Melliteratur 30.11.-0001, 00:00 Uhr 24 32

Wir alle zusammen sind so verdammt allein

Wir - die über Gott und die Hipster lachen und bitte auch jeden Scheiß mitmachen und am Ende doch noch sowas wie Hoffnung haben.

Wir - die alles wollen, ganz und sofort und bitte noch schneller und schöner und höher. Wir - die mit Kitschkonfetti dunkle Clubs bombardieren und bitte auch mit Glitzer und nie aufhören und auch den DJ. Wir - die nicht mehr nur Händchen halten, sondern gleich unsere Körper aneinander zerschellen lassen und bitte noch doller und mit jedem einmal und auch zu dritt. Wir - die immer voll drauf sind und bitte auch mit harten Sachen und legal ist, was Du draus machst und bloß keine Pause einlegen. Wir - die ohne Grund gehen und fallen und bitte noch nicht stehen bleiben, nie bleiben und immer noch weiter machen. Wir - die ohne Grenzen leben wollen und bitte auch mit Gefahr und Aufregung und Konsequenzen gibt's nur morgen. Wir - die sowas von kaputt gegangen vor uns selber weglaufen und bitte noch mehr Ablenkung und neu ist schon von vorgestern und alt werden nur die andern. Wir - die über Gott und die Hipster lachen und bitte auch jeden Scheiß mitmachen und am Ende doch noch sowas wie Hoffnung haben. Wir - die jeden kennen und keinen lieben und bitte noch mehr Likes und Follower und wir sind gar nicht einsam, sondern frei. Wir - die als erstes und letztes auf's Smartphone blicken und bitte auch den Laptop an und Kopfhörer in der Ubahn und bloß nicht den Nachbarn ansprechen. Wir - die Obsessionen in Person und bitte noch mehr Extreme und Kopfzerbrechen und Herzzerreißen, ausgeglichen bedeutet für uns Langeweile. Wir - die immer etwas vermissen und bitte auch verdrängen und verdrehen und auf keinen Fall annehmen können. Wir - die alles besser wissen und bitte immer noch mehr erfahren und überall gewesen sind und doch kein Zuhause haben. Wir - die nie genug bekommen können und bitte auch zu viel von allem und mit allen verbunden noch nie so allein waren. Wir - die sich für alles interessieren und bitte noch einen Blog schreiben und Essen fotografieren und sich total individuell in der Masse verlieren. Wir - die intellektuelles Getue lieben und bitte auch mit Arroganz und wahnsinnig authentisch jedes Studium abbrechen. Wir­ - die Innovativen der Zukunft, die nicht mit der Vergangenheit klar kommen und bitte noch eine Psychotherapie machen und niemals mit den Eltern sprechen. Wir - die weltoffen sind für Trends und bitte auch hyperkulturell und sich Freunde bei Facebook suchen und am meisten uns selber hassen. Wir - die so vieles anders und doch nichts besser machen und bitte auch immer an die Nazis denken und Atomenergie und Afrika und Hauptsache Geld zum Feiern haben. Wir - die auf Youtube für's Leben lernen und bitte noch die eigene Meinung überall dazu kommentieren und immer Kritik und Tipps für alle parat haben und unsere eigenen Bedürfnisse nicht erkennen. Wir - die ohne Konvention leben und bitte auch keine Religion und keine Regeln und Gesetze und wir machen unsere eigenen Manifeste aus Bier und Zigaretten. Wir - die Brötchen auf Zeitung kleben und das mit dem Titel Frühstück dann als Kunst verkaufen und bitte auch auf Instagram und während der Arbeit Zersteuung auf Pornoseiten oder Tumblr suchen. Wir - die immer noch einen Tab aufmachen und bitte noch mehr Musik kopieren und einen Onlineshop haben und das System und den Kapitalismus hassen. Wir - die wir gar nicht sind, weil ich nur für mich sprechen kann und nicht einmal weiß, wer ich eigentlich bin, weil dieses merwürdige Gefühl, vielleicht Melancholie, mich dermaßen zerwühlt und ich nicht weiß, was ich will, Familie mit Kind und Topjob mit Firmenwagen und Partyleben mit Szenetypen und Gemüsegarten mit Kommune starten, aber bitte in der Großstadt bleiben und den Wald und das Meer da haben, alles Glück kommt wohl nie, ein wenig Zufriedenheit wäre schon ganz schön viel, doch diese unerfüllte Sehnsucht nach Unbekanntem wiegt so schwer und legt sich wie ein Schleier aus Beton über alles und ich brauche ständig mehr, mehr Farbe, mehr Licht, mehr Inspiration und neue Sicht auf die Dinge, die sich ständig verändern, weil alles vergeht, nur nicht die Ränder unter den Augen, die Müdigkeit bleibt und irgendwas treibt mich trotzdem noch weiter, auch wenn ich denke, das ist das Ende und gar nicht mehr kann, es brennt doch und quält noch die Frage: Wann kommen wir endlich an?

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24 Antworten

Kommentare

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    Du bist dann angekommen, wenn du es reflektiert hast, wenn du dich darin erkannt hast und es postuliert, dass es dich geniert, dass man nur suggeriert und niemand kapiert, dass Bushido ein Dreck und Pornographie nur Zweck und ein Allheimittel fern, denn selbst Neon ist kein andrer Stern.
    In diesem Sinne: Trust yourself!
    Denn du bist angekommen. In dir.

    08.12.2013, 14:32 von Filousoph
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      Wenn Du Zeit hast, alle melli - texte sind sehr lesenswertund eine angenehme Ausnahme.

      27.10.2013, 13:00 von cosmokatze
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    man hats einfach nich leicht heutztage ;)

    04.10.2013, 11:45 von allesaufrot
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    Du kriegst zum Schluss gerade noch die Kurve..ein paar "wir's" kommen allerdings etwas paradox rüber. Abgesehen davon: Geht unter die Haut!

    03.10.2013, 11:09 von HansDietrich
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    Solche Befindlichkeitstexte funktionieren nur, wenn F. J. Wagner sie schreibt.

    30.09.2013, 17:58 von faux_IV.
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    Na, ich weiss nicht so recht  .... während sich manche in anderen Texten an dem "wir" stören, stolpere ich hier sehr oft über das "wir".  Aber jetzt bei ca. jedem 2. - 3. Satz begründen warum ich mich dem "wir" nicht zugehörig fühle, mag ich auch nicht.
    Trotzdem: Es freut mich, mal wieder etwas von Dir zu lesen :)

    30.09.2013, 13:18 von Cyro
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    Du enttäuschst mich nie.

    30.09.2013, 10:25 von cosmokatze
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      sag ich doch! :D

      30.09.2013, 06:35 von yuhi
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