hib 12.04.2017, 10:27 Uhr 6 12

22:58

Johnny suchte nach einer Lösung. Eine, die morgen in der Zeitung stehen sollte.

Judith Rakers strahlte wie immer seriös in die Kamera. Johnny stellte sich manchmal vor, wie die Rakers ihm Kurznachrichten vorlas. Ihre eigenen, an ihn. In ihrem beigefarbenen Kostüm aus der Hauptausgabe. Aber es half heute nichts. Gegen 20:09 verlor Johnny während der Tagesschau die Fassung. Irgendwo zwischen Giftgasangriff, Gletscherschmelzen und G7 verabschiedete sich seine Geduld mit der Welt. Und die Rakers guckte dazu betroffen.

Er stellte den Fernseher leise. Die Bilder liefen stumm weiter. So ganz ohne Ton wirkten die Politiker vor der Kamera wie ertrinkende Fische. Die Bilder einer zerbombten Stadt schrien dagegen weiter. Als das Wetter kam, wühlte Johnny schon in seinen Sachen und suchte nach einer Lösung. Nicht für die Probleme der Welt. Sondern eine für heute Abend. Eine die morgen in der Zeitung stehen sollte. Den Brennpunkt Syrien schaute er nicht mehr. Der Brennpunkt war jetzt in ihm.

Er entschied sich für ein großes Banner. Direkt am Kotti würde er es aufhängen. Alle würden es sehen. Die Betrunkenen. Die Touristen. Die Veganer. Die Dealer. Die Taxifahrer. Alle die, die gerade so mit ihrem Leben beschäftigt waren, dass sie sich eine Welt dahinter gar nicht mehr vorstellen konnten. Johnny war völlig klar, dass er sich lächerlich machen würde. Die Amphetamine würden nicht aufhören zu wirken, das Bier würde weiter fließen, kein Applaus würde von der Straße kommen. Aber das war ihm egal. In ihm war etwas geplatzt. Vielleicht eine Blase, in der er gesessen hatte. Vielleicht die Arterie zum Herzen. Er konnte heute einfach nicht so weiter machen, wie bisher. Er wollte nicht ausschalten und dann abschalten. Das rote Rauschen der Welt. Er bekam es nicht mehr weg.

Zwei Bettlaken kamen in Frage. Zwei alte, weiße, glatte Erbstücke von seiner Großtante. Ganz unten im Schrank hatten sie gelegen und auf heute Abend gewartet. Mit einem Tacker knackte er die Laken an den Rändern zusammen. In seiner Stiftkiste fand er zwei große Marker. Einen roten und einen schwarzen. Ein paar Minuten dauerte es, bis er wusste, was er schreiben musste. Mit langen geraden Strichen formulierte er seine Botschaft in die weiße Baumwolle. Dabei stellte er sich vor, wie der Tagesspiegel morgen mit seinem Werk aufmachen würde. „Endlich sagt es einer“. Das war die Überschrift, die er zu dem Bild schreiben würde, wenn er der zuständige Redakteur wäre. Aber er war nur ein hilfloser Tagesstrich an der Knastwand der Geschichte, der ein Bettlaken aus dem letzten Krieg vollschmierte.

Gegen 21:32 war er fertig. Er stopfte das Banner in eine große blaue Plastiktüte. Zog sich einen schwarzen Pullover und dunkle Jeans an. Dazu steckte er sich noch eine Hand voll Wäscheklammern zur Befestigung des Banners in die Jackentasche. Als er nach draußen auf die Straße trat, war alles ruhig. In den Fenstern tanzte der blaue Schein der Ablenkung an den Zimmerdecken. Ein paar Kids tranken Bier auf dem Tresen des geschlossenen Kiosks. Nur in Johnny, da gingen sie gerade alle auf die Straße. Die Verzweiflung, die Hilflosigkeit, die Wut, der Anstand. Alle liefen sie nebeneinander und riefen: Wir haben die Schnauze voll. Johnny musste an die Gesichter der Menschen aus den Nachrichten denken. Die weinenden Kinder. Noch gestern waren sie nicht zu ihm durchgekommen. Sie waren abstrakte Figuren in einem großen Theater gewesen, das jeden Tag vor seinen Augen ablief. Aber jetzt waren sie von der Bühne vor seine Füße gefallen. Ihre Gliedmaßen zuckten und ihre Augen waren verdreht. Und auch wenn er genau wusste, dass das hier und heute keinem helfen würde. So war es doch höchste Zeit dafür, loszugehen.

In der Tram zum Alexanderplatz war es ruhig. Die meisten Menschen fuhren an einem Dienstag Abend gegen dreiviertel Zehn in die andere Richtung. Nach Hause. In Sicherheit. Johnny stellte die blaue Tüte auf den leeren Sitz neben sich und schaute aus dem Fenster. Frieden war eine wirklich beschissene Illusion. Brüchig, wie der Putz in seinem Treppenhaus. Der verschönerte nichts mehr. Der hielt den Laden einfach nur noch zusammen. Ein blauer Himmel, beleuchtete Fenster, leere Bierflaschen unter dem Sitz oder das Plingling aus den Smartphones wirkten so, als hätten sie was damit zu tun. Aber nichts davon war echt. Sie waren nur Fassade. Der Krieg hatte sich hier längst einen anderen Weg gesucht. Hinten rum. Mitten rein.

Am Friedrichshain feierte ein Späti Eröffnung mit bunten Ballons. Die Speisekarte leuchtete, ein paar Jungs hingen vor ihren AMGs auf dem Fahrradstreifen herum. Johnny kamen kurz Zweifel. Er überlegte, was das alles mit ihm zu tun hatte. Sein Leben war okay. Seine Probleme auch was wert. Woher sollte man genau wissen, was stimmte? Wem glauben in einer Welt, in der Meinungen Fakten ausstachen? Aber dann fiel ihm wieder der keuchende Mann in der Pfütze ein. Die Augen verdreht. Der Brustkorb ein verkrampftes Nadelöhr der Gerechtigkeit. Nein, es war ihm scheiß egal, wer dafür verantwortlich war. Das musste aufhören. Das Keuchen aus der verseuchten Lunge war kein Argument. Es war Krieg gegen das Menschsein. Als er am Alex ausstieg rutschte ihm seine Tüte von den Fingern. Ein paar Sicherheitsleute der BVG musterten ihn für einen Augenblick. Rauchten dann aber in Ruhe weiter. Als Johnny an ihnen vorbei ging blickte er sich noch einmal nach ihnen um. Auf ihren gelben Westen stand in großen schwarzen Buchstaben: „Sicherheit“.

In der U8 war es voller. Johnny musste sich mit einer Traube Menschen  einen Quadratmeter Platz und Luft teilen. Eine Frau regte sich laut darüber auf, dass ihr ein Mann auf dem Fuß stand. Ein Typ wollte Jannowitzbrücke aussteigen und motzte sich durch die Rucksäcke und Ellenbogen nach draußen. Neben Johnny telefonierte ein Mädchen mit ihrem Freund. Sie machte ihm Vorwürfe, weil er ihr zum Essen heute Abend abgesagt hatte. Für einen Augenblick kam ihm die Idee, alle hier zu einer spontanen Demo aufzufordern. Mit ihm auf dem Olfe Haus. Mit seinem Banner. Morgen wären alle im Tagesspiegel. Andere Leute würden sich ein Beispiel nehmen. Es würde mehr solcher Aktionen geben. Auch in anderen Ländern würden sie bekannt werden. Die Leute würden aufstehen. Nicht gegen links, rechts, oben oder unten. Nicht gegeneinander. Sondern gegen den Krieg. Und die Leute die anderen sagten, dass er notwendig sei. Dann kam Johnnys Station. Kottbusser Tor. Beim Aussteigen erwischte ihn ein Typ mit dem Ellenbogen zwischen den Rippen. Für einen Augenblick bekam Johnny keine Luft mehr.

Das Kotti war wie immer um diese Uhrzeit gleichzeitig leer und voll. Alles war in Bewegung, die Parallelwelten schoben sich lässig übereinander. Da ein paar Gangkids, dort in der Mitte die neue Spezialeinheit mit den Händen in den Hüften. Die Dealer vorübergehend verschwunden im Görlitzer Park. Dazwischen Touristen mit Frisuren, hupende Taxis, dampfende Halloumis in den Händen. In den Kneipen lachende Gesichter hinter Bierglas. Johnny blieb kurz stehen und lies das Universum an sich vorbei drehen. Kein Wunder, dass niemand etwas unternahm. Das hier allein war eine Welt, die keiner mehr anhalten konnte. Nervös checkte er die Lage am Olfehaus. Die Polizei patrouillierte gerade am türkischen Imbiss vorbei. Direkt dahinter, in einem kleinen Nebengang, war eine Tür, die auf eine Feuertreppe in ein Not-Treppenhaus führte. Das wusste er auch nur, weil er mal nach einem Olfebesuch gesehen hatte, wie sich ein paar Kids vor den Bullen darin versteckt hatten. Er wartete noch einen Moment, bis die Streife vorbei war. Dann ging er über die Straße. Das Blut aus seinen Fingerknöcheln floss direkt in seine Füße.

Die schwere Metalltür fiel hinter ihm krachend in Schloss. Das Treppenhaus war dunkel und roch nach Pisse. Mit klopfendem Herz stand Johnny für einen Moment ganz ruhig und lauschte in den Schatten. Nichts. Er fingerte sein Telefon aus der Hose und machte die Taschenlampe an. Müll auf dem Boden, ein paar Spritzen in der Ecke, eine fleckige Matratze an der Wand. Alles normal. Johnnys Tüte knisterte, als er die Stufen hochstieg. Er musste in den zwölften Stock. Da war eine Tür zu einem Zwischendach. Daran wollte er sein Banner hängen. Staub wirbelte durch den Lichtkegel seiner Lampe. Der Müll wurde weniger, ab dem fünften Stock hörte er völlig auf. Hier oben roch es auch nicht mehr nach Verzweiflung. Sondern nach einem Raum, in dem lange niemand gewesen war. Und in dem kein Fenster offen stand. So wie sein Herz gerochen hatte, bis 20:09.

Im elften Stock fiel Johnny auf, dass er keine Ahnung hatte, ob die Tür im zwölften überhaupt offen war. Wieder kamen ihm Zweifel an seiner Aktion. Wahrscheinlich würde sein Banner niemandem auffallen. Die Tagesspiegel Reporter waren eh längst alle im Bett oder chillten am Agenturticker mit Rotwein. Er würde morgen todmüde sein und sich lächerlich vorkommen. Der Lichtkegel seines Telefons fiel auf seine blaue Tüte. Mickrig sah sie aus. Mickrig wie er selbst. Johnny drehte sich auf dem Treppenabsatz um. Er ging ein paar Stufen in Richtung zehnter Stock. Er hörte sich durch die Nase atmen. Angestrengt, aber doch ganz ruhig. Die Popel morgen dürfte er auf keinen Fall essen, schoss es ihm durch den Kopf. Und dann war da wieder der Mann in der Pfütze. Es war absurd, aber er war es ihm schuldig, dass er das Laken hinhängte. Er war es sich vor allem selbst schuldig. Und außerdem war er schon im elften Stock. Die Heimfahrt mit dem vollen blauen Beutel wäre eine große Niederlage geworden.

Die Tür ging viel zu einfach auf. So einfach, dass die Klinke ihm aus der Hand rutschte und das Metallbrett mit einem lauten Knall hinten gegen die Wand flog. Johnny blieb kurz stehen, dann trat er auf den Servicebalkon. Die Luft war kalt, der Wind wehte ihm die Strähnen in die Stirn. Berlin sah schön aus von hier oben. Die Lichter. Die Geräusche. Alles auf Abstand. Keine Details. Er stieg über die Brüstung auf das schmale Vordach. Seine Knie waren weich und zitterten ein wenig. Er sah sich schon vor Angst vom Dach fallen, bevor er das Laken aufgehängt hatte. Johnny kniete sich hin. Das Vordach war mit spitzen Kieselsteinen belegt, die durch die Hose in seine Knie piekten. Mit spitzen Fingern zog er das Laken aus der Tüte und bereitete es aus. Dann nahm er ein paar Klammern und hängte sie an die Unterseite des Lakens. Als Gewichte, damit der Wind nicht alles umdrehte. Dann begann er, die Oberseite des Lakens am Blitzableiter mit den restlichen Klammern festzumachen. Ein paar Zentimeter Fläche würde er an die Oberseite des Vordaches verlieren. Aber so wie es aussah, würde man seine Botschaft trotzdem lesen können. Dann war er fertig. Mit zittrigen Händen ließ er das Banner über die Kante rollen. Es hielt. Seine Botschaft war nun in der Welt. Und der Wind bewegte sie in sanften Wellen durch die Luft.  

Johnny rutschte zurück und setzte sich auf die Kiesel. Er zündete sich eine Zigarette an. War er schon am Ziel? Es fühlte sich nicht so an. Gespannt lauschte er, ob er Geschrei unten hörte. Oder Polizeisirenen. Oder Stimmen im Treppenhaus hinter ihm, die hektisch nach ihm riefen. Aber nichts passierte. Alles blieb ruhig. Er dachte an den Mann in der Pfütze. Dass das alles ihm hier nichts mehr half. Dass er nichts bewirkte. Aber er fühlte sich irgendwie befreit. Befreit vom Zuschauen. Er hörte das Blut in seinen Ohren rauschen. Es war lauter als die Welt.

Als er fertig mit Rauchen war, robbte er sich vorsichtig an den Rand. Etwa zwanzig Meter unter ihm stand eine Gruppe Pubcrawler mit ihrem Führer. Sie schauten zu ihm nach oben und johlten. Einige machten Fotos mit ihren Telefonen. Ihre weißen Blitzlichter irrten wie kranke Glühwürmer durch die Nacht. Für einen Moment war er sich nicht sicher, ob sie ihn und sein Banner meinten. Er wollte es herausfinden. Er beugte sich soweit vor, wie er konnte und winkte. Die Gruppe winkte fröhlich zurück. Dann begannen sie, ein Lied zu singen. Johnny erkannte es erst nicht. Dann aber trug der Wind ein paar Fetzen zum ihm hinauf: „98 bottles of beer on the wall, 98 bottles of beer. Take one down and pass it around, 97 bottles of beer on the wall.“ Ein paar andere Kids stellten sich dazu und stimmten einen Sprechchor an. „Jump, jump, jump“ riefen sie und winkten fröhlich.

Es war 22:58 als Johnny das zweite Mal an diesem Abend die Fassung verlor. Vor seinen Augen senkte sich ein roter Vorhang. Das Rauschen der Welt erstickte unter dem ohrenbetäubenden Lärm in seinem Kopf. Er stand auf. Ging ein paar Schritte nach hinten, holte tief Luft. Dann rannte er los, direkt auf die Kante zu. Und sprang. Er flog in einer schönen, flacher werdenden Kurve durch die Luft, ruderte mit den Armen, wie er es in den Filmen gesehen hatte. Die kranken Glühwürmchen kamen näher, ein paar von ihnen begannen wild durcheinander zu fliegen. Kurz bevor er mitten in der Gruppe aufschlug, dachte er an die Rakers und ob sie über ihn berichten würde. Und wie sie seinen Namen wohl aussprechen würde.

Aber die Rakers berichtete nicht. Auf der Website des Tagesspiegel stand am nächsten Tag in der Rubrik „Berlin“ lediglich, dass sich am Kottbusser Tor gegen 23 Uhr ein Selbstmörder in eine Gruppe Touristen aus Bristol gestürzt und eine junge Frau dabei schwer verletzt habe. Die Ermittlungen dauerten an.

Von einem Banner schrieben sie nichts.  


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6 Antworten

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    Ich weiß auch nicht ^^....

    14.04.2017, 15:14 von Gluecksaktivistin
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    gern gelesen und gern gehört.

    14.04.2017, 13:10 von Buttercup12
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    Was der Berg sagt.

    13.04.2017, 08:36 von Agmokti
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    Lesenswert. Ein trauriger Text, umfassend mit ausreichend Details versehen und trotzdem leicht und flüssig. Gern gelesen. 

    12.04.2017, 11:58 von Bergfenster
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    ein wirklich empfehlenswerter text.

    gerne gelesen!

    12.04.2017, 11:40 von jetsam
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    Traurig.

    12.04.2017, 10:43 von Fin_Fang_Foom
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