Weil ich glaube...
…bin ich nicht traurig hier zu sein. Denn mein Glaube traegt eine Welt in sich, in der alles begreifbar ist.
Natuerlich ist sie zu jung gestorben. 23 ist doch kein Alter, da faengt doch gerade erst alles an und ihr Ende war so furchtbar und so sinnlos. Deswegen habe ich viel geweint, deswegen habe ich schwarz getragen. Aber dann denke ich ueber ihre 23 Jahre nach – die waren schon was Besonderes. Sie hat immer gemacht, was sie wollte, sie war schon immer erwachsen. Sie war erwachsen seit ich sie kenne, eine ganz alte Seele. Und vielleicht - und ich traue mich kaum dies zu schreiben – ist es deswegen in Ordnung, dass sie schon gegangen ist. Vielleicht ist sie ihre Lebenslinie so zielstrebig entlang spaziert, dass es in Ordnung ist. Sie war eben schneller am Ende als andere, sie hatte gelernt, wofuer sie gekommen war, sie hatte gesehen, was ihr das Schicksal versprochen hatte.
Vielleicht ist er zu jung gestorben, aber vielleicht auch nicht. 26 Jahre sind keine lange Zeit, aber seine Zeit war schon immer anders als unsere. Er war schon immer einen Schritt weiter vom Leben entfernt, immer einen Schritt naeher in seinen Traeumen von einem ganz anderen Leben. Nur dass er dieses andere Leben nie hatte erreichen koennen. Zuviel von allem, zuviel Konsum, zuviele Drogen, er konnte ja nirgendswohin. Immer nur in seine Traeume fluechten. Vielleicht – und es ist mal wieder schwierig zu schreiben – ist es schon in Ordnung, dass er gegangen ist. Er ist gegangen, wie er gelebt hat. Viel zu schnell. Viel zu betrunken. Er hat sein Ende gesucht und gefunden. Er war schneller am Ende als andere, er hatte nichts gelernt und nichts gesehen. Vielleicht meistert er sein Schicksal ja im naechsten Leben besser. Dann ist es schon in Ordnung.
Natuerlich ist sie nicht zu jung gestorben. Mit 83 darf man sterben, man darf gehen, auch ohne sich zu verabschieden. Und sie hat sich sogar verabschiedet. Beim letzten Mal, als ich ihr gegenueber sass, da sagte sie, wer weiss, ob man sich noch mal wieder sieht und sie hat mich in den Arm genommen. Das war etwas Seltenes und deswegen habe ich viel geweint und deswegen habe ich schwarz getragen. Vielleicht – und diesmal ist es nicht schwierig das zu schreiben – ist es schon in Ordnung, das sie gegangen ist. Es war fuer niemanden einfach, besonders in dieser grossen Familie, die ja eigentlich immer nur sie zusammen gehalten hat. Aber sie hat uns ein schoenes Abschiedsgeschenk gemacht, denn wir sind nun naeher zusammen gerueckt. Wir haben getrauert und uns in den Armen gelegen. Ihre Lebenslinie war so lang, das war schon in Ordnung.
Natuerlich ist mein Freund seinen eigenen kleinen Tod gestorben, als er sich zum ersten Mal verabschieden musste. In was fuer einer Welt leben wir eigentlich, in denen wir unsere Vaeter zu Grabe tragen muessen bevor wir die Schule verlassen. Ich wuenschte, ich haette ihn ueberzeugen koennen. Ich wuenschte, ich haette ihm mehr ueber Gott begreiflich machen koennen. Dann wuerde er jetzt nicht noch immer weinen, wenn er glaubt, dass niemand ihn sieht. Ich wuenschte, er haette das Leben und den Tod mit meinen Augen sehen koennen. Denn mein Leben ist leichter, mein Leben macht Sinn. Alles Leben und Sterben macht Sinn. Die alles beschuetzende, alles sehende Hand ueber mir – sie erklaert so vieles und gibt mir Kraft. Diese Hand, dieser Gott - er gibt den Menschen nicht mehr auf, als sie tragen koennen. Wir koennen unsere Lebenslinie entlang spazieren und flanieren, wir koennen mal sprinten und mal stehen bleiben. Wir schauen uns um, wir lernen, wir gehen weiter. Wir gehen aber immer in seine Richtung.






Kommentare
17.06.2009, 16:42 von LudwigMartinEine sanfte und berührende Weise hast Du gefunden, über Deinen Glauben zu schreiben. Das kann nicht jeder.
Den Glauben teile ich. Aber meine Worte wären zu theoretisch oder programmatisch oder sonst irgendwie falsch. Um so mehr freu ich mich, daß es andere können.
@LudwigMartin Vielen Dank :)
17.06.2009, 21:00 von BTownBlondieEine Empfehlung, weils mir oft genauso geht.
23.02.2008, 17:00 von touchtheskyich mag deine Texte einafch.
"One day, it'll all makes sense".
(Common)
"Wir gehen aber immer in seine Richtung."
23.02.2008, 15:34 von SchildkroetenpopelMachen wir das wirklich?
Ich bin davon überzeugt, dass man auch in eine andere Richtung gehen kann. Und dass es kein "nächstes Leben" für den betrunkenen Freund gibt.
Trotzdem ist das ein schöner Text, der im wesentlichen meine Ansichten widerspiegelt.
Und trotzdem gibt es eine Empfehlung, weil ich erleichtert bin dass es einen positiven Beitrag zum Thema Religion gibt.
Danke.
@Schildkroetenpopel Ich denke, wenn man wirklich glaubt, geht man schon immer in diese Richtung. Auch wenn einem das nicht bewusst ist, oder man öfter mal das Gefühl hat, "vom Weg abzukommen".
17.06.2009, 20:58 von SternelleDafür muss man nicht an Gott glauben, aber tief im Innern hat man doch immer Wünsche/ Vorstellungen vom Leben, die sich nicht leicht verrücken lassen.
schon beeindruckend, wenn jemand davon ausgeht, dass er es "weiß".
01.02.2008, 16:34 von stellaire.linaauf mich wirkt es immer ein bisschen beschränkt. der horizont, wenn man nicht weiß was hinter allem steht und ob dahinter etwas steht ist einfach etwas größer, dadurch allerdings auch unübersichtlicher.
in sofern ist es wahrscheinlich eine gute sache, "glauben zu können". ich kann es blos einfach nicht so gut. weil ich einfach davon ausgehe, dass ich bei nichts was ich sehe oder fühle wissen kann, woher es kommt und was es ist. wie kann man wissen? das ist für mich (vielleicht noch) ein rätsel.
@[Benutzer gelöscht] ja, es ist echt nen tolles gefuehl - deswegen wuenscht man sich ja auch, dass jeder mensch es endlich begreift! manche halten mich da fuer arrogant, aber so ist der Glaube eben, oder nicht? Man weiss es irgendwie besser...
01.02.2008, 15:34 von BTownBlondie.. - ..
01.02.2008, 14:14 von RedSonja*sprachlos*
(wertfrei - kein angriff, ok?)
@RedSonja passt schon - viele Menschen sind sprachlos wenn sie mit dem Glauben eines anderen konfrontiert werden. Muss man wahrschienlich erstmal sacken lassen ;)
01.02.2008, 14:19 von BTownBlondieich finde deinen artikel schön. eine angenhme sicht auf die dinge ... jedenfalls bis zu den letzten zeilen.
01.02.2008, 13:51 von finchaus meiner sicht, braucht es für die von dir beschriebende lebenshaltung keinen gott. auch ohne mich einer kirche zu verschreiben kann ich denken, dass jemand seine lebenslinie entlang gegangen ist, sein leben gelebt hat unahängig der tatsächlichen dauer ... allerdings bestätigst du mir etwas, was ich immer dachte: wenn man an gott glaubt, fällt es leichter den tod und das leben zu akzeptieren. ich muss meine kraft aber nicht von gott beziehen, meine liegt in mir.
trotzdem schön. und trotzdem eine empfehlung.