hillside 06.12.2012, 16:19 Uhr 18 8

Zirkus der Lüfte

Als das Leben greifbar wurde, hörte er auf, sich daran festzuklammern.

Langsam, aber sorgfältig zog er die Schnürsenkel seines linken Schuhs fest, band sie zu einer Schleife. Es war mittlerweile Alltag für den jungen Artisten. Er band sich die Fliege um und zog sie gerade, rückte die Weste zurecht und klappte den Hemdkragen nach unten. Noch einmal kontrollierte er die Schleifen seiner Schuhe. Ein letzter Blick in den Spiegel. Er sah gut aus, müde irgendwie, erschöpft, aber gut. Dort oben in der Luft, auf seinem Seil würde es sowieso niemandem auffallen. Anzug, Fliege, den Hut, die Sonnenbrille, all das trug er trotzdem. Für den einen Moment, in dem er von seinem Seil herunter stieg und im Applaus der Menge baden durfte.
Er hasste diesen Moment. Hunderte von Menschen bejubelten ihn, für sein Talent, seine Fähigkeit. Menschen, die selbst nie etwas erreicht haben, nie etwas erreichen werden, jubeln und freuen sich mit ihm, um dem Fluch des eigenen, trostlosen Lebens für einen Augenblick zu entkommen. Erbärmlich.

Da stand sie nun, die tobende Masse und wurde plötzlich still, begann zu schweigen, als er das Gestell hinauf kletterte. Fließend, elegant waren seine Bewegungen. Die Menschen klatschten im Takt der Musik, die augenblicklich verstummte, als er ganz oben angelangt war. Vorsichtig betrat er das gespannte Drahtseil. Routiniert setzte er einen Fuß vor den anderen. Als er ungefähr in der Mitte des Seils angekommen war, ging er vorsichtig in die Knie, setzte sich auf das nur Zentimeter dünne Seil, begleitet von erschrockenen Ausrufen der Zuschauer. Dann setzte er seine Füße wieder auf das Seil, vorsichtig und bedacht, sich der Auswirkung jedes Falschen Schrittes bewusst. Er kannte das Risiko, doch es war zu gering, im Verhältnis zur Freiheit, die er hoch oben erfahren durfte.

Er versuchte langsam wieder aufzustehen, als der Wind ihn ins Straucheln brachte. Er stürzte, fiel und konnte mit seiner linken Hand gerade noch das Seil fassen. Seine Brille und der Hut aber fielen nach unten, zurück auf die Erde. Er zog sich wieder nach oben und stand bald wieder wie gewohnt auf dem Seil.
Er warf zum ersten Mal, in der gesamten Zeit, zum ersten, allerersten Mal in seinem Leben, einen Blick nach unten, um nach Brille und Hut zu sehen. Das war der Fehler, der ihn das Leben kosten würde, denn plötzlich sah er die Welt von oben, das ganze Elend, das ganze Leid, ohne den Schutz der getönten Brillengläser. Und erschrocken von diesem grausamen Anblick, setzte er den Fuß neben das Seil und fiel. Er fiel in die Tiefe, direkt nach unten auf die Zuschauer zu, mitten hinein in die Abgründe der Menschheit, die Risse des eigenen Ichs. Und so ging er auf eine Reise in bisher nie gesehene Sphären, in all den Hass, den Geiz, die Gier und die Feindseligkeiten dieser primitiven Gesellschaft. Und kurz bevor er auf dem grauen Asphalt aufprallte und somit sein Dasein beenden würde, hatte er den Sinn des Lebens gefunden.

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18 Antworten

Kommentare

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    Gelesen und für gut befunden. Danke.

    10.08.2013, 19:58 von seek4happiness
    • 0

      Dankeschön. Und bitteschön (wofür auch immer du dich bedankst.) :)

      11.08.2013, 22:03 von hillside
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  • 0

    Hm... Find ich interessant, aber stellenweise bisschen holprig erzählt. Aus dem Ende werde ich auch nur begrenzt schlau, also was du mir da eigentlich sagen willst.

    09.12.2012, 11:02 von forst
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  • 0

    Der Sinn des Lebens ist der Tod?

    08.12.2012, 12:33 von topfbluemchen
    • 0

      das steht so nicht im text und ist auch so nich gemeint! Wenn du das da raus liest, tuts mir leid...

      08.12.2012, 16:03 von hillside
    • 1

      Ach, das brauch dir nicht leid tun.
      Aber du könntest es mir vielleicht erklären, denn ich verstehe es dann wohl noch nicht. Evt. brauch ich noch nen Gedankenschubser, um den Sinn zu erkennen.

      08.12.2012, 17:23 von topfbluemchen
    • 0

      ich kenn den sinn des lebens leider auch (noch) nicht... und somit weiß ich nicht, wie ichs dir erklären soll. vllt ist das einfach ein text zum selber denken, ein ende, dass für jeden anders ist, für manche traurig, für manche vlt doch ein happy end...?! vlt erkent man den sinn des lebens auch erst an dessen ende, wer weiß das schon so genau

      08.12.2012, 21:07 von hillside
    • 2

      Wieso sollen die Autoren ihre Texte immer erklären? Kann sich nicht jeder Leser sein eigenes Bild machen?

      Geschichten, aus denen man nicht schlau wird, sind m.M. nach am spannensten. Und vielleicht haben die Autoren ja auch selbst nicht immer eine absolute Interpretation für ihre Geschichten

      09.12.2012, 14:28 von Cordhose
    • 0

      @ Cordhose:
      Find ich ein dämliches Argument, dass man sich das Ende selber denken soll. Das ist für mich immer vergleichbar mit nem Arztbesuch, und der dann, nach dem Klagen, der Leidensgeschichte sagt: "ah, Sie haben also Bauchschmerzen? Hmmm, da gäbe es Koliken, oder Blinddarm, irgendwelche magedarmgeschichten hätten wir auch noch im Angebot...suchen Sie sich einfach etwas aus. Ich lass Sie da frei interpretieren...".

      und @ hillside:
      Du kritisierst meine Frage, ob das Sinn des Lebens der Tod ist, und sagst, ich tue dir Leid, wenn ich es so verstehe (oder eben auch nicht) aber auf meine ehrlich gemeinte Frage, worin ich in dem Text diesen finden kann, antwortest du mir, du wüssest auch nicht. Warum kannst du dann, wenn du es selber auch nicht weisst, meine Frage infrage stellen?!

      09.12.2012, 15:13 von topfbluemchen
    • 0

      Entschuldige, aber Vergleich hinkt ja nun gewaltig. Der Arzt sollte dir schon sagen können, was das Problem ist, wenn nicht wechselst du ihn. Aber wo muss in einer fiktionalen Geschichte die eine Wahrheit sein?
      Und vom Ende selber denken habe ich gar nichts geschrieben, die Geschichte hat doch ein Ende. Nur was es bedeutet, das sollte sich jeder selber überlegen.
      Eine Geschichte ist schließlich kein Mathebuch

      09.12.2012, 15:54 von Cordhose
    • 0

      Ich finde nicht, dass der Vergleich hinkt.
      Gut, es ist Geschmackssache, ob einem Geschichten gefallen, bei denen man am Ende nicht verstanden hat, was mit ihr ausgesagt werden sollte. Ich persönlich mag sowas eher nicht. Du scheinbar schon. So unterschiedlich sind eben die Geschmäcker. Ich finde schon Geschichten gut, wo etwas angedeutet wird, wo man zwar erkennt, worum es geht, aber dennoch Platz für eigenen Spielraum hat, aber Enden, oder vielmehr Intentionen dieser, die mich mit einem großen Fragezeichen da stehen lassen, finde ich eher semi.

      Zudem glaube ich auch, dass viele dieses Argument widergeben, um es sich zu vereinfachen. Bevor man sich mit einer Meinung festlegt, nee, dann lieber den Leser selber sich was zurecht basteln lassen, dann ist es am einfachsten.

      09.12.2012, 15:59 von topfbluemchen
    • 0

      Ja klar, irgendwie ist das alles Geschmackssache. Und schlechte Texte bleiben auch mit Interpretationsspielraum schlecht. Nur hier heißt es immer wieder: Nää, ich versteh das nicht, das ist ja blöd, erklär mal, was soll das...
      Was ich dumm finde.

      Und meine Meinung habe ich übrigens auch nur durch Umberto Ecko, der mal geschrieben hat, dass Autoren ihre Texte nur schreiben sollten und sich nicht an der Interepretion beteiligen, weil ihre Meinung dann als Wahrheit angesehen wird.
      Und seine Argumentation fand ich sehr überzeugend und seitdem habe ich mich dem angenommen.

      09.12.2012, 16:08 von Cordhose
    • 0

      Ich finde das nicht dumm. Im Gegenteil - das heisst doch, dass der Leser sich mit dem Text beschäftigt.
      Wenn dem nicht so wäre, könnte man ja auch einfach schreiben "Versteh ich nicht, Ist mir aber auch bums." Wenn ich einen Text lese, den ich nicht irgendwie total doof finde, interessiert mich die Aussage schon, und dann frag ich nach.

      Zu deiner letzten Ausage, bezogen auf Umbro: Ist eines Autors Text nicht irgendwie auch seine Meinung?

      09.12.2012, 16:12 von topfbluemchen
    • 0

      Zum ersten Teil: ok, sehe ich genau anders, ich finde, man kann sich erstmal selber Gedanken machen und ne eigene Lösung finden.

      Zu Ecko: sein Text ist absolut seine Meinung. Aber jeden Text, auch wenn er noch so eindeutig ist, kannst du interepretieren, und da soll sich der Autor raus halten. Weil die anderen Interpreationen genauso nicht falsch sind. Aber wenn der Autor was dazu sagt, wird das als einizige Wahrheit hingestellt.
      Sagt Ecko, und das finde ich sehr schlüssig.

      09.12.2012, 16:25 von Cordhose
    • 0

      wartet mal eben, ich glaub ich muss da mal einiges richtig stellen!!

      @topfbluemchen:
      ich hab nicht gesagt DU tust mir leid, ich habe gesagt ES tut mir leid, weomit gemeint war, dass es MIR leid tut, dass ich es dir nicht erklären kann.
      Außerdem finde ich das argument, jeder text MUSS eine aussage haben, die die eigene meinung des autoren wiederspiegelt total bescheuert (entschudlige bitte!!) Hast du denn eine Meinung zum Sinn des Lebens?? Bittesehr, da wäre ich durchausgespannt drauf! Ich habe keine und ich finde das ist auch in ordnung so. Außerdem finde ich, dass es nicht unbedingt zu den aufgaben eines autors gehört, seine meinung in texte zu fassen, dafür gibt es essays, aber keine geschichten. Geschichten erzählt man, es sind kleine oder auch große begebenheiten, die eben passieren, wenn auch nur in meinem kopf... aber sie passieren und ich schreibe sie auf, ganz einfach. das heißt noch lange nicht, dass ich mich mit irgendeiner figur gleichssetze oder irgendetwas damit kritisieren oder anprangern muss. finde zumindest ich...
      Ich kann dein argument verstehen, dass du keine texte magst, in denen nicht direkt steht, wie die geschichte funktioniert, teilen kann ich diese ansicht leider nicht. Ich finde texte gerade dann interessant, wenn einem selbst ein gewisser spielraum gelassen wird... aber so gehen geschmäcker eben auseinander, bitte versteh nur, dass ich dich mit meiner antwort nicht kritisieren oder bloßstellen wollte!! ich KANN dir deine frage nur einfach nciht beantwortden, außer NEIN, ich glaube nicht, dass der tod der sinn des lebens ist! Vielmehr finde ich, ist hier die frage angebracht, ob man den sinn des lebens wirklich kennen muss, um diesen text zu verstehen?? Es ist eine kleine, fast beiläufige erwähnung, am ende des textes und hat dennoch natürlich eine große aussage, trotzdem ist die erkenntnis, die der protagonist letztendlich erfährt, nicht zwangsläufig maßgebend für die geschichte.
      außerdem muss doch nicht jede geschichte immer eine moral haben, immer ein "aber wenn du..." Kann ich nciht einfach geschichten erzählen, die ich für erzählenswert halte? Nicht alles was du erlebst hilft dir doch weiter in deinem leben, nicht jede alltägliche situation ist eine, aus der du fürs leben lernen kannst...

      und@ Cordhose: Danke für die verteidigung :)
      Und was du mit Eco meinst, vertseh ich gut und find ich auch. Lustigerweise war in etwa genau diese diskussion elementarer bestandteil meiner seminararbeit... naja zumindest meines seminars, aber wir haben auch viel von eco gelesen und gelernt. Er vertritt damit die postmoderne gesinnung, dass es keine wahrheit gibt, somit auch keine interpretation. wir können nicht wissen, was wir für echt halten, weil es eifnach passiert, so kann nicht einmal der autor selbst, die genaue interpretation seines textes kennen...
      mir gefällt der gedanke... irgendwie

      09.12.2012, 20:41 von hillside
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      Na ja "Verteidung" ist ja nun mal nicht nötig, da wir hier lediglich diskutieren, und uns nicht duellieren.
      Ich finde es durchaus interessant, deine, bzw. eure Sicht der Dinge zu lesen. Man lernt ja nie aus und andere Meinungen sind für mich keine Angriff, sondern nur eine Sinnes(da hätten wir ihn u.a.)erweiterung.
      Danke für eure Meinung.

      10.12.2012, 12:54 von topfbluemchen
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    Ja, so einen Blick hat schon so manchen das Leben gekostet. Aber manchmal, da verliert man auch das Gefühl für solche Blicke, ein Gefühl, den richtigen Moment zu erwischen, um noch einmal auszukommen. Manche übersehen diesen Augenblick.

    07.12.2012, 16:53 von marco_frohberger
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    schöne Metapher :) gut geschrieben.

    07.12.2012, 09:05 von Sanne19
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