Wie geht's uns denn heute?
Jede Generation beansprucht es für sich: das schwere LOS DER GESCHICHTE. Haben wir es nun besser oder schlechter als unsere Eltern? NEON bringt Fakten in die Debatte.
Klar, wir waren wirklich naiv. Eine ganze Kindheit und halbe Jugend lang haben sich viele von uns in der helmutkohlweichen Illusion wiegen lassen, dass es immer so weiter gehen würde, dass der Wohlstand in unserem Land so stetig zunehmen würde wie der Bauch des ewigen Bundesrepublik-Kanzlers, dass wir es natürlich ebenso gut oder eher sogar noch besser haben würden als unsere Eltern. Derart unbedarft, trafen uns die Einschläge unvorbereitet, ihre Dimension konnten wir zunächst nicht begreifen: Hartz IV, Aufbau eines »Niedriglohnsektors« in Deutschland, deutsche Soldaten in echten Kriegen, freie Bahn für Finanzspekulanten und damit für eine historisch einzigartige Wirtschaftskrise. Kein Zwischentief in Sachen Wohlstand und Sicherheit, sondern eine echte Zeitenwende. »Ihr sollt es mal besser haben als wir« - mit dieser Hoffnung zieht seit jeher jede Generation ihre Kinder auf. Auch wir kennen diesen Satz. Auf den ersten Blick hat sich der fromme Wunsch unserer Eltern nicht erfüllt. Die Realität heute: Unbefristete Arbeitsverträge? Nein, unbezahlte Praktika. Aussicht auf sichere Rente? Nein, stattdessen unausgegorene Aufrufe zur »Selbstvorsorge« mit ominösen Riester- Verträgen und anderen privatwirtschaftlichen Konstrukten, denen oft kaum mehr Vertrauen zu schenken ist als einem schmierigen Staubsaugervertreter. Umfassende Krankenversicherung? Nein, immer mehr Zuzahlungen und eine diffuse Angst vor der Erfindung neuer »Kopfpauschalen«.
Aber ist es wirklich so schlimm? Haben wir es wirklich so schwer, wie wir gerne behaupten?
Sachlich lässt sich das kaum beantworten - allein weil die Frage, was Wohlstand eigentlich bedeutet, nur schwer objektiv zu klären ist (siehe Interview auf Seite 36).
Um die Debatte zwischen den Generationen zumindest um ein paar Fakten zu bereichern, hat NEON zusammen mit dem Hamburger Statistikportal Statista eine Reihe von Vergleichswerten zusammengetragen - aus denen ergibt sich ein differenzierteres Gesamtbild. Um uns einen Laib Brot leisten zu können, müssen wir im Schnitt nur noch halb so lang arbeiten (elf Minuten) wie die Deutschen im Jahr 1960 (zwanzig Minuten), ebenso für einen Liter Normalbenzin. Wir haben ihn uns nach sechs Minuten verdient, 1960 brauchte man vierzehn Minuten. Es ist wahrscheinlicher, dass wir ein Auto besitzen, und wir fliegen deutlich mehr. Es wird viel mehr ferngesehen und weniger gelesen. Heute gibt es mehr Uniabschlüsse, Geschirrspülmaschinen - aber auch: mehr Psychiater. Wir sind, das zeigen die Zahlen, besser ausgebildet, leben bequemer, aber nicht glücklicher (im Gegenteil: Unser Zufriedenheitswert ist niedriger als der aus dem Jahr 1984). Dabei sorgen wir uns nicht in erster Linie um globale Probleme, sondern um das, was uns betrifft und einschränkt. Nur knapp ein Drittel von uns macht sich ernste Sorgen um die Umwelt, 1984 waren es knapp doppelt so viele.
Trotzdem demonstrieren wir häufiger. Während 1980 in (West-)Berlin nur 750 Demos angemeldet wurden, waren es 2008 (in Gesamtberlin) stolze 2345. Dazu haben wir aber auch allen Grund. Die Erwerbslosenquote junger Erwachsener hat sich in den letzten dreißig Jahren verdreifacht, die öffentlichen Schulden pro Einwohner haben sich fast versechsfacht. Das durchschnittliche monatliche Einkommen stagniert, wobei ein immer geringerer Anteil daran aus Arbeitslohn besteht - und ein immer größerer aus »Vermögenseinkünften «. Heißt also: Wer erbt, gewinnt. Wir profitieren nachträglich von dem Vermögen, das unsere Eltern unter besseren Bedingungen angehäuft haben. Dass deren Lebensstandard nicht selbstverständlich ist, das ist inzwischen klar. Sie lebten in einer historischen Ausnahmesituation. Sie sind die ersten Deutschen überhaupt, die Zeit ihres Lebens keinen Krieg im eigenen Land erlebt haben. Ihr Gehalt wuchs, genauso wie die Größe ihres Wagens, die Höhe ihrer Absätze und die Zahl ihrer Flugstunden in den Sommerferien.
Wirtschaftlich gesehen können wir ihren Standard bisher zwar halten, aber die Aussichten sind schlecht. Ein psychologischer Nachteil. Denn die Perspektive »Wohlstand« spornt an. »Ihr sollt es mal besser haben als wir« - ein Satz, den wir wohl kaum noch weitergeben werden. Wir wurden in den Wohlstand hineingeboren, haben ihn uns nicht selbst erarbeitet und leben jetzt mit der Sorge, uns könne etwas genommen werden, an das wir uns schon sehr gewöhnt haben, weil es immer da war: Sicherheit, ein fairer Sozialstaat und unsere jährliche Urlaubsreise.
Vielleicht ist das der Nachteil daran, zu unserer Generation zu gehören. Einer, der sich schwierig in Zahlen und Fakten belegen lässt, weil er ein gefühlter ist. Wer die Sorglosigkeit der 80er und 90er Jahre kennen gelernt hat, der wird sie vermissen, wird am Standard dieser Jahre alle späteren messen. Das ist unser schwerstes Los. Ein Luxusproblem vielleicht, aber eines, das trotzdem Sorgen bereitet
Sich durchsetzen, durchbeißen, mal ein paar dünne Jahre überstehen - das sind nicht gerade die Fähigkeiten, die wir in unserer Kindheit entwickelt haben. Konkurrenzdenken hielten unsere Eltern im Kontext ihrer Lebenserfahrungen für nicht so wichtig. Die Generation unserer Eltern glaubte noch, die Welt verändern zu können, wie sie ihnen gefällt. Wir leben mit dem Gefühl, uns an sie anpassen zu müssen.
Text: Lara Fritzsche und Tobias Zick






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