wie der Regen meine Jugend beendete
Eine Welt, die irrealer nicht sein könnte läd mich ein, an sie zu glauben und ich folge ihr, der Stimme, die schreit: "tu es endlich"
Meine Adern ziehen sich über meinen Körper wie Straßen, unzählige kleine Abzweigungen und trotzdem findet es seinen Weg, zuerst in mein Herz, dann direkt in mein Hirn. Ich kann nichtmehr denken. Kann nicht schlafen, doch der Tag tötet mich, mit all seinen Lichtern. Es ist wie ein Traum, ich möchte aufhören, Träume kann man nicht beenden, man kann sie durchleben und aufwachen, doch ich bin wach. Ein endloser Traum, mein Körper eine vierspurige Autobahn, Emotionsstau. Quengelnde Kinder auf dem Rücksitz, der Hund im Kofferraum wird langsam nervös. Die nächste Raststätte ist noch einige Kilometer entfernt. Ich muss pissen. Die Toiletten sind teuer, also nehme ich das Gebüsch. Der Truckfahrer sieht mich, ich ihn auch. Es ist mir egal. Er grinst. Ich drehe mich um. Drehe immer schneller, das Karussell in meinem Kopf hört nicht auf. Die Pferde springen auf und ab, kreischende Kinder, Zuckerwatte. Ich probiere einen Bissen, das süße Zeug verklebt mir den Mund, ich hole Luft, kann kaum Atmen. Dann springe ich. Die kühle Luft füllt meine Lungen, während ich mit 200 Stundenkilometern auf die Erde zurase. Ich denke kurz daran, die Leine nicht zu ziehen. Ein letztes Mal atme ich ein, dann pralle ich auf. Das blaue Auge wird mein Gesicht noch lange zieren. Er schlägt erneut auf mich ein, zieht mich wieder nach oben und wirft mich nochmals auf den grauen Asphalt. Ich wusste nicht, dass die Straße so weich ist. Behutsam kuschel ich mich in sie hinein, atme denn Duft der frischen Daunenfedern ein und genieße die wohlige Wärme, die meinen ganzen Körper durchströmt. Ich stelle das Wasser wieder aus und verlasse die Duschkabine. Unzählige Blicke wandern an mir auf und ab. Ich werde unsanft weiter geschoben, ziehe mich an. Dann verschließen sie das Gitter und ich bin wieder allein. Mit meinem Finger fahre ich die eingeritzten Sprüche in der Wand nach, nehme mir eine Münze und schreibe selbst etwas. Ihr hat der Brief gefallen. Sie sieht mich mit großen Augen an und lächelt. Dann fällt der Vorhang und ich verlasse das Theater. Draußen regnet es und das kalte Regenwasser schwemmt meine Jugend beiseite. Ich packe meine Koffer und verschwinde. Der Flieger ist voll, ich sitze am Fenster, steige wieder aus. Hallo Fremde, lange nicht gesehen. Meine Sonnenbrille rutscht mir ins Gesicht, während ich versuche mich fest zu halten. Die Farbe will nicht so recht trocknen, also nehme ich den Föhn. Ich zögere einen Augenblick, doch dann lasse ich ihn ins Wasser gleiten. Es tut einen Schlag, sie wollte es so. Ich drehe mich um und gehe. Durch den Türspion sehe ich die alte Frau von Gegenüber. Sie hat bestimmt noch Zucker. Ich klingle und mir wird geöffnet. Voller Erwartungen trete ich ein. Der Champagner fließt hier in Strömen und das Geld wechselt seine Besitzer, wie alte Babykleidung auf ebay. Ich besitze ein Bett, einen Tisch und einen Stuhl. Also setze ich mich. Die Schalplatte kratzt und der Baulärm, den sie abspielt, ist unerträglich geworden. Sie bauen schon Wochen, direkt vor meiner Welt. Ich kann mein Haus nicht verlassen, also gehe ich. Nie wäre ich so weit gegangen. Endlich am Ziel. Ich nehme meine letzte Kraft zusammen und laufe durch die Markierung. Die Menge jubelt. Ich stecke mir eine Kippe an und rufe die Feuerwehr. Der Rauch beißt in meinen Augen. Ich ziehe mir meine Kapuze auf und binde mir ein Tuch vor Mund und Nase. Dann betrete ich die Tanzstelle. Ich kaufe mir einen Schokoriegel, er schmeckt nach Kindheit. Dann verlange ich Geld. Viel Geld. Man wird schließlich nicht jeden Tag Millionär. Ich schalte den Fernseher ab und lege mich ins Bett. Träume kann man nicht beenden, man wacht auf, aber ich schlafe nicht. Die Autos stehen, die Kinder schreien und die Baustelle hat noch keinen Notausgang.







Kommentare
Ich finde das großartig! :)
03.09.2012, 22:26 von Cordhose