FranziFroehlich 25.01.2018, 15:52 Uhr 5 0

wenn ich Öffis fahre

fährst du schon oder starrst du noch?

ein tag geht zu ende und mit ihm auch der akku meines handys. klarer fall von vorprogrammieter schwäche. vielen dank an den apfel, ihr habt nicht nur ein grandios gewinnorientierendes marketing, sondern verpasst euren produkten ein verfallsdatum, um den konsum noch unvermeidbarer zu machen.

mir bleibt nur eins: frustriert auf den rotierenden kreis auf dem schwarzen display starren, während jacob banks in meinen ohren verebbt und mir vornehmen, endlich doch der fünften generation zu entsagen, die eben der kälte am bushäuschen einfach nicht gewachsen ist.

am sendlinger tor gehe ich hinunter zu den ubahnen und denke mir, wie still es doch ist, trotz all der menschen die um mich herum sind. am gleis angekommen, ohne die musik in den ohren und dem bildschirm, mit den diversen gruppenchats vor der nase jedoch erkenne ich, warum ich das gefühl habe meine eigenen gedanken sein lauter als das, was um mich herum passiert. von 25 personen, ja ich habe gezählt, haben nur zwei ein buch in der hand und drei starren wie ich auf die anzeigetafel, die den zug nach feldmoching ankündigt, oder sehen dem staubknäul zu, das vor mir über den boden wabert, um dann zu den mäusen in die schächte zu verschwinden. 20 individuen glotzen in ihr mobiles datengerät, um sich auf dem heimweg noch schnell durch ihren wocheneinkauf bei rewe zu klicken, hier und da ein herz auf tinder zu verschicken und eine nachricht an die gar so alte freundin zu senden, zu der man den kontakt einfach nicht abbrechen will, aber sie anzurufen wäre schlicht merkwürdig.

da stehe ich nun und wünsche mir jacob banks auf die ohren, nur um nicht sehen zu müssen, was man sieht wenn man nicht digitalblind ist.

im wagon gähnt neben mir ein mann, er ist schrecklich erschöpft, erschöpfter als ich. tiefe furchen durchziehen sein gesicht und in seinen augen steht harte arbeit vieler jahre, die heim unter die warme decke möchte. gegenüber sitzt eine mutter mit zwei kindern, die brabbeln und versuchen von ihrem schoß zu kriechen, obwohl nirgends sonst für sie platz wäre im feierabendverkehr. ein anderer mann presst seinen riesigen rucksack einer sitzenden telefonierenden frau ins gesicht. sie zuckt nicht mal mit der wimper, sondern rückt ein stück ab und murmelt weiter. ich kann es nicht ertragen und sage ihm, er möge sich doch bitte anders hinstellen. mit hoch rotem kopf und unter vielen entschuldigungen drehte er sich um. er hatte mich gehört, tatsächlich, denn er hatte weder die kopfhörer, noch sein mobiles datengerät am ohr. ich lächelte, die frau lächelte und er beruhigte sich, unter der allgemeinen freundlichkeit ebenfalls gleich wieder.

noch eine weile bis zu meinem austieg beobachtete ich das, was um mich herum passierte. ich sah leben, alltag, abend, berge von mänteln, ledertaschen aber vor allem sah ich weit offene augen mit kleinen pupillen, die in displaylichter starrten.

ich sah sie, aber sie sahen mich nicht. niemand hat sich gefragt wer wohl das mädchen mit der blauen mütze im lammfellmantel ist, dass so ungeniert umher gucken kann, denn niemand sonst guckt ja umher. ich bin traurig als ich sie verlasse, die männer, die frau, die mutter und ihre kinder. sie hatten mich gesehen.

an der frischen luft auf dem heimweg dann denke ich mir: ich scheiß auf die längere akkulaufzeit und ich scheiß auf die neueste technik, denn sie bedeutet einsam sein und niemanden mehr sehen. tut mir leid jacob banks, ich höre dich wieder, wenn ich in meiner behaglichen wohnung bin.

ach und wisst ihr, ich müsste mich sogar für die schlechte leistung meines akkus bei dem hersteller bedanken, denn so bin ich zum ersten mal seit sehr langer zeit mal wieder wirklich ubahn gefahren. 


Tags: Handys, Freizeit, Sucht, Chat, Leben
5 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Es schreit ein wenig danach, dass es mal anders gewesen wäre. Zahlreiche Bilder aus den 50igern mit Zugabteilungen voller Menschen mit einer Zeitung vor dem Kopf zeugen davon, dass sich die meisten Menschen auf kleinem Raum gern ablenken und abkapseln. Zudem kann bezweifelt werden, dass vor dem digitalen Zeitalter in Zügen eine fröhliche Stimmung mit vielen Gesprächen vorherrschte. Ich kann die Kritik am massiven Digitaldruck verstehen, aber wer gern aus dem Fenster schaut, legt auch mal sein Handy beiseite. Wer gern Menschen in Zügen mustert, wird das auch weiterhin tun und wer gern einfach ohne Handy U-Bahn fährt macht das eh. Mit einer angeblich neuen Einsamkeit hat das alles wenig zu tun. Der öffentliche Nahverkehr ohne Handys war sicherlich noch nie ein Killer der Einsamkeit und verschämten weil versehentlichen Blickkontakt vermisst sicherlich auch kaum jemand. In Kneipen und Restaurants ist die übermäßige Handynutzung schon wieder ein anderes Thema.

    25.01.2018, 17:06 von Bergfenster
    • 0

      ich gebe dir recht. es ist nie anders gewesen. die frage ist aber, könnte es nicht anders sein? was ist so schwer daran im öffentlichen raum zu kommunizieren, warum ist es so gewünscht sich fort zu wünschen aus der menge? der Nahverkehr ist nur ein Beispiel an dem mir klar wurde, was viel zu wenig passiert: hingucken und lächeln. 

      26.01.2018, 14:36 von FranziFroehlich
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      Vielleicht - ohne es jetzt zu flach werden zu lassen - ist es tatsächlich eine Mischung aus Mentalität, Gewohnheit und Gesellschaftsnorm. Diesen Mächten entgegenzuwirken ist wohl nur mit viel Lächeln möglich. Um es aufzubrechen kannst du ja damit anfangen oder ein Schild mit „Free Hugs“ um den Hals oder auswandern. Oder alles zusammen. 

      26.01.2018, 16:26 von Bergfenster
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      bleibt wohl echt nur auswandern, bei dem Pessimismus um mich herum..


      27.01.2018, 10:52 von FranziFroehlich
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      Na ja, vielleicht sind die Handy Starrer ja auch ungemein glücklich, lebensfroh und optimistisch und teilen es nicht öffentlich mit dir, weil herumschauende Menschen in Zügen unheimlich geworden sind. 

      27.01.2018, 11:14 von Bergfenster
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