vexierbild 10.06.2012, 14:56 Uhr 4 2

Weltende

Die Erinnerungen schlugen nur auf ihn ein, hämmerten in seinem Gedächtnis, bis er alles wieder ganz klar vor sich sehen konnte.

Er wachte mit pochenden Kopfschmerzen auf. Automatisch fasste er sich an die Stirn und strich dann mit der Handinnenfläche über sein Gesicht, rieb sich die Augen und blickte im dunklen Raum umher.

Man konnte nur die Umrisse einzelner Möbel erkennen, die vom Mondlicht umrahmt wurden.Wie spät war es?
Er setzte sich auf und sein Blick suchte die rote Funkanzeige des Weckers. 19 Uhr.
Es fühlte sich an wie früh am Morgen.

Wie lange hatte er geschlafen? Zehn Stunden? Oder Fünfzehn? Was war heute überhaupt für ein Tag, was für eine Woche?

Er erhob sich langsam und vorsichtig aus seiner sitzenden Position und spürte den Schmerz in seinem Kopf wie Hammerschläge. Eine Weile stand er einfach nur im Dunkeln und versuchte, Erinnerungen aus seinem Gedächtnis zu fischen. Die Kopfschmerzen wurden zunehmend heftiger, aber mit ihnen kamen auch ein paar Puzzleteile seiner Erinnerung.

Er hatte weder zehn noch fünfzehn Stunden geschlafen. Es waren nur zwei gewesen.Nachdem er nach hause gekommen war, musste er eingeschlafen sein. Seit Wochen ging das so, dass er kein Zeitgefühl mehr hatte oder sogar vergaß, was er an manchen Tagen gemacht hatte.

Zu dieser Jahreszeit kam das nicht selten vor. Der Januar machte ihn müde, es war zu grau und trist, um wach bleiben zu wollen.

Er ging auf das Fenster zu und blickte in die Tiefe. Von hier oben sahen die Menschen wie kleine Ameisen aus.
Ein paar Bilder flackerten vor seinem inneren Auge auf. Er sah Feuer, Menschen, die panisch umher rannten und versuchten, sich zu verstecken.Der Himmel war ein einziges dunkelgraues Tuch, überall rauchte und qualmte es.Er hörte das Brüllen der Männer, erinnerte sich an Kindergeschrei, das er nicht hatte orten können.

Die Erinnerungen schlugen nur auf ihn ein, hämmerten in seinem Gedächtnis, bis er alles wieder ganz klar vor sich sehen konnte.

Er hielt sich die Ohren zu, presste die Lippen aufeinander, aber es half nichts. Er konnte wieder den Sand unter den schweren Stiefeln hören, schmeckte wieder den metallischen Geschmack von Blut.Sein Körper verkrampfte sich, bis die Töne allmählich leiser wurden und die Bilder wieder verblassten.

Luft! Er brauchte Luft! Er öffnete das Fenster, hechelte und sog die Luft so gierig ein, als hätte ihn jemand fast bis zur Ohnmacht unter Wasser getaucht.

Nach einigen Minuten hatte sein Körper sich wieder beruhigt, seine Gedanken jedoch waren immer noch gefangen. Seit seiner Rückkehr, die schon Monate zurücklag, wiederholte sich diese Prozedur Nacht für Nacht.
Die Erleichterung, mit der er diesen Ort verlassen hatte, war nicht mehr da. Stattdessen machte sich Verzweiflung breit. Als er gegangen war, hatte er sich selbst gesagt, es bräuchte seine Zeit.
Irgendwann würde alles vorbei sein, die ganze unterdrückte Angst, die Übelkeit alleine bei dem Gedanken an das Erlebte, das alles würde verschwinden.

Jetzt war er hier und nicht mehr an diesem Ort... und nichts war anders.

Er sah zum Bett. Sie hatte von der Panik wohl nichts mitbekommen, denn sie schlief immer noch seelenruhig.
Er ging auf sie zu, legte sich neben sie und fuhr mit dem Daumen sanft über ihre Stirn, über den Nasenrücken bis zu ihren Lippen.

,, Wenn du wieder da bist, fahren wir an einen schönen Ort, irgendwohin, wo du alles vergisst.Dorthin, wo du alles sein kannst, was du willst, wo alles besser ist.''

Drei Wochen vor seiner Rückkehr hatten ihn diese Worte von ihr erreicht.
Er sah sie noch einmal an, bevor er wieder auf das Fenster zuging, auf die Fensterbank kletterte und die Beine aus dem Fenster schwang.

Er wollte nicht länger warten, er wollte diesen Ort jetzt sehen. Den Ort, wo man alles vergisst. Dort wo man noch den Willen zum Mut findet. Dorthin, wo er alles sein konnte.

Noch ein letzter tiefer Atemzug, bevor er die Arme ausbreitete und sich fallen lies.


Tags: Panik
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4 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ohne den Selbstmord hätt ichs noch besser gefunden.

    Gut!

    10.06.2012, 15:23 von RAZim
    • 0

      Ich habe da irgendwie einen Hang zu, warum auch immer ;)

      Aber vielen Dank :)

      10.06.2012, 15:25 von vexierbild
    • 0

      Zum Selbstmord???

      10.06.2012, 15:27 von RAZim
    • 1

      In Texten, nicht im realen Leben :D

      10.06.2012, 15:43 von vexierbild
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