Patrick_Bauer 09.01.2007, 11:19 Uhr 8 1
NEON täglich

Atomausstiegausstieg

Russland liefert kein Öl mehr, wir denken wieder an die Atomenergie. Geht’s noch?

Ich hätte nicht gedacht, dass ich Jürgen Trittin einmal vollends zustimmen würde. Heute Morgen war es soweit. „Mit Uran kann man keine Häuser und Fabriken beheizen und keine Autos betanken“, verkündete der ehemalige Umweltminister. Klingt nicht sonderlich überraschend, aber vielleicht muss man es doch noch mal betonen. Denn Trittin reagierte auf eine Aussage von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sich via ARD besorgt über den gestrigen Lieferstopp russischen Erdöls zeigte. Wegen eines Streits mit Weißrussland hat Moskau die Öl-Pipeline „Druschba“ geschlossen – die auch nach Deutschland führt.

Merkel also warnte vor Abhängigkeiten von Energielieferanten: „Deshalb muss man Energie sparen, deshalb muss man auf erneuerbare Energien setzen und deshalb muss man sich natürlich auch überlegen, was für Folgen hat es, wenn wir Kernkraftwerke abschalten.“ Aha. Schnell meldete sich auch die Vizevorsitzende der Union-Bundestagsfraktion Katherina Reiche: „Deutschland braucht einen ausgewogenen Energiemix, um seine Versorgung zu sichern. Dazu müssen wir den Anteil erneuerbarer Energien deutlich erhöhen. Die Kernkraft gehört ebenfalls dazu.“ Hört, hört.

Offenbar kommt die Ölblockade so manchem in Reihen von CDU/CSU gelegen, um den von der schwarz-roten Koalition vereinbarten Atomausstieg in Frage zu stellen. Ein fast schon vergessenes Thema, ein geklärtes. Wohl aber eines, das uns erst recht weiterhin beschäftigen wird, wenn Politiker, die den Atomausstieg mittragen wollten, ihn regelmäßig in aller Öffentlichkeit anzweifeln. Was denkt ihr? Sollte man gar wieder über die Kernenergie diskutieren? Muss man sich darüber reflexhaft empören? SPD-Fraktionsvize Ulrich Kelber sagt: „Wer die Lieferengpässe bei Öl heranzieht, um die Kernenergie zu propagieren, ist nicht in der Lage, das Thema Energieversorgung intellektuell zu erfassen.“ Es geht aber wohl nicht um intellektuelle Fragen, sondern um ideologische. Und Ideologie ist selten logisch – anders lässt sich Merkels Vorstoß nicht erklären. Oder?

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    Atomenergie braucht kein Mensch mehr, im Gegenteil!

    09.01.2007, 18:01 von scoop
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    Schade, dass es Romeo mir vorweggenommen hat, was einem sofort ins auge sticht, wenn man die Aussage vom Alterntiv-Freak Trittin liest, der mal wieder wortgewaltig-hülsenhaft zugeschlagen hat.

    Die populistischen Aussagen von Trittin sind hinlänglich bekannt. Noch etwas grün eben. Oder gewieft genug, auf die Dummheit anderer zu setzen? Ein bekannter Sprecher fürs einfache Volkesmaul. Klar beheizt man keine Häuser mit Kernenergie, fahren Autos nicht mit Atomstrom. Aber durch einen erhöhten Anteil an Kernenergie reduziert sich der Einspeisungseffekt von aus Gas und Öl gewonnenem Leitungs-Strom.

    Was wahrlich nicht heißt, dass ich für Atomenergie bin. Ich bin nur gegen zu kurz gedachter Argumentation. Auch in Leitartikeln.

    Der Argumentation mittels Zeitskala sei hinzuzufügen, dass Sonnenkollektoren in etwa 5 bis 8 Milliarden Jahren auch für'n Schrottplatz sind. Für den Weltraumschrottplatz. Fall sie so lange durchhalten. Die Kollektoren. Die Menschen? Die Meinungen!

    zz.

    09.01.2007, 14:54 von zzebra
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    80 Jahre Energie aus Kernkraft würde uns immerhin 80 Jahre mehr Zeit bringen funktionierende Alternativen zu schaffen... Und außerdem hab ich lieber ein Atomkraftwerk in Deutschland stehen, in dem nach deutschen Vorschriften gearbeitet wird, als eines direkt nebenan in Polen, von dem wir den Strom dann kaufen...
    Klar müssen wir stärker versuchen von solchen Energien wegzukommen, aber auch bis dahin hätte ich gerne Strom für meinen Kaffee
    liebe Grüße

    09.01.2007, 14:49 von Schaefchenfisch
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    @romeo: haha, klar daran hatte ich nicht gedacht.
    war mal wieder so kurzsichtig und habe meine eigene lebenserwartung herangezogen und nicht die halbwertzeit einer legislaturperiode

    09.01.2007, 14:36 von armando
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    Hallo Patrick,

    sehr richtig! Atomenergie rechnet sich volkswirtschaftlich nicht, die Endlagerfrage ist nicht geklärt, der Müll strahlt noch 10.000 Jahre, die Vorkommen reichen nur noch so 50-80 Jahre und mit einer Strategie aus Energiesparen, Energieffizienz und dem Umstieg auf Erneuerbare kann mensch schon heute problemlos die 13 AKWs in der Bundesrepublik abschalten. Wer das Gegenteil behauptet stellt sich gegen den Fortschritt und argumentiert absolut ideologisch.

    Das Bundesumweltminesterium (BMU) und selbst die Union kommen zu dem selben Schluss. Michael Müller, Staatsekretär im BMU, erläutert im Interview mit der taz den Stuss von der klimafreundlichen Atomenergie:

    "Michael Müller: Die Angst vor dem Atom-GAU mit der Angst vor der Klimakatastrophe auszutreiben - diese Strategie scheint nur auf den ersten Blick brillant: Die Atomwirtschaft hat überhaupt nicht die Macht, das Weltklima entscheidend zu stabilisieren. Schon die Klima-Enquetekommission des Bundestages kam einstimmig zu dem Ergebnis, dass die Kernkraft keinen Beitrag zur Lösung des Klimaproblems leisten kann. Und das, obwohl in dieser Kommission ausgewiesene Befürworter der nuklearen Stromerzeugung aus CDU/CSU, FDP und Wissenschaft angehörten.

    EnBW argumentiert, ein bestehendes AKW spare Kohlendioxid, wenn es länger läuft.

    Das Gegenteil ist der Fall. Nur ein schneller Umbau des Energiesystems kann das Klima noch retten. Wir brauchen so schnell es geht drei grüne Säulen, die unsere Energieversorgung tragen: Einsparen, Effizienzsteigerung und erneuerbare Energien. Quasi das Gegenteil der Atomenergie: Die ist eine höchst ineffiziente Form der Energiebereitstellung, weil sie über einen Wirkungsgrad von rund 30 Prozent nicht hinauskommt. Atomkraftwerke rechnen sich nur, wenn viel Energie verkauft wird. Klimaschutz verlangt aber das Gegenteil: hohe Wirkungsgrade und geringen Verbrauch.

    Kritiker werfen der SPD eine konfuse Klima- und Energiepolitik vor: Mehr Klimaschutz, weniger Atomstrom, niedrigere Strompreise - das alles zusammen kann nicht funktionieren.

    Doch. Zuletzt hat das Wirtschaftsministerium aufgezeigt, dass fast 60 Prozent des Stroms wirtschaftlich in Kraft-Wärme-Kopplung produziert werden könnten. Dadurch allein könnte Strom in der Menge von mehr als 30 Atomkraftwerken eingespart werden, wenn es zu einem Ausbau des Fernwärmenetzes kommt. In Deutschland sind noch 17 Atomkraftwerke in Betrieb. Das Ministerium wird übrigens von einer Partei angeführt, die die Energiepolitik der SPD kritisiert." (Quelle: http://www.taz.de/pt/2006/12/29/a0113.1/text)

    Besonders zynisch: Nach dem Vorfall in Forsmark und dem Beinahe-GAU, fordert RWE eine Verlängerung für das alte marode AKW Biblis. Im Moment ist Biblis allerdings abgeschaltet, bis zu 15.000 Dübel sind falsch montiert worden. Es bestehen erhebliche Sicherheitsbedenken. So viel zur Mär von "deutschen sicheren Atomkraftwerken".
    Sehr bitter, sehr zynisch wie die Atomwirtschaft aus Profitgründen mit Menschenleben spielt.


    09.01.2007, 13:51 von Eskaja
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      @Eskaja Daß Kernkraft nicht der Weisheit letzter Schluß ist geht auch daraus hervor, daß die Kraftwerke gar nicht versichert sind: Die Bundesländer haben die Haftung übernommen. Wenn Kraftwerke wirklich so sicher und so wirtschaftlich wären, dann müßte das auch nicht passieren.

      Ich glaube auch, daß durch Einsaprungen bzw. Effizienzsteigerungen am meisten bewirkt werden kann, aber langfristig ändert das auch ncihts daran, daß die fossilen Brennstoffe ausgehen und die erneuerbaren Energien starken Schwankungen unterliegen. Letztere können also nur Teil einer Lösung sein.

      Wobei ich der Wirtschaft nicht den schwarzen Peter zuschieben würde. Sowohl Hersteller von Windrädern wie auch KKW-Betreiber wollen Profite erzielen. Sie werden daher gerne Fakten so hindrehen, wie es ihnen paßt. Es ist nicht ihre "Aufgabe", einen gesellschaftlichen Konsens zu finden. Das ist Aufgabe der Politik. Wenn die Damen und Herren sich natürlich gerne kaufen lassen, dann werden sie ihrer Aufgabe nicht gerecht.

      Das schönste "Zynismusbeispiel" ist in meinen Augen Björn Engholm.

      09.01.2007, 14:14 von Romeo_Flausch79
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    Trittins Aussage ist richtig, aber auch herzlich irrelevant. dafür aber ideologisch und unlogisch. Natürlich werden keine Häuser mit Kernenergie beheizt (Fernwärme ist ja out *g*) oder Autos betrieben. Aber auch mit Sonne und Wind wird kein einziges auto angetrieben und kein einziges Haus warm über den Winter gebracht. Aber jedes Kernkraftwerk (und jedes Windrad/jede Sonnenplatte) reduziert den Öl/Gasverbrauch. Diese Öl/Gas kann dann in Autos und Heizungen gesteckt werden. Das sollte auch ein Ex-Minister, der nicht mehr in der Materie steckt, sich zusammenreimen können.

    Hier in Mainz gibt es eine schöne Scharade zu dem Thema: "Nein zum neuen Kohlekraftwerk"

    Ich fasse zusammen: Von Gas und Öl abhängig, Kernenergie wollen wir nicht, Kohle wollen wir nicht, Wasser ist bereits ausgereizt und Sonne/Wind reichen nicht , von der Grundlast ganz zu schweigen. Was empfiehlt der Herr Ex-Minister dann?

    Außerdem hat trittin das Thema verpaßt: Es geht um weniger Abhängigkeit von der gas/Ölversorgung. Und da sind Kernkraftwerke und erneuerbare Energien tatsächlich ein Lösungsansatz. Daß ersteres den Grünen nicht paßt, leuchtet ein.

    (Mal abgesehen davon daß ich diesen Winter an bisher zwei Tage lang geheizt habe, ein "Hoch" auf die warmen Winter der Zukunft!)

    @armando

    80 Jahre sind 20 Legislaturperioden. Das reicht 10mal, um sich Pensionsansprüche zu sichern und nachher Memoiren zu schreiben. Das ist eine ganz sichere Karte.

    09.01.2007, 13:24 von Romeo_Flausch79
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    Das ewige herunterbeten von falschen "Wahrheiten" macht diese auch nicht besser.
    Wie lange ist bei Kernenergie die Versorgung gesichtert ? Genau, 80 Jahre, nicht gerade die sicherste Karte, auf die hier gesetzt wird.

    09.01.2007, 13:08 von armando
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      @armando ...und 80 Jahre sind eine sehr optimistische Schätzung. Der Informationskreis Kernenergie geht beispielsweise nur noch von 50 Jahren aus: http://www.kernenergie.net/informationskreis/de/wissen/versorgung.php?navid=30

      09.01.2007, 16:19 von nilsmania
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