tones 06.06.2012, 12:58 Uhr 22 9

Wenn Realität und Wahrheit kotzen gehen.

Das Leben ist und bleibt ein Rätsel. Egal wessen.

So wie der Typ. Gleich am Eingang links, da sitzt ein junger Mann. Groß und stattlich gebaut. Anabolisch nachgeholfen. Aber dezent. Sein Hals sieht aus wie der Stamm einer uralten Eiche. Tief geadert. Seine braunen Haare hat er zu einer eleganten Gelfrisur nach hinten gekämmt, geglättet, gesprayt, geklebt, gebuttert, ge-was-weiß-ich-t, und hockt nun seit geraumer Zeit, ich schätze so etwa drei Stunden, siebzehn Minuten und achtundfünfzig Sekunden, vor seinem weißen IPhone 4S, IPad und ultra Acer-Ultrabook und scheint alles andere um sich herum vergessen zu haben. Schaut nicht auf. Nicht einmal auf den netten Arsch der Bedienung. Hat jetzt zwei Leben zu führen. Das Virtuelle und das Sexuelle. Nur kommt das Potentielle dabei zu kurz. Obwohl es doch das einzig Reelle wäre. Doch Realität wird in den Köpfen schon lange nicht mehr groß geschrieben. Stattdessen reiten wir lieber mit jedem Wort, mit jeder beschissenen Verleugnung, noch ein bisschen schneller in den tiefroten, suizidalen Sonnenuntergang.

Kritisch unterbelichtet hockt er also auf seinem Hocker und gammelt selig vor sich hin. Chattet und skypet, shared sich und sein Leben, liked das der anderen, aber blockt seines wie lästige Werbebanner. Postet und postet ohne sich auch nur einmal selbst zu rebooten. Atmen wird überbewertet. Die Zeit rennt, doch wir humpeln nur durchs Leben.


Mit all seiner Hilflosigkeit erinnert er mich an diesen kleinen Jungen, der vor einem Jahr, sieben Monaten und zweiundzwanzig Tagen hier hereinspaziert kam, mit nichts außer einem Regenschirm, und jedem halbwegs alkoholisch Ungeschwängerten ein Gespräch ans Knie nagelte. So auch mir. Seine dicke Bommelmütze hatte er tief ins Gesicht gezogen, und seine Jacke hatte nach Benzin gerochen. Fast so provokant, als ob jemand beabsichtigt hatte ihn anzuzünden. Doch er war das blühende Leben. Und wusste doch nichts davon. Er fragte mir Löcher in den Bauch. Fragen, auf die ich keine Antwort wusste, noch dass ich sie mir jemals gestellt hatte. Er beeindruckte und verunsicherte mich. Er fragte mich, wie sich Leben anfühle, und ich blickte ihn einfach nur verwirrt an. Und vielleicht war das auch die Antwort. Das Leben verwirrt einen. Tag für Tag. Er fragte mich, was passieren würde, wenn die Sonne eines morgens verschlafen würde und wer ihr den Wecker stellt. Er fragte, was Liebe ist, warum Menschen hassen, und ob sein Schirm nachher noch mit ihm reden würde, wenn er jetzt kein Bier bekomme. Und ich kaufte dem Schirm ein Bier. Er fragte mich, wenn man etwas vermisst, dass man nie besessen hat, ob man dann nur laut träumen oder durchdrehen würde. Und auch darauf wusste ich keine Antwort.

Er hatte sich zu seinem Schirm herunter gebeugt, der schräg hinter ihm an seiner Stuhllehne gehangen hatte, und Dinge geflüstert, die ich nicht verstand. Dann hatte er mich unter seiner bunten Wolle angestarrt und gemeint, sein Schirm würde meinen, ich würde das Bier dringender brauchen als er und hatte mir das Glas herüber geschoben. Ich nahm dankend an, hatte schon längst wieder vergessen, dass ich es ja eigentlich selbst bezahlt hatte und leerte es auf ex. Ein Zug. Dazu ein Atemzug. Und mir war noch nie so klar, was ich verpasst hatte. Was wir alle verpasst hatten.

Ich fragte den Jungen, wer er sei und er antwortete: „Wer weiß das schon?“ Ich hob die Augenbrauen und schon schob seine Zunge Sätze hinterher, die mich erkennen ließen, dass ich nicht ich bin, der Stuhl kein Stuhl, und das Bier das gerade noch meine Kehle hinabgeflossen war, kein Bier war. Die Wahrheit wäre in dieser Welt nicht lebensfähig. Sie würde aussterben. Wir würden uns von Lügen und Schweigen ernähren, mit Scham duschen und Feigheit schlafen. Wir würden uns auf Gerüchte und Vermutungen stützen, auf Waghalsigkeit und Intrigen, auf waghalsige Intrigen und intrigante Waghalsigkeiten. Alles würde wackeln, und wir selbst uns Stück für Stück verlieren. Und somit wisse niemand, wer er ist, weil wir weder wissen, welche Teile von uns, noch dass wir uns verlieren. Mit jedem Atemzug laufen wir nicht nur dem Tod entgegen, sondern auch vor uns selbst davon.

Ich hatte das Leben noch nie so leuchtend verstanden. Doch war ich auch noch nie so verwirrt. Ich orderte drei Whiskeys. Für mich. Für den Jungen. Und für den Schirm. Ich trank alle drei. Ich fragte den Jungen, warum er mit dem Schirm reden würde und er antwortete: „Irgendjemand muss es ja machen.“ Er war aufs Klo gehumpelt, und ich hatte ihn danach gefragt, warum er das tun würde. Humpeln. Und er hatte gesagt, er sei über sein Leben gestolpert. Ich hatte gefragt ob er es aufgehoben hat und er meinte nur kühl, es wäre schon zu spät gewesen. Daraufhin hatte er auf die Uhr geschaut, sich seine Mütze noch tiefer ins Gesicht gezogen, seinen Schirm genommen und aufgespannt und ihn darum gebeten ihn nicht nass werden zu lassen. Und nach einer kurzen Pause fügte er nickend hinzu: „Ja, du kannst nachher mit bei mir im Bett schlafen.“ Und ab da verstand ich. Dass er das nicht machen musste. Sondern, dass es das einzige geblieben war, was er noch hatte. Dieser Regenschirm. War er.

9

Diesen Text mochten auch

22 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Wäre ja toll, käme er mit wirklich GAR NICHTS außer einem Regenschirm rein. War dann leider doch nicht so. Habe an der Stelle aufgehört zu lesen.

    14.06.2012, 12:02 von kirschgruen
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ja.

    Aber: "Er fragte MIR Löcher in den Bauch."

    10.06.2012, 13:06 von .RehLein.
    • 0

      Ach herje. Wie hat sich das denn da hin verirrt? Danke.

      10.06.2012, 13:10 von tones
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      trotzdem wird gedankt. viel und herzlichst. :) 

      10.06.2012, 13:02 von tones
  • 1

    Danke für diese schönne, tragische Geschichte!

    10.06.2012, 11:04 von Sultanine
    • Kommentar schreiben
  • 0

    dumm
    hart dumm


    08.06.2012, 10:22 von Surecamp
    • 0

      Was genau soll mir das sagen? Ich bitte um intensivere Ausführung dieses Gedankens. 

      08.06.2012, 11:07 von tones
    • 0

      du kannst um viel bitten...

      08.06.2012, 11:08 von Surecamp
    • 1

      Oh. Ich bitte (ja, ich bitte, soll vorkommen) vielmals um Verzeihung für den Wunsch einer konstruktiven Meinungsäußerung. Wird nicht wieder vorkommen. 

      08.06.2012, 11:24 von tones
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Ich bin ganz entzückt, verzaubert und ge-was-weiß-ich-t von Dir... äh diesem Text!

    Ich glaube es ist heute zu spät für die Startseite, aber irgendwie muss es dahin, weil Du gelesen werden solltest. Viel.

    06.06.2012, 16:27 von Mrs.McH
    • 1

      Und das habe ich dem Lotsen jetzt geflüstert... wenn das nicht recht ist, mache ich es nie wieder ;-)

      06.06.2012, 16:37 von Mrs.McH
    • 0

      danke. in groß.! :)


      aber sag, da ich hier ja so etwas wie ein "frischling" bin, nicht was das schreiben, aber die userschaft angeht, wann kommt man denn wie auf die startseite? auf gut glück oder gibt's da nen schema f`?

      06.06.2012, 16:39 von tones
    • 0

      so funktioniert das. ^^ alles klar. 

      :)

      06.06.2012, 16:41 von tones
    • 0

      Da fragst Du leider die Falsche, ich weiß es nicht. Ich habe jetzt auch das erste Mal eine Empfehlung ausgesprochen ;-)

      06.06.2012, 16:41 von Mrs.McH
    • 1

      bombe. nja wurst. auch wenn's nicht klappt, danke ich dir trotzdem herzallerliebst, und fühle mich höchst geehrt. :] 

      06.06.2012, 16:46 von tones
    • 0

      Ehrensache :) Ist ja nicht der erste Text von Dir, den ich herze. Bleib schön hier eine Weile, ja?

      06.06.2012, 16:49 von Mrs.McH
    • 1

      ay, captain. wird getutet. :D

      06.06.2012, 16:52 von tones
    • Kommentar schreiben
  • 3

    Ich verstehs nicht ganz, aber es gefällt mir

    06.06.2012, 16:01 von EliasRafael
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      warum denn peinlich?

      06.06.2012, 16:09 von tones
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Make some noise peeps!

    Prinz William und Kate Middleton lernen bei einem Besuch in Australien das DJ-Handwerk - und sie sind nicht allein. Eine Auswahl des Grauens.

  • Wie siehst du das, Jörg Brüggemann?

    Jeden Mittwoch interviewen wir NEON-Fotografen oder Illustratoren. Auf unsere 10 Fragen dürfen sie uns nur mit Bildern antworten.

  • Apokalypse Wow!

    Die Mode ist die Message: Die pro-russischen Kämpfer in der Ukraine sehen mit Macheten, Masken usw. aus wie Figuren aus den »Mad Max«-Filmen.

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android