LauraPhilomenaTheresa 25.02.2013, 12:43 Uhr 48 38

Wenn Ayan singt

Er deutet mit dem Zeigefinger eine schneidende Geste quer über die Kehle an. Asad antwortet nicht, sondern greift stattdessen nach der vollen Flasche.

Asad wacht auf, als eine knatternde Gewehrsalve die stickige Morgenluft zerreißt. Langsam kämpft er sich in eine sitzende Position und reibt sich den Schlaf aus den Augen. Es kann nicht später sein als zehn Uhr morgens, aber es ist schon jetzt so heiß, dass feine Schweißperlen auf seiner Stirn stehen und langsam über seine Schläfen nach unten kriechen. Benommen bleibt er noch einen Moment auf seiner Schlafmatte sitzen und stiert glasig durch die hochgerollten Seitenwände der Hütte hinaus auf seine Kameraden, die sich die Zeit damit vertreiben, auf leere Schnapsflaschen zu schießen, die sie in einiger Entfernung auf einem umgestürzten Baum platziert haben. Als die nächste Salve ertönt, zerplatzen einige Flaschen in einem funkelnden Scherbenregen. Der Duft von frischgekochtem Reis liegt in der Luft, aber Asad hat keinen Hunger. Er ist immer noch satt von dem ausgiebigen Mahl am Abend zuvor. Die Verpflegung im Lager ist einfach, aber immer üppig. Soldatenkost.

Er zuckt erschrocken zusammen, als Ghedi sich plötzlich neben ihn auf die Matte fallen lässt. Wie Asad trägt auch er nur eine kurze Hose und ein schmuddeliges Unterhemd, das seine besten Zeiten längst gesehen hat. Ein unregelmäßiger Schweißfleck färbt das Hemd in der Mitte der Brust einen Farbton dunkler. „Hör auf, dich anzuschleichen“, brummt Asad heiser. Die ersten Worte des Tages gehen ihm immer schwer von der Zunge und in seinem Schädel brummt noch der Nachhall des Gelages am vergangenen Abend. Ghedi grinst und seine weißen Zähne leuchten hell aus seinem dunklen Gesicht. „Was bist du nur für ein Soldat, Asad, wenn ich dich hätte töten wollen, hättest du keine Chance gehabt!“ Er deutet mit dem Zeigefinger eine schneidende Geste quer über seine Kehle an. Asad antwortet nicht, sondern greift stattdessen nach der unetikettierten Flasche, die locker zwischen Ghedis Fingern baumelt. Über die Hälfte des klaren Inhalts fehlt. Als Asad mit einem satten Geräusch den Korken herauszieht, versengt ihm der beißende Geruch beinahe die Schleimhäute. Frühstück.

Er hat gerade noch Zeit, einen kräftigen Schluck zu nehmen, als die laute Stimme des Kommandanten durch das Lager schallt. „Alle zu den Jeeps, und zwar ein bisschen plötzlich“, schreit er in scharfem Kommandoton und unterstreicht seine Aufforderung, indem er Kaahin, der in seiner Nähe rauchend auf dem Boden kauert, kräftig zwischen die Rippen tritt. Asad wartet nicht, bis auch er derart ermuntert wird. Ohne zu zögern greift er nach seinem Gewehr, das nachts wie immer geladen neben seiner Schlafstatt lag, und kommt geschmeidig auf die Füße. Die Flasche nimmt er mit. 

Auf dem Jeep klemmt er sich das Gewehr zwischen die Beine und hält sich mit der freien Hand wohlweislich an einer der Seitenstreben fest. Sie sind zu zehnt auf jedem der Wagen, die gleich darauf mit einem heftigen Ruck anfahren und in halsbrecherischer Geschwindigkeit über die unebene Lehmstraße rasen. Jemand nimmt ihm die Flasche aus der Hand, dafür bekommt er von der anderen Seite einen Joint gereicht. Der würzige Rauch brennt angenehm auf seinem Weg nach unten und Asad behält ihn eine Weile in der Lunge, bis er hustend ausatmet. Eine wohltuende Gleichgültigkeit breitet sich in ihm aus und Asad inhaliert noch einmal tief, bevor er den heißgebrannten Stumpen weitergibt. Mit halb geschlossenen Augen sieht Asad die Welt an sich vorbeifliegen, keine Konturen sind erkennbar, alles ist eine harmonische grünbraune Einheit, durch die Bewegung zu einem gleichförmigen Muster verwischt.

Er weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist, als der Jeep mit rutschenden Reifen gleich neben dem Ziehbrunnen auf irgendeinem Dorfplatz zum Stehen kommt, eingehüllt in eine Wolke aus gelben Staub. Er hört die Schreie des Kommandanten, doch er kann in dem Gebrüll keine einzelnen Worte ausmachen. Aber das macht nichts, Asad ist routiniert, genau wie seine Kameraden, er weiß, was von ihm verlangt wird. Und was passiert, wenn er es nicht tut.

Beinahe gleichzeitig springen sie aus dem Wagen und schwärmen in alle Richtungen aus. Schüsse peitschen durch die Luft, manchmal einzeln, doch öfter in kurzen Salven, das ist sicherer. Menschen rennen kreischend aus den einfachen Hütten um ihn herum, versuchen zu fliehen, sich zu verstecken, manche weinen oder beten. Asad schießt und trifft einen schreienden Mann genau zwischen die Augen. Ein guter Schuss. Er rennt weiter, aus dem Augenwinkel sieht er, wie Ghedi eine ältere Frau in die Knie zwingt und sie anschreit: „Wo sind sie! Sag es mir, du alte Schlampe, wo sind die miesen Schweine?!“ Die Frau stammelt nur unverständlich vor sich hin und fällt nach vorne in den Staub, als Ghedi sie in den Rücken tritt. Eine Gewehrsalve schüttelt ihren hageren Körper wie eine tanzende Stoffpuppe. Asad lacht. Er rennt mit seinen Kameraden durch das selbst erschaffene Chaos, den Kopf voller Explosionen und die Welt um ihn herum ist verschwommen wie vorher im Jeep, Asad erkennt keine Einzelheiten mehr, nur noch das verwischte Gesamtbild. Die Augen immer halb geschlossen und den brennenden Pulverrauch in der Lunge.

Doch unvermittelt reißt irgendetwas Asad aus seiner Trance. Abrupt fährt sein Kopf nach oben und er lässt mit einem Mal völlig kraftlos den Arm des Jungen fahren, den er gerade aus seinem Versteck unter einer löchrigen Plane hervorzerren will. Der Kleine kriecht in die andere Richtung und rennt schreiend davon. Doch Asad achtet nicht mehr auf ihn. An seine Ohren dringt ein Lied, eine wunderschöne Mädchenstimme, die mit einem Mal seinen Rausch durchbricht. Als sei sie nur für ihn bestimmt. Asad kann nicht anders, fast unter Zwang geht er langsam auf den Gesang zu.

Je näher er kommt, je deutlicher die Melodie wird und je eindringlicher die Stimme, desto mehr schneidet sie Asad in die Brust. Sein Herz zieht sich zu einem schmerzenden Klumpen zusammen und seine Kehle wird so eng, dass ihm das Atmen schwer fällt. Wie durch einen dunklen Tunnel folgt er taumelnd diesem Ruf, bis er vor dem Eingang einer Lehmhütte zum Stehen kommt. Auf der Schwelle kniet ein Mädchen, eine Frau im Arm, deren Kopf haltlos nach hinten baumelt. Vollkommen versunken, ohne auf ihre Umgebung zu achten, wiegt das Mädchen die Frau in den Armen, streicht ihr mit trockenen Augen rhythmisch das Haar aus dem blutleeren Gesicht und singt ihr leise ein Wiegenlied.

Die vertraute Melodie umhüllt Asad wie eine Decke, ihm ist, als würden seine Arterien zerspringen und sein Kopf zerplatzen, so unerträglich heftig schießen längst vergessene Emotionen durch seinen abgestumpften Körper und einen Moment lang wird ihm fast schwarz vor Augen von dieser unerträglichen Qual. Er kann an nichts mehr denken, als dass das aufhören muss. Wenn das nicht sofort aufhört, wird er elend zugrunde gehen an diesen Erinnerungen an ein lang verlorenes Leben voller Liebe und Geborgenheit. Kurze Bilder schießen durch seinen Kopf - ein lächelndes Frauengesicht im warmen Feuerschein, ein schwanzwedelnder Hund, fröhliches Gelächter, eine streichelnde Hand - die ihn von innen zerfetzen und ihn schutzlos und verwundbar zurücklassen, als sich die hässlich klaffende Fratze seines jetzigen Lebens unvermittelt wieder auf ihn wirft. Als spüre das Mädchen seine Qual, verstummt es mitten im Satz. Langsam sieht sie auf und blickt Asad ruhig an, immer noch auf den Knien. Eigentlich hat sie sich gar nicht verändert. Ayan. Seine Schwester.

Erkennen flackert über ihr Gesicht, vielleicht auch Freude, oder Erschrecken, aber Ayan sagt nichts. Einen schrecklichen Moment lang starren sie sich nur an. Und wie in einem Spiegel sieht Asad sich in ihren Augen plötzlich selbst. Was aus ihm geworden ist. Wie eine glühende Klaue gräbt sich die Erkenntnis in sein Fleisch und Asad kann es nicht mehr länger ertragen. Sanft bettet seine Schwester den Oberkörper der Frau auf den festgestampften Erdboden und erhebt sich ohne Hast, ohne ihren Blick auch nur einen Moment lang von ihm zu nehmen. Diesen Blick voller unendlich trauriger Liebe, die sich wie Säure in seine verfaulte Seele frisst. Auf schwachen Beinen stolpert Asad einen Schritt auf sie zu. Und wie von selbst heben sich langsam seine Arme.

Als seine Kugel sie trifft, sieht Ayan ihn immer noch an. Sie sieht ihn an, bis sich eine leuchtendrote Blume auf ihrer Bluse entfaltet, ihr Blick bricht und sie still zu Boden sinkt. Dann ist die Liebe in ihren Augen endlich verschwunden. Ayan wird nie wieder singen.

„Wer war das Mädchen?“, fragt Ghedi, als der Kommandant ihnen unter Luftschüssen befiehlt, wieder auf den Jeep zu steigen. Jemand gibt ihnen einen Joint. „Niemand“, sagt Asad, zieht den beißenden Rauch tief in seine Lunge und schließt ihn dort ein, bis er den letzten Schmerz wegbrennt.

In drei Tagen hat Asad Geburtstag. Er wird elf Jahre alt.




38

Diesen Text mochten auch

48 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    puuuh ich muss schlucken, danke, das rüttelt doch wieder ein bisschen wach!

    03.03.2013, 17:29 von Sultanine
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Sprachlich mag ich das, aber ich hab keine große Lust auf das Thema, deshalb nach dem ersten Abschnitt aufgehört.

    28.02.2013, 14:27 von Pixie_Destructo
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich finde, du erzählst sehr gut. Man kann dem Erzähler super folgen, bleibt drin und neugierig. Was will man mehr, könnte man meinen.

    Allerdings gefällt mir der Inhalt gerade ab dem Zeitpunkt nicht mehr, wenn Asad die Melodie hört. Es soll sicher "wunder"voll klingen, aber es ist mir too mich, was danach passiert. Der Schluss ist mir leider zu einfach. Schade, bei dem guten Erzählstil.

    28.02.2013, 14:00 von oern
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Krasser Schreibstil, das muss man dir lassen! Sehr bildlich bzw. er spricht meine Vorstellungskraft stark an, kann gestochen scharfe Bilder in mir hervorbringen. Hab auch die Diskussionen unten mit großem Interesse gelesen; so sollte es meiner Meinung nach sein! Du meintest ja, dass es "keine journalistisch recherchierte hintergrundstory" ist und das ist auch gerechtfertigt. Mit Kurzgeschichten verschafft man anderen Menschen einen klitzekleinen Einblick in die eigene Phantasie, man schaut für einen Wimpernschlag durch die Augen eines Fremden. Und wenn dann jemand "Ich finde aber" sagt, ist das meine Meinung nach kommunikativer als "OMG sou wonderful!!1!" ;-)

    27.02.2013, 23:01 von TheTimerunner
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Es ist eine mitreißende GESCHICHTE, die sehr bildhaft und gefühlseinleitend erzählt wird. 

    Starker Film vor meinen Augen, danke.

    27.02.2013, 17:04 von JohnnyBravo
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Und was soll der Text jetzt vermitteln?

    Yay, noch ein naiver Blick auf das Phänomen Kindersoldat - ohne Hintergund, aber mit schön viel Promille, Blut und Schweiß. Und dem immer wieder gern verwandten Schuss zwischen die Augen.

    Warum eigentlich immer zwischen die Augen? Ist Asad trotz seiner wenigen Lenze schon so gut im Umherballern in trostlosen Dörfern, dass er die dritten Augen nur so aus dem Handgelenk schüttelt?

    Ich meine: Diese Themen, (Bürger)Krieg, Kindersoldaten, genozide Elemente, sind doch irgendwie ein bißchen groß für so einen kleinen Text. Warum schreibt man dann nicht lieber authentisches Wischiwaschi, was sich aber mit dem Anspruch des eigenen Lebens deckt, als hier auf den großen Wurf zu spielen, der dann aber in der belanglosen Oberflächlichkeit von Erzählstil und Aussage hängen bleibt?

    27.02.2013, 09:32 von KingKonschdi
    • 0

      ich stimme zu, dass es ein sehr komplexes und umfangreiches thema ist. wie wäre es denn angemessen es zu äußern?

      27.02.2013, 10:32 von mo_chroi
    • 4

      meines erachtens, ohne mir anmaßen zu wollen den einzig sinnvollen maßstab ansetzen zu können, ist das ein themenkomplex den man längerfristig erlebt haben muss, um irgendetwas darüber schreiben zu können. es ist so leicht einen text aus westlicher perspektive zu schreiben, die grausamkeit mit ein bißchen schicksal und adjektiven zu untermalen, willenlosigkeit in alkohol und gehorsam zu lokalisieren und so ein bild zu zeichnen, dass eben ziemlich der gängigen sichtweise entspricht, die man allen möglichen medien entnehmen kann. ich finde glaube ich so ziemlich jeden artikel per se schlecht, der glaubt einem ein fernes phänomen näherbringen zu können, in dem er emotionalisiert und die machtlosigkeit der protagonisten in einem totalen determinismus erklärt. wenn man über etwas schreibt/redet/zeichnet/malt (kurz, sich dezidiert äußert), sollte man doch wenigstens den anspruch haben, diesem thema gerecht werden zu können.

      27.02.2013, 10:40 von KingKonschdi
    • 1

      das sehe ich genauso.
      ich kann und will der autorin keine intentionen für das thema unterstellen, das kann sie nur selbst wissen. dennoch glaube ich, auch wenn ich deine meinung teile, das dieser text menschen erreichen kann, die noch keinerlei bewusstsein für dieses thema haben. ich stelle mir immer vor, dass es wie ein film ist, so wie "hotel ruanda", der die emotionalität direkt anspricht und sich somit irgendwie fest setzt und dann vielleicht beginnt zu wachsen. denn nicht jeder hat die möglichkeit sich dort hinzubegeben, um es zu erleben oder findet auf anhieb tatsachenberichte, die alles wiedergeben. mit gewissheit kann ich das natürlich nicht sagen, aber aus eigener erfahrung weiß ich, dass es möglich ist.

      27.02.2013, 10:55 von mo_chroi
    • 0

      muss man denn für alles eine art bewusstsein entwickeln? ich meine, wenn ich nicht dort bin und es wahrscheinlich auch nie sein werde, weil das verständnis für eine situation für mich nicht wichtig genug ist, als dass ich hinfahren würde, um mir ein eigenes bild zu machen, warum sollte ich dann ein bewusstsein wecken, das erstens nur eine illusion ist, weil es der situation eben nicht gerecht wird und zweitens immer einen schmerz auslöst, weil es in irgendeiner form negativ ist?
      das ist so eine menschliche verhaltensweise, die ich nicht verstehe. eine art masochismus, in dem man sich ferne übel vorhält, die eigene mitschuld (meistens) im hinterkopf, und im anschluß einen haufen betroffener kommentare abgibt/liest/etc.
      es gibt diese themen, wie kindersoldaten, frauenbeschneidung, holocaust, die im allgemeinen weltverständnis unseres kulturkreises so definitiv schlecht sind, dass man darüber irgendwie nichts mehr sagen muss, zumindest nichts, was die immer gleiche seite beleuchtet.
      warum reicht es nicht die welt zu kennen, die einen umgibt? warum streckt man seine fühler in weiten aus, die das eigene fassungsvermögen komplett überfordern und flüchtet sich dann in emotionalisierte darstellungsversuche, die die situation eher verzerren als darstellen, für den überforderten verstand aber in ihrer illusion ansatzweise greifbar machen können.

      27.02.2013, 11:08 von KingKonschdi
    • 2

      Jetzt habe ich doch mal ein paar Fragen: Was denkst du denn KingKonschdi sollte man machen? Sich gar nicht mit solchen Themen beschäftigen weil sie in weiter Ferne sind? Doch wo fängt die Ferne?  Welches wären denn für dich die anderen Seiten die mal beleuchtet werden sollten?

      27.02.2013, 11:35 von Onkel_Fester
    • 1

      nun vielleicht weil man in seinem eigenen umfeld nichts ändern kann, obwohl es aus gründen der eigenen ansprüchen gewollt wird und man deshalb an einen ort schaut, an dem  man schon gar nichts ändern kann, weil man zu weit weg ist und immer gründe findet, um nicht dorthin zu müssen. als entschuldigung für die eigene unwissenheit, was man tun könnte.
      gute argumentation.

      27.02.2013, 11:36 von mo_chroi
    • 1

      mo_chroi: ja, so stelle ich mir das auch ungefähr vor.

      onkel_fester: andere seiten. ich weiß nicht, ob ich die kenne, aber es gibt immer welche. nicht jeder kindersoldat / jede kindersoldatin hat die gleiche tragische geschichte, die wir da hinein interpretieren. scheiße hat auch verschiedene farben. und das ist ungefähr der punkt, den ich meine, wenn ich sage, dass man aus der ferne den meisten themen nicht gerecht wird. und diese ferne fängt, meines erachtens, da an, wo ich sachen nicht mehr nachvollziehen und nur noch bewerten kann aufgrund einer gefühlten berechtigungsgrundlage. und das wird dann meistens unfair und der situation nicht gerecht. aber das steht eigentlich alles schon oben. wenn es einem wichtig genug ist, sich eine meinung bilden zu wollen, sollte man hinfahren. der anspruch an einen selbst, muss nicht immer größer sein, als der wirkungskreis, den man hat.

      27.02.2013, 11:42 von KingKonschdi
    • 3

      jetzt muss ich doch auch mal etwas dazu sagen: ich kann nachvollziehen, dass du die metaphorik des textes und die bedeutung der namen offenbar nicht wahrnimmst und natürlich steht jedem eine eigene meinung zu, aber die aussage, sich nur mit themen beschäftigen zu wollen, die man am eigenen leib erfahren hat, finde ich doch sehr eigenartig... damit entzieht man sich jeglicher moralischer verantwortung und beschränkt seinen eigenen horizont künstlich auf, wie du es nennst "authentisches Wischiwaschi". ich sehe nicht, was daran positiv sein soll.

      27.02.2013, 12:09 von LauraPhilomenaTheresa
    • 0

      Vielleicht kannst die Bedeutung der Namen noch  erläutern, ich denke, ich hab diese Eben auch nicht verstanden...

      27.02.2013, 14:46 von EliasRafael
    • 0

      ja, das wäre gut. ich hab sie nicht verstanden. ich habe nie gesagt, dass man sich nur mit themen beschäftigen soll, die man am eigenen leib erfahren hat. aber ich habe gesagt, dass es durchaus sinn macht, sich (hauptsächlich) mit themen zu beschäftigen, die im eigenen wirkungskreis liegen und dass es wenig sinn macht, derartige artikel zu schreiben, da diese "beschäftigung" dem thema kindersoldaten auch nichts neues hinzufügt. klar, kannst du das machen und wenn du diese überzuordnende metaphorik erklärst, dann macht es vielleicht sinn für mich, aber so nicht.

      27.02.2013, 15:11 von KingKonschdi
    • 0

      außerdem ist moralische verantwortung doch nur dann etwas gutes bzw bringt überhaupt etwas, wenn mein persönlicher wirkungsgrad so groß ist, wie der moralische anspruch, den ich habe. ist letzterer größer, laufe ich mein leben lang einer vorstellung hinterher, die ich nie werde erfüllen können. wenn ich das aber einigermaßen deckungsgleich handhabe, dann ändert sich wirklich was.
      außerdem sehe ich keinen direkten bezug zwischen dem, was ich gesagt habe und einer fehlenden moralischen verantwortung.
      nur wenn ich sachen erlebt habe, kann ich sie moralisch beurteilen bzw unmittelbar mit meinem wertesystem abgleichen. alles andere ist doch letzten endes ziemlich oberflächliche affektiertheit bzw geht die gefühlte moralische verantwortung ziemlich am thema vorbei, welches eigentlich ursächlich für ihr entstehen sein sollte.
      wenn man da nicht differenziert, passieren solche sachen, wie kony 2012 aka sinnloser aktionismus at its best - man lässt sich vor einen karren spannen, ohne zu überblicken, wer drin sitzt. aber das nur am rande.

      27.02.2013, 15:20 von KingKonschdi
    • 0

      ja, was bedeuten die NAmen?

      @KingKonschdi
      Es ist auf jeden Fall sinnvoll auch dorthin zu schauen wo man nicht ist, seine Fühler ausstrecken, Horizont erweitern. Aber genau das ist das Problem was ich mit diesem Text habe: er hilft mir da nicht weiter. Ich weis doch schon, dass es Kindersoldaten gibt, ich weis, dass so mit Drogen, usw. Der Text erweitert meinen Horizont nicht, bedient nur die selben Klischees die jeder eh schon hat.
      Der einzige Interessante Punkt - das erschießen der Schwester - wird mir leider nicht erklärt, und steht damit auch nur so im Raum. Toll.

      zum Thema Marsorchismus: Ich glaube das ist nicht der Treibgrund über so etwas zu reden. Viel mehr der, dass wir uns besser fühlen wenn wir andere sehen denen es schlechter geht, und das wir uns einbilden ihnen etwas Gutes zu tun, nur weil wir darauf aufmerksam machen und lautstark unser Mitleid verkünden.

      27.02.2013, 16:23 von Loo
    • 0

      Ich sag auch nirgendwo etwas dagegen, seine Fühler auszustrecken und neugierig zu sein. Die einzige Methode seine Neugier wirklich zu befriedigen ist aber trotzdem die unmittelbare Erfahrung. Alles andere hat wenig Wert. Kann man trotzdem machen, wenn man das will, aber es weicht eben immer mehr auf und gerade wenn es um das Fällen moralischer Urteile geht, finde ich es eher problematisch, sich auf sowas zu verlassen.
      Das mit der Schwester hab ich auch überlegt, hab mir dann gedacht, dass da immerhin steht, dass er die Erinnerung nicht ausgehalten hat und die Einsicht, zu der er kommen müsste, dass er im Verhältnis zur Schönheit dieser Erinnerung ein Stück Scheiße geworden ist.
      Aber mir hats dann auch nicht gereicht, als dass ich da jetzt was Neues in dem Text gefunden hätte.

      Ich denke schon, dass da ein guter Teil Masochismus drin steckt. Klar, fühlen wir uns dadurch irgendwie besser und mit Sicherheit ist das auch ein richtiger Aspekt, aber es ist ja nicht allein so, dass wir sehen, dass es "denen" nicht so gut geht, sondern wir beziehen das ja immer auch ziemlich auf uns und haben Mitleid / fühlen Schuld und bestrafen uns damit moralisch.

      27.02.2013, 16:41 von KingKonschdi
    • 0

      27.02.2013, 17:01 von LauraPhilomenaTheresa
    • 3

      der text hat mehrere ebenen. aber unter anderem handelt es sich doch um eine analogie, nach der „schlecht“ nur existiert, wenn im gegensatz dazu „gut“ steht. ohne weiß besteht der kontrast zu schwarz nicht (und wer jetzt denkt, ich rede von hautfarben, der sollte bitte nochmal einen moment darüber nachdenken…)
      wenn also das gute, wofür ayan steht (der name bedeutet auf somali hell, leuchtend, fröhlich, glücklich, tag) aus der welt ist, gibt es in diesem sinne kein „schlecht“ mehr, wodurch es leichter zu ertragen ist, sich selbst dieser kategorie zuordnen zu müssen, oder schlimmer noch, von außen unter zwang und völlig hilflos zugeordnet zu werden.
      nach diesem gleichnis ergibt sich folgende logik: da asad keinen weg zurück findet auf die „gute seite“ (er ist ja in seiner entscheidung offensichtlich nicht frei und unter zwang soldat, was aber natürlich– vor allem im angesicht seiner jugend – notgedrungen anpassungen seiner leidensfähigkeit und stoik nach sich zieht, ansonsten wäre er längst an den umständen zerbrochen), bleibt ihm keine wahl, als seinen ambivalenten zustand wieder zu relativieren, indem er das gute in ihm, das ihm kurz wieder zu bewusstsein kommt, endgültig auslöscht und so den unerträglichen widerspruch in sich löst. hier geht es also um die innere entwicklung des protagonisten.
      man kann die handlung natürlich auch äußerlich lesen, und hier geht es in der tat um ein heikles thema. aber letztendlich ist es eine fiktive belletristische geschichte, keine journalistisch recherchierte hintergrundstory und ich nehme nicht für mich in anspruch, das thema hier erschöpfend und umfassend zu behandeln...

      27.02.2013, 17:02 von LauraPhilomenaTheresa
    • 0

      voll toll

      , die Ebene. Aber mir gefällt der Deckel immern och nicht.. hmm

      27.02.2013, 17:11 von Loo
    • 1

      ja, diese analogie sehe ich (wie im letzten kommentar auch erwähnt) und die ist auch gut.
      aber meines erachtens geht die in dem text eben ziemlich unter.

      27.02.2013, 17:15 von KingKonschdi
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Handwerklich gut. Und er durchbricht die Monotonie des Startseiten-Herzschmerz-Massakers. Deswegen gibt es hier klar eine Empfehlung.

    Die Intention würde mich interessieren. Was verbindet dich mit deinem Beitrag?

    27.02.2013, 09:02 von Jimmy_D.
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ich hab mir schon gedacht, dass er ein junge is. was das ganze noch kranker macht.

    aber der text is auf jeden fall gut geschrieben.

    26.02.2013, 23:10 von IceIceFriedhelm
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich finde es sehr gut geschrieben. Packend.

    Nur der letzte Satz stört mich. Das Alter stört mich. Wahrscheinlich, weil es das alles noch grausamer macht.

    26.02.2013, 21:01 von miss_mel
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ...chapeau.

    26.02.2013, 19:39 von derHalbstarke
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
10. Juni 2013

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android