lilko 21.02.2007, 18:14 Uhr 13 8

Wenn man von Revolte spricht

"Ungarn, wach auf!" hat sie gebrüllt, die aufgebrachte Meute oben im Burgviertel stehend. Mit den ungarischen Fahnen, dort wo eigentlich japanische Touristen den Sonnenuntergang fotografieren.

Ich habe es gesehen. Gehört. Und irgendwie auch gespürt. Zumindest die Angst, die Wut. Die jungen Leute sprachen von Revolution. Wie damals, 1956, als auch mein Großvater vor dem Parlament stand, um für die Rechte seines Volkes zu kämpfen. Aber das jetzt, war das nicht ein bisschen übertrieben?

Ich fuhr jeden Morgen vom Batthányi Platz zur Schule und schon um diese Uhrzeit, standen sie da, die Leute. Oder noch. Das Tränengas schwebte in der U- Bahn herum, die Menschen stülpten sich Plastiktüten über den Kopf. Auf dem Moszkva Platz: Die Wahlplakate der Parteien, schmerzlich an das Geschehene erinnernd. Gyurcány, der sein Land verraten hatte. Orban, ein Licht in all dem Dunkel. Nur das Orban doch eigentlich nichts weiter tat, als ein Volk aufzuhetzen.
"Kämpft für eure Rechte, wenn nötig mit Waffengewalt" hieß es gelegentlich in seinen Reden. Und er, er war doch auch auf der Seite der Rechten. War das gut? Den Menschen zu sagen, sie sollten mit Steinen auf das Gesetz schmeißen? Mit Panzern durch das Land fahren, es anzuzünden, es mit Blut zu beschmutzen, um es zu retten? Das war absurd.

Und ich, ich konnte nicht verstehen. Mein kleiner Cousin schaffte es unnachahmlich die Rede zu zitieren, in der der Ministerpräsident Ungarn unter anderem den Titel "Hurenland" verabreichte. "Wir sind am Arsch" sagte er und die Wut der Bürger wuchs. In der Straßenbahn legte meine Freundin den Zeigefinger auf die Lippen und machte "Psssst!", wenn ich über Politik reden wollte. Als würde die alte Dame mit der blauen Dauerwelle eine Handgranate aus ihrer Einkaufstüte ziehen, wenn ihr mein Gerede nicht gefiel. Oder mir zumindest mit einem Strauß Petersilie drohen.

In der Schule schliefen meine Mitschüler ein, und wenn ich fragte erhielt ich stets dieselbe Antwort: "Kossuthplatz". Irgendwann machte es keinen großen Unterschied mehr. Ob Rechts oder Links. Sie alle standen auf dem Kossuthplatz. Sie alle rissen Steinplatten aus den Fußgängerwegen, um Polizisten zu bewerfen. Sie bauten gemeinsam Barrieren, sie stürmten gemeinsam Fernsehsender, gemeinsam ließen sie Autos in Flammen aufgehen, gemeinsam fuhren sie mit einem Panzer durch die Gegend. Aber ja, es waren stets die Rechten, die Morgensterne schwangen und, bevor sie auf einen Polizisten einschlugen, grinsend in die Kamera sagten : "Nur ungarische Pferde schlagen wir nicht". Woraufhin die brennenden Polizeiautos stehen gelassen, und Pferde als Transportmittel eingesetzt wurden.

Gemeinsam versuchten die wütenden Demonstranten, die Synagoge zu stürmen. Ein wütendes Volk war es, und selbst Rentner ließen sich nicht davon abhalten, vor dem Parlament zu zelten. Aber mich schockierten nicht die Bilder von blutenden Skinheads und brennenden Polizeiautos - dahinter Menschen, je nachdem von welcher Seite mit wütendem (das Volk) und von Angst verzerrten Gesichtern (die Polizisten). Ich war schockiert, wenn ein Freund von mir erzählte, er könne nicht mal mehr zum Laden an der Ecke gehen. Sofort stürmten Polizisten auf ihn zu, "Hände auf den Rücken, Ausweis! Los, schnell!" Er wohnte am Kossuthplatz. Er Erlebte die Prügeleien wie ich das Geschrei...

Ich war schockiert, als ich hörte, das ein neunjähriges Mädchen von einem Gummigeschoss getroffen worden war. Lag im Koma. Und wer waren die Bösen? Die Männer in Blau. Natürlich. "Die haben doch geschossen, diese Wichser!" ereiferte sich ein Mitschüler. Aber was ist mit den Eltern, fragte ich mich, die ein Kind dorthin mitnehmen, wo geschossen wird. Geprügelt, Geschrien, Gekämpft. Und jeden Tag konnte man es sehen: Familien, die einem Sonntagsspaziergang gleich in Richtung Parlament zogen, die
Ungarische Flagge stolz gen Himmel erhoben. Vorneweg: Ein zweijähriger Junge, der " Krieg" spielen will. Und ja, auch ich fing an, mich wie im Krieg zu fühlen. Jugendliche aus meiner Schule trauten sich nicht mehr raus, angeblich polizeilich gesucht, denn auch sie hatten mit Steinen geschmissen. Um für ihr Land zu kämpfen. Oder vielleicht doch nur gegen die Langeweile. Ist halt ganz spannend, da auf dem Kossuthplatz. Und die Ölflecken von den Wasserwerfern der Polizei, na, sind doch auch eher Auszeichnungen. Und für die Polizei Beweismaterial. Irgendwo konnte ich die Wut verstehen. Und hatte ich das Recht, über all die Demonstranten zu urteilen? Ich musste die Armut, die hohe Obdachlosenzahl ja nicht ertragen. Ich war ja eigentlich Aussenstehender.

Aber anderseits, wenn gebrüllt wurde: " Ungarn, wach auf!" , unter meinem Fenster: Dann konnte ich nicht umhin, aufzuwachen. Und da ich weder eine Ungarnflagge besaß, noch schwere Springerstiefel um Polizisten zu treten, noch kleine Kinder, die ich mitnehmen konnte in das Getummel, und auch kein Zelt, um vor dem Parlament zu zelten, musste ich wohl nachdenken....

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13 Antworten

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    geile formulierung am ende:-)recht haste

    29.02.2008, 20:11 von lilko
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    ich finde du hast da recht mit dem "da sagt mal einer, was sache ist" schließlich sollten politiker ehrlich sein, aber die ungarn sind ein armes und ein stolzes völkchen und nicht nur die jungen leute haben krasse existenzängste...ich habe versucht, auch die steineschmeisser ein bisschen zu verstehen und es gibt punkte da muss ich ihnen mittlerwiele recht geben,nur mit dem weg komm ich imme rnoch nicht klar, schließlich bringt das rumgeballer ja nichts...

    29.02.2008, 20:05 von lilko
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    Ich find den Text sehr gut ... und bin immer wieder erschreckt / traurig / ernüchtert das man von vielen Geschehnissen einfach nichts mitbekommt ... oder vielleicht müsste man nur genug suchen...

    16.04.2007, 09:09 von Taspharel
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    ich kann verstehen was du meinst, fighter...aber das ist ein "so war das" artikel, ich wollte keine erklaerungen abgeben und auch nicht interpretieren...ich wollte erzaehlen...

    28.02.2007, 23:14 von lilko
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    Schön endlich nochmal jemand der über Politik schreibt.
    @ Fighter: Schöne klare Antworten sind wohl nicht so einfach zu kriegen. Deine Fragestellung ist schon richtig, doch übersiehst du meines erachtens die Antworten der Autorin, welche eher versteckt im Sinngeflecht sind...

    28.02.2007, 17:59 von Waldesmann
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