Melliteratur 19.04.2012, 10:42 Uhr 0 2

Wir könnten im Paradies leben

“Wenn erstmal die Revolution da ist, dann werd' ich euch, dich und dich und dich, mit Freude abknallen.”

Du magst keine Tomaten. Das war nicht immer so. Als Kind hast du immerhin noch Ketchup gegessen. Aber da wusstest du auch noch nicht so viel. Gerade genug, um glücklich zu sein. Auch ohne Tomaten.

Heute weißt du Einiges. Aber das Glücklichsein hast du irgendwie verloren. Da gibt es nur noch die Gedanken in deinem Kopf. Gedanken, die weh tun. Dir und der Welt. Wenn du es denn mal schaffst, dich mitzuteilen. Etwas von dem Zeug in deinem Kopf zu artikulieren. Irgendwann ist das bestimmt auch illegal. So wie Land und Wasser. Nur eine Frage der Zeit, bis man Steuern auf das Sprechen zahlen muss. Sprache=Staatseigentum oder so. Agentur für Kommunikation, da will sowieso schon jeder arbeiten. Und einer steht an der Straße mit 'nem Schild, Fünf Worte für 1Euro. Dir wäre lieber, da würde jemand mit Gemüse stehen. Es gibt die ja noch. Manchmal. Die Marktschreier. Aber ob die Tomaten von dem Mann mit dem roten Kopf besser sind?

Die meisten Gedanken über lokale Bauern und globales Versauern bleiben in deinem Kopf. Die würden dich doch nur irgendwann wegsperren oder einweisen, nennen die das dann freundlicherweise.

Wie kann das sein? Es ist doch nur Gemüse.

Leute. Der Regen fällt. Die Sonne scheint. Die Pflanzen wachsen. Wozu brauchen wir noch mal das Bankensystem?

Kein Wunder, dass die Tomaten dir nicht schmecken. Ohne Inhalt. Knallroter Wassermatsch. Aber bei deinem Gehalt kannst du dir was Anderes nicht leisten. Du weißt, du musst dich dem mehr entziehen. Ein neues Leben wäre schön. Mit frischen Tomaten und ohne Maggi. Die pure Frucht. Natürlich süß. Natürlich schön. Natürlich.

Natürlich willst du dein Essen selbst anbauen. Aber mit Monsanto nebenan, dem Strahlengewitter aus Japan, dem Plastik in der Erde, den Hormonen im Grundwasser, dem Dreck in der Luft und dem Müll in der Welt und... hat überhaupt schon mal jemand, irgendwer, eine echte, so eine richtige, eine Tomate gegessen?

Und manchmal tun die Gedanken dir so weh, da willst du, dass wir ungenießbare Discounter Tomaten klauen, dann nach Berlin fahren und den Damen und Herren von der Regierung den Fraß vor den Bundestag werfen. Wir zwingen sie natürlich dazu, den Dreck zu konsumieren, indem wir damit drohen, dass wir sie sonst gegen EHEC impfen. Und wenn Herr oder Frau Präsident dann merkt, dass die Mehrheit seines oder ihres Volkes sich von diesem Dreck ernähren muss und trotzdem weiter jeden Morgen fröhlich versklavt im Stau steht. Tja. Wer ist sich dann seiner Macht bewusst?

Du bist wütend und traurig aber vor allem hungrig. Du ernährst dich gar nicht mehr. Alles widert dich an. Fleisch sowieso schon immer und auch Fisch ist seit langem keine Option mehr für dich. Selbst bei Brot und Sojamilch ist es eher so, als würdest du deinen Körper vergiften, anstatt ihm was Gutes zu tun. Doch auch als Veganer kannst du nicht leben, überleben ja, aber leben, nein lecker sind die Tomaten wirklich nicht. Außerdem scheint den meisten Gemüseessern gar nicht klar zu sein, was Massenanbau von Feldfrüchten der Umwelt antun kann. Und in unserem System muss immer alles Masse sein. Massen für die Massen. Immer mehr. Und mehr. Und schneller und schneller. Wachstum! Unter Umständen ist ein saftiges Steak da politisch korrekter, als zu viele tote Pflanzen auf dem Teller. Eine Zeit lang wolltest du von Luft und Liebe leben. Doch dann hast du festgestellt, dass sich in dieser Ernährungweise noch viel mehr schmerzvolle Inhalststoffe verstecken.

Vor ein paar Tagen bist du von der Uni zur Ubahn Stephansplatz gegangen. Und da stand so ein Mann. Einer, um den man besser einen Bogen macht, weil er nicht nur ungepflegt aussieht und unangenehm riecht, sondern weil er mit dem Finger auf Leute zeigt und Sachen sagt wie: “Wenn erstmal die Revolution da ist, dann werd' ich euch, dich und dich und dich, mit Freude abknallen.”

Und du denkst, wenn erstmal die Revolution da war und das System gestürzt und eine neue schöne Welt aufgebaut wird, wie lange dauert es wohl, bis alles sich erholt hat? Bis die Flüsse rein, die Wälder voll und die Luft wieder sauber ist und du endlich eine Tomaten essen kannst? Eine Richtige. Natürliches Gemüse.

Leute. Der Regen fällt. Die Sonne scheint. Die Pflanzen wachsen. Wir könnten im Paradies leben.

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