Razanplan 12.09.2009, 22:16 Uhr 0 0

Das Ende eines schönen Tages

Gehe eine lange dunkle Gasse entlang.

Gehe eine lange dunkle Gasse entlang. Rechts und links brennen die Mülltonnen. Das Licht flackert. Du siehst deine Schatten an den hohen, verwitterten grauen Backsteinwänden bizarre Tänze aufführen. Es ist Nacht und der Mond ist nicht zu sehen. Ein paar schwere Regenwolken haben ihn verdeckt und denken gar nicht daran ihn frei zu geben. Gehe genau in der Mitte. Du bildest das Gleichgewicht des Bildes. Unter ein paar alten stinkenden Decken liegt ein Penner. Sein Lachen schallt in deinem Ohr. Der Wind pfeift durch seine entblößten Zahnlücken. Eine kaputte Straßenlaterne auf der rechten Straßenseite spendet kaum Licht, nur ganz selten flackert ihre schwache Neonröhre kurz auf. Du kannst dieses leise Knacken sogar hören. Denn der Penner hat aufgehört zu lachen. Das Lachen ist ihm vergangen. Wegen der Mülltonnen ist dir nicht kalt. Seltsam, diese Atmosphäre. Du magst sie nicht. Rechts und Links huschen garstige Gestalten die Mauern hoch. Sie haben lange scharfe Krallen, die sich immer wieder auf ihrem Weg nach oben in die Wände bohren. Leises Rieseln von kleinen Steinen, die sich aus der Mauer lösen. Überall ist Kichern. Von dort. Von hier. Von oben. Von unten. Von Rechts. Von Links. Drehe deinen Kopf. Pass bloß auf, dass du nichts verpasst. Das Kichern, das erneut aufkommende Lachen, das Knacken, das Flackern, das Brennen; alles ein Brausen in deinem Kopf. Das Pulsieren deines Blutes, das plötzliche Prasseln des Regens, das Krächzen von tausend Krähen, das Zischen von Feuer, das an Lebenskraft verliert, das Knallen der Blitze, das Donnern; alles ein gewaltiges Konzert. Hebe deine Hände in die Höhe, ganz weit hoch und dirigiere. Dirigiere, bis dir der Schweiß aus allen Poren quillt. Gebe alles, gebe alles was du zu geben hast und noch viel mehr. Kontrolliere dieses Schauspiel. Es ist noch nicht zu ende. Nein, jetzt noch nicht, wir sind noch nicht fertig. Du bist im Krieg. Tausend Krähen haben dich begleitet. Die Töne, die Klänge, die Dissonanzen, die Paukenschläge; noch wollen sie nicht aufhören. Sie wollen dich noch ein wenig begleiten. Schreie von blutenden zerfetzten Menschen, Bombendetonationen, Pistolenschüsse; all das kommt hinzu. Nichts will dich alleine lassen, dort in der kleinen dunklen Gasse. Alles taucht auf, um dann sofort darauf wieder zu verschwinden. Der Ton bleibt, du kannst jeden einzelnen hören, du wirst keinen einzelnen los. Du musst dirigieren, dirigieren, dirigieren, gieren, gieren nach mehr, du kannst gar nicht anders. Grauenvolle Befehle um dich herum. Schreckliche Fratzen in den wieder auflodernden Feuern erschrecken dich. Der kalte Angstschweiß läuft dir den zitternden Rücken entlang. Langsam und quälend. Deine Haare, vom Fett ganz verklebt, peitschen dich, denn der Wind spielt mit ihnen. Und du dirigierst und dirigierst. Harte Gitarrenriffs, brüllende Stimmen, schnarren, knarren, klatschen, kreischen, entstellte eiternde Gesichter, Schwefelgestank, nervende Sirenen, kein Leben ist mehr zu retten, sie bluten nur weiter, das Feuer leckt an deinen Füßen, dein Horn verbrennt, stickiger Qualm, schleimige Würmer fressen deine Kleidung, rülpsen, furzen, rotzen, du stehst nackt da, sie beschimpfen dich, beleidigen dich, alles in der kleinen dunklen Gasse, Enge, das stumme Entsetzen vergewaltigter junger Mädchen und das grausame Lachen ihrer fettleibigen stinkenden Quälgeister, die sie ihr Leben lang verfolgen, sie nicht mehr alleine lassen, Mord, Totschlag, erlöschende Lebenslichter, zerrissene Seelen, aufgegebene Existenzen, verlassene Kinder, voll gepumpt mit Drogen, LSD, Speed, giftigen Pilzen, Kokain, Heroin, zerstochene Venen, zerschnittene Handgelenke, leere Augen, Kindervisagen wie ausgedorrte Schädel, kotzen, zerrüttete Körper, erniedrigendes Elend, Hunger, Massengräber, tödliche Experimente mit lebenden Menschen und Toten, Leichenschändung. Du dirigierst. Du weinst. Du heulst. Dich schmerzt es. Pure Agonie. Oder ist es schon geschehen? Dieses Konzert, dieses pulsieren in deinen Ohren, so dass dein Trommelfell droht zu zerplatzen, es will dich wohl nie verlassen.

Doch dann...

...ganz unvermittelt...


...hört alles auf...


Was ist das?

Dann gibt es einen lauten Knall. Du musst deine Augen schließen, denn um dich herum ist nur grelles Weiß, ein grelles nichts. Du weißt nicht, ob du stehst oder schwebst. Kein Gefühl.

Wo bist du?
Was ist geschehen?
Was war das eben?
Was sollte das eben?
Kommt es wieder?
Oder ist es für immer vorbei?
Lebe ich noch?
Oder bin ich schon tot?

Du wirst für einen Moment ohnmächtig. Dann wachst du auf. Du musst ein wenig blinzeln. Denn du warst die Dunkelheit der kleinen dunklen Gasse schon gewohnt. Die Sonne scheint. Du bist auf einer bunten Blumenwiese. Löwenzahn, saftig roter Mohn, Gänseblümchen, gelbe, blaue, lilane Tulpen, Vergissmeinnicht, Stiefmütterchen, duftender Lavendel, heilende Lindenblüten. Dazwischen summen die Bienen, die emsig ihre Arbeit tun. Ein scheues Reh huscht durch den anliegenden würzig riechenden Tannenwald. Überhaupt scheint dieser voller Leben zu sein. Zwei süße Hasen tollen über den weichen moosigen Boden, ganz vertieft in ihr vergnügtes Spiel. Vögel singen die schönsten Lieder, das Eichhörnchen sammelt hier und da eine Nuss ein, um sie gleich darauf wieder im Boden zu vergraben. Von irgendwoher hörst du das zufriedene Schnarchen eines großen braunen Bären. Eine freche Maus hat es gewagt sich ihm bis auf wenige Schrittchen zu nähern, um ihm dann gleich an den Barthaaren zu ziehen und darauf wieder schnell leise in sich hineinlachend zu verschwinden. Du erschrickst leicht, denn plötzlich tauchen zwei niedliche Hunde aus dem Gras auf und wollen mit dir spielen. Du lässt dich nicht lange bitten. Ein wunderschöner Schmetterling schaut euch zu, später dann führt er ein hoch intellektuelles Gespräch mit der studierten Grille vom benachbarten Grashalm. Sie werden kurz unterbrochen, denn ein Ameisentrupp von an die 10000 Ameisen marschiert vorbei: "Links zwo drei vier. Links zwo drei vier.". Nach dem Spiel mit den Hunden triffst du auf eine müde Eule, die eigentlich schlafen wollte, aber es aus lauter Neugier nicht vollbrachte. Es sei so schrecklich für sie immer nur nachts aktiv sein zu können, erzählt sie dir. Des Tages wäre doch so viel mehr los. Sie ist wirklich eine schlaue Eule und darum seid ihr für eine ganze Weile in ein gepflegtes Gespräch vertieft. Doch eben nur eine Weile, denn die Vögel haben deine Anwesenheit längst bemerkt und wollen dir nun ihre neuste Komposition vorführen. Und wehe, du verpasst einen Ton. Kaum sind sie mit ihrem wunderbaren Konzert fertig, kommt auch schon eine kleine lachende Kindergruppe auf dich zu. Sie wollen mit dir tanzen. Du nimmst sie bei den Händen und kannst nicht anders als zufrieden lächeln. Denn diese Kinder verbreiten soviel sorgenloses Glück, dass einem ganz warm ums Herz wird. Nach dem Tanzen haben die Kinder schon das nächste Spiel parat: Verstecken. Ihr spielt verstecken zwischen all den duftenden Gräsern und mächtigen Bäumen, die väterlich auf das bewegte Leben um sie herum schauen. Eine schmächtige schüchterne blaue Elfe hat dich die ganze Zeit beobachtet und traut sich endlich dich zu fragen, ob du nicht mir ihr ein kleines Wettrennen über den Regenbogen machen möchtest. Schnell verabschiedest du dich von den Kindern, die dir daraufhin fröhlich zuwinken. Natürlich verlierst du das Wettrennen, aber trotzdem freut es dich, denn man kriegt nicht alle Tage die Chance über einen Regenbogen zu laufen. Du merkst wie es langsam dämmert. Allmählich setzen sich alle Tiere und Wesen zusammen, um sich gegenseitig zu wärmen und sich Geschichten zu erzählen. Du lauschst ganz gebannt, denn sie haben viel zu erzählen. Und als fast schon ganz dunkel ist, der wunderbare Tag, den du mit all diesen Wesen verbracht hast, zu Ende geht und du beinahe ruhig eingeschlafen wärst, taucht auf einmal ein großer alter Mann auf. Er trägt einen langen weißen Bart und hat tiefblaue freundliche Augen. Sein langes ebenfalls weißes Gewand umhüllt seinen ganzen Körper und weht im Wind. Du erinnerst dich ganz plötzlich an das grausame Erlebnis und du weißt ebenso plötzlich, dass dieser Mann die Antworten für dich hat.

"Warum?", fragst du.
"Ich schickte dich durch die Hölle, damit du es zu schätzen weißt!"
"Was zu schätzen weiß?"
"Die Ruhe und Zufriedenheit nach diesen schönen Erlebnissen hier. Das Ende eines schönen Tages."

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare