weAreAnimals 24.02.2011, 20:08 Uhr 16 26

Wir sind Bücher

Janina heißt eigentlich Ina

Jeder Mensch hat seine Geschichte. Sie setzt sich aus vielen kleinen Geschichten zusammen, denn hinter jeder Beziehung, hinter jedem Kratzer und hinter jeder Miene verstecken sie sich, und so entsteht die Chronik unserer Leben.
Das Mädchen hat blaue Haare, der Junge lacht nie, die Frau dafür immer, Ina heißt eigentlich Janina, aber sie kommt nicht gerne darauf zu sprechen und wir alle haben etwas zu erzählen, erzählen es aber selten und die meisten Menschen, die uns begegnen, werden es nie wissen: warum wir es getan haben, warum wir so sind, wie wir sind, und warum wir so aussehen, wie wir aussehen.

Wenn man erst einmal anfängt die Menschen und Dinge so zu betrachten, dann fällt es schon fast schwer, sich davon zu lösen.
Ich sitze in der Bahn, überall Menschen, es ist voll. Alte stehen, Junge sitzen und manchmal auch umgekehrt, und nicht so selten geben die Jungen den Alten ihre Sitzplätze. Warum? Weil Mama es ihnen gesagt hat? Weil sie an ihre Oma oder ihren Opa erinnert werden? Weil sie etwas wieder gutmachen wollen, was sie nicht wieder gut machen können?
Eine Frau hat ein Buch in der Hand. Es ist alt. Zerfleddert und irgendwie schön, denn es erzählt zwei Geschichten: die in Buchstaben verfasste auf den Seiten, die langsam vergilben, und die andere.
Hat sie es von ihrem Vater? Tante? Onkel? Amazon? Wer hatte es davor und woher kommt es?
Ich sehe raus. Fahre an Häusern, Autos und Menschen vorbei, und dann fahren sie an mir vorbei und dann stehe ich und nichts bewegt sich.
Da sehe ich sie.
Ihr Haar ist kurz und sie steht neben einem Jungen, der sie anschaut. Sie bemerkt es erst nicht, sondern sieht sich nach etwas oder jemandem um.
Sind sie zusammen? Sie stehen weder nah genug nebeneinander noch weit genug von einander, dass man es wirklich sagen könnte.
Was ist ihre Geschichte? Liebt er sie und sie mag ihn nur? Sind sie verliebt und zusammen? Ist sie unglücklich und er glücklich?
Neben mich setzt sich ein älterer Herr, aber normalerweise würde ich sagen Opa.
Er hat eine dicke Winterjacke und seine Mütze find ich schräg, aber sie hat Stil. Er nimmt sie ab und lächelt mir zu. Ich muss auch lächeln.
Hat er Enkel? Hat er überhaupt Kinder? Eine Frau?
Mein Blick huscht an seine Hand. Ein Ring.
Ich drehe mich zum Fenster und stelle mir vor wie er vor 60 Jahren ausgesehen haben musste. Wie seine Frau aussieht? Aussah? Woher sie sich kennen? Was er erlebt hat? Ich muss aussteigen. Ich bitte den Herren mich rauszulassen, und sobald ich aus der Bahn bin, fange ich an die Fragen zu den Geschichten der mir unbekannten Menschen zu vergessen.
Ich setze mich auf eine Bank und warte.
Dabei frage ich mich: Wer saß hier schon und was hat er hier erlebt? Auf dieser Bank, in diesem Park.
Ich sitze auf der Chronik einer Bank und möchte eine kleine Geschichte anfügen. Eine von vielen Episoden.

Menschen sind wie Romane, sie haben ihre Kapitel und Geschichten.
Dinge und Orte sind wie Prosasammlungen. Voll von Kurzgeschichten.

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16 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ich weiß nicht warum, aber irgendwie berührt mich der Text.

    27.02.2011, 14:50 von hopeful
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  • 0

    Der Text ist sehr schön geschrieben... Schön zu lesen und ich kenn das auch, von den Gedanken her, andere zu beobachten...

    27.02.2011, 01:10 von wurstsemmel
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  • 0

    sehr schön, ich konnte mich wiederfinden.
    genau SO sitze ich im bus, oder in der bahn.
    ich gucke mir die leute an und frage mich , wer sie sind, wie sie leben, was sie fühlen, warum sie grade so aussehen, wie sie aussehen, was sie als nächstes tun werden und wie ihr tag war
    ich liebe das!

    26.02.2011, 16:23 von Gluecksaktivistin
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    ich finds gut geschrieben, aber inhaltlich zu sehr um irgendeine aussage bemüht, die einem ab spätestens 16 nicht mehr vom hocker reißt. das ist ungefähr 100 km vor dem ort, an dem poesie, literatur oder einfach hip hop beginnt.

    26.02.2011, 13:50 von limbonic
    • 0

      @limbonic welche aussage?

      26.02.2011, 18:49 von weAreAnimals
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  • 0

    ich mags.
    sehr schön.

    praxiserprobt bei längeren Bahnfahrten.

    25.02.2011, 23:06 von Dr.Brot
    • 0

      @Dr.Brot Kenn ich diese Gedanken. Jeden morgen 1 Stunde Bahnfahren, da kommt man schonmal drauf. Aber sehr schön in Worte gefaßt! Danke.

      26.02.2011, 11:48 von MmePetit
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  • 0

    das ist geil.

    25.02.2011, 22:30 von lisalila
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  • 0

    Wirklich schön geschrieben. Man wünscht sich, dass die Erzählung weitergeht, doch plötzlich kommt da dieses ungewünschte Ende, das immer kommt.

    25.02.2011, 21:45 von Nuuk88
    • 0

      @Nuuk88 länger geht immer. ich nehms mal so mit und schreibe nich mehr so kurz...alles hat n ende nur die wurst hat zwei :P

      26.02.2011, 01:04 von weAreAnimals
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] passiert alles mal.

      26.02.2011, 01:02 von weAreAnimals
  • 0

    sehr schön.

    man bekommt leider (fast) nie antworten auf diese fragen, aber mir gefällt es, sich dem manchmal hektischen drumherum durch diese eigene gedankenwelt zu entziehen und auch, mal die menschen hinter ihren fassaden versuchen zu sehen.

    25.02.2011, 20:28 von konsTante
    • 0

      @konsTante ich kenne die antworten nicht. es geht darum sich selbst damit auseinander zusetzen..ist doch schön mal etwas auch nicht zu wissen.

      25.02.2011, 20:40 von weAreAnimals
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  • 0

    Romantisch. Gefällt mir sehr.

    25.02.2011, 18:26 von Jackie_Grey
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