sunworld 02.09.2009, 21:14 Uhr 0 0

Wohin geht es, Stadt am Kap?

Das schwierigste war, mich zwischen meinen Emotions- und Gedankenpolen zu entscheiden.

Aber ich hatte es mir ja so ausgesucht, alle gehen in die USA oder nach Down Under, ich ging nach Kapstadt, Südafrika. Schon beim Flug fühlte ich mich wie beim Zappen zwischen veschiedenen Georeportagen:
-Frankfurt/Main, einer der größten internationalen Flughäfen, modern mit allem Schnick Schnack den man braucht oder auch nicht,

-Niemandsland Flug-

- Dubai Airport mit „Hallal food“, Gebetsräumen und einer Lautsprecherdurchsage, die während meines fünf Stunden währenden Aufenthalts keine Sekunde unterbrochen wurde und deren Sprachklang sich in meine europäischen Ohren einbohrte und bis heute geblieben ist

-Niemandsland Flug-

- Cape Town Airport, kaum größer als ein Bahnhof einer mittelgroßen Stadt in unseren Breiten in einer Stadt mit 2,5 Mio Einwohnern (ausgeschlossen der Menschen in den Slums).

Meine erstes Erlebnis kam unmittelbar nach der Landung: Der nette Herr am Checkout Schalter beschlagnahmte meinen Reisepass mit der Absicht meine E-Mail Adresse von mir zu erpressen ( “ I lika ya‘ European blonda girls, ey!“). Er sollte der erste von unfassbar vielen "schwarzen" Männern sein, die mir, der blonden großen Frau, mehr oder weniger galant, den Hof machten. Ich lehne Klischees aus Prinzip ab, aber dieses habe ich am eigenen Leib erfahren. Es folgten Busfahrer, die um mich zu begleiten ihre Schicht abbrachen, ca fünfzig Hochzeitsanträge etc. Jede Frau genießt es, angeflirtet zu werden, aber manchmal kam ich mir vor wie ein Hund. Ich sage das nicht gern, es tut mir leid, aber so war mein Empfinden.

Das Erlebnis am Checkout war der Beginn meines Lernprozesses darüber, dass es trotz unserer modernen, multikulturellen und emanzipierten Welt immer noch eine weite Schere zwischen Menschen gibt, zwischen reich und arm, und hier besonders „schwarz“ und „weiß“ ( Ein kleiner gedanklicher Exkurs an dieser Stelle: Warum ist es etwas besonderes, wenn ein „schwarzer“ oder „farbiger“ Mann Präsident wird? Ist das nicht sowas wie positive Diskriminierung? Es sollte schlichtweg egal sein, welche Hautfarbe jemand hat).

Cape Town ist der Tafelberg, Robben Island und das Kap der guten Hoffnung; aber vor allem einer der am meisten polarisierendsten Orte die ich mir vorstellen kann.
Im Süden liegen die berühmten südafrikanischen Weinberge mit den dazugehörigen Guten und Villen und im Südosten eins der größten Slums der Welt, die Cape Flats mit geschätzten 2 Mio Einwohnern. Ich wünsche mir, nie wieder ein so schlechtes Gewissen haben zu müssen wie in den Momenten, die ich in den Slums verbrachte (Ich machte keine dieser geführten, widerlichen Touren durch die Slums mit, diesen kommerzbasierenden, sensationsgeilen Menschenleid-Beschauungen – ich musste lediglich ein paar Mal durchfahren), ich schämte mich meines verwöhnten, großkotzingen und ignoranten, industrialisierten Lebensstils und musste heulen bei dem Anblick, den mir diese Lebensumstände boten.
Diesem schlechten Gewissen stand ein Sammelsurium an Erlebnissen gegenüber: Als "reiche/r" (blonde/r) Europäer/in sticht man aus der Masse hervor und zusammengewickelte Decken in den Armen der Frauen sollen Babies vortäuschen, um Geld zu bekommen, der Taxifahrer hält vor eine Horde kleiner Kinder, die die Autotüre öffnen damit man nicht anders kann, als zu zahlen, Essen wird in der Hoffnung erbettelt, dass man Geld statt Essen gibt und letzteres wird im andern Fall sofort weggeschmissen etc. Außerdem wurden innerhalb eines Monats so viele Menschen in meinem Umfeld ausgeraubt, mit vorgehaltenen Waffen, dass ich jetzt noch, rückwirkend, Angst bekomme – dort durfte ich das lange Zeit nicht zu nah an mich heranlassen, eine Art seelischer Selbstschutz. Erst als zwei Tage vor meiner Abreise eine Kommilitonin verschwand und bis heute, fünf Monate später, nicht gefunden wurde, stieg mir eine lähmende Angst die Kehle hoch und gipfelte in einem Heulkrampf als ich in meiner letzten Nacht hörte, wie in der Wohnung neben mir eingebrochen wurde.
(" You've to get along with it ey, you'ra in tha second most criminal cantry of the world, and its second most criminal ciddy, so just take it, ey").

Wieder herumgerissen wird mein Emotionspendel bei dem Gedanken an die Energie, die diese Stadt treibt, ein Puls aus multikultureller Mentalität, niemals schlafenden Stadtteilen, offenen und charakterstarken Menschen und atemberaubend schöner Landschaft. So viele Sichtweisen habe ich nie in diesem Zeitfenster gelernt wie von den Menschen dort, noch nie so viele Sprachen auf einmal gehört. Die bunten Häuser des Bo Kaap, die Märkte, der Wechsel zwischen hochmodernisierten Hochhäusern und Straßenständen, Pinguinen und Löwen, weißen Traumstränden und dem Table Mountain, die Long Street und Cape Point, an dem zwei Weltmeere aufeinander treffen, machen die Stadt einzigartig.

Jeder Capetonian ist sich den beiden Seiten der Stadt bewusst. Verzweifelt wird versucht, den Anschluss an die "moderne Welt" zu erlangen und alles andere hinter sich zu lassen - es werden Gesetze erlassen, dass jeder "Schwarze" von Personalchefs nur aufgrund seiner Hautfarbe bevorzugt werden muss, was alle anders farbigen aufbringt; es gibt eine Art Ableger der britischen (also modernen, cosmopoliten) Daily Sun, in welcher aber nur von Aberglaube, Hexenzauber und Naturgöttern die Rede ist, und so weiter.
Meine Ambivalenz über diese Stadt habe ich also von ihr übernommen. Wo „Get healthy stores“ auf eine schwindelerregend Hohe Aidsrate treffen (an der Uni ist jeder Dritte HIV positiv), öffentliche Korruption und Betrug den Wirtschafts- und Wohlstandswachstum hemmen, junge Männer für vier Wochen in den Busch geschickt werden um die alten Bräuche zu lernen und danach International Economics studieren und die Apartheid noch viel zu präsent in den Köpfen ist fragt man sich, wo diese Stadt, dieses Land hingeht.
Keiner weiß es – nur in einem sind sich die Capetonians sicher: Niemand glaubt, dass „das mit der WM nächstes Jahr funktionieren kann“.

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