22:41
Markus hat vorhin den TV-Dreikampf gesehen, mit Westerwelle und Künast und Gysi.
Danach das Heute-Journal aus dem schicken neuen Studio. Obwohl es so neu nicht mehr ist. Der Flatscreen steht in der modischen Schrankwand, eingerahmt von Pokalen seiner Fussballmannschaft. Kreisliga, 1. Mannschaft. "To train the pain" sagt Alex oft. Alex war mal ein Jahr in Amerika, jetzt trainiert er wieder mit den Jungs, Montags bis Donnerstags, Samstags die Spiele.
Normalerweise liegt Anja neben ihm. Heute arbeitet sie. Die braune Couchgarnitur ist bequem und groß. 899€ in Raten. Wie der Flatscreen, Otto machts möglich.
Jeder hat seinen Platz, jeder hat seinen Schatz. Anja hat ihre Kuscheltiere auf der Couch platziert. Die sind einfach zu süß und es fällt einfach zu schwer, sie wegzuschmeißen. Kompromiss: dafür stehen Alex' Pokale in der Schrankwand. Wenn sie das erzählen, lachen sie und sagen, sie kamen sich beim Zusammenziehen vor wie Protagonisten in RTLs „Unsere erste Wohnung“.
Markus geht in die Küche, die wie ein Schlauch geschnitten ist, holt sich ein Bier der Marke Waldhaus aus dem Kühlschrank und geht zurück ins Wohnzimmer. Er wartet auf Prison Break.
Als Anja um 19:41 in ihren Renault Clio stieg, um die acht Kilometer ins Krankenhaus zu fahren, schaute sie wie jedes Mal in den Rückspiegel. Ein kleines Stoffpferd baumelt darunter. Markus stand nicht auf dem Balkon um ihr hinterher zu sehen. Warum auch.
Alex liegt gerade auf Susan. "Luck is to fuck" hat er Markus mal unter der Dusche nach einem Spiel gesagt.
Susan, englisch ausgesprochen, hat er in der Disko Alpenmax kennengelernt.
Sie kam heute abend zu ihm und sie tranken Prosecco. Sie erzählte von ihrem Bürojob bei einem mittelständischen Unternehmen, welches Druckvorstufen herstellt.
Er erzählte von seinem Bürojob bei einem mittelständischen Unternehmen, welches Druckventile herstellt. Weltmarktführer aus der Provinz – er wird nie müde das zu betonen.
Sein Wohnzimmer gleicht dem von 27 Millionen Deutschen. Es steht in der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt als Wohnzimmer des Durchschnittsdeutschen.
Im CD-Ständer, der die Silhouette eines Wolkenkratzers hat, steht Kuschelrock neben Rammstein neben U2. Gerade schmalzt Art Garfunkel sein „Bright Eyes“.
Nachdem sie begannen, sich umständlich zu küssen (Nasenproblematik) und unbedarften Grapschereien stöhnt Susan nun und Alex kommt.
Anja mag ihre Nachtschichten im Krankenhaus. Und sie mag Doktor Schiessle. Der ist groß und geheimnisvoll und spielt kein Fussball. Er schaut meist traurig, was vielleicht an der Scheidung liegt. Er muss seine Frau sehr geliebt haben, erzählt Anja ihren Kolleginnen beim Mittagessen immer mit einem Seufzer. Sie schminkt sich dezent für ihn.
Sie dreht eine Runde, und blickt aus dem Fenster eines Patientenzimmers auf die kleine Stadt, die unter ihr liegt. Markus wird gleich Prison Break anschauen, und dabei vielleicht einschlafen.
Alex wird Susan bitten, die Nacht über zu bleiben. Susan wird ablehnen – eigentlich mag sie keine Fussballer, eigentlich vermisst sie ihren Ex-Mann. Der ist groß und geheimnisvoll und spielt keinen Fussball.
Doktor Schiessle sitzt in seinem tristen Büro und schaut Bilder einer besseren Zeit an. Mit seiner Frau, ihm und den Kindern.
23:11, ein Donnerstagabend.






Kommentare
wieso? wenn ich den text geschrieben hätte - der wirklich grossartig ist - dann hätte ich den auch empfohlen..gesunde arroganz, herr d.
26.09.2009, 14:27 von Minimalistinis mir auch scho passiert. mach dir nix draus...
21.09.2009, 22:36 von marco_frohbergerda verklickt man sich einmal und hat schon seinen eigenen text empfohlen. wie peinlich.
21.09.2009, 19:13 von nachtfahrtArrgh! Mein druckreif gewordener Albtraum einer Beziehung. Wunderbar beschrieben.
21.09.2009, 13:01 von SerengetiBob