Wohnungsmarkt München
Keine Anklage, kein Märchen, kein Happy End. Nur die Gegenwartsskizze eines Zimmersuchenden im wohl dichtesten Wohnungsmarkt Deutschlands.
Montag: 7 Mails, zwei Antworten, ein Telefonat, kein neuer Termin.
Christine sucht jemanden zur Zwischenmiete. Passt mir gut, ich bin eh nur vorübergehend hier. Heute würde es ihr passen, am besten am Abend. Klingt so ganz okay. Ich sitze mal wieder in der U-Bahn, heute schon zum sechsten Mal. Immer wieder dieselben Stationen, die vorbeirauschen. In welcher Richtung liegt noch mal die Innenstadt?
Christine öffnet mir die Tür barfuß, mit einer roten Stoffhose und einem weiten weißen T-Shirt bekleidet. Sie könnte gerade aufgestanden sein. Die Wohnung riecht nach Second Hand Laden. Das Zimmer ist wie in der Beschreibung TOP. Und dann die Lage… Gleich unten im Haus ist dieser Bioladen, weiß Christine zu berichten. Sie erzählt mir von wunderschönen „geheimnisvollen“ Flecken, die man von hier aus erreichen kann und wo man Energie tanken kann, während sie mir einen bengalischen Kräutertee anbietet und wir uns auf den Wohnzimmer-Stoffmatten ausbreiten.
Ein vegetarischer Haushalt wäre ihr schon wichtig und auch wenn sie schon etwas älter ist, sei sie nicht bereit die Mutterrolle zu übernehmen. Was ich brauche ist ein Zimmer und keine Mutter, will ich sagen. Dass ich liebend gerne der Fleischeslust fröhne und von Räucherstäbchen Kopfschmerzen und schlechte Laune kriege.
Wieder nicht gepasst, sage ich mir, als ich wieder in der U-Bahn sitze. Diesmal in Richtung Untergiesing. Seit einer Woche bin ich erst dabei, aber meine Ansprüche sind schon ins Bodenlose gesunken. 10m² für 450 €? Okay! 10 min bis zur Haltestelle Puchheim? Gebongt! Ein Kater und zwei freilaufende Tüpfelrennechsen? Logo!
Am Abend bin ich noch bei Gisela am Westend, die mit ihrer Tochter und ihrem Hund einen solventen Untermieter sucht. Schockiert verlasse ich die Wohnung schnell wieder und bete, dass sie mir nicht zusagt. Ein Zimmer abzuschlagen in meiner Situation… das brächte ich nicht übers Herz.
Dienstag: 4 Mails, eine Antwort, vier Telefonate, zwei neue Termin fürs Wochenende.
Wir stehen in der Wohnung von Dennis und Marco in Maxvorstadt im heimeligen Ambiente eines Sammeltermins. Ihre Wohnung ist komplett mit Zeitung ausgelegt (Renovierungsarbeiten gerade fertig.) und die beiden sichtlich überfordert mit der wohnungslüsternen Vagabundenmeute. Alle zwei Minuten klingelt es an der Tür und weitere Annas, 3. Semester Medizin, Christophs, Ausbildung zum Sportfachwirt, Michaels, Praktikum bei BMW, und Sabines, Erstsemester, drücken sich in die Wohnung. Eine coole Gang diese Wohnungssucher, mit Röhrenjeans, zerzausten Haaren oder eine im Minirock und einem rückenfreien Oberteil. Eine fragt, ob das hier eher eine Party-WG werden soll, und alle lachen. Warum?
Wir schreiben unsere Namen und Telefonnummern und so weiter auf ein Blatt Papier und Marco macht von jedem ein Foto. Ich grinse, es fällt mir leichter als gedacht. Als ich nach Hause gehe, lese ich die SMS von Tina aus der WG in Pasing. Sie haben sich für einen anderen entschieden. Vielleicht war er weniger verspannt, konnte tollere Sachen erzählen oder vielleicht sah er fantastisch aus… Wie auch immer. Ich hole meinen Master-Zettel hervor, streiche die Adresse durch. Der Zettel, der mittlerweile schon ein Buch ist. Vielleicht sollte ich es veröffentlichen. Ein Buch voller entspannter Mitbewohner, Zwischenmieten, 3er WG’s, Putzplänen, willkommenen alleinerziehenden Vätern, Nebenkosten, Warmmieten, W-LANs, Katzenhaarallergien, Nicht-Zweck WG’s, möblierten Zimmern in Milbertshofen, Bogenhausen, Schwanthalerhöhe, Schwabing, Obergiesing, Trudering, Am Hart, Lehel, Maxvorstadt, Glockenbachviertel, Pasing…
Mittwoch: 3 Mails, keine Antwort, zwei Telefonate, ein neuer Termin morgen.
Heute bin ich in Schwabing in einer 4er WG. Drei coole Säue sitzen mir gegenüber. Viel zu cool für mich. Ich versuche mich zu verstellen und lasse den Larry raushängen, gebe aber dann doch auf und frage ganz uncool, ob ich mal ihre Toilette benutzen dürfte. Sie haben pinke Tapete aufgehängt und goldene Glitzerfarbe drübergemalt. Das Pornoklo in der Szene-WG. „Ja also, ich hör hauptsächlich Stromgitarren-Musik.“, erkläre ich mich. Als ob jemand antworten würde: „Achsoooo, na dann zieh doch gleich hier ein!“ Sie würden sich dann melden, sagen sie und ich glaube ihnen fast.
Danach bin ich bei Julia und Julia. Kaum stehe ich in der Wohnung, klingelt es schon wieder an der Tür. Insgesamt vier „Kandidaten“ haben sie zu dem Termin geladen. Ich ärgere mich etwas darüber. Die beiden sehen fantastisch aus und stellen witzige Fragen. Sie genießen die Mitbewohnersuche, das ist offensichtlich. Neben mir am Küchentisch sitzt Jonas. Er ist etwas dicker, aber superlocker. Er redet so viel, dass ich gar nicht zu Wort kommen kann. Erzählt mit brüchiger Stimme, was für ein toller WG-Typ er doch ist und lacht über seine Witze, die keine sind. Soll ich es ihm sagen? Julia und Julia schauen sich an. Sie finden ihn uncool, gut so. Ich lehne mich zurück und mime den Geheimnisvollen. Ob wir denn Interesse hätten? Keine Frage! Ich würde den Putzplan allein übernehmen, würde mich durch den Briefkasten sprengen, nur um eine Nacht bei euch in der Wohnung zu schlafen. „Schon.“, sage ich. Das zirka zehnte Wort, das ich während des Termins aus meinem Mund höre, und drei Stunden später die SMS: „Du bist es leider nicht. Gruß J&J“
Am Abend lerne ich beim Verlassen einer Wohnung Matthias kennen, wir haben denselben Weg. Er ist jetzt schon zum zweiten Mal für einen Monat zur Zwischenmiete unterkommen, weil er bisher einfach nichts gefunden hat. Mir wird etwas mulmig. Ich habe noch maximal zwei Wochen, bis dahin MUSS ich etwas haben. Beim Betreten meines Zimmers, lese ich die SMS von Christine. „Habe mich für jemand anderes entschieden. Lieben gruß. C“ Toll. Der bengalische Kräutertee stößt mir immer noch sauer auf.
Donnerstag: 5 Mails, eine Antwort, zwei Telefonate, ein neuer Termin.
No more Sammeltermin, sage ich mir und cancel die zwei anstehenden Besichtigungen. Stattdessen mache ich mir einen schönen Tag in München, laufe die Kaufingerstraße hoch und runter und lege mich danach in den Englischen Garten. Um mich herum wird gebolzt, gesonnt, musiziert, gezeichnet und getrascht. So richtig dazu gehöre ich noch nicht. Ich bin immer noch der Touri, der Gast in München. In dieser verdammten Stadt, in der niemand meinen Namen kennt.
Am Abend bin ich im Hirschgarten und trinke Weißbier. Das Essen ist so na ja, aber das Bier schmeckt gut. „Diese Bayern…“ denke ich mir, schon so oft, seit ich hier bin. Zu gar nicht später Stunde taumel ich in die Nacht hinein. Die Schleißheimer Straße hoch, die Hohenzollernstraße entlang. Viel zu gut geht es mir, um mich zu beklagen, denke ich irgendwo zwischen Hohenzollernplatz und Münchner Freiheit.
Freitag: 2 Mails, zwei Antworten, kein Telefonat, kein neuer Termin.
Anna ist süß, aber anstrengend. Ich weiß, dass ich mit ihr nicht zusammen wohnen könnte, aber tu so, als ob ich es nicht bemerken würde. Als ob sie es nicht bemerken würde. Sie sei die meiste Zeit bei ihrem Freund, ist das erste, was sie sagt. Was soll das? „Rauchst du?“ „Nein.“ „Stört es dich, wenn ich rauche?“ „Nein.“ „Ok.“ Sie wohnt in einem Plattenbau und ich Trottel habe mir weder ihren Nachnamen noch ihre Telefonnummer aufgeschrieben. Gemeinsam mit einer älteren Hausbewohnerin hatte ich mich im Ausschlussverfahren durch die Klingeln gewühlt. Es klingelt. Der nächste bitte! Viel Glück weiterhin, sagt sie, als ich die Türschwelle übertrete. Und was soll das wieder?
Mein Handy klingelt und zeigt eine unbekannte Nummer an. Ich bleibe stehen, hoffe, warte ab, gehe ran. Meine Mutter. Wie es mir gehe. Was ich grad mache. Ob sie mich irgendwie unterstützen könne? „Na ja, ne, alles ok.“ Alles ok.






Kommentare
Oje, Sebastian, da hatte ich mehr Glück. Bin vor anderthalb Jahren nach München gezogen und ein paar Wochen vor dem beruflichen Start für vier Tage hergekommen, um mir WGs anzuschauen. Hab mir vier oder fünf angeschaut und war nur von einer richtig begeistert. Das hab ich meinem jetzigen Mitbewohner auch cirka 95837 Mal gesagt: "WOW, das wäre der WAHNSINN, wenn du mich nehmen würdest!" Er war hingerissen, hat mir auf die Schulter geklopft und gesagt: "Hey, ich glaub, das passt."
27.10.2008, 10:19 von pepe79Seitdem wohne ich für unfassbar wenig Geld (!) in einer Pasinger WG. Mein Mitbewohner ist nur 2 Tage die Woche da, und ich hab mal richtig Schwein gehabt.
Aber sicher hast du mittlerweile auch was gefunden, gell!? ;) Oder bist sogar schon wieder raus aus dem bayrischen Exil ... !? :)
naja, er hat halt erstens sparsame und zweitens hohe ansprüche ;) ich muss sagen, so n kräuterfräulein hätte mich dann auch nich groß gestört, solange sie mein zimmer nich vollräuchert xD christine mein ich glaub ich...
27.09.2007, 17:09 von BlondBlauBloedsehr lustig, erinnert mich so an Herrn Lehmann, wegen dem natürlichen Sarkasmus, den dein Leben da so mit sich bringt ;)
OH GOTT, JA!!!!
09.09.2007, 15:02 von StjaernaflickaIch suche derzeit in Kiel und kann einfach nicht mehr ... das ist echt der Hammer. Teilweise etwa 4o Mitbewerber auf ein Zimmer .. es ist unfassbar. Hääte eine Traum-WG, aber da sind die Chancen eben .. nää? :(
interessant.
07.09.2007, 22:29 von NeonBlondHabe ich alles vor 6 Jahren in München durchgemacht. Ich habe keine WG gesucht, sondern eine normale kleine Wohnung für mich alleine.
07.09.2007, 22:04 von beclesSchade, dass es sich in der Zwischenzeit scheinbar nicht gebessert hat. Ich drücke Dir die Daumen. Es gehört total viel Glück dazu.
Kann das ganze leider sehr gut nachvollziehen. Bin grad auf der Wohnungssuche, sicher schon 15 Besichtigungen hinter mir, mittlerweile hab ich so gut wie gar keine Ansprüche mehr. trotzdem nichts...viel glück dir
07.09.2007, 20:48 von JeanTimonOh je...das kenne ich nur zu gut. Musste ich im April in München auch durchmachen. Das is hier echt der Gipfel der Frechheit was die einem teilweise anbieten. Das schlimme hier in München ist, dass hier fast jedes Drecksloch einen Mieter bekommt! Ich hatte dann totales Glück. Nach 3x in München, habe ich dann was verhältnismäßig günstiges in der Maxvorstadt bekommen...Wünsch Dir weiterhin viel Glück bei der Suche!
05.09.2007, 14:11 von RedPepper85Tip: Selber eine 2-Zimmer-Wohnung mieten und einen Mitbewohner suchen. Dann haste freie Auswahl und sofort jemanden, der die halbe Miete zahlt.
05.09.2007, 11:46 von chessigeIn Berlin hier die Qual der Wahl.Auf meine Anfrage im Immoscout in meiner, anscheinend erbärmlichen ,Preisvorstellung in München nix in Berlin in 5km Umkreis um Prenz#berg 1035Ergebnisse,ja mai ka Wunder,des des net kloappen tuat
05.09.2007, 11:33 von Trommler