hib 13.04.2011, 21:52 Uhr 13 17

Wie Stracciatella

Peter Manns stand an einer Straßenecke und konnte es nicht fassen. So etwas hatte er noch nie gesehen.

Peter Manns stand sprachlos an einer Straßenecke und wunderte sich über ein weißes Rechteck, das vor ihm hochkant auf dem Gehweg stand und den Weg versperrte. Es war wie aus dem Nichts gekommen. Ein großes weißes Rechteck, mitten in der Stadt, am helllichten Tag. Mitten auf dem Fußweg, hinter einer Häuserecke, stand das weiße Ding zwischen ihm und seinem Heimweg. Gestern war es noch nicht da gewesen, vor einer Woche nicht und überhaupt hatte er von so etwas noch nie etwas gehört. Das Viereck war etwa zwei Meter hoch und so breit wie eine Tür. Ja, eigentlich sah es aus, wie eine ganz gewöhnliche Tür. Aber es war keine Tür und es war auch nicht gewöhnlich, soviel war klar. Da war keine Klinke, kein Türrahmen, da war nichts, was aussah wie etwas, das man kannte. Es machte nichts, kein Geräusch. Es schien auch nicht bedrohlich zu sein, es war ja weiß und es zischte nicht oder sowas oder krachte. Er kickte mit dem Fuß einen Kieselstein in Richtung der weißen Fläche. Der Kiesel flog ein Stück, rollte dann kullernd darauf zu und in dem Moment, als er es hätte treffen müssen, war er einfach weg. Verschwunden. Peter Manns pfiff durch seine Zahnlücke. Er lief um das Weiße herum, natürlich hielt er Abstand, und sah, dass es tatsächlich ganz flach war, keine Tiefe hatte. Von der Seite war es quasi nicht zu sehen. Von der anderen Seite aus, sah es aus, wie es von der anderen Seite aus aussah. Herr Manns überlegte, was das wohl sein könnte. Eine dieser verrückten Werbeaktionen, Sperrmüll oder Kunst. Eh alles dasselbe, dachte er und eine andere Möglichkeit fiel ihm nicht ein. Er nahm einen kleinen Stock vom Boden auf und warf ihn auf das Weiß. Aber auch der Stock wollte sich einfach nicht so verhalten, wie Herr Manns das von ihm erwartete und verschwand, so wie der Kiesel auch verschwunden war, völlig unspektakulär im Nichts. Peter Manns verlor die Geduld mit sich und seinen Gedanken, ihm wollte einfach nicht einfallen, was das hier zu bedeuten hatte. Und er zuckte mürrisch mit den Schultern und ging weiter seines Weges. Autos rauschten vorbei als wäre nichts, hinter der Häuserzeile gegenüber rauschte die Spree als wäre nichts, Passanten gingen ihrer Wege als wäre nichts. War ja auch nichts.

Als Peter Manns am nächsten Tag durch den Park lief, seinen Einkaufszettel im Kopf, hatte er das weiße Ding vom Vortag schon fast vergessen. Konzentriert ging er seine Liste durch, die Vögel zwitscherten, ein paar Blätter raschelten, da sah er am Rand des Weges, ein paar Meter hinter einer Parkbank auf dem Boden einen großen weißen Kreis. Er blieb zögernd stehen. Noch so ein Ding? Die weiße Fläche lag wie ein Teppich auf dem Rasen. Lag da, wollte nichts und strahlte weiß vor sich hin. Herr Manns rieb sich zum ersten Mal in seinem Leben die Augen vor Verwunderung. Aber es änderte nichts. Seine Augen sahen einen weißen Kreis auf dem Boden seines Lieblingsparks. War das vielleicht eine Aktion der Stadt? Sollten diese weißen Dinger vielleicht die Krähen verscheuchen? Ein paar Schritte traute er sich näher heran, stellte sich auf die Zehenspitzen, versuchte von oben auf den weißen Kreis herabzublicken. Aber auch hier blickte er ins Nichts. War hier vorher etwas gewesen? Hat man etwas entfernt, das gestört hat, abgedeckt vielleicht? Er konnte sich nicht erinnern, was hier gewesen sein sollte. Er machte wieder die Steinprobe, wieder mit demselben nichtssagenden Ergebnis. Der Stein verschwand und mit dem Stein auch der letzte Hauch einer Ahnung, was er mit diesem Weiß anfangen sollte. Es war ihm jetzt auch egal, er wollte einfach nur weiter, weiter nach Hause. Dorthin, wo alles seine Ordnung hatte. Und die Farbe Weiß praktisch nicht vorkam. Er schloss kurz die Augen, atmete tief durch und übersah den weißen Punkt in der großen schwarzen Stille.

Eine Woche später hatte Peter Manns auf seinen Wegen durch die Stadt noch ein weißes Dreieck auf dem Mittelstreifen der großen Hauptstraße liegen, ein weißes Trapez an einer Straßenlaterne hängen und einen weißen Zylinder auf dem Dach eines Bushaltestellenhäuschens stehen gesehen. Er ignorierte das Weiß so gut er konnte und beschloss, sich nicht weiter damit auseinanderzusetzen. Es machte ihn nervös, auch wenn er sich das nur ungern eingestand. Weiß war ihm schon immer ein Graus gewesen. Es hatte keine Aussage, traute sich nichts, es war einfach die Abwesenheit von allem, was er am Leben so mochte: von klaren Kanten und Formen, von kräftigen Farben, es legte sich auf nichts fest sondern war einfach gleichzeitig da und doch auch irgendwie nicht. Die Wände seiner Wohnung hatte er komplett grau gestrichen, das Geschirr auf Flohmärkten so ausgesucht, dass es kein Weiß enthielt und wenn er in den Spiegel blickte, vermied er es, sich selbst in die Augen zu schauen. Woran das lag, wusste Peter Manns nicht. Aber er wollte es auch gar nicht wissen. Er wollte sich an Nichts erinnern.

Genau eine Woche nach seiner ersten Begegnung mit dem weißen Viereck auf dem Fußweg war er auf dem Heimweg vom Schwimmen. Er hatte nur noch ein paar Schritte zu gehen, nur noch durch den kleinen Tunnel unter den Gleisen und dann war er da. Er freute sich auf den Moment, in dem er aus dem Tunnel heraus kam und sein Haus sehen konnte. Das war sein liebster Moment des Tages, denn das war der Moment, in dem er sich in Sicherheit fühlte. Wenn die Dunkelheit ihm sein Licht zurückgab, sein Zuhause. Aber als Peter Manns aus dem Tunnel heraus kam, war sein Haus verdeckt von einem großen weißen Viereck. Wie eingehüllt in ein frisch gewaschenes weißes Bettlaken sah das aus. Das Haus war nicht zu erkennen unter dem Weiß, aber die Fläche hatte seine Konturen. Herr Manns erstarrte. Er konnte nicht mehr heim, er bekam Angst. Er starrte auf das Weiß, das sein Haus verdeckte und das Weiß in seinen Augen vermischte sich vor Anstrengung mit etwas Rot. Was sollte das jetzt? Ein Mann und eine Frau liefen an ihm vorbei. Herr Manns rief ihnen hinterher, sie sollen kurz stehen bleiben. Die beiden drehten sich um und schauten ihn freundlich an. Er fragte sie, ob sie vielleicht wüssten, warum sein Haus in Weiß gehüllt war, aber die beiden verstanden nicht. Er zeigte in die Richtung seines Hauses, fuchtelte mit den Armen, doch sie wussten nicht, was Peter Manns meinte. Sie zuckten mit den Schultern, gingen ihres Weges. Zurück blieb Herr Manns, mit Schweiß auf der Stirn. Er ging langsam auf die Stelle zu, wo sein Haus gewesen war. Peter Manns blickte nach rechts, ging ein paar Schritte und sah in weiter Entfernung, ganz am Ende der Straße eine kleine weiße Fläche mitten an der Fassade eines Hauses emporkriechen. Er wich zurück, drehte sich um und lief nach links, wo er mitten auf der Straße ein weißes Loch sah. Lautlos war das Weiß, fassungslos Herr Manns.

Für einen Moment war er ganz ruhig und schloss die Augen. Alles war schwarz, alles war gut, bis auf ein kleines weißes Viereck. Panik. Er schrie laut auf, rannte zurück durch den Tunnel, durch den Park, durch die Straßen bis zurück zu der Stelle, an der er das erste Mal das weiße Viereck auf dem Gehweg gesehen hatte. Es war noch da und stand dort, als wäre nichts gewesen. Peter Manns atmete schnell, schloss noch einmal die Augen, sah, dass das Viereck gewachsen war. Dann öffnete er seine Augen und beschloss, mutig zu sein. Nur wenn er sich der großen Leere stellte, konnte er sie besiegen. Er machte einen großen Schritt auf das weiße Viereck zu, das da stand und nichts anderes tat, als Herrn Manns zu verschlucken mit seiner Weißheit. Er stand vor dem Nichts, streckte den Arm aus und griff in das Weiß hinein. Es fühlte sich warm an. Richtig. Er zog den Arm wieder zurück, blickte an sich hinab. Da, wo sein Unterarm gewesen war, war jetzt eine weiße Fläche. Aber Herr Manns konnte sich schon nicht mehr erinnern, dass er einmal einen rechten Unterarm gehabt hatte. So wie er die Telefonzelle vergessen hatte, die hier einmal gestanden hatte. Und den Brunnen im Park. Und die Werbetafel auf dem Bushaltestellenhäuschen und wo er wohnte. Er schloss die Augen, das Schwarz war fast komplett verschwunden. Nur ein paar kleine Flecken waren im großen Weiß noch zu sehen. Das sieht aus wie Straciatella. Herr Manns grinste und machte einen weiteren großen Schritt auf das weiße Viereck zu, mitten hinein. Dann war er verschwunden.

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13 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Richtig interesannter Text , wenn man sich vorstellt, was alles hinter dem Weiß versteckt sein kann und dass der Mann wohl am Ende schon so verrückt ist , dass er in seinem Kopf, den er sieht, wenn er die Augen schließt, nur noch weiß (also nichts ) sieht!
    Aber das Ende war mir leider auch etwas zu offensichtlich.Egal!

    15.04.2011, 15:07 von Finish.
    • 0

      @Finish. was könntest du dir denn für ein ende vorstellen für herrn manns?

      15.04.2011, 15:10 von hib
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  • 0

    whitegate.endlich

    15.04.2011, 13:59 von Kokomiko
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  • 0

    Gefällt mir sehr & erinnert mich an die "Stadt der Blinden".

    15.04.2011, 12:13 von under_pressure
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  • 0

    Großartig!
    Super Bilder und die Farbe weiß hasT du mir für jetzt madig gemacht.

    15.04.2011, 10:10 von Faraduna
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  • 0

    Text gefällt. Nur der Rechtschreibfehler (vor allem im Titel) trübt den Lesegenuss etwas ;)

    Straciatella <> Stracciatella

    15.04.2011, 10:09 von mega
    • 0

      @mega ach du scheiße. danke.

      15.04.2011, 11:36 von hib
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @oceaneyes Sehr schön, doch, gefällt mir. Wenn ich auch etwas unschlüssig bin, was sie Deutung angeht. Hat Herr Manns Atsheimer? Oder ist es als Sinnbild einer Gesellschaftskritik zu verstehen?
      LG

      14.04.2011, 20:12 von LonleyHeart
    • 0

      @LonleyHeart was willst du denn, das es ist?

      15.04.2011, 00:40 von hib
  • 0

    Der Handlungsstrang und auch die Erzähltechnik erinnern mich doch sehr stark an Kafka...

    14.04.2011, 10:35 von Herzgesteuert
    • 0

      @Herzgesteuert Genau, daran habe ich auch schon gedacht. Gefällt mir gut!

      15.04.2011, 16:56 von thadeuspunkt
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  • 0

    findich jut.
    wie immer habich keinen bock auch nur annähernd einen dahinter versteckten sinn zu finden - also habich kein prob an sich und find den text durchaus knorke.
    kleine hibsche ausrutscher mit zu viel beschreibunxgeschwafel.. aber was willste machen. wennde n hibtext liest krichste emd n hibtext - ooch wenner weiß gestrichen is.

    liebt straciatella-eis:
    deurich

    13.04.2011, 23:09 von Der_Misanthrop
    • 0

      @Der_Misanthrop
      Adäquat meine Wahrnehmung von dem Text.

      Finde es gut, daß der Begriff hib-Text wieder etwas offener gefaßt werden kann.

      14.04.2011, 15:35 von LudwigMartin
    • 0

      @LudwigMartin es war ein versuch. fühlt sich ganz gut an soweit.

      15.04.2011, 00:42 von hib
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Wow, das ist gut. Der Text gefällt mir. Ich weiß nicht ob ich ihn richtig verstanden habe, aber er ist gut.

    13.04.2011, 22:49 von Aerosmiths-Fan
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