selfish 07.09.2005, 15:48 Uhr 30 0

"Wie, du glaubst nicht an Gott?"

"Und was machst du, wenn du mal stirbst?“ Das Leben eines Atheisten unter streng Gläubigen ist leider alles andere als einfach.

Aus diesem Grund versuche ich nach Möglichkeit inkognito zu bleiben. Sie sind in der Überzahl.

Meine Abneigung gegen streng gläubige Jugendliche kam schleichend. Begonnen hat es wohl in der 5. Klasse, als eine Klassenkameradin mich auf mein Armband mit Holzperlen ansprach. Es war eines der damals ungemein coolen Buddhabänder, die jeder, der etwas auf sich hielt, gleich zu mehreren in verschiedenen Farben, Materialien und Preisklassen besaß.
„Wieso trägst du eigentlich so ein Armband? Das ist ein Buddhaband, das hat überhaupt nichts mit Gott zu tun. Und du bist doch Christ!“
Ein leichtes Unmutsgefühl keimte in mir auf. Ich konnte nicht von mir behaupten, bei der Wahl meines Schmuckes zuerst an Religion zu denken. Falsch? Unmoralisch? Kleingeistig?


Mit der Zeit dämmerte mir, aus welcher Gesellschaft ein großer Teil meines Freundeskreises kam. "Freie Evangelische Gemeinde."
Ich bin mir nicht sicher, wie viele ihrer Anhänger Mitglieder sich an meiner Schule tummeln, aber für eine absolute Mehrheit würde es sicher reichen, um es politisch auszudrücken. Und meine Fraktion käme sicher nicht über die 5% Hürde. Als ich das bemerkte, war es schon zu spät.
FeG Mitglieder haben die Angewohnheit, von jedem zuerst nur das Beste zu denken, also in jedem einen sehr gläubigen Menschen zu sehen. Oder wenigstens das Potenzial, einer zu werden.
Also habe ich mir zum Geburtstag „Alles Gute und Gottes Segen!“ wünschen lassen. Habe mir „Jesus is my homeboy“ und „Jesus liebt mich“ Aufkleber schenken und mich zum Gebetskreis einladen lassen, und ständig neue Ausreden produziert, um nicht hingehen zu müssen. Habe Diskussionen über Evolution geführt, aber ab dem Argument „Die Erde ist erst 10.000 Jahre alt, wegen der Arche Noah.“ geschwiegen. Bei abendlichen Gesprächen in der Jugendherberge auf Klassenfahrt habe ich Berichten über den letzen Gottesdienst gelauscht, ob man denn auch durch die Tür gegangen sei? Zu Jesus? Und auf dem Heimflug habe ich mich fragen lassen, ob ich beim Anblick der Sonne über den Wolken auch immer an die eine Bibelstelle denke, und ob ich bei dem und dem Vers auch immer weinen muss vor Rührung.


Irgendwann ist der Knoten geplatzt. Bin ich ein schlechter Mensch, wenn ich nicht religiös bin? Wenn ich mit der propagierten Gottesdemut nichts anfangen kann? Stimmt etwas nicht mit mir, weil mich das Ganze eher verstört als berührt? Muss ich etwas gut finden, weil fast alle es gut finden? Nein.
"Wie, du glaubst nicht an Gott?" Große Augen, gerunzelte Stirn, Schweigen. Dieser überraschte und entsetzte Gesichtsausdruck weicht in der Regel innerhalb von 5 Sekunden einem mitleidigen Blick. Und was machst du, wenn du mal stirbst? Dann kommst du doch nicht in den Himmel?
Wie gesagt: FeG Mitglieder haben die Angewohnheit, von jedem zuerst nur das Beste zu denken, also in jedem einen sehr gläubigen Menschen zu sehen. Und wenn nicht, macht auch nichts! Was nicht ist, kann ja noch werden! Potenzial ist ja da.

Jetzt bin ich auch offiziell Atheist unter Gläubigen, doch ich lasse mir noch immer „Alles Gute und Gottes Segen!“ wünschen, mich zum Gebetskreis (Deckname: Jugendclub) einladen, und ich lausche auch noch immer Geschichten über die Missionsfreizeit in den letzten Sommerferien, als sie so vielen Leuten Gott näher gebracht haben.

Leider Gottes (...) muss ich jeden Tag wieder die Erfahrung machen, dass viele der gläubigen Christen, die ich kenne, kaum Verständnis für Nichtgläubige zeigen. Ich spreche keinem Gläubigen den Verstand ab, versuche ihn nicht zum Atheismus zu bekehren und würde sie, sofern es so etwas gäbe, auch nicht wiederholt zu Atheistentreffs einladen.
Ich erlebe das Christentum, welches Toleranz groß auf seine Plakate schreibt, oft ganz anders.
Vielleicht bin ich auch nur aus Trotz Atheist geworden, ertrunken in der Flut von subtilen Bekehrungsversuchen. Warum, liebe FeG Leute, können wir uns nicht in Akzeptanz üben?
Ich kann dazu zwar keinen Bibelvers zitieren, aber Friedrich den II.: Jeder soll nach seiner eigenen Façon selig werden.

30 Antworten

Kommentare

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    kann mir irgendjemand sagen, wie die freikirche sich in england vertritt? ich bin hier naemlich gerae af einem schueleraufenthalt und meine freundin hat ansichten von ihrer religion, die mich ziemlich an die deutsche freikirche erinnern. sie versucht mich auch immer von ihrem glauben zu ueberzeugen, hat aber zum glueck noch nicht geklappt. mich wuerde es interessieren, wo ich da hingeraten bin. sag jetzt schon danke!

    16.03.2006, 12:51 von keksbaerli
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    gibt es wirklich noch viele ernsthaft gläubige? ist mir nur einmal aufgefallen, als eine person, die mitbekam,dass ich "oh gott ist das scheisse hier" sagte, meinte ich hätte gegen eins der 10 gebote verstossen. ich meinte,dass die für mich nicht gelten, weil ich atheist bin. da war sie geschockt und wollte meine seele retten...zum glück war der urlaub bald vorbei...war aber teliweise n bisschen amüsant...

    07.03.2006, 21:53 von ms.saigon
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    Na , falls die frage kommt, fragst du erstmal zuruck, Kind ist die Mama denn etwa nicht lieb und gut? Antwort wird wohl JA lauten. Lieb und gut=kommt ins paradies, wenn nicht musste den pfarrer fragen er's der spezialist.

    27.02.2006, 21:43 von 9amir9
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    ach ach. da bekomm ich gleich beklemmungen, wenn ich das lese. religion ist in jeder form, in der sie fanatisch und/ oder missionarisch agiert für mich inakzeptabel. natürlich basiert unsere kultur auf dem christentum und der ethik der bibel, da kann sich keiner entziehen und ich bin froh, trotzdem ich ungetauft bin, den religionsunterricht besucht zu haben, da die bibelgeschichten auch eine wichtige grundlage zum verständnis unserer kultur und kunstgeschichte sind. aber es schüttelt mich wenn mir jemand sagt, dass er die bibel wortwörtlich nimmt. brrrr. da fang ich garnicht erst an zu diskutieren. macht keinen sinn. aber bitte. soll jeder glauben, was er will.

    26.02.2006, 23:14 von fraujung
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      @fraujung Pfui! Eine Ketzerin, noch schlimmer, eine Heidin!!!
      Ungetauft!!! Da könnte man das Himmelstor ja gleich zuschweißen!!!

      :-)))))))))))))))))))))))))

      Hast recht, dikutieren bringt nix. Abgesehen davon, daß man seine Feinde (zumindest die ganz verbohrten seh ich so) besser kennen lernt. Und - wenn man / frau das mag - Spaß.
      Hab oben schon geschrieben, das es durchaus amüsant sein kann, sie predigen zu lassen. Hat was von Realsatire - solange man den nötigen Abstand hat. ;-)
      Aber unabhängig von der Meinung - manche Dinge einfach zu kennen ist gelegentlich von Vorteil. Das gilt m.E. auch für die Bibel, egal wie man sie letztlich bewertet.

      27.02.2006, 15:02 von akmsu74
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      @akmsu74 jaa, so hab ich das auch lange gesehen, dass diese disskussionen spass machen - haben sie m ir auch immer - bis ich durch den vater meines kindes in ein extrem katholisches umfeld geraten bin (ich sag nur: bayrisches dorf...) inclusive evolutionstheorieverachtung, papstverehrung und - eben - heidenverachtung. bzw: das geht ja grade noch, besser als ich wäre z.b. evangelisch oder orthodox - weil so bin ich ja noch quasi "zu haben". das ging so weit, dass mein kind nun gegen meinen willen getauft wurde. jaja. und ich hab mich auf alles eingelassen damals, disskussionen mit pfarrern ("ich weiss nicht ob sie das mit ihrem gewissen vereinbaren können als mutter, dass sie ihrem kind den zugang zum paradies verwehren") nein, ab einem gewissen punkt und eben: dem nicht gegebenen abstand - meinem kind - geht diskutieren nicht mehr. meine größte angst besteht inzwischen darin, dass mein kleiner eines tages zu mir kommt und sagt: mama, die oma sagt, du kommst nicht in den himmel weil du nicht getauft bist! oder so. wie das einem kind erklären?? naja. aber klar, mit abstand kann es sehr sehr amüsant sein. ich freu mich auf den tag, an dem ich das auch wieder mit abstand machen kann. weil auskennen tu ich mich inzwischen gut genug. die gedanken sind frei!

      27.02.2006, 21:28 von fraujung
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      @fraujung
      Das ist nun wirklich zum Heulen.
      Auch aus anderer Sicht: "gegen den eigenen Willen taufen" ist ja das absurdeste überhaupt.
      Und die Eltern sind immer noch die Stellvertreter des Kindes.

      Ich schließ mich akmsu74 an:
      "lieber aussätzig und alleine als gegen die eigene Überzeugung angepasst und in schlechter Gesellschaft."

      Taufe beruht auf einer tiefgeifenden Willensentscheidung, wer das nicht ernst nimmt, hat es nicht verstanden. Und wer das nicht verstanden hat, den würde ich auch (trotz meines eigenen Glaubens) als schlechte Gesellschaft bezeichnen.

      Allerdings kann ich mir das auch nicht so richtig vorstellen. Wie ist es denn dazu gekommen?

      01.03.2006, 10:10 von LudwigMartin
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    Ich hätte das ganze gerne mit eine scharfe sösse bitte ;-)

    26.02.2006, 22:10 von 9amir9
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    Es leben die Atheisten!!!!!!!!!!!!!!

    tja und wenn sich Christen und Muslimen in etwas einig sind, dann ist es die Abneigung gegenüber Atheisten!

    26.02.2006, 19:51 von donnie_brazco
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      @donnie_brazco ...welche wiederum wenig Unterschiede zwischen Allah und Jehova machen. ;-)

      26.02.2006, 21:16 von akmsu74
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    ehrlich gesgt ich bin in einer FeG. aber ich hasse das mich so zu nennen,weil eben das alles mit supervielen vorurteilen behaftet is.
    an der stell muss ich mich fuer alle "radikalen" holzhammer missionare entschuldigen.
    radikal ja,aber nicht zaehne zusammen und durch.
    wir sind eben auch nur menschen,keinen deut besser,als atheisten oder sonstwer.
    egal jedefalls,werd selig mit deiner facon,aber werde es auch!

    25.02.2006, 03:54 von rachelle
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      @[Benutzer gelöscht] Da staune ich auch nur.
      Ich habe mal mit einer sog. Hardcore-Christin über selbiges Thema (also Sex vor der Ehe) diskutiert und sie vertrat (für sich, da aber entschieden) die Meinung, dass das nichts sei.
      Weniger als zwei Jahre später war ich auf ihrer Hochzeit und sie im fünften Monat.
      Freue mich noch heute darüber. :-)

      25.02.2006, 00:43 von veit
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      @veit Ja ja, die Wege des Herrn...

      Man sollte Tugendhaftigkeit eben nicht mit Mangel an Gelegenheit verwechseln. ;-)

      25.02.2006, 23:20 von akmsu74
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    Oh geiel!!! Wat 'ne Party - und ich war nicht dabei! Mistverdammter!!!!!

    Es gibt nichts - ich wiederhole NICHTS!!!! - geileres, als sich mit verbohrten Christen zu streiten!
    Spätestens, wenn man an den Punkt kommt, an dem man sagen kann: "Wenn ich an Gott glauben würde, ich würde nicht für ihn arbeiten!", geht die Party richtig los.
    Das witzige ist, das hinterher alle beleidigt sind, weil man "ihren Glauben nicht respektiert" - dabei würde es reichen, wenn sie das Thema nicht immer weiter treiben würden!

    @selfish:
    Take it easy! Hast es bald überstanden! Nach der Schule kannst Du dahin gehen, wo DIE Dir nicht folgen werden. Im Zweifelsfall komm zu mir und laß uns Missionare jagen! :-))))

    18.02.2006, 15:42 von akmsu74
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