fantatierchen 15.05.2011, 21:58 Uhr 16 12

Wir

Und dann springen wir doch.

Wir sagen niemals wir, denn wir sind sozial inkompetent. Wir denken, dass wir machen, was wir wollen, aber in Wirklichkeit sind wir die ganze Zeit unablässig damit beschäftigt, dem hinterherzurennen, was andere von uns wollen. Wir sind seltsam. Der Gedanke, dass wir einzigartig sind, schwebt über uns wie ein Luftballon. Und platzt genauso schnell, wenn wir einander begegnen und feststellen, dass wir nur so lange einzigartig sind, wie wir alleine bleiben.

Wir bleiben alleine. Weil es niemand schafft, es lange mit uns auszuhalten. Weil wir schwer aushaltbar sind. Anstrengend. Nervtötend. Auf dem Individualisierungstrip, der schlimmer ist als Koksen. Er vernebelt unser Hirn. Der Blick in den Spiegel? Wir schauen hinter die Scherben. 7 Jahre Pech. Wir scheißen drauf, wie auf so vieles andere auch. Nachts ist niemand da, um zu sehen, dass wir weinen.

Wir sind einsam. Wenn wir es nicht wären, wären wir nicht einzig genug. Alleinsein tut gut. Alleinsein gibt Recht. Alleinsein schafft so eine Aura, auf die wir stolz sind. Wir polieren unseren Heiligenschein und kultivieren unser Nuttenimage. Manchmal sind wir selber der Spiegel. Da ist diese Barriere zwischen uns und der Welt, und wir haben nicht den Mut, die Augen zu schließen und zu springen.

Wir lachen oft. Weil Lachen gut tut. Aber wir meinen es nicht immer so, obwohl wir nicht lügen wollen. Wir wollen ehrlich und direkt sein und allen anderen alles andere ins Gesicht kotzen, wenn uns etwas nicht passt. Aber dann unterdrücken wir den Brechreiz und lachen lieber.

Wir wissen nicht, was wir vom Leben noch erwarten können, denn wir haben stets zu viel erwartet und zu wenig bekommen. Wir stehen mit unseren leeren Tellern in der Schlange und wollen uns überraschen lassen. Doch wir hassen Überraschungen. Wir sind mäkelig. Es ist der Kontrollwahn, der uns heimlich heimsucht.

Wir ziehen an Hebeln, drücken Schalter und hören mit Genugtuung dem Rasseln und Rattern zu, das dann folgt. Und dann bekommen wir Angst. Angst vor der Reaktion. Wir wollen gar nicht hören, was andere sagen und denken. Über uns. Über das, was wir tun. Oder sagen. Wir schweben auf der Grenze zwischen Machen und Zögern.

Und dann springen wir doch.

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16 Antworten

Kommentare

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    und dann springen wir doch - aber häufiger in richtung "zögern" als in richtung "machen".

    mir gefällt, wie du denkst.
    und mir gefällt, wie du schreibst.
    gerne mehr.

    23.08.2011, 16:24 von sommer-haus
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    Klingt für mich nach dem Alltag einer gespaltenen Persönlcihkeit. Nur in sehr schöne Sätze geformt und mit Worten umschrieben.

    23.07.2011, 19:11 von Robert-aus-Wien
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    wir wissen anscheinend alles, wie alles funktioniert, sonnst würde es dich nicht geben, die uns erklärt wie die Dinge sind. wir schließen von uns auf andere und denken wir haben das recht dazu, weil wir eben besser , vor allem anders sind, weil wir erkannt haben, dass alle anderen immer nur gleich sind... oder?

    24.05.2011, 01:23 von urs
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    Der große Phisoloph Freddy Qiunn hat zu dem Thema doch schon alles gesagt...

    http://www.youtube.com/watch?v=4toCZmzILIs

    18.05.2011, 08:55 von sailor
    • 0

      @sailor Für die, die Freddy nicht kenne, seine Reinkarnation hats auch nochmal gesungen:

      http://www.youtube.com/watch?v=047yHml-jYM

      18.05.2011, 09:05 von quatzat
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    Ich find den Text nicht so prickelnd. Mir fehlt dabei eine Identifikationsgrundlage. Also, für mich, aber vielleicht liegt es daran, daß ich ein Ich-Mensch bin und kein Wir-Mensch?
    Irgendwie geht er nicht so an mich ran, die vielen Wirs irritieren mich und für mich stellt sich die Frage, ob es dieses Wir überhaupt gibt. Oder impliziert das der Text und ich bin nur zu blöd, um es herauszulesen?
    Schwierige Sache das.

    17.05.2011, 21:10 von MmePetit
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    viele einzelne ICH's werden unweigerlich zu einem WIR, wenn jedes ICH für sich erkennt, dass es eines von vielen ist....
    Wir sind einsam. Wenn wir es nicht wären, wären wir nicht einzig genug. Alleinsein tut gut. Alleinsein gibt Recht. Alleinsein schafft so eine Aura, auf die wir stolz sind.

    Denkbar wäre ja, dass das "ICH" in dieser Story erkannt hat, dass es mit seiner Meinung, Lebenseinstellung usw. nicht alleine ist... Natürlich könnte man so ein "WIR" korrekter ausdrücken, zB als "eine Ansammlung von Menschen, die die selbe Lebenseinstellung wie ich haben" oder "eine Gruppierung von Individuen, welche annähernd die gleichen Gesinnungen hat wie ich". Ja, man könnte jedes "WIR" umschreiben, aber es wäre doch irgendwie anstrengend!

    toller text, gefällt mir gut!
    EMPFEHLUNG!

    17.05.2011, 20:16 von Yulara
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      @Yulara Wir??
      Was ist wir? Wer ist Wir? Die, die sich hinsezten, lamentieren und jammern, wie alleine sie doch sind und es doch sein wollen? Und wer ist das?
      Diese Wir- Leute, die nicht aus ihrem Ich herauskommen und nur weiter Texte schreiben um auf ihr ach so großes Leid und ihre ach so einzigartige Einzigartigkeit aufmerksam machen, tut mir Leid, aber dafür hab ich kein Verständnis, keine netten Worte und schon gar gein Empatiegefühl. Vielleicht ein Hauch von Abneigung, bis hin zu Verachtung, die sich unter die Gleichgültigkeit mischt.
      Mein Liebes Wir, das Leben ist hart, ja, aber Resignation führt zu Stagnation, und euer Leid interessiert bei weitem nicht jeden!
      Wer sein Leben nicht anpackt, kann nicht Leben.
      Und: Wohin führt der Sprung? In das Leben zurück? Vom Hochhaus?

      18.05.2011, 17:33 von LonleyHeart
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    Dieser Text ist der Wahnsinn...ich hab heute schon kurz die Empfehlung auf Facebook gesehen und mir nur gedacht, ich muss ihn unbedingt lesen. Nach einem Tag wie diesem, kann ich nur zustimmen und es macht mich froh, das diese Gedanken auch Andere haben. Toll, ehrlich....toll!!!!

    17.05.2011, 19:10 von sternenfeanger
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    Musste während des Lesens an die Generation der 20-35 jährigen denken, die von der Gesellschaft gerne dieses stigmatisierende Lebensgefühl der Sinnsuche, Unsicherheit und Zerrissenheit vorgehalten bekommt.
    Weiß nicht, ob das mit dem kollektiven Wir, dem das Alleinsein Ich gegenübergestellt ist, gemeint sein soll.

    17.05.2011, 18:59 von Kadipurzel
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      @derHerrMitDemPixel danke, du drückst meine Gedanken aus.

      17.05.2011, 23:20 von you.did.it
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NEON fürs Tablet: iOS und Android!

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