Böser Staat und Damals
Damals hätts das nicht gegeben. Weder Süßigkeiten noch Internet noch Sozialschmarotzer. Und außerdem sind alle Politiker böse, nicht so wie früher.
Jeden Freitag, wenn ich mir auf der langen Fahrt nach Hause ein Snickers kaufe, erinnere ich mich an einen bestimmten Tag aus meiner Kindheit. Ich war gerade in der ersten Klasse und hatte von meiner Lehrerin ein kleines Snickers als Belohnung für eine gute Arbeit bekommen. Ich hatte ein kleines Stück davon abgebissen, den Rest in meine Schultasche gepackt. Ich wollte es für meinen kleinen Bruder aufheben, der genauso selten Süßigkeiten zu Gesicht bekam wie ich. Snickers gab es damals auch nicht zu kaufen, meine Lehrerin war im Urlaub in Russland gewesen und hatte es von dort mitgebracht. Nein bei uns gab es so etwas nicht. Auf dem nach Hauseweg war das Schokostückchen geschmolzen, kein Wunder bei 40°C in der usbekischen Sonne und einem Heimweg von sechs Kilometern, den ich, wie soll es auch anders sein, zu Fuß zurücklegte. An einem Samstag, denn damals, bei uns, hatten wir auch Samstags Schule. Meine Mutter legte die Schokolade in den Kühlschrank um noch etwas davon zu retten, so kam auch mein kleiner Bruder zu seiner Süßigkeit.
Samstags war Einkaufstag bei uns, wir freuten uns immer, wenn es auf den Markt ging. Wenn viele Menschen auf dem Markt waren, bekam ein blondes, kleines Mädchen wie ich auch mal einen Apfel geschenkt. So auch an diesem Samstag. Meine Mutter kaufte das Übliche - 2 Liter Kefir, einen Laib Brot und die Reisration für eine Woche.
Mein Vater war Fallschirmjäger in der Sowjetunion und um zusätzliches Geld zu verdienen, testete er neue Fallschirmsysteme, die dann, bei Funktionstüchtigkeit auf den Markt kamen. Jedes mal, wenn er das tat gab es entweder eine Wassermelone von der Größe eines Gymnastikballs oder Äpfel. Manchmal kauften wir auch ein großes Stück Hammelfleisch, dann kochte mein Vater Plov. Den esse ich immer noch gerne. Sonst gab es immer nur Reis ohne Fleisch, Reissuppe, Milchreis oder Brot, ohne Wurst, ohne Butter. So war das damals.
Da wir zu den wohlhabenden Familien unserer Stadt gehörten, konnten wir uns einen Fernseher leisten, klein, schwarz-weiß, mit einem Fernsehkanal. Abends, vor dem Schlafengehen durften wir eine Folge Winnie the Pooh gucken, allerdings sah der anders aus, als der flauschige gelbe Bär, der heutzutage durch die Matschscheibe spaziert.
Einer meiner Mitfahrer hat rote, stachelige Haare und eine zerissene Hose. Ununterbrochen schimpft der über Politik und Staat. Böser Staat, böse Politiker. Arbeitslosengeld ist viel zu wenig, sagt er. Er hat nicht genug Geld um auf ein Konzert zu gehen und überhaupt, er kann sich nichts leisten. Vermutlich nichtmal eine neue Hose, geschweigedenn Nadel und Faden um seine kaputte Hose zu flicken.
Achja, damals. Ich weiß nicht ob es schlimm oder schön war.
Ich weiß noch, dass ich nie im Kindergarten war. Aber alle "Sprungplatzkinder" waren immer am Sprungplatz statt im Kindergarten. Meine Mutter war Angehörige der Sportfördergruppe, ebenfalls Fallschirmspringerin. Also war ich mit den anderen Kindern am Platz. In der Endlosen Steppe Usbekistans konnte man nicht so gut Verstecken spielen, da man kilometerweit gucken konnte, bis in die Berge.
Zu Trinken gab es tagsüber nur warmen Tee. Mein bester Freund und ich wollten aber lieber kaltes Wasser, das unsere Mütter uns verboten zu trinken. Also zogen wir los um nach Grundwasser zu graben. Auf halbem Weg vergaßen wir, was wir eigentlich wollten und jagten stattdessen Eidechsen. Die gab es zu Hauf, damals, in der Steppe.
Spielekonsolen, die gab es damals nicht, erst als wir nach Deutschland kamen. Nene, wir Kinder von Früher wissen noch was Gummitwist und Springseilspringen ist.
Einmal, da hatte meine Mutter mir ein Kleid genäht. Hellblau war es, mit Rüschchen an den Armen. Es hielt einen halben Tag, da wir an dem Tag eine Mutprobe hatten. Wer sich traut am höchsten auf einen schwachen Baum zu klettern, hatte gewonnen. Ich traute mich, der letzte Ast brach unter meinem Gewicht zusammen. Ich viel und brach mir den Arm.
Mein Vater schiente mir den Arm mit zwei Löffeln und einem Verband. Ja, früher, da mussten Kinder nicht zum Arzt, selbst bei Knochenbrüchen nicht.
Als ich zu Hause ankomme und mein Vater über seinen Job als Hausmeister schimpft und den bösen Staat, der seinen Universitätsabschluss nicht anerkennt, da denke ich wieder an früher, wie es damals war. Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Eltern jemals auf den Staat geschimpft hatten.
Als ich meinen Vater an den Samstag erinnere, an dem ich ein geschmolzenes Snickers für meinen Bruder aufhob, wird er still. Er neigt den Kopf nach rechts und versinkt einen kurzen Augenblick in der Vergangenheit.
"Ja, da hast du Recht, Kind. Früher war nicht alles besser", sagt er und nimmt einen großen Bissen von seinem Steak.






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