Mr_Magpie 25.10.2014, 20:23 Uhr 3 4

Zum Mitnehmen bitte

Balkongedanken in Zigarettenlänge. Einfach so aufgeschrieben. Vor etwa zwei Jahren. Sicher keine Kunst, aber zumindest nix mit Liebe.

Der Rauchring zerschellt an einer Packung Spaghetti, die hier wohl schon seit einem knappen Monat unangetastet herumliegen muss.

Eine Lampe taucht das Chaos in wohlig warmes Licht und man könnte fast vergessen, dass sich zwischen den leeren Bierflaschen auf dem Tisch und eigentlich auch allen anderen horizontalen Flächen, den Tabakkrümeln auf dem Boden und den Umzugskartons angebrochenes, ungeordnetes Leben befindet.

Da sitzt er also. Inmitten der Wohnung, die noch von Provisorien und Zufällen regiert wird. Eine Schublade eines ganz normalen Menschenregals der Stadt.

Über den in die Jahre gekommenen Röhrenfernseher flackert gerade "Into The Wild" und er fragt sich, ob er nicht auch einfach verschwinden sollte.

Andererseits: wieso sollte er? Er hatte sich das alles schließlich völlig frei gewählt.
Und es hat ja auch was. Die große Stadt. Alles Relevante in Laufreichweite. Öffentliche Verkehrsmittel, die einen zu beinahe jeder beliebigen Uhrzeit von so ziemlich egal wo nach Hause bringen.
Während er sich auf dem Balkon eine weitere Zigarette gönnt, zappeln unten Fremde zum Bäcker, zu ihrem Auto, zur Arbeit oder sonstwohin.
Gehetzt sehen sie aus. Manchmal.
Manchmal hat er eher das Gefühl, sie würden es genießen. Dann gehen sie zielstrebig, aber gemütlich. Geradezu würdevoll.
Manche sind einfach da. Und dann nicht mehr.
Andere fallen ihm auf. Beispielsweise, weil sie eine interessante Mütze haben. Eine tolle Frisur. Weil sie hübsch sind. Weil sie lächeln.
Vielleicht, weil sie glücklich aussehen oder sonstwie aus der Reihe tanzen.

Ob er nicht auch einfach verschwinden sollte?
Er könnte doch gar nicht. Da war sein Job. Er könnte doch Kunden und Kollegen nicht einfach hängen lassen.
Auch das soziale Umfeld wäre weg vom Fenster. Scheiß der Hund auf Skype.
Wer weiß, ob die Leute in ... sonstwo ... auch so toll sind.

Nein, sowas ist nur etwas für Leute, die eh nichts zu verlieren haben. Zum Beispiel, weil sie schon alles verloren haben. Oder in einer Situation gelandet sind, in der man ruhig mal alle Brücken abbrechen kann.
Wie sollte er seine Krankenkasse bezahlen? Wo sollte er den ganzen Mist aus seiner Wohnung unterstellen, bis er wieder zurückkommt?
Nein, einfach verschwinden ist wirklich nicht mehr zeitgemäß.
Wer weiß, ob es in ... sonstwo ... überhaupt Internet gibt. Oder Strom. Nicht auszudenken.

Eines Tages - da ist er ganz sicher - würde er all diesen hausgemachten und immer wieder lauwarm aufgeköchelten Menschenwahnsinn hinter sich lassen und anfangen, wirklich zu leben. Nicht nur zu existieren, zu funktionieren und zu lamentieren.
Nicht mehr jeden Morgen aufstehen, um sich am alltäglichen Irrsinn zu beteiligen. Sich zu beteiligen - mit dem einzigen Zweck, sich weiterhin beteiligen zu können.
Nein, eines Tages würde er wirklich richtig leben. Tun, was er für richtig und sinnvoll hält, statt seine Zeit in mundgerechten Häppchen dem Wahnsinn zu füttern. Immerhin gegen Geld.
Einmal McWahnsinn zum Mitnehmen bitte. Ja, mit Pommes. Und Mayo. Dazu ne Cola. Danke.
Bis man selbst Wahnsinn schiss und Misanthropie kotzte.

Bis dahin würde er sich die Absurditäten des Alltags anders vom Leib halten müssen.
Er sieht aus dem Fenster auf das Regal gegenüber. Die Bewohnerin eines der Fächer war wohl gerade aus der Dusche gekommen und er kann für einen kurzen Moment ihre Titten wackeln sehen. Bringt zwar nicht viel, aber ist doch schon mal ein Anfang.

Er grinst kurz, erinnert sich und guckt runter auf die Straße.
Alles beim Alten.

Einfach leben, denkt er sich. Eines Tages.
Alles ganz anders angehen, ehe es zu spät wäre.

Aber bis dahin ...


Tags: Alltag, Tagträume, Eskapismus, Beobachtungen
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Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 1

      Danke. So formuliert hast Du wahrscheinlich nicht ganz Unrecht.
      Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass mir klar ist, dass das hier sicher kein literarisch wertvolles Schriftstück ist. Aus irgendwelchen seltsamen und seltenen Gründen war es mir in dem Moment trotzdem ein Bedürfnis, es zu teilen.

      27.10.2014, 13:32 von Mr_Magpie
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers

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