AluRockt 18.11.2009, 21:20 Uhr 13 30

Wie ich einmal von einem Japaner harpuniert wurde

„Der Wal verlässt den Laden. Sofort!“ Die Verkäuferin ist zornig auf mich, weil ich den Wal nicht draußen vor der Türe gelassen habe.

Die Stirn der Verkäuferin sieht aus wie der Kongo auf Google Maps. Armeen von Blutadern führen einen blutigen Krieg um Landgewinn. Sie ist zornig, weil ich den Wal nicht draußen vor der Türe gelassen habe. „Wozu haben wir denn die Ringe an der Hauswand angebracht?“ brüllt sie den Wal an ohne eine Antwort abzuwarten. „Sicher nicht dafür, dass Sie“, die Frau dreht sich wieder zu mir, “dass Sie hier Free Willy quer durch den Laden schleppen.“

Der Wal blickt mich an und zuckt mit der Schulter. Die Frau poltert weiter. „Hauen Sie ab oder...“ Sie reißt das Telefon aus der Ladeschale und schubert einmal ruckartig mit der Faust die Plastikhaut des Hörers auf und ab. Dem Wal und mir ist sofort klar, was sie damit andeuten will. Diese Geste hat sie jahrelang an der Frontharpune eines japanischen Fischerbootes ausgeübt, um Artgenossen den Garaus zu machen.

Manchmal frage ich mich, warum ich den Wal überhaupt noch mit in die Stadt nehme, wenn eh immer alle motzen. Und wenn sie dann an Weihnachten nach Hause fahren, erzählen sie daheim als erstes, wie herrlich es hier ist – in einer Stadt, in der, Mama, Papa, haltet euch fest, Wale das Stadtbild prägen.
Eigentlich wollte ich nur fünfzig Tonnen pflanzliches Plankton und ein Lachsbrötchen. ‚Nimmste auf die Hand, haste jetzt keine Zeit für, erst noch n Platz für den Wal zu suchen’, hab ich gedacht. ‚Wird schon keiner motzen, sind ja in Süddeutschland. Und spätestens an Weihnachten reden sie eh alle gut von dir.“

Denkste!

Süddeutschland, dachte ich immer, sei der toleranteste Ort der Welt. Mehr noch als Iran. Heute weiß ich: Alles nur Schein. Die Verkäuferin sieht aus wie eine Unterschriftensammlerin von Greenpeace, denkt aber wie ein Robbenschlachter. Dass man zwanzig Jahre nach dem Ende der Stasi-Zeit immer noch aufpassen muss, mit wem man spricht, wenn man mit dem Wal in die Stadt geht, gehört zu den größten totgeschwiegenen Skandalen unserer Nation.

„Was jetzt? Schaffen Sie Ihren Wal raus oder muss ich sauer werden?“ fragt sie mich.
Ich spüre, wie ich innerlich beginne zu kochen. Was hat die Frau gegen meinen Wal? Denkt sie vielleicht, dass er mit seinem Luftloch komisches Zeug an die Decke pustet? Hat sie Schiss, dass er ihr mit der Schwanzflosse die Regale abräumt? Glaubt die, so schlecht erzogen ist der? Ich bin der Kunde! Ich bestimme hier, was auf den Tisch kommt und was in den Laden!

„Ich kann sie ja verstehen, als Einzelhändler“, versuch ich einen diplomatischen Pflock in unsere Unterhaltung zu treiben, spüre aber wie sich nun meinerseits die Umrisse des Kongo auf meiner Stirn beginnen abzubilden und der Hass mein Denken ergreift.

„Sie sind ein kleiner Laden. Da kann nicht jeder eben mal seinen Wal mit reinschleppen. Aber hey, womit verdient ihr bitte eure Kohle? Wohl damit, dass ich meinen fettwanstigen Wal von der Couch in die Diele wuchte, durch die Wohnungstür quetsche, die ganzen verdammten vier Stockwerke herunter schleppe, er ständig mit der Schwanzflosse im Treppengitter hängen bleibt, ich ihn anbrülle, er solle sich gefälligst leichter machen und daraufhin großmütig seinen kreuzdämlichen Vortrag über das Archimidische Prinzip ertrage.

Dass er nicht anders könne, weil er eben schwere Knochen habe.
Dass er sich die Flosse nicht wegwünschen könne, auch wenn er es wollte.
Dass es im Ozean eben Auftrieb gäbe, der ihn leichter mache, aber das Treppenhaus nun mal nicht der Pazifik ist.

Und dass ich es war, der einen Wal wollte und nächstes Mal gerne ein Luftkissenboot haben könne.

Damit, dass ich dieses globige Ding an den Briefkästen vorbei schleppe, beim Rausgehen auf der Schulter balanciere, während ich mit der linken Hand die Haustüre davon abhalte, ins Schloss zu fallen und mit der rechten die Post herausfische, ER KEINEN METER MITHILFT, ich, während ich den großen Moby Dick für seine Taten preise, daran denke, dass ich mir das nächste Mal einen Delfin anschaffe, weil man dem wenigstens beibringen kann, die Post zu holen. Oder eine Muräne, weil die leicht auf der Schulter liegt.

Dann werde ich vom Hausmeister dumm angemacht. Letzte Woche hingen bei Frau Meyer im ersten Stock wieder Muscheln am Fußabstreifer, ich solle den Wal gefälligst im Schwimmbad abstellen. Oder im Baggersee. Oder im Meer. Und mich dabei noch mehr aufrege, weil dieses verkackte Frankreich existiert und es deshalb siebenhundertachtundachtzig Kilometer sind bis an die Nordsee!

Ich bekomme einen steifen Arm! Und einen steifen Hals! Und Hunger! Hunger! Hunger! Und ich schwöre mir, dass, wenn all das vorbei ist, ich beim Fischladen um die Ecke ein Lachsbrötchen essen werde! Und er fünfzig Tonnen pflanzliches Plankton! Weil das schlank macht!

Und genau damit...“ - Ich hole Luft, unterdrücke meinen ganzen Hass auf die walemordenden Japaner, Norweger und Grönländer, auf die Harpunenindustrie und Schlauchboothersteller, auf Barack Obama, der zwar einen Portugiesischen Wasserhund besitzt, aber zum Brötchenholen die Air Force One nimmt, und brülle: „...verdient ihr doch euer Geld!“

Die Frau schaut mich an. Dann senkt sie den Kopf und sagt leise: „Stimmt.“ Wortlos wendet sie sich, wiegt fünfzig Tonnen Plankton ab, schneidet einem Lachs den Kopf ab und legt das blutende Filetstück zwischen zwei Weißbrothälften.

„Bitte“, sagt die Frau.
„Danke“, sagt der Wal.

Und beim Hinausgehen werden wir beide von einem japanischen Gaststudenten erschossen, der von einem fliegenden Stück Sushi herunter Fahrradfahrer harpuniert. „Zu Folschungszwecken“, wie er später dem Richter erzählen wird, bevor dieser ihn freispricht.

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13 Antworten

Kommentare

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    Hab ich grad entdeckt, musste ich direkt herzen.

    27.11.2012, 01:01 von topfbluemchen
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    Dit is schlicht jenial!

    02.02.2012, 01:38 von Dalek
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    :-D

    28.07.2011, 09:47 von justanotherpicture
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    Er, nicht so. Mist.

    25.07.2010, 18:56 von palanka
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    Der Inhalt/ der tiefere Sinn des Textes ist so verwirrend/ undurchsichtig, dass sie schon wieder glasklar ist.

    25.07.2010, 18:55 von palanka
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    ich bin mir nicht sicher ob ich irgendeine tiefere aussage verpasst hab aber auch wenn der wal wirklich einfach nur ein wal is find ich den text gut, besser, sehr gut!

    07.12.2009, 00:59 von Evil-Eve
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      @[Benutzer gelöscht] Stimmt, nach dem "„Danke“, sagt der Wal." haettest du noch mal einen Gang zurueckschalten und das ganze mit einem kurzen Satz stilvoll aus der Tuer pruegeln koennen. Aber so ist auch gut, das ist schliesslich dein Text, und dein Geschmack entscheidet.

      06.12.2009, 23:50 von falafelfanat
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      @falafelfanat ja, ihr habt recht. die fliegende sushi is vielleicht ne nummer zu viel. aber das radfahren brauchte ich @evil-eve #tieferer sinn :)

      07.12.2009, 17:45 von AluRockt
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    Oh, wie schlimm, ich glaube ich habe keinen Humor.

    27.11.2009, 19:25 von rolfradolfski
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    Diesmal u.a. mit dem bestangezogensten Obdachlosen, kiffenden Omas und jeder Menge fotogener Füchse in der Arktis.

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