Wir sind keine 68er!
Ein weißes Bettuch mit roter Schrift. Ein Wort steht darauf: Besetzt!
Es hängt über dem Eingang zum Audi Max und wirkt ein wenig verloren, wenn man die Stufen zu dem großen Gebäude hinaufgeht! Besetzt? Von wegen, ein kleiner Raum ist besetzt, darauf haben sich die Studierendenschaft und Unileitung geeinigt, in bestem Einvernehmen. Ein paar ganz Unerschrockene, beinahe realitätsferne Wesen, sitzen in dem Raum und malen ein paar Pappplakate an. Sie malen Pappplakate an? Das ist alles wozu unsere Generation fähig ist?? Pappplakate anmalen?? Wir haben den revolutionären Elan von Weinbergschnecken. Das ist doch kein echter Protest...
Bildungsstreik! Wie viel hat man davon in den Zeitungen gelesen und im Fernsehen gesehen? Genau genommen war es gar kein Streik. Niemand hat Seminare oder Vorlesungen ausfallen lassen, die Reihen waren gut gefüllt wie immer. Beziehungsweise überfüllt wie immer. Was will man auch anderes machen, als bei wichtigen Veranstaltungen zu erscheinen? Den Hornbrille und Kordhose tragenden Dozenten, der aussieht als wäre er von Mutti eingekleidet worden, obwohl weit jenseits der 40, und der aus Ermangelung anderer die seine Witze lustig finden immer selbst über seine Späße lacht, wird es wenig interessieren, wenn man in der Klausur schreibt: Sorry, das weiß ich nicht... ich war protestieren! Auch eine Antwort à la: Was ist denn das für eine scheiß-bourgeoise Fragestellung wäre wohl nur suboptimal.
Und so gehen fast alle hin, und die die nicht hingehen streiken nicht etwa, die haben ganz einfach verschlafen und wären sonst auch nicht da. Man hat uns zum funktionieren erzogen, nicht zum protestieren. Und was anderes als funktionieren scheinen wir auch nicht mehr zu können, selbst wenn wir wollen. Die Proteste wirken halbherzig, die Ziele reichen von kompletter Abschaffung des Bachelor/ Master Systems bis zur Bafög Erhöhung und wirken diffus, mehr Schüler als Studenten sind bei der Demo. Sie sind die einzigen die wirklich streiken, mehr um frei zu haben als weil sie sich mit den Zielen identifizieren oder überhaupt wissen um was es geht. Wir sind bestimmt die freundlichsten, wohlgesittetsten Demonstranten die man sich vorstellen kann: Am Ende des Zuges spricht ein roter Lockenkopf unermüdlich in sein Megaphon: Doch es sind keine pathetischen oder provozierenden Parolen zu hören, kein „Ho Ho Ho Che Minh“, im Gegenteil, er wirbt um Verständnis bei den Autofahrern, die sich hinter der Demo stauen, gestresste Krawattenträger oder kaffeesüchtige Hosenanzugträgerinnen, die ebenso gut funktionieren wie wir, und dem Streik an sich so wohlgesonnen und verständnisvoll gegenüberstehen wie die Politiker, sich aber in dem Moment wohl denken: Müssen die den Terz ausgerechnet heute veranstalten??
Und so war der Protest kein großer Schnitt sondern nur ein kleines Intermezzo, der nur bewiesen hat, dass sich vor uns kein Politiker oder späterer Arbeitgeber zu fürchten hat. Es geht nicht um große gesellschaftliche Reformen, wir fordern nicht das „Unmögliche“ wie die 68er, wir sind bequem, und hocken uns lieber zum lernen in eine stickige Unibibliothek als in der Zeit im Regen für Reformen zu demonstrieren, die wir wohl eh nicht mehr erleben werden, wenn wir nicht erfolglose Langzeitstudenten werden. Und das darf auf gar keinen Fall passieren: Man muss schnell und gut studieren, viele Praktika machen, ein Auslandssemster kommt immer gut, eine Vereinstätigkeit haben um zu zeigen, dass man trotz allem Stress fähig ist soziale Kontakte zu erhalten und so konzentriert man sich auf die eigene Zukunft und denkt: „Die anderen machen das schon, und wenn nicht, habe ich wenigstens nicht meine Zeit verschwendet.“
Ich war nicht bei der Demonstration, sondern bin nur an ihr vorbeigelaufen. Zur Uni –lernen...






Kommentare
Pappplakate anmalen?? Wir haben den revolutionären Elan von Weinbergschnecken.
15.06.2010, 12:34 von pfuetzenhuepferinyesssss , sir!