LastCoincidence 04.01.2012, 21:35 Uhr 4 6

Wer auch immer du bist, dies ist unser Moment.

Zwei Menschen laufen sich über den Weg. Zwei unbekannte Schicksale passieren den selben Weg. Und doch bleibt es so anonym, so mysteriös und eigen.

Täglich sehen wir Menschen. Menschen die wir kennen, die wir lieben, die wir weniger mögen und Menschen, die wir noch nie zuvor gesehen haben.


Fremde, sozusagen. Wir gehen an ihnen vorbei, ohne sie anzusehen, vertieft in unsere Gedanken und zugedröhnt von derselben Schall an den engen Wänden unseres Vorstellungsraums. Eine Anonymität umhüllt uns, der Stress und die Geschäftigkeit stehen uns ins Gesicht geschrieben. Um uns lauter busy people, jeder hat seine Ziele zu verfolgen, jeder muss liefern und leisten, was das Zeug hält. Überstunden sind heute Programm, wer réussieren will, muss fast asozial werden, die Ellbogen ausstrecken und auch mal bereit sein, jemandem im übertragenen Sinne eins runterzuhauen.

An der Supermarktkasse sehen wir es besser als irgendwo sonst: Menschen alles Schichten, aller Nationalitäten und mit verschiedenen Bildungsständen, dazu noch verschieden alt, treffen aufeinander. Und wir kennen die Stimmung, die im Geschäft an der Kasse herrscht. Hektisch, stressig und angespannt sind wohl die treffendsten Synonyme für die Situation, die dort herrscht. Mütter, die ihren Kindern beizubringen versuchen, dass sie nun sicher keine Bonbons bekommen, Omas, die vergessen haben eine Tüte mitzubringen, angespannte Kassiererinnen, die verzweifelt darauf warten, dass der ältere Herr an der Kasse nun endlich die passenden Münzen gefunden hat.

Weshalb sind wir so angespannt? Weshalb sind wir so eingehüllt in einen Mantel, der ein wenig Geheimnis, Anonymität und Abgrenzung ausstrahlt?

Ich glaube, die Antwort könnte sein, dass wir alle zu sehr mit uns selbst beschäftigt sind. Was gibt es heute zum Abendessen? Habe ich den Computer im Büro heruntergefahren? Was schenke ich Onkel Hans zum nächsten Geburtstag? Alles dreht sich um uns, unser Umfeld und die dait zusammenhängenden Aktualitäten und Probleme.

Manchmal probiere ich bewusst, mir vorzustellen, was die Menschen denken, die meinen Weg kreuzen. Sind sie glücklich? Wie leben sie, was haben sie gelernt, haben sie eine Familie?

Ich weiss nicht, für was ich das effektiv tue, aber ich glaube, es tut mir gut. Es lenkt mich von mir ab, lässt mich ein paar kurze Momente mein Leben vergessen. Wenn ich die Menschen anlächle, die mir entgegenkommen, dann wird dieser unpersönliche Moment, in dem man das selbe Stück Strasse passiert und den selben Boden berührt zu einem kleinen, plötzlich auf eine Art persönlichen Erlebnis. Ein Erlebnis der kleinen und feinen Art, das nur aus zwei Personen, einer kleinen Auszeit und einem Lächeln besteht.


Tags: Anonymität, Geheimnis, Strasse, Treffen, Unpersönlichkeit
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4 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Schön, mit solchen Gedankengängen nicht allein zu sein, gefällt mir richtig gut!

    08.01.2012, 21:24 von EvilEvo
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  • 1

    gefällt mir sehr, sehr gut! schön und sehr ehrlich geschrieben, sodass es mir irgendwie tränen in die augen treibt. wahrscheinlich, weil es zu wenig menschen gibt, die so ein kleines persönliches erlebnis am eigenen leib gespürt haben.

    05.01.2012, 14:15 von amatory
    • 0

      Danke vielmals! Dein Kommentar hat mich echt aufgestellt :-)

      05.01.2012, 22:39 von LastCoincidence
    • 0

      freut mich zu hören :)

      07.01.2012, 19:47 von amatory
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