Ben_Chof 29.11.2008, 15:16 Uhr 12 10

Zivilcourage hört vor der Tür auf

Er hat sich nie gemeldet. Wahrscheinlich hat es ihm gereicht, dass jemand für ihn aufgestanden ist.

Ein stinknormaler Bus auf dem Weg zur Uni. Studentisches Klima: Zu 75% gefüllt. Ich und meine Bücher setzen uns nach hinten in das zweite Glied des Busses. Blicke in teilnahmslose Gesichter. Die Kleidung, die an den Gesichtern dranhängt scheint vornehmlich „links“ zu sein. Parkas mit durchgestrichener Deutschlandfahne. Pali- Tücher, St.Pauli- Shirt. Aber besser als der konservative Stock-im-Arsch Student, der mit dem CDU Kugelschreiber in „die Zeit“ alle Wörter unterstreicht, die er kennt. Ich beschließe, dass es außer dem gefühlt ungewöhnlich großen bekennenden Linken nichts zu beobachten gibt und ziehe mich weiter in die Selbstisolation zurück und ergänze mein Buch durch den Mp3-Player. Herrlich. Noch gut in der Zeit, kein Gehetze. Der Bus füllt sich, wir nähern uns der staatlichen Bildungsstätte.

Dann steigt ein Araber ein. Oder ein Perser. Gepflegtes Äußeres, gut gekleidet (als ob das betont werden müsste), telefoniert. Stemple ihn als Juppie- Kaspar ab und beschließe ihn zu ignorieren. Hoffe nur, er macht sein Handy aus, damit er den Busfahrer nicht vom Fahren abhält, weil dieser ihn auf das Handyverbot aufmerksam machen muss. Handyverbot im Bus. Warum eigentlich? Damit sich die Fahrgäste nicht heimlich die Lösungen der Tests schreiben können? Wohl eher, weil es nichts nervigeres gibt, als ein Teenie, das lautstark (beim telefonieren muss man laut reden, damit man sein Gegenüber versteht, weil das am Telefon ja so laut redet), über die letzte Party und was sie da alles getrunken und wen sie alles nicht geküsst hat, berichtet. Er macht es aus, gut. Der Busfahrer scheint damit aber nicht einverstanden zu sein. Der Bus steht immernoch. Da mein Fragender Blick in die Runde keine befriedigende Antwort gibt, beschließe ich, mich von meiner Musik zu lösen. „Sie haben einen Fuß in die Tür gestellt, steigen sie aus“ Häh, was soll dieses? „Nein, das habe ich nicht!“ Ah, der Araber. „Ich hab Zeit, ich muss mir das nicht gefallen lassen!“. „Entschuldigen Sie, aber ich habe keinen Fuß in die Tür gestellt“ „Ich habe es doch im Spiegel gesehen“ Ich war halb vertieft in mein Buch und daher nicht ganz aufmerksam, bin aber recht sicher, gesehen zu haben, dass der Araber seinen Fuß nicht in die Tür gesteckt hatte. Frage mein Gegenüber und bekomme ein zaghaftes Kopfschütteln als Antwort. Mittlerweile hat der Fahrer den Bus ausgemacht, um seinen Standpunkt deutlich zu machen. Rumoren im Mittelteil. Die haben die Szene gut beobachtet, werden die Scharade wohl lösen. „Sie können doch nicht einfach stehen bleiben, wir müssen zur Uni“ Ach, ihr müsst zur Uni, genau hier scheint das Problem zu liegen. Naja, irgendjemand wird sich wohl für den Araber einsetzen und die Sache aufklären, immerhin sitze ich ganz hinten und müsste durch den ganzen Bus laufen. „Fahren sie noch weiter? Sonst machen sie wenigstens die Tür auf“ „Ich fahre erst weiter, wenn der Schuldige ausgestiegen ist“ Das darf doch nicht wahr sein, hoffentlich hält der Araber stand. Wenn die Klugen immer nachgeben regieren die Dummen die Welt. Eine kleine Gruppe verläßt den Bus. Unglaublich. „Er ist ausgestiegen, sie können weiterfahren“ Ja, tapfer. Wenn schon nicht im Namen der Wahrheit aufstehen, dann zumindest mit einer Lüge das Problem lösen und ans eigene Ziel kommen. Ich bin entsetzt. Doch wer schweigt, stimmt zu und so stehe ich auf und mache mich auf den Weg nach vorne. Ich habe kein Schulterklopfen erwartet, aber auch keine drohenden Blicke und Ignoranz. „Ich habe gesehen, dass der von Ihnen Beschuldigte keineswegs den Fuß in die Tür gestellt hat. Wenn sie also nicht weiterfahren, hätte ich gerne ihre Fahrernummer. Dann können wir das Ganze auch anders klären, ich bin nicht gewillt das so hinzunehmen.“ Gönnerisch antwortet der Mann am Lenker „ Ich weiß doch was ich gesehen habe, meine Fahrernummer steht dort oben, sie können mir gar nichts“ „Entschuldigung, aber hinten sitzen Zeugen, die bestätigen können, was ich sage“ Nun mischt sich die freundliche Dame auf dem Notsitz ein „Ja Zeugen sind schnell gefunden“ „Na schönen Dank und sie meinen durch den Spiegel sieht der Fahrer ganz genau, was hinten passiert“ „Meinen sie etwa der Fahrer lügt“ Ich denke mir, nein der Führer ist über jeden Zweifel erhaben, du naivdumme Autoritätsschlampe. Selber denken macht schlau. Im Bus ist es ruhig. Ich bin doch weiß Gott nicht der Einzige, der den Vorfall gesehen hat. Eine zustimmende Aussage würde doch ausreichen. „Ja, er hat recht, dafür gibt es genug Zeugen im Bus, wir werden Anzeige gegen sie erstatten, wenn sie mit ihrem versteckten Rassismus weitermachen“ Doch ich höre etwas anderes. „Man, steig doch aus. Ich muss dringend in die Vorlesung“ Danke, Parka. „Es fährt auch gleich eine 71“ Danke St-Pauli. Nein, jetzt erst recht. „Ich werde bestimmt nicht aussteigen, ich habe doch überhaupt nichts gemacht“ Jetzt schaltet sich der Busfahrer ein. Freundlicherweise macht er auch die Tür auf „Ich hab genau gesehen, wie sie den Fuß in die Tür gestellt haben.“ „Ich? – eben wars doch noch jemand anderes“ „Entweder sie steigen jetzt aus oder ich ruf die Polizei“ Und wieder hoffe ich auf Rückendeckung. „Hören sie mal, sie beschuldigen hier willkürlich Leute. Was zeigt, dass ihre Anschuldigungen weder Hand noch Fuß haben.“ Aber ich höre was anderes „Jetzt stell dich nicht so an, das ist doch Scheiße“ Wer hier wohl Scheiße ist. Sprachlos ob der Ignoranz dieser vermeintlich solidarischen Linken (von den anderen habe eh weniger erwartet), gehe ich zurück. Sie bei der Lektüre von Menschenrechtsverletzung im arabischen Raum zu stören, ist wohl ein größeres Verbrechen.

Der Araber, er heißt Bildad, winkt mich zu sich. Er bedankt sich und sagt, dass er dies bereits kenne. Er wird einen Protestbrief schreiben. Ich biete mich als Zeuge an. Mittlerweile fährt der Bus weiter. Um uns über den Fahrer zu beschweren brauchen wir die Haltestelle und Zeit des Vorfalls. Wir überlegen. „Haltestelle Hauptfeuerwache. 11.43 Uhr.“ Hilft uns eine Mitfahrerin. Danke. So weit geht also die Zivilcourage. Alles Aufschreiben und Buch führen und dann den gefährlichen Kugelschreiber zücken. Vorhin hätte ich dich gebraucht. Als ich aussteigen will, reicht mir jm. mein Buch. Nett, aber nicht nett genug. Aus dem Bus ausgestiegen, ist es Bildad, der mich beruhigen muss. Er sagt, wenn das nächste Mal Stellen gestrichen werden, dann ist unser Busfahrer in erster Reihe. Ihm scheint das Gefühl zu reichen. Doch viel mehr als über den Busfahrer rege ich mich über die Mitfahrer auf. Wie kann man nach so einer Episode ernsthaft in eine Soziologievorlesung gehen und über schlechtes menschliches Miteinander debattieren? Dumme Klischees, ja, aber manche Gesichter im Bus waren nicht nur politisch, sondern auch studiumstechnisch in Bereiche einzuordnen, die an sich Solidarität propagieren. Pustekuchen. ‚Es ist nicht genug zu wissen, man muss es auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen, man muss es auch tun.’ Ich gebe Bildad meine Nummer und bitte ihn, mich auf dem laufenden zu halten. Er hat sich nie gemeldet. Wahrscheinlich hat es ihm gereicht, dass jemand für ihn aufgestanden ist.

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12 Antworten

Kommentare

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    Hm,

    versteckt hinter Jason Statham an die Zivilcourage zu appellieren, finde ich ja schon ein wenig amüsant, aber gut...

    26.09.2009, 08:41 von Matsumoto
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    Ja, ja... bei rock gegen recht abhotten, aber sobald man sich gegen die masse stellen muss, die man verachtet, kneifen...

    11.05.2009, 15:47 von La_Kritz
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    Schwer zu lesen, aber gut.

    26.04.2009, 17:54 von Steifschulz
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    gefällt mir ziemlich gut.

    ich find's gut zu wissen, das es noch leute wie dich gibt, die ihren mund aufmachen wenn was falsch läuft und die schlechten punkte in unserer "ach so tollen, super, garnicht rassistischen gesellschaft" unterstreichen.
    mir gefällt übrigens auch wie du den ganzen text geschrieben hast ;].

    also: schön das es dich gibt :)!

    mit freundlichsten grüssen, so 'ne fast 16 jährige...

    14.03.2009, 20:45 von happiness
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    Man Leute es geht doch nicht um den Busfahrer, solche Idioten gibts immer.
    Danke für den Artikel, ich bin zwar furchtbar wütend geworden, aber das tat gut. Genau so ist es, und das nervt so unglaublich. Dieses Pseudo-Linke-Alternative-Palituchgelaber. Wie mich das aufregt.

    09.03.2009, 21:53 von Sektorkind
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    Was kennt ihr denn für Busfahrer?

    04.02.2009, 09:59 von sailor
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    Jeder hat das Recht beleidigt zu werden auch Soziologen,
    sogar Männer. Auch wenn ich von dem Recht in meinem Text keinen Gebrauch gemacht habe.

    03.02.2009, 21:14 von Ben_Chof
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    Erstaunlich. Was ist das denn für ein Umgang miteinander? Kenne ich so nicht von Busfahrern hier vor Ort oder in München. Und Soziologen sind mir ohnehin sehr suspekt. hab ich neulich vergessen in der Phalanx Juristen - Politiker - Journalisten.
    zz.

    03.02.2009, 20:06 von zzebra
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    Ist mir auch schon passiert, daß der Busfahrer mir vorgeworfen hat, die Tür bewußt blockiert zu haben. Sind meist nicht die größten Leuchten.

    03.02.2009, 19:40 von Romeo_Flausch79
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    Danke, ist aber eher Galgenhumor. Ein erhobener Zeigefinger steht mir nicht zu und war nicht die Motivation, sondern das resignierende Gefühl, das Worte und Taten mancher Zeitgenossen, deren Ansicht mich eigentlich weiter an den Menschen glauben machte, so weit auseinander lagen....

    03.02.2009, 19:34 von Ben_Chof
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