DonKanalisation 14.11.2014, 03:25 Uhr 4 1

Brüssel.

Montag. 6:00Uhr.

Der Wecker klingelt. 

Reißt ihn aus seinen friedlichen Träumen.
Zum Dank dafür schlägt er den Alarm aus.
Der Wecker geht kaputt.

Unter der Decke ist es so schön warm und er kuschelt sich an seine Frau.
Seit 4 Jahren sind sie jetzt schon verheiratet.
Wenn er danach gefragt wird, sagt er, dass er keine Minute davon bereut und meint es dann auch so.
Seine Gedanken führen ihn dann meistens an das Krankenbett, in dem seine Frau vor zwei Jahren lag und ihr gemeinsames Kind gebar.
Früher hatte er sich nie vorstellen können, in diesem Moment an diesem Bett zu stehen und dabei zuzugucken, wie sein Kind aus einer Vagina gepresst wird, die er nur als seine Lustgrotte kannte.
Aber er stand da.
Hielt ihre Hand.
Streichelte ihren Kopf.
Und als alles vorbei war und die Kleine in seinen Händen lag, war er der glücklichste Mensch der Welt.

Manchmal saß er aber auch mit ein paar Arbeitskollegen in einer Bar. 
Schlürfte sein Getränk und dachte nach.
Dann kamen ihm die Gedanken an die hässlichen Zeiten.
Die Zeiten, die man verdrängen und vergessen will.
In denen sie sich stritten, sich beleidigten.
Sie wollte nie nach Brüssel.
Ob sie sich mittlerweile damit arrangiert hatte? 

Seine Frau drehte sich unter der Decke zu ihm um.
Nahm ihn in den Arm, schmiegte sich an seine Brust und begann, seinen Schwanz zu streicheln.
Nach einer viertel Stunde war er sich sicher, sie hatte sich arrangiert.

Während sie in Bad ging, um zu Duschen, bereitete er das Frühstück zu.
Eier, Bacon, Frenchtoast.
Weil der Montag morgen scheiße ist, hatten sie sich angewöhnt, ihr Sonntagsfrühstück auf Montag zu verlegen. 
So hatte man zumindest einen guten Start in die Arbeitswoche.
Nachdem auch er aus dem Bad kam, weckten sie gemeinsam ihre Tochter.
Er war glücklich mit der Situation. 
Ein liebender Vater, zufrieden mit seiner Beziehung.

Der letzte Schluck des Grünen Tee, den er Morgens immer trank, schmeckte Montags immer besonders bitter.
Nach Abschied.
Abschied von den zweieinhalb arbeitsfreien Tagen, nach Abschied von dem, was ihm lieb war.
Jedes Mal, wenn er, diesen Geschmack im Mund, nach seiner Aktentasche griff, verfluchte er selbige. 
Dann ging er aus dem Haus und fuhr zur Arbeit.

Dort angekommen, wartete bereits ein Berg Akten auf ihn.
Probleme irgendwelcher Menschen, mit denen er nichts zu tun hatte und auch nichts zu tun haben wollte, die aber trotzdem irgendwie nach einer Lösung verlangten.
Also begann er mit der Durchsicht, schrieb seinen Bericht und schickte ihn weiter.
So ging das jeden Tag.
Aber die Bezahlung war super.

Die Mittagspause verbrachte er mit einem Kollegen in einem kleinen Restaurant.
Der Fernseher in der Ecke zeigte einen Bericht, in dem die stummgeschaltete Moderatorin offenbar über den Krieg zwischen Israel und den Palästinensern berichtete.
Er aß weiter.
Der nächste Bericht setzte sich mit der ISIS auseinander.
Es wurden Bomber gezeigt, die ihre Waffen auf ein Camp abwarfen.
Danach ein Politiker, der sehr erleichtert wirkte.
Sein Kollege, der den Bericht auch gesehen hatte, klopfte ihm auf die Schulter.
"Gut gemacht. Das wars für die."
"Wenn ich was mach, mach ichs auch richtig." erwiderte er, mit einem Grinsen im Gesicht. 
Das roch nach Bonuszahlung.
Die weinenden Kinder und Frauen, die auf dem Bildschirm gezeigt wurden, ignorierten beide.

Nach der Mittagspause wurde er in das Büro seines Vorgesetzten gerufen.
Ihm wurde, ob des erfolgreichen Bombardements, gratuliert und es folgte ein wenig Smalltalk, bevor die Frage nach seinen Beweggründen für diese Arbeit gestellt wurde.
"Ich will, das meine Tochter, meine Frau und all unsere Mitmenschen in Sicherheit glücklich aufwachsen können und versuche mein Möglichstes, um dies zu realisieren."
Eine Standartantwort.
Aber er glaubte tatsächlich daran.

Nach der Arbeit, ging er, den Scheck in der Tasche, zurück zum Auto.
Glücklich pfiff er zu dem Song im Radio und freute sich auf zu Hause.

Dort angekommen, schmiss er, wie immer, wenn er einen Bonus erhalten hatte, seine Tasche in die Ecke und rief:
"Rate mal wer wieder da ist!"
Kein Antwort.
"Schatz?"
Keine Antwort.
Im Wohnzimmer spielte leise Beethovens neunte Symphonie.
Vielleicht war sie eingeschlafen. 
Er ging ins Wohnzimmer und sah seine Frau und seine Tochter auf der Couch liegen.

Blutüberströmt.
Über der Couch, das Zeichen der ISIS-Kämpfer.
Wie ein Stein blieb er stehen.
Den Mund vor Fassungslosigkeit leicht geöffnet.
Tränen schossen in seine Augen und rannen ihm über sein Gesicht.
Er stieß einen stillen Schrei aus, sein Hals war blockiert.

Hinter ihm, aus der Ecke, kam ein stumpfes Geräusch.
Die Waffe mit dem Schalldämpfer hatte geschossen.

Er fiel zu Boden, neben ihm lag der Scheck, der von seinem eigenen Blut rot gefärbt wurde.

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4 Antworten

Kommentare

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    Strukturell mehr so 'Hä?'...

    14.11.2014, 13:14 von sailor
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