Guess 24.10.2017, 23:09 Uhr 4 4

Wie geht´s

A neverending story

Wie geht’s?

Liebeskummer. Zerbrochene Freundschaften. Familienstreitigkeiten.
Das Fass ist voll, doch ich übers(t)ehe alles.
Bei der Wahl, ob ich jammere oder meine Situation mit einem Lächeln hinnehme, entschied ich mich für´s lächeln.

Ich sehe keinen Sinn darin, der Welt mitzuteilen wie es mir geht.
Man hält mich für die stets gut gelaunte Person, die immer ein offenes Ohr und einen guten Ratschlag hat, wenn man mit seinen Problemen und Sorgen zu ihr kommt.
Ich bin die „Lustige“, die immer zu allem etwas zu sagen hat und stets offen und gut gelaunt auf Menschen zugeht.
Man erwartet von mir, dass ich immer weiß was zu tun ist und dass ich meinen eigenen Scheiß perfekt auf die Reihe bekomme.
Ich bin die Lösung aller Probleme.
Außer meinen Eigenen….. 

Ich habe mich daran gewöhnt, dass wenn Menschen in der Nähe sind, meine Probleme zur Seite zu schieben.
Ich habe mich auch daran gewöhnt, es zu unterdrücken, wenn ich schreien will.
Schreien, weil Menschen sich bei mir über Probleme in ihrem, nahezu perfektem Leben beschweren und dabei gar nicht wissen, was richtige Probleme sind.
Aber ich schreie nicht. Ich höre zu, ich stimme zu, ich verstehe und ich biete Rat, Trost und meine Unterstützung an. Denn schließlich möchte ich eine gute Freundin sein.
Stark wie Eisen, weil ich immer weitermache.
Stark, weil ich immer Hoffnung habe.
Stark, weil ich die Fähigkeit besitze, Schmerz weg zu lächeln.
Stark, weil niemand sieht, dass auch ich verletzlich bin.
Stark, weil ich nach außen, mit viel Energie meine heile Welt vortäusche. 

Sobald ich den Drang verspüre zu weinen, unterdrücke ich die Tränen, bis ich alleine bin.
Immer, wenn es mir nicht gut geht und mir die Kraft fehlt zu schauspielern, erfinde ich Gründe um Verabredungen, Termine oder Pläne abzusagen. Ich möchte es niemanden mitteilen, dass ich gerade leide.
Niemand soll wissen, dass auch mir manchmal alles über den Kopf wächst.
Diese Gefühle und Probleme kommen zusammen, sobald ich mit mir und meinen Gedanken alleine bin.
Immer dann, wenn mir die Ablenkung fehlt.
Immer dann, wenn es nicht mehr nötig ist die starke Person zu spielen, für die mich alle halten.
Immer dann, wenn ich alleine bin. Dann bin ich müde.
Müde, von meinem Schauspiel, das ich tagein tagaus eindrucksvoll vollziehe.
Zu müde, um meinen eigenen Problemen noch auszuweichen.

Ich hasse es alleine zu sein.
Ich hasse es, wenn ich stecken bleibe in meinem eigenen Kopf. Denn das ist ein gefährlicher Ort.An diesem Ort, bin ich davon überzeugt, dass ich vom Leben benachteiligt bin.
Ich bin einsam und werde alleine sterben. Weil ich erfolglos bin. Nicht gut genug. Nicht schlau genug. Nicht attraktiv genug.
Ich werde sterben, ohne dass auch nur irgendeiner von meinen Träumen in Erfüllung gegangen ist.
Ich habe Angst davor und diese Angst kommt immer dann, wenn ich alleine bin.
Sie verfolgt mich nach Hause, in mein Schlafzimmer und in meine Träume.
Diese Angst gibt mir das Gefühl, klein zu sein. Wertlos. Nutzlos.

Aber auch diese Momente gehen vorbei.
Vorbei in dem Moment, in dem ich in die Öffentlichkeit gehe, mein perfektes Lächeln auflege und mein Schauspiel beginne.
Meine Rolle als starke, schöne und unabhängige Frau.
In dieser Rolle bin ich gut. Die Menschen um mich rum betrachten mich als genau diese Person. Sie mögen mich genauso so.
Nichtsahnend, dass ich mich selber ganz anders sehe und nichtsahnend, dass ich mich selber manchmal dafür hasse, dass ich nach außen einfach nur eine Fälschung bin.

Denn ich spiele meine Rolle perfekt. Jeden Tag.
Denn ich sehe keinen Sinn darin, Menschen mitzuteilen, wer und wie ich wirklich bin.
Denn sind wir mal ehrlich…….auf ein “Wie geht´s“, möchte doch wohl keiner wirklich eine ehrliche Antwort haben, oder?

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4 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Menschen denen du wirklich wichtig bist sind auch da, wenn es dir mal nicht gut geht und wollen das auch wissen.
    Man ist eben füreinander da.
    Und vielleicht sind sie ja sogar froh dir auch einmal etwas zurück geben zu können

    25.10.2017, 11:29 von MitDemHerzVoran
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  • 1

    Doch, es gibt auch noch jene, die durch ein Wie geht's? gerne von dir wissen möchten, wie es dir wirklich geht. Versuch wieder Sinn darin zu sehen, dich ehrlich mitzuteilen. Nur so kannst du wieder richtig glücklich werden. Dazu hat auch Schauby einen sehr treffenden Satz in seinem Profil stehen.


    Das größte Geschenk, was du dir und anderen machen kannst: Sei verdammt nochmal ehrlich mit dir selbst - jenseits jeder Komfortzone. Bis es weh tut.

    25.10.2017, 10:38 von Tora
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  • 1

    Ich finde mich in diesem Text wieder.
    Bis auf die Tatsache, dass ich es eines Tages schaffte, aus dieser Rolle rauszukommen und jemandem auch mal zu sagen, dass es mir gut geht, sondern scheiße.
    Und, welch Überraschung, da war die Antwort dann "Na, das ist doch mal eine Aussage!" ;)

    Is halt ein ewiger Teufelskreis, in dem du dich da befindest, aber wie sailor schon schreibt - es gibt Wege und Möglichkeiten!

    25.10.2017, 10:09 von TrustYourself
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  • 2

    Es gibt Wege und Möglichkeiten...

    25.10.2017, 06:48 von sailor
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