlegen? Ein bundeswehrinterner Expertenbericht geht davon aus, dass die wahre Zahl der Fälle viel höher ist: Rund 750 Betroffene könnten es demnach sein. Jedes Jahr.

Ende April, knapp sechs Wochen nach Beginn des Krieges, scheint die Lage im Irak unter Kontrolle; US-Präsident Bush wird wenig später verkünden, die Mission sei »erfüllt«. Christian und seine Kameraden bekommen die Nachricht: Euer Einsatz ist vorbei, es geht zurück nach Hause. Seltsam, denkt er, nun soll plötzlich jegliche Gefahr durch Terrorangriffe mit ABC-Waffen für die Zivilbevölkerung zwischen Kasachstan und Kenia gebannt sein? Was hat das mit der Eroberung des Irak zu tun? Sie fliegen zurück nach Köln, diesmal mit einer Ferienmaschine von »Thomas Cook«. Über den Lautsprecher hört Christian die Stimme des Piloten; es sei eine Ehre für ihn, sagt er, die Soldaten aus dem Krisengebiet herausfliegen zu dürfen. Seine Heimatzeitung druckt ein Foto von ihm auf die Titelseite, beim Begrüßungskuss mit seiner Freundin am Flughafen; »Herzlich willkommen, Wüstenhase«, schreiben die Redakteure über das Bild. Er bekommt eine Medaille mit dem Bundesadler in Bronze, »E. Freedom« ist oben eingraviert; dazu eine Urkunde »für die Teilnahme am Auslandseinsatz der Bundeswehr bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus«, unterschrieben von Bundes- verteidigungsminister Peter Struck, datiert auf den 29. April; an dem Tag war Christian noch in Kuwait, und niemand konnte wissen, ob er lebend zurückkommen würde. Wann seine Symptome begannen, kann Christian nicht genau sagen; er erinnert sich beispielsweise daran, dass eines Tages plötzlich sein Herz zu rasen begann, er auf allen vieren durch die Wohnung robbte und sich nach einer Weile fragte: Was mache ich hier eigentlich? Immer öfter wacht er schweißgebadet auf, ohne zu wissen, warum; einmal reißt ihn ein grelles Pfeifen aus dem Schlaf, »Alarm«, denkt er, springt auf und rennt ins Wohnzimmer, erst nach Minuten wird ihm klar, dass es ein defekter Heizkörper ist, der da pfeift. Motorräder, Rasenmäher, Flugzeuge werden zu Alarmgebern, lassen ihn hochfahren, stacheln ihn auf, versetzen ihn zurück in die Bunkerszenen zwischen Leben und Tod; nach solchen Anfällen schmerzen die Muskeln am ganzen Körper, als wären sie freiliegendes Fleisch. »Diese Anfälle waren wie eine Droge«, sagt er; bald spürt er seinen Körper nur noch in Zuständen der Aufruhr, alltägliche Dinge langweilen ihn, alles andere wird unwichtig. Seine achtjährige Dienstzeit als Zeitsoldat ist inzwischen vorbei; eine Ausbildung als Rettungssanitäter bricht er ab, trennt sich nach acht Jahren Beziehung von seiner Freundin, weil er ihre Nähe nicht mehr erträgt, ihre Unfähigkeit, sich in das hineinzufühlen, was er erlebt hat. Von da an sitzt er manchmal zwei Wochen am Stück zu Hause, starrt aus dem Fenster und beobachtet das, was für ihn »der Luftraum« ist, isst nichts und trinkt nichts, putzt sich nicht die Zähne; alles belanglos, alles egal. Er öffnet keine Rechnungen mehr, eines Abends schalten sie ihm den Strom ab; auch egal, denkt er, zündet eine Kerze an und packt das Toastbrot und die Salami, die noch im Kühlschrank liegen, auf den Balkon, dann setzt er sich wieder auf die Couch. Wenn sie im Fernsehen irgendwo die Folterbilder aus Abu Ghraib zeigen, denkt er: Was regt ihr euch alle so auf, das ist nun mal der Krieg. In den immer selteneren Momenten, in denen er sich unter Menschen bewegt, fühlt er sich wie auf einem fremden Stern: Was seid ihr für Lebewesen, was macht ihr hier; ihr streitet euch über die Frage, wer an der Supermarktkasse zuerst dran war, was wisst ihr schon vom Leben und vom Tod?

Für den Therapeuten, zu dem er wegen seiner psychischen Symptome geht, ist nach vielen Sitzungen und Gesprächen klar: Posttraumatische Belastungsstörung, verursacht durch den Dauerbeschuss in Kuwait.

Christian beantragt, dass die Bundeswehr seine Krankheit als Wehrdienstbeschädigung anerkennt, also die Kosten für Behandlung und Wiedereingliederung ins Berufsleben übernimmt. Eine Wehrdienstbeschädigung wird beispielsweise schon anerkannt im Falle einer »Erkrankung durch Unterkühlung und Durchnässung beim Außendienst«. So weit die Eigenwerbung der Bundeswehr. »Die Phase, die mit dem Antrag begann«, sagt Christian jetzt, fünf Jahre nach dem Einsatz, auf der Raucherterrasse der psychosomatischen Klinik in Nordhessen, »war eigentlich noch schlimmer als die Zeit in Kuwait.« Er blättert in dem Ordner, der vor ihm auf dem Tischchen liegt; in einem Schreiben stellt die Bundeswehr sogar infrage, wann und wie lange Christian überhaupt in Kuwait gewesen sei: »Ihre Personalakte lässt insoweit keine Aufschlüsse darüber zu.« Um seine Erlebnisse im Einsatz zu belegen, wird er gebeten, »Zeugen zu benennen (und deren Erreichbarkeit), die diese Geschehnisse bestätigen können, da Ihre Einheit keine Angaben mehr machen kann.« Im Abschlussgutachten, verfasst nach Aktenlage von einem freiberuflichen Münchner Psychiater, der Christian nie selbst gesehen hat, heißt es, die Symptome hätten »diagnostisch mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung wenig zu tun«, es handele sich »vielmehr um eine Anpassungsstörung, die durch eine zuvor gegebene schwere neurotische Disposition induziert ist.«

Am Beginn seiner Dienstzeit war davon noch keine Spur gewesen; damals hatte ihn die Bundeswehr als »wehrdienstfähig - T2« eingestuft; Intelligenz und Psyche: ohne Befunde. Mit dem jüngsten Gutachten ist aus Sicht der Bundeswehr der Fall Christian Bernhardt erledigt; sein Antrag auf Beschädigtenversorgung abgelehnt. »Unter Beschuss zu stehen (häufig Alarm)«, schreibt ihm sein früherer Dienstherr, »kann für einen Soldaten im Auslandseinsatz nicht als außergewöhnlich belastend angesehen werden.«

Für die Ärzte der Parkland-Klinik in Nordhessen besteht kein Zweifel an der Diagnose: PTBS, verursacht durch den Kuwait-Einsatz. Beim Militär, hat ihm einer von ihnen mal gesagt, da ist die Psychologie noch nicht so weit wie hier draußen in der zivilen Welt. Für Winfried Nachtwei, den sicherheitspolitischen Sprecher der Grünen im Bundestag, ist der Fall Christian Bernhardt eine »Warnung an Zeitsoldaten, sich nicht auf die dauerhaft verlässliche Fürsorge durch den Dienstherrn verlassen zu können. Das wäre eine moralisch wie politisch verheerende Botschaft.« Das Bundesverteidigungs- ministerium antwortet auf die Anfrage von NEON: »In der Angelegenheit Bernhardt können aus daten- und persönlichkeitsschutzrechtlichen Gründen sowie aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht keine Aussagen gemacht werden.« »Ohne Bezug auf diesen Einzelfall« heißt es weiter: »Differenzen hinsichtlich der Beurteilung der gesundheitlichen Beeinträchtigungen ergeben sich in der Regel dadurch, dass entweder der Wehrdienst-
beschädigte seine Erwerbsminderung selbstabweichend einschätzt oder der behandelnde Arzt unter Nichtbeachtung der Anhaltspunkte für die ärztliche Gutachter tätigkeit eine Bewertung abgibt, für die nur der versorgungsmedizinische Gutachter zuständig ist.« Heinz Sonnenstrahl vom Verein Skarabäus kennt diese Argumente auswendig. »Die Mechanismen sind immer dieselben«, sagt er: »Die für die früheren Zeitsoldaten zuständigen Versorgungsämter lassen nichts unversucht, die Anerkennung einer Wehrdienstbeschädigung unter fünfzig Prozent zu halten, um so Versorgungsleistungen für die Betroffenen zu vermeiden.« Nun soll ein neues Gesetz die »Weiterverwendung « kriegsgeschädigter Soldaten im Staatsdienst regeln - doch auch das greift nur bei mehr als fünfzig Prozent anerkannter Wehrdienstbeschädigung; in der Praxis dürfte sich deshalb wenig ändern. Die Warnungen vor Saddams Massenvernichtungsarsenal haben sich als Farce erwiesen, seit Beginn des Krieges sind im Irak - laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation - möglicherweise mehr als 150 000 Zivilisten gestorben. Das Bundesverwaltungsgericht hat den Einsatz der deutschen ABC-Truppe in Kuwait als »Beihilfe zu einem völkerrechtlichen Delikt« verurteilt. »Ich war ein Handlanger von George W. Bush bei seinem Angriffskrieg«, sagt Christian Bernhardt. »Und das Verhalten der Bundeswehr ist die schlimmste Demütigung, die ich mir vorstellen kann. Ich habe acht Jahre an alles geglaubt, was dort gepredigt wird; an Fürsorgepflicht und Solidarität. Es wird alles dafür getan, dass du in die Strukturen hineinpasst und funktionierst. Und wenn du eines Tages ein Problem bekommst, bist du das schwarze Schaf, das schnellstmöglich beseitigt werden muss.« Nach dem Klinikaufenthalt wird er sich mit Hilfe des Vereins Skarabäus um einen neuen Beruf kümmern; vor Gericht streitet er dafür, dass Behandlungskosten und Wiedereingliederungs- maßnahmen von der Bundeswehr übernommen werden, »mehr verlange ich gar nicht«, sagt er, »mir geht es nicht um irgendwelche Rentenzahlungen.« Bislang hat nicht einmal der Therapeut, der ihn am Anfang der Krankheit behandelt hat, Geld bekommen. »Was ich mir aus der Militärzeit bewahrt habe«, sagt Christian, »ist die Standfestigkeit. Die werden mich so schnell nicht los.« Um seinen Hals trägt er einen Anhänger aus grünem Speckstein, den hat er sich in den ersten Wochen in der Klinik geschnitzt; in der Form des kuwaitischen Staatswappens. Oben hat er »20. März 2003« eingraviert, das Datum, an dem sein Einsatz im Irakkrieg begann. Das Enddatum hat er offen gelassen. Einfügen wird er es erst dann, wenn auch in seinem Körper und in seinem Leben der Irakkrieg mit all seinen Folgen vorbei ist.

AUTOREN: BIRTHE DANNENBERG, TOBIAS ZICK

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