Wenn das Licht ausgeht
Was ist schon normal? - Eine Fortsetzung
Florian wohnt in einer gewöhnlichen Straße, mit gewöhnlichen Häusern, Straßen, Laternen, Bürgersteigen. Er wohnt im ersten Stock. Draußen hat es zum ersten Mal seit Tagen geregnet. Die von der Hitze verbrauchte Luft löst sich vom dampfenden Asphalt und steigt gen Himmel.
„Guten Morgen, Florian“, ertönt es aus dem Blumenzimmer. Die Pflanzen recken ihre Blätter Richtung Fenster. Hundert Blüten stimmen sich auf einen frühmorgendlichen Singsang ein. Ein Loblied auf Florian, der sie vor dem täglichen Vertrocknen rettet und ihnen ein schönes Zuhause gegeben hat. In Kleinstarbeit hatte er den Blumen ein eigenes Zimmer eingerichtet: mit Blümchentapete, einem kleinen Bienenstock, echtem Rasen als Teppich und einer Selbstbewässerungsanlage, die für jede Pflanze aufs Genaueste eingestellt ist. Florian blickt zufrieden auf sein Werk und schließt ein paar Minuten, nachdem er sich dem friedlichen Summen und Singen hingegeben hat, die Türe hinter sich.
Er hatte den Wohnungsflur mit Sand aufgeschüttet, die Bilder an den Wänden zeigen verschiedene Strandabschnitte. Das Meer auf den Bildern rauscht sanftmütig, die Wellen brechen flach auf den Strand, am Ende des Horizontes kann er heute ein paar Möwen ausmachen, die nach ihrer Fischration krähen. Als er das letzte Bild vor dem Badezimmer passiert, hört er einen Angler „Ahoi!“ rufen, während er über das Meer rudert. Florian hebt die Hand zum Gruß und schenkt dem Angler ein freudiges „Guten Morgen, Fred!“ Dann entledigt er sich seiner Kleidung und steigt in die Badewanne. Bobby taucht auf, die freundliche Kegelrobbe. Sie spritzt Florian von oben bis unten mit Wasser nass, bevor sie zum Fischautomaten schwimmt und sich ihre Morgenportion durch einen Stups mit der Nase holt. Nachdem Florian ein paar Bahnen mit den Delfinen Tony und Stan um die Wette geschwommen ist, verlässt er die Wanne und öffnet den Alibert. Ein heißer Luftstrom direkt aus der Sahara trocknet seine Haut und peelt sie gleichzeitig.
Kuki und Peach, seine Küchenschimpansen, haben ihm bereits sein Frühstück zubereitet. Rührei mit Kräutern. Dazu frische Pancakes mit Sirup und Bananenscheiben. Edgar, Florians bester und treuer Freund, springt mit seinen Vorderpfoten auf seinen Schoß und legt ihm die aktuelle Tageszeitung auf die Beine. „Und wie geht’s dir heute, Lady Daisy?“ Sein Gegenüber sträubt das Fell, krallt die Samtpfoten abwechselnd in den Teppich und maunzt ein grummeliges „Geht so.“ –„Verstehe, bist noch nicht ganz wach. Hattest du gestern wieder eine lange Nacht?“ Als Antwort würgt Daisy ein kleines Fellgewölle hervor und beginnt zu schnurren.
7:30 Uhr. Jetzt aber los, denkt er sich. Florian löscht das Licht seiner Wohnung. Plötzlich ist alles still, kein Singsang, kein Rauschen, kein Maunzen. Bevor er die Haustür schließt, bemerkt er, dass er die Schlüssel vergessen hat. „Mist! Wo hab ich sie nur hingelegt?“ Er geht in das Blumenzimmer. Es ist grau und miefig. Die einzige Pflanze, die auf dem kalten Steinboden neben seinem Bett steht, ist ein vertrockneter Benjamin, der gerade noch drei Blätter trägt.Tote Insekten reihen sich auf der Fensterbank. Kein Schlüssel. Im Gang hängen vergilbte Bilder von unterschiedlichen Strandabschnitten, die aus verschiedenen Reisezeitschriften ausgeschnitten wurden. Florian läuft über die dicke Dreck- und Staubschicht, die sich über seinen ganzen Flur ausgebreitet hat, bis er in seinem Bad steht. Die Badewanne ist voll mit braunem, abgestandenen Wasser. Der Abfluss ist seit Monaten verstopft. Lediglich die Quietscheente auf der Wasseroberfläche scheint Spaß zu haben. Auch kein Schlüssel. In der Küche stehen ein kleiner Tisch und ein Stuhl. Ansonsten ist das Zimmer fast leer. Auf der Kochplatte liegt eine Pfanne mit schimmelnden Essensresten der letzten Wochen. Der Stapel aus gratis Wurfsendungen hat bald die Decke erreicht. Neben der ausgestopften Katze, die auf dem Tisch steht, liegt Florians Hausschlüssel.
Er steigt auf sein Fahrrad und freut sich auf den Arbeitstag. Schließlich hat vor ein paar Wochen dieses stille, hübsche Mädchen angefangen, dort als Redaktionsassistentin zu arbeiten. Sie ist neu in der Stadt und immer nett zu ihm. Jasmin, welch bezaubernder Name. Und dass sie ihm anvertraut hat, dass sie ihre Wohnung mit einem Affen teilt, macht sie ihm noch sympathischer. Denn Florian mag Tiere.
Tags: für Cyro





Kommentare
Ich finde die Idee toll umgesetzt und hab den Text gern gelesen.
Irgendwie macht er mir aber auch ein wenig Angst. Mein letzter Umzug hier aufs Kaff hat bei mir ja auch so eine kleine Dorftrauma-Depression ausgelöst. Und der nächste Umzug quer durchs Land steht ja bevor.
04.09.2012, 10:45 von MarvbaerIch hoffe ich bekomme nicht auch so einen imaginären Zoo...
FANTASTISCH :D
25.08.2012, 14:04 von Jackie_GreyDu hast Ideen, liebe Bender :)
Ich mag das Licht-An-Licht-Aus-Ding :) bin sehr gespannt, wie et weiterjeht!!
24.08.2012, 15:00 von MissUschiWas für eine fabelhafte Geschichte, ich bin gespannt auf die Fortsetzung!
24.08.2012, 13:07 von SultanineJa was soll ich denn sagen? Die Idee, sowohl zum ersten Text, als auch zu diesem hier, herrlich und auch noch fein geschrieben....mag ich, mag ich, mag ich!
24.08.2012, 12:14 von seiduselbstWow, da scheine ich aber deine Phantasie mit einem meiner Kommentare angeregt zu haben :) Und, hey, sogar ein Happy End in Form einer Zweisamkeit hast du eingebaut. Schick, das mag ich :)
24.08.2012, 11:48 von CyroJaaa, der Zoo im Kopf war's! Danke für die Inspiration!!
24.08.2012, 11:51 von Bender018Leichtfüßig erzählt. Realität ist, was man daraus macht. Man spürt, dass du Freude beim gedanklichen Ausmalen hattest. Mir gefällt besonders, dass es zum Ende keine moralische Keule gab.
24.08.2012, 11:20 von Lostinmusic