kaulquappenmassaker 31.05.2010, 11:36 Uhr 21 13

Zappen für den Nationalstolz

Die Deutschen. Ein putziges Völkchen mitten in Europa. Peinlich pünktlich, penibel und pessimistisch – und das mit Stolz.

*Allerdings war das bis vor einigen Jahren auch das Einzige, worauf die Deutschen stolz waren. Doch dann kamen Fußballweltmeisterschaft und Josef Ratzinger. Und plötzlich war es prima, Deutscher zu sein. Die Wiedervereinigung rückte angesichts dieser Ereignisse in ihrer historischen Relevanz in den Hintergrund, denn wir alle waren auf einmal Deutschland. Und Papst noch dazu...

Dieser neue Nationalstolz schien diesem Land ein Befreiungsschlag, eine Generation war geweckt, die sich nicht mehr kategorisch in demütiger Haltung der Fehler ihrer Vorfahren schämte. Keiner wollte mehr behaupten, dass der neu entdeckte Patriotismus den leuchtenden Nazi-Stempel, den die Deutschen international noch so oft aufgedrückt bekamen, verstärken könnte. Richtig, denn der Eindruck, den dieses Land bei der ausgerichteten WM erweckt hatte, war wirklich nicht schlecht.

Doch was sich danach entwickelte, war interessant zu beobachten. Jetzt, wo man sich endlich reuelos über Erfolge des eigenen Landes freuen durfte, konnte man plötzlich gar nicht genug davon bekommen. Wo sich zwei Jahre zuvor noch hemmungslos über einen dritten Platz gefreut wurde, war der Vizemeistertitel bei der Europameisterschaft irgendwie enttäuschend. Man wollte endlich mal wieder so richtig gewinnen, hatte das Gefühl, der ewige Zweite zu sein, dem so kurz vor dem großen Erfolg die Tür vor der Nase zugeschlagen wurde.

Reicht man den Deutschen den kleinen Finger, wollen sie gleich die ganze Hand, könnte man meinen. Irgendwie erweckt das den Eindruck, dass das Streben nach Weltruhm diesem Volk doch nicht ganz abhanden gekommen sei. Balsam für die geschundene Kriegsverliererseele oder einfach nur die Freude darüber, endlich mal wieder offen für sein Land feiern zu können? In den Vereinigten Staaten gehört Patriotismus dazu wie das T-Bone Steak zum Barbeque, die Stars zu den Stripes und der Cowboyhut zum Texaner. Auch Großbritannien erfreut sich noch immer seiner einst imperialen Verbindungen in die Welt und Frankreich lehnt aus purem Nationalstolz sogar die englische Weltsprache ab. So etwas konnte/wollte/durfte sich Deutschland bis dahin nicht leisten.

Im Grunde hatte diese Lawine auch schon wieder an Fahrt verloren, gab es doch in den vergangenen zwei Jahren nach der EM nicht mehr viel, weshalb man ein Fass hätte aufmachen können. Ein paar Länderspiele, die aufgrund eher durchschnittlicher Leistungen immer geringere Einschaltquoten erreichten, eine Bundestagswahl mit fragwürdigem Ergebnis... Nein, es gab kaum etwas, worüber man sich hätte freuen können. Natürlich darf man andere Sportarten nicht außer Acht lassen. Da ist die U21-Nationalmannschaft, die es zum Fußball-Europameistertitel gebracht hat. Auch die weiblichen Kickerinnen stehen mit zwei Weltmeistertiteln in Folge nicht schlecht da und das deutsche Olympiaergebnis kann sich schließlich auch sehen lassen. Aber irgendwie ist es nicht das selbe...

Am vergangenen Samstag war es dann endlich wieder soweit. Zappen für den Nationalstolz war angesagt. Und man wurde nicht enttäuscht: Die Fußballnationalmannschaft gewann auch ohne Adler und Ballack das Freundschaftsspiel gegen Ungarn, Lena sang mit atemberaubendem Vorsprung den Eurovision Song-Contest nach Hause und Klitschko knockte den Polen Albert Sosnowski aus...

Moooooment! Dr. Eisenfaust Vitali Klitschko ist doch gar kein Deutscher?! Dieses Phänomen sollte mal genauer unter die Lupe genommen werden. "Vitali Klitschko ist eigentlich Ukrainer. Aber weil die Klitschko-Brüder alle Tugenden besitzen, die die Deutschen lieben, haben wir sie einfach adoptiert.", titelt die Welt Online. Neben diesen Tugenden haben sie auch das außerordentliche Talent, immer zu gewinnen. Das macht es natürlich für eine Nation mit einer geschichtlich geschundenen und nach Bestätigung heischenden Seele wie der deutschen einfach, solche Sportler kurzerhand zu Landesvertretern zu deklarieren.

Nachdem die Welt nun sieht, dass Deutschland auch ohne Ballack Fußball spielen kann, und das sogar überzeugender als in vielen Spielen davor, oder dass eine junge Deutsche, deren britischer Akzent von ihren hochgebildeten und allwissenden Landsleuten kurzerhand zu "schlechtem Englisch" degradiert wird, nach 28 Jahren ihr Land wieder an die Spitze Europas singt, können wir auch wieder Weltmeister werden.

Mit Fernbedienung und Bier in der Hand, und kleinen, schwarz-rot-goldenen Flaggen am Auto steuern wir also mit frisch motiviertem Nationalstolz dem nächsten Großereignis entgegen und werden nach den jüngsten, erhebenden Ereignissen sicher furchtbar enttäuscht sein, wenn es beim Männerfußball eben einmal wieder nicht für den Titel reicht.

Aber wenn es schon Guido Westerwelle und die Weltwirtschaftskrise nicht schaffen, den Deutschen die Laune zu verderben, wird es eine verbockte Weltmeisterschaft wohl auch nicht tun.

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21 Antworten

Kommentare

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    Ich kann mit Nationalstolz so überhaupt nichts anfangen. Insbesondere mit deutschem. Um so löblicher finde ich den Text. Auch wenn er nur wenig politisch und mehr kulturell daher kommt.

    06.06.2010, 18:30 von plattenbau-beau
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    hier nur ein beispiel dafür, was dieser "befreiungsschlag" tatsächlich freigesetzt hat: http://marx-blog.de/2010/05/null-punkte-aus-israel/
    tja, ein "wir-gefühl" setzt eben immer etwas voraus, dass nicht "wir" ist. der simple mechanismus des eigenen und des fremden. ich glaube, es ist nicht notwendig, zu erwähnen, dass diese dichotomie in eine hierarchische ordnung gebracht wird. schon allein das ist grund genug, jeglichem nationalgefühl kritisch gegenüber zu stehen.

    02.06.2010, 22:11 von PsychoMessiah
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      @PsychoMessiah Aua. Also das ist natürlich ein stichhaltiger empirischer Beleg für den sprunghaft angestiegenen Nationalismus – Spinner gibts immer, gab´s immer, wird´s immer geben.

      04.06.2010, 09:47 von ...niemand...
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      @...niemand... natürlich bin ich mir bewusst, dass das nur einzelbeispiele sind. nicht jeder würde dem antisemitismus in dieser art fröhnen. nein, die meisten tarnen ihn in israelkritik. jedoch sind diese beispiele meiner meinung nach eben ausdruck für das, was bei vielen in diesem land unter der achso politisch korrekten oberfläche schlummert und eben strukturell im nationalgefühl angelegt ist. ich bin fest davon überzeugt, dass diese zugegebenermaßen wenigen aussagen tatsächlich paradigmatisch für den umgang vieler bürger dieses landes mit der geschichte sind. nein, das sind nicht nur einige spinner, sondern vielmehr personen, die das öffentlich äußern, was viele gern loswerden würden.

      05.06.2010, 12:35 von PsychoMessiah
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      @PsychoMessiah Oh bitte, jetzt nicht wieder die Gleichstellung von Israelkritik und Antismitismus. Sag mir, dass Du das so nicht meinst -d a ist auch eh der Broder der Experte.
      Wenn doch, dann bist Du bei den pi-Brüdern besser aufgehoben, die sind nämlich so was von 150% pro Israel und soo politisch inkorrekt, ...blöd nur dass das auch alles fanatisch nationalistische Vollspinner sind, die ihre extrem rechte Gesinnung mit bedingugsloser Israel-Liebe tarnen..sogar vor sich selbst.
      Was ich damit dagen will: Ob national oder antinational, links oder rechts, alles voller Spinner überall! Und der falscheste Aufhänger für solche Diskussionen ist sicher der Erfolg für die absolut unpolitische Lena.

      06.06.2010, 20:31 von ...niemand...
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      @...niemand... Gibt es denn auch "Schwedenkritik"? Oder "Chinakritik"?

      Allein, dass das so ein stehender Begriff ist, gibt mir manchmal zu denken...

      06.06.2010, 21:41 von holo...
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      @holo... Gut, gut, tausche den Begriff "Israelkritik" gegen "Kritik an Israel". Aber jetzt, wo Du es erwähnst schwant mir, dass der Begriff eher von Kritikern an der Kritik stammt, um die Kritisierendener zu kritisieren, das sehe ich dann auch eher kritisch und so... "Schwedenrätsel" gibts übrigens auch..

      06.06.2010, 21:56 von ...niemand...
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      @...niemand... Einleuchtende Theorie.

      Außerdem kritisiere ich erst mal gar nichts. Ich kuck mir nur an, was so alle Beteiligten in dieser Sache von sich geben und stell mir dazu n paar Fragen...Nahost ist, um nen Begriff von Helge S. zu benutzen, n "schwieriger Fisch"

      Da tu ich mir mit ner festen Meinung recht schwer...

      Allerdings hoffe ich sehr, dass die Intensität, mit der in der Öffentlichkeit über israelische Politik diskutiert wird (im Vergleich zu Staaten mit ähnlich fragwürdigen Praktiken) darin begründet liegt, dass man an Israel als westliche Demokratie andere Maßstäbe anlegt als z.B. an die Türkei...

      06.06.2010, 22:12 von holo...
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      @holo... Jo, sehe ich auch so..ich glaub wir sind uns nicht fern. Mich ärgert bloß, wenn Kritik an Israel mit Antisemitismusvorwürfen gekontert wird. Das ist die umgekehrte "Nazikeule". Ich sehe keinen Grund Israel als rohes Ei zu behandeln.
      Vielleicht liegt die ungewohnt starke aktuelle Resonanz auf die Geschenisse beim Stoppen des Schiffes (in meinen Augen letztendlich nichts anderes als eine PR Schalcht, bei der alle, aber wirklich alle verloren haben) auch gerade darin begründet, dass Israel sich gerne vehement Kritik am eigenen Vorgehen verbittet, andere aber ebenso gerne kritisiert und mit seinem SOnderstatus gerne kokettiert, wenns passt. Aber aller Webspace wird nicht reichen, um dieses Problematik, den Nahost-konflikt etc. ausreichend und abwägend zu diskutieren. Also sollten wir diesen Kommentarstrang vielleicht auch nicht überstrapazieren ; )

      06.06.2010, 22:24 von ...niemand...
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      @...niemand... Eh klar...

      07.06.2010, 00:09 von holo...
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    Lena und unser Fußball kann sich schon sehen lassen, nur unsere Politiker der großen Parteien sehnen sich leider viel zu sehr zu den immer hochgelobten großen Bruder USA



    02.06.2010, 21:26 von Yee-Haa
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    Der Text besticht durch zu wenig Recherche und spielt nur mit gängigen Klischees, hebt sie aber weder auf, noch gibt der Text Optionen wieder ihnen entgegen zu wirken.

    Dieser neue Nationalstolz schien diesem Land ein Befreiungsschlag, eine Generation war geweckt, die sich nicht mehr kategorisch in demütiger Haltung der Fehler ihrer Vorfahren schämte.

    Balsam für die geschundene Kriegsverliererseele oder einfach nur die Freude darüber, endlich mal wieder offen für sein Land feiern zu können?

    selten so wenig zusammenhängendes gelesen.

    Du musst noch üben.

    P.S. NO NATION PRIDE!




    02.06.2010, 16:10 von haidenkind
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      @haidenkind Und ganz nebenbei: Zu wenig Recherche? Was erwartest du denn? Wenn du Fußnoten und Quellenangaben brauchst, solltest du Doktorarbeiten korrekturlesen und keine Neon-Artikel.

      02.06.2010, 19:03 von kaulquappenmassaker
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    Alle anderen Länder sind entweder nicht so politisch bedeutend (Finnland, Schweiz, etc) oder haben noch Ecken mit schlechterer Infrastruktur (Schlaglöcher in Frankreich/Italien), Armut in den südlichen Ländern. Nicht stolz, aber froh, in good old Germany zu leben :-)

    02.06.2010, 12:51 von Kiwisalz
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      @BrokenPige Na klar, Deutsche Regierungen arbeiten seit Jahren daran, dass wir auf das Niveau anderer Länder herunterkommen ... es betrifft alle Bereiche. Trotzdem sind wir Deutschen einzigartig ... wenn es darum geht Milliardenbeträge zu verschwenden bzw. zu verschenken, sind wir Weltmeister .... natürlich nur unter der Voraussetzung dass der / die Empfänger (egal ob Firmen oder Einzelpersonen) bereits mindestens über milliardenschweres Vermögen verfügen.
      Aber auch lustige "Fehleinschätzungen" gibt es. . ich denke da gerade an Schacht Konrad .... das deutsche Atommüllendlager. Ursprünglich geschätzter Aufwand: Eine Milliarde Euro. Na fein. Ein paar Jahre später: Uups, haste mal ne weitere Milliarde ? Wir haben damals gelogen .... ist halt doppelt so teuer. Und danke noch mal, dass nur wir in Deutschland die Exklusivrechte haben, Atommüllendlager zu bauen. Übrigens, das Sparprogramm für die Bevölkerung ist klasse. Diesen Kurzarbeitern und HartzIV Leuten muss mal gezeigt werden wo der Hammer hängt. Da kommen doch sicherlich wieder ein paar Milliarden zusammen. Haste mal ... ? :)

      Übrigens ... das einzige Plus in Deutschland sind qualitativ gut ausgebildete Arbeitskräfte ... nur bei den Aussichten auf Zeitarbeit und HartzIV, 1-Euro-Jobs und allgemein Löhne, die nicht zum Leben reichen wird es wohl kaum genug qualifizierten Nachwuchs geben.

      Also geht’s weiter auf dem Weg zur Bananenrepublik, dank Arbeitsmarktreform, Gesundheitsreform und andere Reformen ... bei denn immer ganz zufällig die Mehrheit der Menschen die Verlierer sind und immer ganz konkret draufzahlen müssen. Doch wen kümmert es, im Gegenteil die (Bundes)Wahlergebnisse zeigen: Hurra, richtig so, weiter so ...

      02.06.2010, 13:34 von Cyro
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      @Cyro Kurzarbeiter?

      Kurzarbeitergeld wird vom Staat gezahlt und die Zeitspanne in der es gezahltwird, wurde während der Wirtschaftskriese verlängert, damit sie nicht allzu massiv auf den Arbeitsmarkt durchschlägt.
      Das wurde, meines Wissens, weltweit bestaunt und ein »wir zeigen den Kurzarbeitern mal, wo der Hammer hängt« kann ich da leider nicht erkennen...

      Das der Staat nicht effizient arbeitet... geschenkt.

      Ingenieure werden in D händeringend gesucht und meines Wissens nicht schlecht bezahlt...

      02.06.2010, 14:00 von sailor
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    Wenn man mal sich wieder daran erinnert, dass wir seit der Einheit "das wichtigste Land" Europas sind, immer noch mit führend in Technik und Wissenschaft/Politik etc, kann man mal erwarten, dass wir auch mal den Grand Prix gewinnen. .-P

    02.06.2010, 12:48 von Kiwisalz
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    dieser text regt mich zuweilen ein wenig auf. hier wird einerseits gesagt, dass wir uns wieder freuen können über errungenschaften unseres landes, im nächsten atemzug wird gesagt, dass dieses land nach bestätigung lechzt, geradezu verrückt nach tollen platzierungen ist? Wo schließt sich da der kreis? wo is da die substanz? Natürlich dürfen wir uns freuen wenn deutsche Sportler, Künstler, Wissenschaftler erfolge einfahren? Und das ist in Deutschland nicht überspitzter oder übertriebener als in anderen Nationen- ganz im gegenteil. ich denke hierzulande wird sich sehr fair und angemessen über errungenschaften gefreut. kein falscher nationalstolz oder übersteigerter höhenflug.

    02.06.2010, 12:22 von berlin_bombay
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