sharks 01.03.2010, 23:12 Uhr 0 0

Wosers Flucht

Die folgende Geschichte handelt von Woser,dem tibetischen Mönch der aus Tibet floh um seine Freiheit und seinen Glauben weiterleben zu können.

Ich möchte Wosers Erlebnisse so wiedergeben,wie er sie mir an jenem Tag im März geschildert hat und hoffe, dass sie möglichst viele Menschen so nachhaltig beeindrucken mögen, wie sie mich gefesselt,schockiert und seit dem nicht mehr losgelassen haben.

Es ist meine Geschichte. Ich bin Gedeon Woser. Ich kam irgendwann im März 1982 in Ando zur Welt, einer der vier tibetischen Provinzen. Mein Heimatdorf heißt Dolong und meine Familie ist eine von vierzig Familien die dort leben. Mein Vater starb als ich acht Monate alt war, meine Mutter als ich fünf wurde. Von nun an kümmerte sich die Schwester meiner Mutter um meine zwei Brüder,meine drei Schwestern und mich. Sie tat es in großer Liebe und Güte.
Ich gehörte zu den Kindern in Dolong die eine Schule besuchen durften, so konnte ich von meinem sechsten bis zu meinem zwölften Lebensjahr in einer tibetischen Schule lernen, gemeinsam mit 30 weiteren Schülern. In dieser Zeit entstanden dadurch auch noch keine Kosten für meine Eltern.
Als ich zwölf Jahre alt war wechselte ich auf die Mittelschule in Rebkong, eine Stunde entfernt von meinem Dorf und ich wurde der erste Schüler aus Dolong, der die weiterführende Schule besuchen durfte. Rebkong ist sehr groß und liegt in China,auf der Schule lernten mehr als 1000 Schüler – sowohl Chinesen als auch Tibeter. Es gab oft Streitereien und Kämpfe zwischen uns und ich fühlte mich oft einsam. Da ich kein chinesisch sprach war der Unterricht sehr schwer für mich und mir wurde klar,dass ich es rasch lernen musste um weiter zu kommen. Für zwei Jahre blieb ich an dieser Schule, das letzte Jahr konnte ich leider nicht beenden, da die Kosten für meine Familie eine zu große Belastung darstellten.Ich kann mich an den Betrag nicht in Währung erinnern,aber ich weiß,dass die Schule in Rebkong 200 kg Mehl im Jahr gekostet hat.
Mit 14 beschloss ich in ein Kloster zu gehen um ein buddhistischer Mönch zu werden. Die zwei Hauptgründe für diese Entscheidung waren die finanzielle Situation meiner Eltern, sie sind sehr arm und ich wollte in dieser Hinsicht keine Last für sie sein. Des weiteren konnte ich auf diese Art wieder in tibetischer Sprache lernen- von da an natürlich im Kloster. Es war aber keine schwierige Entscheidung, da mich die Lehren des Abtes unseres Dorfes schon als kleines Kind begeistert haben. Ich denke es gibt nur eine Sache die schmerzhaft war für mich aufzugeben: Basketball zu spielen und und überhaupt auch andere Sportarten nicht mehr ausüben zu dürfen.
Ich wurde dem Kloster „Tashiohill“ zugeteilt, einen halbstündigen Fußmarsch von zu Hause entfernt. Mit dreißig weiteren Mönchen lernte,studierte und lebte ich dort für vier Jahre- bis das chinesische Gesetz die Lehre für buddhistische Mönche in Tibet verbot. Zu diesem Zeitpunkt war ich 18 Jahre alt und kehrte für fast ein Jahr in mein Heimatdorf zurück.
Irgendwann kam der Punkt, an dem ich beschloss, Tibet zu verlassen und nach Indien zu fliehen. Ich wollte lernen, Kontakt haben zu den Lehren des heiligen Dalai Lama und ich wollte die Freiheit, meinen Geist für das Wissen anderer Mönche öffnen zu dürfen.
Ich schaffte es,ein vierwöchiges Visum für einen Besuch in Nepal zu bekommen; ich verabschiedete mich von meiner Familie und den Menschen in meinem Heimatdorf- es war ein sehr trauriger Moment für mich. Ich wusste,dass ich gehen muss,doch ich wusste nicht,ob ich sie jemals wiedersehen würde. Mein ältester Bruder brachte mich nach Rebkong und verabschiedete mich mit den Worten: „Wenn du es lebend nach Indien schaffst dann lerne so hart wie nie zuvor“ und ging davon.
Ich traf noch einen weiteren Mönch und gemeinsam reisten wir für drei Tage im Bus von Rebkong nach Lhasa. Von Lhasa aus fuhren wir mit dem Auto ca. 15 Stunden nach Dam,an die nepalesische Grenze. Alles schien gut zu gehen,bis ein nepalesischer Polizist die große Menge Tsampa in unserem Gepäck entdeckte. Sie wussten,dass wir mit einem solchen Vorrat bereit für eine lange Reise waren. Also wurden uns die Pässe abgenommen und man schickte uns zurück nach Lhasa.
Ich bekam keinen neuen Ausweis und blieb für drei Monate in Lhasa, wo ich glücklicherweise bei einem Bekannten in dessen Restaurant als Küchenhilfe etwas Geld verdienen konnte.
Dann erzählte mir ein Freund von einem Mann, der den Weg durch die Berge kenne um die nepalesische Grenze zu umgehen. Wir kontaktierten ihn und erfuhren,dass er bald eine Gruppe führen würde. Seine Dienste kosteten 500 Rupien pro Person und er warnte uns, dass die Reise über einen Monat dauere, es nicht einfach würde und sich jeder um sein eigenes Essen und Wohlergehen kümmern müsse.
Also bereiteten wir uns vor so gut wir konnten. Wir packten unsere Roben in Taschen, zogen warme Kleidung übereinander und kauften Handschuhe, Sonnen- brillen, Taschenlampen und einige Nylon -Stoffreste für die Nächte. Als Verpflegung nahmen wir Tsampa und getrocknete Nudeln mit soviel wir tragen konnten.
Am Abreisetag fuhren wir mit dem Auto für vier Stunden ins Nirgendwo und dann begannen wir zu laufen, hoch und runter, über die Berge des Himalaya.

Insgesamt wanderten wir 28 Tage in einer Gruppe von 52 Menschen. Viele Mönche, einige Mädchen, vier Kinder zwischen 11 und 13 Jahren und ein paar ältere Männer.
Die Tage vergingen und wir liefen und liefen. Das Wandern war für mich nicht allzu schlimm, da ich daran gewöhnt war und ich wusste,dass es nicht leicht werden würde. Die schwierigsten Momente waren die, in denen mir klar wurde,dass ich hier oben sterben könnte,hier oben, mitten in den Bergen wie schon viele vor mir. Der Gedanke erwischt zu werden und ins Gefängnis zu kommen machte mir unvorstellbare Angst, da es nicht nur mich,sondern auch die Sicherheit meiner Familie gefährden würde.
Meistens liefen wir tagsüber, doch wenn unser Führer um nahe chinesische
Patrouillen wusste, rasteten wir tagsüber und gingen erst in der Nacht weiter.
Wir schliefen immer in Paaren mit den Füßen auf der Brust des Anderen damit es wärmer war und platzierten die Nylon-Stücke auf dem Boden um nicht allzu nass zu werden.
Viele von uns bekamen starke Kopfschmerzen und jene,die keine Sonnenbrille hatten, konnten zeitweilig nichts mehr sehen durch die starke Schneereflektion. Je höher wir kamen, umso dünner wurde die Luft, manchen wurde schwindelig und einige halluzinierten.
Es war eine sehr gefährliche Reise,doch ich dachte oft,dass es das wert sei,wenn wir es nur alle lebend bis ans Ziel schafften.
Als wir nur noch drei Tage von Nepal entfernt waren ging den Meisten die Vorräte aus. Inzwischen hatten wir allerdings schon mit dem langsamen Abstieg begonnen und es tauchten erste kleine Dörfer auf; manchmal gaben uns die Bewohner ein paar Kleinigkeiten zu essen, manchmal stahlen wir auch Lebensmittel von den Höfen.
Es wurde nun merklich wärmer und ich erinnere mich daran wie ungewöhnlich und seltsam ich die Moskitos fand, die sich in unsere Haut bohrten und unser Blut tranken bis ihre kleinen Körper platzten während ihr Stachel noch in unserer Haut steckte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich kaum je Moskitos gesehen.

Dann erreichten wir das Flüchtlingslager in Kathmandu. Ich war müde, hatte schreckliche Kopfschmerzen und überall blutige Spritzer von den Stichen der Moskitos. Doch alle 52 von uns hatten das Ziel erreicht und wir waren frei von chinesischen Regeln und Unterdrückung und das Gefühl der Angst war verschwunden. Unter anderem konnte ich während den 28 Tagen der Flucht Freundschaften knüpfen,die noch heute bestehen.
Das Flüchtlingslager in Kathmandu ist sehr klein und dennoch ist es ein wahrer Segen für all die Menschen, die nach der langen Wanderung durch die Berge dort ankommen. Ich blieb dort für 15 Tage, dann ging die Reise weiter- diesmal nach Indien.
Die Grenze zwischen Nepal und Indien überquerte ich mit dem Bus. Die Grenzkontrolleure nahmen mir fast mein komplettes Hab und Gut mit der Begründung, wenn ich mit mehr reiste, bedeutete dies ich sei auf einer Geschäftsreise. Ich besaß sowieso nicht viel, doch so kam es, dass ich nur mit der Kleidung die ich trug in Indien einreiste.
In Delhi anzukommen war ein regelrechter Schock für mich. Nie zuvor habe ich so viele Menschen, Autos, Motorräder, alles zusammen und in solch hektischer Bewegung gesehen. Ich vertrug die Hitze nicht und wurde krank. Also fuhr ich nach Dharamsala/ McLeod Ganj, dem indischen Flüchtlingsdorf für Tibeter und Aufenthaltsort des heiligen Dalai Lama.
Einen Monat lang lebte ich dort und hatte die Ehre, den heiligen Dalai Lama persönlich zu treffen. Ich war so aufgeregt und glücklich und weiß, wie privilegiert ich war, ihm zu begegnen -während so viele Tibeter zu Hause noch nicht einmal ein Foto von ihm bei sich tragen dürfen.
Anschließend wurde ich dem Kloster „Gaden Jang Tse“ in Karnataka im Süden Indiens zugeteilt. Anfangs war alles sehr schwierig für mich und es fiel mir nicht leicht mich an die veränderten Lebensumstände zu gewöhnen. Es ist sehr heiß hier und im Sommer regnet es viel. Ich wurde oft krank,weil ich das Wasser trank, es scheint hier nicht so sauber zu sein wie in Tibet. Mittlerweile habe ich mich aber eingelebt, ich mag den Alltag im Kloster, die Arbeit und die Lehren.

Ich habe gute Freunde und auch wenn Tibet und Indien sehr verschieden sind, so kann ich hier im Kloster meine tibetischen Traditionen und meinen Glauben weiter leben.
Mein Ziel ist es, soviel wie möglich zu lernen um vielleicht einmal ein „Geshe“ zu werden,ein hoher Lehrer.
Irgendwann möchte ich so gerne in mein Dorf in Tibet zurückkehren um die Menschen dort zu unterrichten. Ich würde ihnen gerne sagen können,dass wir ein freies demokratisches Land sind, basierend auf einer anti-gewalttätigen Politik. Doch das ist momentan nicht möglich und ich weiß, dass ich meine Freunde und meine Familie erst wiedersehen kann, wenn Tibet frei sein wird.

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