weissabgleich 30.11.-0001, 00:00 Uhr 9 26

Wie ich lernte, die Zukunft zu lesen

Wetterexperten sind die Historiker der Zukunft. Sie schreiben auf, was uns bevor steht. Kein Wunder, dass Kachelmann sich irgendwann für Gott hielt.

Manche sagen, er habe einfach zu viel gekokst. Andere meinen, die Tatsache, dass jetzt alle wissen, dass er 14 Frauen gleichzeitig hatte, hätte ihn vollständig abheben lassen. Ich glaube, dass er glaubt, dass alle glauben, dass er die Zukunft vorhersagen kann. Und das macht was mit dir. Kannste glauben.

Mitte der 90er war ich im hohen Bogen aus einem ZDF-Praktikum geflogen, weil ich mich auf dem Weg zum Kopierer im Studiokomplex verlaufen hatte. Eigentlich keine große Sache, ist da schon vielen passiert. Aber nicht alle hatten den Zettel mit Nina Ruges heute-Moderation dabei. Wie die 90er eben noch so waren, man druckte und kopierte viel, nur diesen blöden Moderationszettel, den gabs zu diesem Zeitpunkt offenbar nur ein einziges Mal und die Sendung fing einfach 30 Sekunden zu früh an. Nina Ruge erzählte dann frei Schnauze etwas über Srebrenica, und das dort "etwas ganz schlimmes passiert" sei. Was genau, das wusste sie nicht mehr. Auch das Wort Massaker fiel ihr nicht mehr ein. Stand alles auf dem Zettel, auf den gerade mein Schweiß perlte. Später weinte Nina dann und ich ahnte, dass ich am nächsten Tag nicht mehr wiederzukommen brauchte. Aber ich erinnerte mich an ein tägliches Fax, das ich jeden morgen dem heute-Chefredakteur auf den Schreibtisch legte, von einer Firma namens Meteomedia.

Also beschloss ich, mich dort vorzustellen, und siehe da, man lud mich zum Bewerbungsgespräch nach Appenzell. Als ich dort die Geschichte mit Frau Ruge und dem Kopierer erzählte, schnappte Kachelmann nach Luft, krümmte sich und schlug mit der Hand immer wieder auf seinen Schreibtisch.
"Dieser kleine, dumme Sprechroboter. Das Gesicht hätte ich zu gern gesehen als sie merkte, dass sie zum ersten Mal selbst was sagen muss. Srebrenica - ganz schlimme Sache. Köstlich!" Kachelmann schleppte mich zu seinem Chef vom Dienst und forderte mich auf, die Geschichte noch einmal zu erzählen. Auch beim Mittagessen musste ich sie noch mal vor versammelter Mannschaft zum besten geben, und kurz vor der Live-Schalte zum SWR nochmal für den Kameramann. Ich war jetzt der, der Nina Ruge zum heulen gebracht hat. Und damit lebte es sich nicht schlecht bei Meteomedia.

Ich kam in die Astro-Redaktion. Was viele nicht wissen, Meteomedia machte damals nicht nur das Wetter für die ARD, sondern auch ne Menge anderer Sachen. "Börse, Astrologie, Lotto, eben alles, was man nicht vorhersehen kann", sagte Kachelmann immer. "Bis auf das Wetter. Das könnte man voraussagen, macht aber keiner." Und dann grinste er sein Appenzeller-Grinsen.
"Sie sagen auch die Lottozahlen voraus?", fragte ich im Bewerbungsgespräch, nachdem sich Kachelmann die Lachtränen aus den Augen gewischt hatte.
"Nein, wer sagt denn sowas? Wir sagen ja auch nicht das Wetter voraus und die Börsenkurse schon gar nicht."
"Was macht es dann für einen Sinn, das anzubieten?"
"Pass auf, ich erklärs dir: Wenn ich in die Zukunft blicken könnte, wäre ich Milliardär oder zumindest schuldenfrei. Was wir machen, ist in die Vergangenheit zu blicken."
"Und dafür zahlen die Leute Geld?"
"Natürlich. Sie wissen ja nicht, dass wir nur in die Vergangenheit schauen. Die denken, wir schauen in die Zukunft. Dafür zahlen sie."
"Und was nützt der Blick in die Vergangenheit überhaupt?"
"Einfaches Beispiel: Wenn heute die Lottozahlen 1,2,3,4,5,6, Zusatzzahl 52 gezogen werden..."
"52 gibts überhaupt nicht."
"Doch egal. Dann halt 25. Egal. Ich sage dir mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 491 Millionen, dass das nächste Woche nicht wieder passieren wird."
"Und was nützt mir das?"
"Ausschlussprinzip. Machen wir mit den Daten der letzten 85 Jahre so. Funktioniert top!"
"So lange gibts noch gar kein Lotto in Deutschland."
"Doch egal. Jedenfalls ne ganze Menge Daten aus vielen Jahren Lotto. Wir nähern uns jede Woche weiter dem an, was nicht gezogen wird. In ein paar tausend Jahren sag ich dir zu 50 Prozent 3 richtige voraus. Wenns nicht zufällig statistisch abweicht."
"Und dafür zahlen..."
"... die Leute. Genau. Nur dass ich denen das anders erkläre. Aber du bist ein schlauer Junge, du hast Nina Ruge zum Weinen gebracht. Dir kann man nix vormachen. Und jetzt ab in die Astro-Abteilung, Lausejunge!"

In der Astro-Abteilung lernten die Neuen das Geschäft von der Pike auf. Horoskope schreiben, Glückszahlen ermitteln, und - ganz wichtig - Gesundheitstipps einbauen. Die meisten Horoskope schrieben wir für Apothekenkundenzeitschriften, das heißt, wer teure Anzeigen schaltete, konnte auch mit astrologischer Hilfe rechnen. Actimel ist so groß geworden. Und Granufink auch.

Im Horoskope schreiben waren wir sonst frei. Ich schnitt sie immer auf Bekannte zu:
"Nur weil ihre Freundin mit ihnen Schluss gemacht hat, heißt das noch lange nicht, dass jetzt auch die Fahrprüfung daneben gehen muss. Kopf hoch und immer auf die Prostata achten!"
Das klebte ich auf Postkarten, verschickte sie an denjenigen und ließ mir dann später die erstaunten Geschichten erzählen, dass da jemand eine anonyme Postkarte mit einem Horoskop eingeworfen habe, das exakt auf die eigene Situation passte.

Wer sich zu dumm anstellte, musste zum Lotto-Service. Für 99 D-Mark im Monat konnte man bei Kachelmann die "Astrolotto-Depeche" bestellen. Die errechnete anhand des personalisierten Horoskops und eines individuellen Schicksals-Coeffizienten die exklusiven Glückszahlen für alle deutschsprachigen Ziehungen. Natürlich ohne Gewähr. Wer auch dazu zu blöd war oder zu kritisch nachfragte, kam zum Börsendienst. Der arbeitete vorzugsweise mit Würfeln und verschieden langen Streichhölzern. 

Wer sich aber bewährt hatte, der durfte irgendwann zum Herzstück von meteomedia: Dem Wetter! Früher kam das deutsche Wetter vom Amt: Der Deutsche Wetterdienst in Offenbach vermeldete Hochs und Tiefs und am Schluss der Tagesschau piepte zur Windrichtung der Morsecode "Q - A - M", was im Flugfunkdienst so viel wie "Wetterbericht" heißt. Das klang amtlich und keiner zweifelte, dass es morgen tatsächlich örtliche Bewölkung mit Auflockerung am Nachmittag geben würde.

Das änderte sich in den 90ern als das Wetter in Deutschland plötzlich privatisiert wurde und die Meteorologen plötzlich verständliches Deutsch sprachen. Der Morsecode hatte ausgefunkt. Kachelmann war das neue Alphatier der Branche. Warum sich plötzlich alle um seine Vorhersagen balgten, wusste keiner so genau. Aber Meteomedia war urplötzlich sehr angesagt und ich wollte von Kachelmann unbedingt wissen, wie er das gemacht hat.
"Wie weit können Sie das Wetter voraus sagen?", fragte ich ihn am ersten Tag in der Wetterredaktion.
"Lausejunge", sagte er und seufzte laut. "Du bist doch ein helles Köpfchen. Und das nicht nur von außen. Ich habs dir doch schon mal erklärt. Wir können nicht in die Zukunft schauen."
"Auch nicht ein paar Stunden? Wann es wärmer wird oder obs am nächsten Tag ein Gewitter gibt?"
"Wie soll das gehen, Lausejunge? Ein Gewitter vorraussagen? Unseriös, will ich nichts mit zu tun haben."
"Aber Satelitenbilder, Wetterstationen, Strömungsfilme?", antwortete ich.
"Also schön, einfaches Beispiel: Beim Fußball hab ich auch 20 Kameras im Stadion, hab ne Vogelperspektive, ne Zeitlupe und nen Experten, der in den vergangenen 12 Jahren bei 15 Teams rausgeflogen ist. Aber was nützt mir das für die Vorhersage des Ergebnisses?"
"Wenig."
"Exakt! Alles, was wir tun können, ist in die Vergangenheit zu schauen. Wenns heute den ganzen Tag geregnet hat, könnte es morgen wahrscheinlich wieder regnen, aber übermorgen vielleicht nicht mehr. Bleibt erstmal weitestgehend so kühl wie die letzten Tage, wird aber bald wieder eher wärmer. Bamm! Ende des Wetterberichts!"
"Aber die Sender zahlen Millionen für Wettervorhersagen. Und die Leute glauben es."
"Wetterberichte, nicht Vorhersagen, Lausejunge. Es sind Berichte. Aber du hast ein sehr wichtiges Wort benutzt: Glaube! Es ist genau wie an der Börse. Dass die Aktie, die ich dir als Geheimtipp empfehle, morgen steil nach oben steigt, erwartet niemand wirklich. Du glaubst mir aber, dass sie irgendwann demnächst steigen wird. Und das tut sie auch. Denn das ist es, was Aktien tun. Sie steigen mehr als sie fallen. Sonst wäre der DAX ja im Minus. Und genau das gleiche passiert beim Wetter: Es regnet irgendwann und der Sommer kommt auch irgendwann. Ob ich dir das heute sage und es morgen passiert, weißt du doch schon eine Stunde später nicht mehr genau. Im Unterbewusstsein bleibt bloß hängen: Irgendwann wirds vermutlich irgendwo mal wieder regnen."
"Und wozu brauchen die Sender dann überhaupt jemanden, der einem nix erzählen kann, was nicht eh jeder weiß?"
"Die Qualität eines Meteorologen entscheidet sich nicht beim Wetter, sondern beim Unwetter."
"Wie das?"
"Ganz einfach: Wer den Börsencrash exakt voraussagt, der ist der Guru der Kapitalisten. Genau so ist es beim Wetter. Wer die Unwetterwarnung pünktlich rausbringt, der ist am nächsten Tag der Held in den Medien!"
"Weil er Katastrophen verhindert und Menschenleben gerettet hat!"
"Falsch. Die Bäume fallen ja trotzdem um und die Dächer werden auch abgedeckt. Entscheidend ist das rechtzeitige Fax beim Sender."
"Aber wie soll das gehen, wenn das doch keiner vorher sehen kann?"
"Jeder Chefredakteur hat ein eigens Faxgerät in irgendeinem Vorzimmer. Und jeden Tag landet darauf eine wunderschöne Unwetterwarnung von mir. Nur gelesen hat sie bisher noch keiner von denen. Weil Chefredakteure keine Lust haben, Faxe zu lesen. Aber wenns irgendwann mal wieder so richtig kracht in Deutschland, hab ich sie jedenfalls alle vorher gewarnt!"

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9 Antworten

Kommentare

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    erfrischend. mehr davon! :-)

    20.09.2014, 10:39 von Nykita
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    Ich mags, weils meiner Theorie über Wetterberichterstattung sehr nahe kommt.

    Lausejunge! ;)

    19.09.2014, 09:08 von Halbgar
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    dass

    18.09.2014, 09:22 von quatzat
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    amüsant ^^

    17.09.2014, 21:50 von yuhi
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    :-) jetzt bin ich allerdings völlig desillusioniert und orientierungslos. Bis gerade eben waren die Horoskope das Letzte dem ich in den Medien bedingungslos vertraut habe. Och nö! 

    17.09.2014, 20:43 von grins
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  • 1

    Wirklich lustig, macht Spaß.

    17.09.2014, 18:59 von Boahmaschine
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