Weit Unter den Linden
„Kann ick dat für n Euro habm’?“ Ein Mann in ausgebeulten grünen Hosen hält ein Französisch Wörterbuch von Langenscheidt in die Luft. „Geizkragen!“
Werner wirft ihm einen abfälligen Blick zu, nimmt die Münze aber trotzdem und steckt sie sich in die rechte Hosentasche zu anderem klimpernden Kleingeld. „Ick hab doch och keen Jeld“, murmelt der dünne Mann entschuldigend und verschwindet mit seiner Beute Richtung Friedrichstraße. „Geld, Geld – wer hat das schon? Wir müssen alle überleben, du Schwachkopf!!“ schreit Werner seinem ersten Kunde des Tages hinterher.
Es ist 14 Uhr an einem Mittwochnachmittag in Berlin. Werner hat gerade acht Kisten voller Bücher aus seinem rostigen, weißen VW Polo gehievt und seinen Stand vor der Humboldt-Universität aufgebaut. Böll, Mann, Goethe, Freud, Tucholsky; alle liegen auf dem alten Tapeziertisch, dessen Füße notdürftig mit schwarzem Klebeband geflickt worden sind. Werner ist Buchverkäufer. Seit der Wende schon. Siebzehn Jahre. Jeden Tag. Im Sommer. Im Winter. Werner ist vielleicht 50 oder 52 Jahre alt. Er verrät das Datum seines Geburtstages nicht, auch nicht, wann und mit wem er seinen letzten gefeiert hat. „Weltlichen Quatsch“ nennt er so etwas. Oder „Zeitverschwendung“. Er wird sehr laut, wenn er über sich sprechen soll, schreit.
Er gestikuliert dann wild herum und kneift seine kleinen blauen Augen unter seiner verbogenen Brille zusammen, als würde er die Augen vor sich selbst verschließen wollen. Er fährt sich mit der Hand in seine grauen, vom Kopf abstehenden Locken. Und das erinnert an Bilder von Albert Einstein. Heute ist ein guter Tag. Der Himmel über Berlin ist blau, die Novembersonne strahlt noch einmal. Touristen und Studenten wandern vor dem Hauptgebäude der Universität auf und ab. Doppeldeckerbusse fahren die Linden hoch und wieder runter. Auf dem Bebelplatz steht ein Geiger und spielt immer und immer wieder dieselbe Melodie und verstärkt den Eindruck, dass sich auf der prächtigsten Straße Berlins nicht viel ändert. Alles ist schön. Alles soll schön bleiben. Und was nicht so schön ist, wird eben schön gemacht.
Von Werners Stand sind die zwei orangen Baukräne zu sehen, die die Reste des Palastes der Republik beseitigen. Heute bewegen sie sich nicht. Zwei ältere gut gekleidete Damen gehen den Stand ab. Sie schleichen an ihm entlang, lassen ihre Augenpaare über die Buchrücken fliegen, nehmen hier und da einen von Werners Schätzen in die behandschuhten Hände, um ihn nach scheinheiligem Durchblättern mit den Worten „Ach, weißt du, ich habe schon so viele Bücher zu Hause, ich hätte gar keinen Platz mehr in meinen Regalen“ wieder hinzustellen. Ein hämisches Lachen kommt von der anderen Seite des Standes: “Sie haben doch gar keine Ahnung – für Bücher hat man immer Platz! Wusste ich doch genau, dass Sie nichts kaufen! Kulturbanausen!“ Die beiden Damen scheinen peinlich berührt, entscheiden aber, laut aufzulachen und kopfschüttelnd zu einem anderen der fünf Bücherstände zu schlendern.
„Die lachen über mich. Alle. Ich bin hier die Witzfigur. Ich bin der gutmütige Trottel. Der gutmütigste hier, aber die Leute kaufen trotzdem nix.“ Er macht eine Pause und runzelt die Stirn. „Die da“, er zeigt auf seine Kollegen, „die sind die Monster. Die bestehlen mich und ermöglichen mir keine Pause mehr, die Verbrecher.“ Das letzte sagt er so laut, dass sein Standnachbar es hört. Der dreht sich kurz in Werners Richtung und schüttelt nur den Kopf. Er kenne das schon, sagt er abwinkend, der Werner sei eben ein paranoider Sonderling. An manchen Tagen rede er ganz normal, an anderen sei er wirr, verrückt und aggressiv, ein bisschen schizophren sogar.
Vor etwa zehn Jahren hatte es Streit um die Standplätze vor der Universität gegeben und von da an herrschte schlechte Stimmung zwischen Werner und den Herren, die er „Stasischweine“ schimpft. Werner weiß um seine manischen Stimmungen und als könne er Gedanken lesen, weiß er auch, was die anderen Buchverkäufer, die Tag für Tag in seiner Nähe sind, von ihm halten. Mobbing sei hier ein riesiges Problem für ihn, schreit er einer Kundin, die nach Brechts Dreigroschenbuch greift, ins Gesicht. Die erschrickt, lässt den Schinken wieder sinken und entfernt sich schnell.
Werner legt sein braunes Gesicht in seine raue linke Hand und guckt in die Luft. Stirn und Wangen sind von tiefen Falten zerfurcht. Sie wirken nicht wie Lachfalten. Vielleicht weil Werner keinen Anzug trägt oder wenigstens eine Tweedjacke. Werner stinkt ein bisschen. Herb, nach altem Männerschweiß, nach Verbrauchtheit und Stress. Als er in einen Schoko-Muffin beißt, bleibt brauner Teig an seinen gelblichen Zähnen kleben. Vielleicht wird er jetzt vom Werdegang Tokyo Hotels berichten, über die neue Autobiographie von Schröder herziehen oder über Kafkas Lebenswerk referieren. Doch auf einmal schrickt er aus seinen Gedanken hoch und ruft: “Ich bin nicht unglücklich, ich brauche Geld!“ Werner ist verzweifelt. Es ist November, „bitterer November“, Winter. Der Winter ist hart. Jedes Jahr. Und während Werners Feinde, seine Kollegen, den kalten Monaten nachgeben und wie eine Viertelmillionen anderer Berliner von Sozialhilfe leben, baut Werner bei Minus 17ºC seinen Bücherstand auf, immer in der Hoffnung genug zu verkaufen, um zu überleben, zu existieren.
Zum Sozialamt will er nicht. Diese Demütigung will er sich ersparen, ein bisschen Stolz bewahren. „Eher bringe ich mich um, als so einen Bogen auszufüllen.“





Kommentare
Du kannst sehr gut Stimmungen in deinen Texten transportieren, toll :)
09.12.2010, 22:31 von topfbluemchengut geschriebener text und eine wirklich rührende geschichte!
15.04.2007, 13:11 von lithium
14.04.2007, 19:07 von bibliophileWar sehr erstaunt als der Text scheinbar abrupt endete. Du schreibst so, dass man sich schon nach wenigen Zeilen einliest und ganz versunken an dem Bücherstand stöbert.
Respekt!!!
13.04.2007, 14:31 von EROSSchapeau die dame!
13.04.2007, 14:06 von msphoenixEin weiteres Schicksal von vielen und dennoch einzig; einzeln problematisch.
13.04.2007, 10:24 von SundancerDein Schreibstil hat was sehr lebensnahes, ich mag das.
Fein. Es zeichnet Dich schon aus, daß Du keinen Text über Dich und Deine Befindlichkeiten schreibst. Außerdem ein angenehm professioneller Reportagestil, der hier doppelt auffällt. Mehr davon.
13.04.2007, 01:00 von dondadaJa, ich erinnere mich an ihn. Hab mir bei ihm mal ein Buch gefunden, das ich schon lange gesucht habe und das vergriffen war.
12.04.2007, 22:56 von odradekJa, ich kenne den guten Werner, habe ein paar Mal für ihn gearbeitet. Er ist so tragisch-komisch und irgendwie ein ganz trauriger und unterschätzter Mensch...
12.04.2007, 22:51 von Laylalila