leno 12.12.2007, 16:27 Uhr 63 23

Wie wütend soll ich werden?

Meine Freunde finden, Schwule und Lesben seien mitten drin in der Gesellschaft. Ich finde, das stimmt nicht.

Es war wieder Samstag und weil meine Wohnung schöner ist, kommen die Leute zu mir. Irgendwann saß ich neben meinem Bett und Linn, Maya und Anna darauf. Und weil ich eben schwul bin, fragten sie mich, was ich von Marens Artikel in der "Zeit Campus" halte. Maren ist eine Freundin von mir und mein Liebling, wenn es um eine wütende Meinung geht. Sie schrieb darüber, lesbisch zu sein und wie wenig OK das immer noch ist. In ihrer Art, wütend eben.

Die drei Frauen auf meinem Bett sahen das anders, Schwule und Lesben seien ja drin, mitten drin in der Gesellschaft, da müsse man sich nicht mehr fühlen, als sei man draußen. Und so sehr ich die drei mag, so sehr musste ich ihnen widersprechen. Denn es ist nicht OK und es ist nicht einfach.

Homosexuelle sind nicht drin, sie werden oft einfach nicht gesehen. In einer Zeit, in der die Medien die Diskurse bestimmen, ist es schwierig zu sagen, dass das Problem darin liegt, dass es keine Werbung gibt, in der Schwule auftauchen. Man sieht freundliche Familien, mit Großeltern und Kindern, die am Weihnachtsabend essen und trinken und einem Kind, das auf den Balkon geht, um den Weihnachtsmann mit einer Tasse Kaffee zum Bleiben zu bewegen. Es ist schwierig, von den Medien geprägt zu sein, aber zu wissen, dass das eigene Leben anders sein wird.

In kaum einer Soap tauchen Schwule auf, in Filmen haben sie, wenn überhaupt, nur die Rolle des witzigen Sidekicks. Wie traurig ist es, wenn ein Film über eine banale Liebesbeziehung zwischen zwei Männern mit Cowboyhüten zum großen Traktat des großen Angekommensein stilisiert wird. Wo gerade diese beiden doch draußen sind und nicht im eigentlichen Leben. Es ist traurig, dass sich die Schwulengemeinde über etwas derart gewöhnliches so freuen kann. Es ist traurig, dass ein Freund von mir Danke sagt, wenn man ihm sagt, dass er gar nicht schwul aussieht. Es tut weh, wenn ein anderer Freund sagt, dass er ihn nicht für schwul hält, weil er doch gar nichts von einem Mädchen hat. Wie wütend soll ich werden?

Wenn einem Freund auf einer Party die Nase gebrochen wird, weil er gesagt hat, dass er schwul ist, mitten in Berlin? Wenn man bei Youtube ‚schwul’ eingibt und nur zu Videos von Leuten kommt, die öffentlich beleidigt werden sollen, oder zu Videos mit dem Tag Krüppel und schwul? Wenn Freundinnen in Unterhaltungen nach echten Männern fragen, mit denen man reden kann und ich mich räuspere und mir gesagt wird, dass ich nicht zähle, weil ich schwul bin? Wenn ich von Freunden höre, die sich noch nicht vor ihren Eltern geoutet haben, weil sie Angst haben?

Wie wütend soll ich werden? Und bin ich wütend genug? Die Philosophin Judith Shklar sagt, dass es Unrecht ist, zu schweigen, wenn man etwas für falsch oder grausam hält. Tue ich Unrecht, wenn ich nicht auf die Straße gehe, nicht lauter schreie, sondern meinen Standpunkt nur halb betrunken auf Partys unter die Leute mische? Maren hat vielleicht Recht mit ihrer Wut, weil es sein muss. Meine drei Freundinnen können sich das nicht vorstellen, was es heißt. Wie es ist, immer noch. Wie schlimm es sich anfühlen kann, wenn man seinen Eltern nicht erzählen kann, wen man liebt. Wenn man nicht weiß was man tun soll, weil es einem keiner erklärt.

Es ist schwierig, jetzt, den Leuten zu erklären, warum ihre Toleranz sich nicht so anfühlt, wenn man mit ihnen auf eine Schwulenparty gehen will und sie nicht mitkommen wollen, weil sie Angst haben davor, angemacht zu werden. Nein, Angekommensein muss sich anders anfühlen, auf jeden Fall weniger wütend.

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63 Antworten

Kommentare

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    "zeit campus"
    alles klar.

    14.12.2013, 20:40 von yuhi
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    Die meisten sagen zwar "das ist ok" oder so ähnlich. Aber nur die wenigstem meinen das auch so! 


    wie oft reden die "ach so toleranten" hinten rum über Homosexuelle? Mit welchen Blicken schauen sie auf schwule und lesbische Paare. 

    Rin Großteil der Toleranz ist leider nur Oberflächlich und gespielt. Lwider.

    14.12.2013, 18:53 von berlinsky
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      * Ein

      **Leider

      14.12.2013, 18:54 von berlinsky
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    interessant, wie sich hier immer noch die Gemüter erhitzen...

    Meine Meinung zu diesem Artikel (und zu dem in ZEIT Campus) findet sich hier: http://www.neon.de/kat/sehen/gesellschaft/223496.html#866555

    05.03.2008, 07:46 von system
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    Das Problem dieser ganzen Diskussion ist, das sich bei Neon wohl nicht im Übermass die Menschen herumtreiben die öffentlich zugeben würden das sie Schwule/Lesben "eklig", "unnatürlich" oder "krank" finden. Hier gibt es hauptsächlich wohlbehütete Studenten. Diese Bevölkerungsgruppe neigt, zumindestens in jungen Jahren, eher zur Toleranz.

    Fragt mal einen 15jährigen Hauptschüler ob der auch nur in Erwägung zieht sich in der Schule zu outen, wo eines der meistbenutzten Schimpfworte "schwul" ist. Fragt mal wieviele Jugendliche von den Eltern verstossen oder zum Arzt geschleppt werden um das "schwulsein" zu kurieren. Fragt mal wie verzweifelt Gläubige Christen sein können wenn sie die Hetzreden vom Papst hören.

    Schwulsein ist auch heute in Deutschland vor allem für viele jüngere eine schwere Sache. Klar gibt es auch Leute die sich gerne Selbstbemitleiden und Probleme sehen wo es gar keine gibt. Aber viele Probleme die man als Schwuler hat sind real. Die hohen Selbstmordquoten bei jugendlichen Schwulen sind real. Auch so etwas nebensächliches wie die immer vorhandenen blöden Kommentare von Passanten sind real, wenn ein händchenhaltendes Männerpärchen vorbeiläuft sind real.

    11.01.2008, 10:57 von haihoo
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    seh ich auch so wie LudwigMartin.

    09.01.2008, 15:22 von FightFireWithHigher
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    Das Bild in den Medien entspricht generell nicht der Vielfalt des Lebens, weswegen mir Soaps und Fernsehwerbung sowieso abgehen. Gewalt gibt es gegen viele Menschen, oft gegen Auffällige, aber auch gegen Unauffällige - leider, ist aber so.

    Und ich gehe nicht zu einer Schwulenparty, weil ich nicht schwul bin, das ist doch ganz einfach: anscheinend wollen da Schwule unter sich sein. Und wenn es sich um Parties handelt, wo sich natürlich auch Pärchen finden, dann kann ich auch den Wunsch verstehen, sich dort nicht ständig als "Hetero zu Gast auf einer Schwulenparty" erklären zu müssen. Es gibt zudem auch Rainbow-Parties, die da offener sind.

    Oft wird als Toleranz eingefordert, daß man allen Homosexuellen gegenüber freundlich sein muß. Solang ich aber auch sonst im Leben hier und da Antipathien empfinde, werd ich diese Einstellung Homosexuellen gegenüber nicht enden lassen.
    Wie heißt es bei Funny van Dannen: "Auch lesbische schwarze Behinderte können ätzend sein."

    Manchmal hilft ein wenig mehr Lockerheit und das Motto: Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus.

    06.01.2008, 11:33 von LudwigMartin
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    Hey leno,
    kenne das nur zu gut, mich regt diese Ignoranz auch auf, eine Zeit lang mehr, dann mal weniger.
    Es ist anscheinend zu schwierig, 90% der Heten klar zu machen, was diese Art von Diskriminierung bedeutet, bzw. dass es eine ist, wenn sie grenzdebile Sätze ablassen.
    Die Mehrheit hat eben keine Identitätsfindung durchmachen müssen, hat sich nicht mit derartigen Zweifeln und Ängsten beschäftigen müssen, nur weil sie sind, wie sie sind. Ein einfacheres Leben gehabt. Und genau das wollen sie nicht zugeben: dass es einfacher ist, Hete zu sein, klare Sache. Wir sind und bleiben Minderheit. Und Minderheiten haben es nie einfach, dessen bin ich mir bewusst, das soll hier kein Rumnölen werden, sondern einfach mal einigen aufzeigen, mit welchen dummen Meinungen man sich fast täglich befassen muss. Die 5% finde ich übrigens fraglich, ich gehe eher von 10% aus, nicht mitgezählt die vielen Bisexuellen.
    Ich wusste nicht mit dieser Wut umzugehen, wenn beispielsweise diese Sachen passiert sind, wenn leute iiiirgendwann oder gleich mitkriegen, dass ich lesbisch bin:
    1. "Waaaaas? Du siehst gar nicht so auuuus!!!"
    2. "Lüg mich nicht an."
    3. "Ach, wie die hässliche Hella von sinnen?!"
    4. "Naja, ich hab ja nichts gegen Schwule, ABER..." (fuck off)
    5. "Ich kenne ja auch welche, ich kann das nur nicht ab wenn sie so und so sind, oder sich so und so geben."
    6. "Solange die mich in Ruhe lassen, stören die mich nicht."
    7. "Willst du etwa was von mir??!!!" *panic*
    8. "Wie, du willst gar nichts von mir? Wieso nicht?"
    9. bis
    52. "Darf ich mal zugucken?"
    53. "Das ist bestimmt nur eine Phase."
    54. "Geil, endlich kenn ich ne Lesbe!"
    55. "Du findest schon noch den Richtigen!"
    56. "Wär XY nicht was für dich?"
    57. "Du Arme!!!"
    58. und ewig so weite rmit dummen Sätzen.
    59. Nicht zu vergessen die abschätzenden, abcheckenden, abwertenden, erschrockenen, angeekelten, irrtierten, bewundernden, schockierten, amüsierten, neugierigen Blicke.
    60. Und Aktionen. Plötzlich meinen irgendwelche Bekannte, mich anmachen zu müssen, weil ich die erstbeste bin, die gerade mal lesbisch ist, mit der kann mans ja mal machen, die kann man ja mal knutschen.
    Ja, bin ich denn euer Versuchsobjekt, ihr notgeilen von euren boyfriends vernachlässigten supertoleranten Flirt-Hetchen?! Nö, bin ich nicht, danke der Nachfrage. Und nimm gefälligst deine Hand von meinem Bein, aber zackig!
    61. Die ollen Medien, immer wieder. Also nur mal als Beispiel, WENN jemand hier Strichlisten führen will: dann erwarte ich aber bei jedem doofen Pärchen von nur die Liebe zählt, dass es eben Homosexuelle sind, rein rechnerisch wäre das ja nur fair.
    Und wieso hat das eigentlich so ne Riesen-Welle gemacht mit Anne Will? Meine Güte, das ging ja drei Wochen durhc die Presse, die haben sich ja gegenseitig überschlagen, wie schön, intelligent und erfolgreich sie UND auch noch ihre Freundin sind!

    Gleichberechtigt bedeutet, dass ich genauso scheiße rumlaufen und mich genause bescheuert benehmen darf als Homosexueller, wie das Heten tun.
    Und nicht, dass ich immer nach meinen Vorzügen und Erfolgen als Mensch beurteilen lassen muss.

    Lesben und Schwule haben clean zu sein, ihre Rolle zu erfüllen (ich spreche hier von Klischees), dann fallen sie auch nicht auf und gehen durch. Und das durchgehen lassen, dieses Passive ist scheiße.
    Unsichtbar ist gut, nicht auffallen und so nen Kram. Das sind nicht meine Worte und Einstellungen, aber genau darum geht es: Wieso müssen wir immer damit konfrontiert werden, DASS wir immer noch auffallen?
    Wieso falle ich auf und errege die Gemüter, werden mir oben genannte Beispiele zum x-ten Mal entgegengebracht? Liegt es an mir?
    ich denke nicht, nein. Es liegt an dem unaufrichtigen Umgang mit dem Thema, oder besser mit dem unnatürlichen Umgang mit Homosexuellen.

    Nun, ich habe mir angewohnt, nicht mehr sauer, aber bestimmt zu sein und konsequent in Sachen Wut deswegen.
    Saß zB letztens mit einer Freundin im Starbucks, geht so nen Typ vorbei... und sie: "Boah, guck mal wie ekelig der die Haare hatte! Voll schwul. Und die Hose erst, sah der scheiße aus, der war bestimmt schwul!"
    Un dich hab da nichts gesagt, man wird ja sehr erprobt in Sachen Großmut und Großzügigkeit, wenn man homo ist.
    Aber als dann einer vorbei kam, der mir negativ aufgefallen ist, hab ich ganz entspannt gemeint: "Svhau mal, wie der geht, wie so ne scheis Hete!"
    Natürlich war das nicht meine Meinung. Aber ich wollte halt den Spiegel verbagl hinhalten. Wie man einen Welpen halt mit der Nase in die eigene Scheiße drückt, damit er endlich kapiert, dass das nicht ok ist.
    Quasi eine faire Retourkutsche mit 1:1-Ausgang.
    Aber was bekomme ich nach dem Satz zurück?
    Eine Mega-Aufregung von wegen, was das denn bitte sollte. Und überhaupt, wenn mir das nicht passt, dass sie ebenwas zu nem Schwulen gesagt hat, dann brauch ich mich nicht so kindisch verhalten, und da so nen Elefanten draus machen.

    Und nun frag ich euch, liebe Hteen, solche Sachen passieren iiiiiiiimmer wieder. Ich rege mich nicht auf, nein, nicht laut. Ich gehe selbstverständlich damit um, lasse mir einiges gefallen. Ich bleibe ruhig, denke mir immer wieder "sie wissen es nicht besser.", paule niemanden an deswegen.
    Aber WENN ich denn mal was sage, eine kleine Bemerkung anbringe, wieso nehmen sich die Heten dann raus, sich so aufzuregen? Das kapier ich nicht. Regen sich darüber auf, dass ich etwas genauso sage wie sie selbst, nur umgedreht.
    Aber wenn ich mich so aufregen würde wie sie, dann wär ich die blöde kampflesbe, die, die um jeden Preis auffallen will. Ist ja alles nicht mehr so, wir sind ja tolerant, was stellt sie isch so an?!
    ja komisch, das frag ich mich auch manchmal.

    01.01.2008, 14:49 von chequered711
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    Man, ich merk grad: ich bin echt krass tolerant.

    Allerdings sag ich auch manchmal "schwul" als synonym für "Scheiße". Allerdings meine ich dann nie "schwul". Sondern eben "Scheiße".

    31.12.2007, 01:33 von Lenulitschka
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      @[Benutzer gelöscht] Dann geh doch raus, rauchen.

      31.12.2007, 01:24 von Lenulitschka
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      @Lenulitschka im Winter mit Badehose;)...

      31.12.2007, 01:39 von touchthesky
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      @touchthesky Na, aber drinnen darf er doch nihich!

      31.12.2007, 01:55 von Lenulitschka
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      @Lenulitschka Zurecht!
      hehe.

      31.12.2007, 02:03 von touchthesky
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