schriftstehler 14.12.2012, 14:38 Uhr 3 6

Willkommen in der Vergangenheit

Die ersten Herdenläufer präsentieren schon ihren fotografischen Jahresrückblick, ich bleibe stumm in meinem Wald und schüttle den Kopf.

Verdammt, das Jahr ist fast beendet. Nicht, dass mich das sonderlich beschäftigt, schließlich beende ich meine Tage oder Jahre immer nach eigenem Gutdünken, also immer dann, wenn es gut für mich ist. Ein Jahr kann nach meiner Zeitrechnung dann auch mal nur ein paar Wochen dauern, wobei das jetzt wirklich keine Rolle spielt. Das Jahr 2012 neigt sich dem Ende zu und was mich daran stört, ist etwas, das mich bereits zum Ende des vergangenen Jahres störte: Es ist Zeit für Rückblicke. Verdammt, ehrlich, ich dachte, das wäre so ein Relikt wie das Telefon mit Wählscheibe oder der Glaube an den Wohlgeschmack von Scheibletten. Ich komme aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus, ende mal wieder als fleischgewordener Wackeldackel und nehme irritiert Abstand von der Menschheit. Wobei ich immer annahm, dass ich mich nicht weiter entfernen könne, aber meine Maßeinheiten sind dehnbar.

In diesem Jahr beginnt meine Verwunderung bereits auf der Facebook-Seite: Kostenlos – na, immerhin – stellt mir Mark Zuckerberg ein Werkzeug zur Verfügung, das die für mich wichtigsten Fotos des ablaufenden Jahres in einer Collage verewigt. Die ersten Herdenläufer präsentieren schon ihren fotografischen Jahresrückblick, ich bleibe stumm in meinem Wald und schüttle den Kopf. Das kann ich mittlerweile ganz gut, vielleicht schaue ich als Wettkandidat mal bei Markus Lanzelot vorbei. Aber, ungeachtet dessen, liebe Freunde des Blautons: Wenn ich Fotos sortieren will, dann mache ich das selbst, dafür brauche ich keine Internetseite, die das nach dem Zufallsprinzip absolviert. Ich brauche dafür überhaupt niemanden, weil ich auch ohne Fotos weiß, was im Jahr so großartig war, das muss ich nicht einmal sortieren, das habe ich in meinem Herz gespeichert. Ohne Festplatte, aber mit Gefühl. Ohne Kopfschütteln, aber mit Tränen der Freude und der Trauer. Alles da.

Ganz sicher ist Facebook nicht allein, es gibt ja noch andere Seiten, die den Menschen beim Zurückblicken helfen. Die Wichtigen machen das allerdings selbständig und formulieren ganz offen, was sie in der Welt in diesem Jahr bewegte. Kriege im Osten, Boykotte und Demonstrationen, Eheschließungen von Prominenten, Skandale und Europameisterschaften, was es eben so gibt, das den Menschen bewegt, der keinen eigenen Garten hat, um den er sich kümmern kann oder will. Denn ich muss gestehen – ich übe diesen Satz heimlich, falls ich mal angeklagt werden sollte –, ich muss also gestehen, dass mir das Weltgeschehen immer noch vollkommen gleichgültig ist. Herr Obama ist nicht mein Präsident, der Nachwuchs eines Königshauses wird sicher nicht von mir aufgezogen, Fußball mag ich nur, wenn ich mitspielen darf und jeder Krieg, so herzlos es auch klingt, ist Sache der Betroffenen. Nein, ich bin nicht betroffen, wenn die Amerikaner einen Grenzposten meines Heimatlandes zwei Stunden lang beschießen, um sich anschließend für das Versehen zu entschuldigen. Ich bin betroffen, wenn der Mann meiner besten Freundin vor psychischen und physischen Problemen steht, die er nicht allein bewältigen kann, ich bin betroffen, wenn der Hund meiner Eltern stirbt, auch wenn ich ihn nicht so gern mochte. Ich bin von dem berührt, was in meinem Garten passiert und ich achte darauf, dass dort Frieden herrscht. An jedem Tag. Wäre jeder in seinem Garten so fürsorglich – ach, den Gedanken spare ich mir und träume ihn zu Ende, das Kopfschütteln überlasse ich an dieser Stelle anderen Menschen.

Im Fernsehen geht es dann ganz sicher weiter, auch wenn ich das nicht verfolgen kann. Ich weiß, dass es da immer diese Sendung »Menschen 20XX« gab, die kommt also bestimmt auch noch. Rückblicke, wohin das Augenlicht das Dunkel erhellt. Im Auto ist das wichtig, mal nach hinten zu sehen, dafür gibt es einen Rückspiegel. Und es ist auch wichtig, vorausschauend zu fahren, um vor unliebsamen Überraschungen weitgehend verschont zu bleiben, aber das Wesentliche spielt sich direkt in der näheren Umgebung ab. Die Gegenwart wird unterbewertet, vollkommen. Die Menschen verbringen so viel Zeit damit, nach hinten zu sehen und sich an die Vergangenheit zu klammern, dass ihnen eine ganze Menge des Lebens einfach verloren geht, weil sie gerade in eine andere Richtung sehen. So kann es gehen.

Es gibt jedoch Hoffnung, denn die Zeit der Rückblicke wird bald vorbei sein, dann ist Schluss mit der Vergangenheit. Das Kopfschütteln wird sich in meinem Fall aber nicht legen, denn nahtlos an das Zurückblicken wird sich auch in diesem Jahr das Vorausschauen anschließen. Die guten Vorsätze und die Prognosen für das neue Jahr, das immer besser werden sollte, als das vergangene. Schließlich muss alles bewertet werden, selbst die Jahre unterliegen einem Leistungsdruck. Alles wird verglichen und muss optimiert werden. So viel also zum Thema Hoffnung. Aber ich gebe nicht auf, ich hoffe weiterhin, dass die Menschen sich mit der Gegenwart beschäftigen und darauf achten, dort in Frieden zu leben. Vielleicht verschwinden dann eines Tages die Jahresrückblicke. Die Fotocollagen von Facebook bleiben sicher bestehen, die Daten kann ja niemand mehr löschen, die sind so zeitlos wie mein Kopfschütteln. Immerhin. Willkommen in der Vergangenheit.

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3 Antworten

Kommentare

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    Die Menschen verbringen so viel Zeit damit, nach hinten zu sehen und sich an die Vergangenheit zu klammern, dass ihnen eine ganze Menge des Lebens einfach verloren geht, weil sie gerade in eine andere Richtung sehen. 
    Oh ja, oft wird zu viel nach hinten und nach vorne geschaut.
    Schön gesagt, für diese Stelle gibt's ein Herz.

    16.12.2012, 04:34 von miss_mel
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      Schön, dass Du etwas für Dich gefunden hast. 

      15.12.2012, 22:51 von schriftstehler

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