MaasJan 03.12.2012, 20:42 Uhr 13 14

Zug drauf.

Immer häufiger hatte Jasper das unbestimmte Gefühl..


 

Immer häufiger hatte Jasper das unbestimmte Gefühl, nicht der Einzige zu sein, der die Kontrolle über sein Leben hatte. Oder auch verlor, das war abhängig vom Blickwinkel. Er stand unter der Dusche und ließ das fast unangenehm heiße Wasser auf seinen Kopf pladdern. Wohlige Wärme breitete sich von seinem Scheitel beginnend den Körper hinab aus. Jasper schloss die Augen und genoss den Moment sichtlich. Sichtlich zu früh, denn mit einem Mal schmiegte sich etwas Kaltes an seinen Körper und umklammerte ihn mit eisigem Griff.

Er riss seine Augen auf und starrte mit Grauen auf den Duschvorhang, der sich, unterstützt von einem kalten Hauch bedrohlich in seine Privatsphäre gedrängt hatte.

Nicht auszudenken, was geschehen würde, berührte der eisige Kunststoff sein bestes Stück. Jasper hatte berechtige Angst, dass sein Penis sich kurzerhand invertieren und wie eine verschreckte Schnecke in ihr Haus, respektive seinen Körper zurückziehen könnte. Was sollte er dann bloß anstellen?

Mit einer, ob des rutschigen Untergrunds etwas seifigen Drehung wendete er das Schlimmste ab und der Vorhang klebte großflächig an seinem Rücken. Es konnte eigentlich gar nicht sein, dass der Duschvorhang ein Eigenleben entwickelte. Jasper hatte vorsorglich alle Fenster sorgfältig geschlossen und auch die Badezimmertür gewissenhaft ins Schloss fallen lassen.

Nichtsdestotrotz war es nun zu diesem Zwischenfall gekommen. Jasper wusste genau, wer hinter diesem Anschlag auf sein leiblichstes Wohl steckte.

Er hatte schon seit geraumer Zeit seinen Nachbar im Visier, insbesondere, seit dieser einen kleinen Zettel mit wenig kryptischen Notizen im Hausflur liegen ließ.

„Wischen.“

Was sich zunächst wie eine simple Erinnerung an leidige Pflichten las, ließ sich unschwer als Anschlag deuten.

Der nasse Boden am nächsten Tag hätte ihn jedenfalls um ein Haar an den Rand einer Platzwunde am Kopf gebracht, nur das Geländer verhinderte Schlimmeres.

Aber seit diesem Tag hatte Jasper ihn im Auge und er ganz offensichtlich auch Jasper. Warum sonst kritzelte der Greis, jedes Mal wenn er Jasper erblickte eifrig mit gichtigen Fingern in seinem Notizbuch herum?

Es konnte nichts Gutes sein, da war er sich sicher. Unheil folgte meist prompt und stehenden Fußes hatte ihn eine volle Wasserflasche den Mittelfuß lädiert. Oder der Backofen mit einem Knall und etwas effektvollem Rauch den Dienst quittiert. Es gab unzählige Beispiele.

Und jetzt das mit dem Vorhang. Jasper war geneigt, Sturm klingelnd seinen Nachbarn zur Rede zu stellen. Er stand schon im Hausflur, mit ungetrockneten Haaren und presste seinen Daumen auf den Knopf, dass der Nagel vor lauter Blutdruck abzuplatzen drohte.

Es blieb still. Er klopfte. Nichts.

Wutentbrannt stapfte er zurück in seine Wohnung und kleidete sich vollständig an. Ritualisiert wollte er sich für einen Einkaufsgang vorbereiten. Erst die Mütze, dann der Schal, dann der Parka. Alles andere brachte Unglück. Das schien auch sein Nachbar bemerkt zu haben, denn der Schal war unauffindbar. Ohne Schal kein Parka und so machte Jasper sich nur mit einer Mütze bekleidet auf den Weg in die Stadt.

 

Es war bitterkalt und der feine Nieselregen, der sich sonst wie ein engmaschiges Netz auf sein Gesicht legte, war ein Graupel der spitzesten Sorte und gab ihm mehr das Gefühl, jemand bewürfe ihn gezielt mit Nadelstichen. Jasper kannte den Weg wie seine Westentasche und vergeudete wenig Aufmerksamkeit auf den Untergrund.

Viel lieber blickte er in fremde Wohnzimmer und Küchen, die jetzt, bei einbrechender Dunkelheit einladend erleuchtet waren. Seine Blicke jedenfalls folgten der Einladung nur zu gerne. Vorfreude machte sich breit. Bald würden die ersten Weihnachtsbäume alles noch etwas besinnlicher und urplötzlich vollführte er eine Pirouette.

Wäre Jasper auf so etwas gefasst gewesen, er hätte den Sturz sicherlich vermieden. So aber fand er sich schon auf dem Hosenboden wieder, eher er überhaupt wusste, wie ihm geschah.

Er rappelte sich auf, widmete der gefrorenen Pfütze einen abschätzigen Blick und ließ seine Gedanken schon wieder schweifen. Wobei schweifen sicherlich das falsche Wort war, eher fokussierte er sich auf seinen Nachbarn.

Was fiel diesem impertinenten Menschen eigentlich ein? Dass eine unsichtbare Hand die Märkte regulierte, damit konnte er sich gerade noch abfinden. Aber sein Leben? Das wollte er nicht in der gichterstarrten Hand eines alten Mannes wissen.

Wohlmöglich bestimmte auch noch ein billiger Kugelschreiber letztendlich sein Schicksal? Nicht mit ihm.

Jasper war puterrot im Gesicht angelaufen, verwarf seine Einkaufspläne und schickte sich an, den Puppenspieler zur Rede zu stellen.

„Nicht so hastig“, hallte es ihm durch den Kopf.

Jasper machte einen verdutzten Gesichtsausdruck, das waren nicht seine Gedanken gewesen, definitiv nicht. Ein Grund mehr, schnell das Weite zu suchen.

Alles in ihm strebte heimwärts. Alles, bis auf seine Füße.

Die waren mit dem Boden verbacken, so schien es. Festgewurzelt konnte man meinen. Panik ergriff ihn. Umgehend schlüpfte er aus seinen Schuhen und rannte los.

Die Kälte kroch in seine Zehen, ließ mit jedem Schritt etwas weniger Blut zirkulieren. Zu Hause angekommen japste er nach Luft. Ohne großartiges Gefühl in den Füßen schleppte er sich die Treppen hinauf.

Die Tür zur Wohnung nebenan war einen Spalt breit offen. Vorsichtig trat Jasper durch die Tür.

Sein zaghaftes „Hallo?!“ hallte in den Räumen ein wenig nach. Die Wohnung war leer, jeder Winkel sichtbar. Verwundert rieb er sich die Augen. Nichts. Kein alter Mann, keine Möbel, rein gar nichts.

Nur in der Mitte des mutmaßlichen Wohnzimmers lag ein Büchlein. Jasper hob es auf und betrachtete es eingehend. Der Einband aus Leder war speckig und lag obgleich der geringen Größe satt in der Hand. Jasper öffnete den Buchdeckel vorsichtig und erblickte einen Haufen leerer Pergamentblätter. Ungläubig blätterte er hastig durch die Seiten. Nirgends ein Notiz, nicht einmal eine kleine Skizze.

Fast hatte er die letzte Seite  erreicht, als eine unaufmerksame Bewegung das Pergament fein in seinen Daumen schneiden ließ und aus der haarfeinen, brennenden Wunde einige Tropfen in die Leere stürzten. Kaum aufgeschlagen, verästelten sie sich in der Seite und eine Dampflok brauste durch Jaspers Kopf. Bahnsteige jagten an seinem inneren Auge vorbei und die Landschaften wechselten rasant. Landschaften, Jahreszeiten, was wirklich vorbeizog, blieb schleierhaft, genau konnte Jasper den Unterschied durch den Rauch jedenfalls nicht mehr ausmachen.

Verzweifelt versucht er, den rasenden Zug zu bremsen, aber es wollte ihm nicht gelingen. Ein Blick in den Kohleofen ließ nichts Gutes erahnen.

Wenigstens schippte niemand nach.

Mit der Zeit wurde die Lok langsamer und kam schließlich zum Stillstand.

Jasper öffnete seine Augen. Alles um ihn herum war leer, wie gehabt.

Seine Haut hingegen hatte eine pergamentartige Farbe angenommen und schimmerte leicht bronzefarben. Ein Sonnenstrahl fiel durch das Fenster und traf ihn unvermittelt. Ein letzter Blick auf das Büchlein, das nun reich bedruckt zu seinen Füßen lag. Dann löste sich Jasper mit einem Rattern im Ohr in Rauch auf.

 

 

 

 

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13 Antworten

Kommentare

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  • 0

    "Jasper hatte vorsorglich alle Fenster
    sorgfältig geschlossen und auch die Badezimmertür gewissenhaft ins Schloss
    fallen lassen." habe diesen Satz mal als Beispiel fürs Holprige rausgesucht. Aber die Geschichte ist gut, hatte nur irgendwie mehr dahinter noch erwartet.

    10.12.2012, 12:43 von MissesBiscuit
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  • 1

    Die sprachliche Qualität führte dazu, dass ich ab der Mitte aufgegeben habe.

    05.12.2012, 20:46 von marco_frohberger
    • 4

      macht nichts.ehrlich nicht.
      hauptsache die stelle mit dem invertierten penis haste mitbekommen.

      05.12.2012, 22:46 von MaasJan
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 3

      Du bist so unwitzig.

      04.12.2012, 10:46 von quatzat
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Besser als mit Zweitnicks rumdampfen.

      04.12.2012, 15:37 von quatzat
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Ich finde es ein wenig schade, dass fast keiner den Witz im Titel kapieren kann, weil den meisten die Geschichte der Geschichte bekannt ist. Das finde ich gelungen. Auch das Ende ist okee. Zufrieden bin ich aber nicht so ganz.

    Zwar ist auch der Text auf deine ganz besondere Art pointiert und mit jeder Menge Textwitz versehen, aber irgendwie ist der Rythmus abhanden gekommen. Es wirkt ein wenig uninspiriert und elanlos. Schwer zu beschreiben, allerdings ist so ein gelungener Text (wie du ja schon viele schrubst) auch schwer zu schreiben.

    Außerdem finde ich, dass die Geschichte - vor allem in ihrer ursprünglichen Fassung - einen viel zu guten Einstieg in eine größere Geschichte geboten hat. Wie wärs denn mit einer Scheibenwelt ala Maas? Da bringen sich sicher mehr um als damals beim Werther order bei Wells.

    04.12.2012, 09:17 von quatzat
    • 4

      *unbekannt*

      Wrom hamse Tante Edith nur totgefickt?

      04.12.2012, 09:18 von quatzat
    • 3

      Liebes quatzat,

      der Weihnachtsmann, der Nikolaus,das Christkind und deine Lieblingstante Edith! sehen ALLES.

      Du wolltest doch brav und artig sein und keine Schimpfworte mehr benutzen bis Weihnachten.

      So komme ich erst Recht nicht wieder zurück!

      DU bist Schuld!

      Grüße aus dem Urlaub

      Tante Edith


      04.12.2012, 09:57 von Traumversinken
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  • 0

    Mmh *grübel* :) Wenn es das ist, was ich glaube, dass es das ist, dann bist Du aber ein ganz schön cleveres Kerlchen und wirst trotzdem einen auf den Deckel kriegen, hihi :) Hat mir aber abgesehen davon gut gefallen. Der Text hat eine ganz eigene, also spezielle, Stimmung, die ich zwar noch nicht recht benennen kann, aber mich trotzdem darin wohl fühlte. Ich Sache mit dem Duschvorhang ist ja zum Glück bereits geklärt... oder so :)

    03.12.2012, 21:02 von Mrs.McH
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  • 4

    Da könnte man einen guten Film draus machen :D

    03.12.2012, 20:51 von EliasRafael
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