Wie die Welt in Bildern wäre
Wenn die Welt in Bildern wäre, wäre alles ganz anders. Oder?
Wenn die Welt in Bildern wäre, wäre alles ganz anders.
Der Beruf als Bildrestaurateur wäre endlich wieder angesehener und allgemein geschätzt, endlich mal wieder.
Wir würden entweder lächeln - geheimnisvoll oder offenherzig, freundlich oder zynisch; oder unsere Gesichter wären verschlossen - kalt, ausdruckslos.
Manche Gesichter wären eine ewige Maske der Trauer, undurchdringlich, niemals von einem Lächeln unterbrochen.
Andere wären auf ewige Zeiten demselben überraschten Ausdruck auf dem Gesicht ausgeliefert - mit vor Entsetzen oder Erstaunen weit aufgerissenen Augen würden sie die Welt anstarren. Nie könnten wir ausbrechen aus unseren Rahmen, bröckelt unsere Fassade ließen wir sie wieder reparieren, ersetzen, ließen sie behandeln mit Acryl, Öl, Kreide, Tusche, Grafit oder Blei. Die einen Bilder hätten von Natur aus ein härteres Los gezogen. Die armen Kreidebilder, die immer wieder zur Restauration müssten, weil sie bei jeder Bewegung mit anderen Gemälden sofort verwischen und ein Stück Identität verlieren würden. Sie hätten es nicht leicht, alles andere als das, da sie nie exakt wieder hergestellt werden könnten, nach jeder Behandlung wäre etwas anders. Die Acrylgemälde hätten besonders viel hochnäsiges Mitleid mit den Kreidebildern - Sie haben ja auch gut reden mit ihren festen Farben teilten sie das Problem nicht mit den Gemälden, denen es nicht so gut ginge. Sie haben Glück, sie verwischen nie. sie sind hart, fest und starr.
Gemalt auf Leinwand wären sie nicht dazu fähig, sich zu verändern, sich zu wandeln. warum sollten sie das auch wollen? Sie wären doch perfekt, die upper class unter den Gemälden.
Farbenfroh und edel würden sie bewundert und beneidet werden. Beneidet, weil sie sich in ihren schönsten Rahmen und Passe Partouts wohl zu fühlen scheinen, wie sie funkeln und strahlen.
Doch auch die Acrylgemälde würden abends daheim an ihrer Wand hängen, versuchen das ewige starre Lächeln vom Gesicht zu wischen, um ein Mal - nur ein Mal zeigen zu können, wie sie sich fühlen.
Sie könnten die Bewunderung irgendwann nicht mehr ertragen weil sie wüssten, dass die Bewunderer belogen würden, dass sie einen Schwindel beneiden und mit falschen Träumen gefüttert würden.
In Wirklichkeit würden sich die Acrylgemälde wünschen, ein mal ein Kreidebild zu sein. Einmal wandelbar sein.
Sie würden sich wünschen, einmal alles in sich und auf sich verwischen zu können um endlich ein anderes Gefühl präsentieren zu können, ein echtes Gefühl und nicht eins, was nur schön aussieht.
Oh, wie würden sie es genießen und auskosten.
Nur einmal aus dem goldenen Käfig ausbrechen, aus dem goldenen Käfig mit den seidenen Gittern, die so leicht zu durchtrennen wären, wenn man kein Gemälde wäre.
die Acrylgemälde hingen an der Wand, wissend, dass ihre Trauer und ihre Sehnsucht für immer und ewig ein Geheimnis wäre.
Wenn die Welt in Bildern wäre, wäre alles ganz anders.
Es gäbe Gemälde, deren wahre Gefühle nie erahnt werden könnten.
Es gäbe Masken, falschen Neid, falsche Bewunderung, falsche Trauer, falsches Glück, falsche Sinne.
Es wäre so vieles falsch. Doch die Gemälde, sie wären gefangen in sich, festgehalten von ihren Rahmen, starr gemacht von ihren Farben.
Wie könnten sie ihren Zustand ändern? Was wären die Gemälde für arme Wesen..
Wenn die Welt in Bildern wäre, wäre alles ganz anders.






Kommentare
Interessante Überlegungen.
02.08.2011, 20:31 von topfbluemchenEin schöner Malkasten.
02.08.2011, 12:39 von Kokomiko