bizarette 30.11.-0001, 00:00 Uhr 2 5

weiss

Ich muss mir sofort vorstellen, wie Mutter Schwalbe Baby Schwalbe in den Mund kotzt.

Ich bin jetzt schon eine von den Nichtsnutzen. Von denen „egal was – ich bin dagegen“. Ich seh mich mit ihm im Urlaub.
Er kneift die Augen zusammen, weil die Sonne ihn so blendet und die Wellen - ein paar Meter von der Promenade und dem weißen, kalten Metallgeländer, an dem wir lehnen – lassen Lichtblitze zu uns hoch schießen. Seine helle Haut ist mit Pickelchen übersäht, man sieht, dass er sonst den ganzen Tag im Büro bleibt.
Immer fährt er und wir wissen beide, dass ich nur nicht fahren will, weil ich gerne chauffiert werde. Es fehlte nur noch, dass ich mich auf die Rückbank setze, aber er hat schon relativ früh klar gestellt, dass ich meine Füße weder auf das Armaturenbrett noch aus dem Fenster und erst Recht nicht auf die Rückbank legen darf. Die ist nämlich aus Leder. Deshalb haben wir für meinen Hund eins von diesen menschenunwürdigen Kofferraumgefängnissen gekauft. Ist ja auch nur ein Hund. Er grinst und freut sich über die freie Zeit, erzählt von der Arbeit. Gerade noch habe ich eine Schwalbe beobachtet, die im Sturzflug von einem der Hoteldächer hinter uns fort flog. Bestimmt muss die Schwalbe Futter für ihre kleinen Schwälbchen suchen. Ich muss mir sofort vorstellen, wie Mutter Schwalbe Baby Schwalbe in den Mund kotzt. Ich beiße auf meine trockene Unterlippe und ziehe meine Augenbrauen zusammen. Dann drehe ich mich um und schaue geschützt durch meine große Sonnenbrille mit dem weißen Rahmen direkt in die Sonne. Als wollte ich ihm zeigen, dass ich immer überlegen sein werde. Sein Lächeln verschwindet für den Bruchteil einer Sekunde. Und ich erschrecke mich. Früher war er stolz, so ein Prachtstück wie mich ausführen zu dürfen. Aber mittlerweile hat er es verstanden. Dass er sich lieber eine von den ganz Unscheinbaren genommen hätte, die sich freut, weil er sich freut. Ich weiß auch gar nicht, was ich hier soll. Ich hab ihn damals eigentlich nur gemocht, weil ich Angst hatte, alleine zu sein. Ich fand ihn auch nur weiterhin gut, weil sich sein Leben so nach dem anhörte, was ich irgendwann mal hatte erreichen wollen. In dem Moment war meine politische Karriere eigentlich schon abgehakt. Ich wollte lieber Künstlerin werden und er fand ich wäre ein guter Lifestyle, wie Hitler und Eva Braun. Das war gewagt.
Und nun stehen wir hier auf Sylt – klassisch, poetisch – der Idealist und die Nihilistin. Wir langweilen uns aneinander und über Politik können wir schon lang nicht mehr reden. Aber während ich schon nachdenke, wie ich möglichst stilvoll aus der Sache raus komme, überlegt er, wie er mir heute Abend beim Essen vorschlagen wird ein Kind zu bekommen. Er glaubt, ich sei unglücklich, weil ich oft alleine zu Hause bin. Er glaubt, er könnte mich mit einem Kind zu dem Naturzustand einer Frau zurückführen, dem ich vor langer Zeit entsagt habe. Bin Kunstfigur geworden, wollte unnahbar sein. Er stellt sich vor, dass ich dieses Kind so sehr lieben werde, dass ich auch ihn mit Liebe in den Augen anlächeln kann während ich das Baby stille. Ohne Sonnenbrille. Er glaubt, dass ich mich dann plötzlich nicht mehr um meine Dinge schere. Um Rhythmus, Rausch und Champagner. Um die Briefe und Worte in meinem Kopf, mein Zimmer – wieso brauchst du ein eigenes Zimmer? fragt er immer – wird dann das Kinderzimmer. Freiwillig. Und ich höre einfach auf. Gehe weg.

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Kommentare

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    Die Empfehlung gibts hierfür:

    "Ich wollte lieber Künstlerin werden und er fand ich wäre ein guter Lifestyle, wie Hitler und Eva Braun. Das war gewagt. "

    23.04.2010, 10:53 von ...niemand...
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