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Wobbly 30.11.-0001, 00:00 Uhr 2 1

Weihnachtsgeschichte 2.0

Der 24. Dezember ist ein Tag der Aggression, der Verzweiflung und Schlussendlich des Hasses.

Ich bin noch im Besitz – wenn man das so sagen darf – eines Großvaters, der eine Affinität zur Nostalgie in sich trägt, was sich dadurch äußert, Jahr für Jahr am Heiligen Abend Kriegsgeschichten aus den tiefen seines Unterbewusstseins hervorzuholen und sie uns bei Schaschlik und Ofenkartoffeln zu Gehör zu bringen.

Darüber hinaus erwähnt mein Opa in geschickten Nebensätzen, dass Kartoffeln, insbesondere in Alufolie eingewickelte, zu Kriegszeiten rar waren. Das lag zum einen daran, dass die Alufolie noch keinen Erfinder hatte – das Hauptargument lieferten jedoch die im ganzen Lande verminten Felder, die dass Kartoffel ernten immens erschwerten. Es gab nichts. Keine Kartoffeln, keine Bauern, keine Wirtschaft. Alles lag zerfetzt auf einem 300 Hektar großen Acker.

Interessant, denke ich mir, dass ich diese Informationen kurz nach der traditionellen Bescherung erhalte, wo die gesamte Familie scheinbar ruhig und harmonisch am Abendtisch sitzen sollte, schlemmend, den Tag der Freude und Besinnlichkeit Revue passierend.

Denn der 24. Dezember ist auch ein Tag der Aggression, der Verzweiflung und Schlussendlich des Hasses. Der Morgen beginnt beunruhigend friedlich. Die Mutter deckt den Frühstückstisch, während der Vater sich auf den Weg macht Brötchen zu organisieren, allerdings aufgrund morgendlicher Verspätung nur noch die Auswahl zwischen Dinkel und Sonnenblumenkern Brötchen hat. Obwohl der Ernährer diese Tatsache mit einem Schulterzucken Augenscheinlich zu den Akten zu legen vermag, rebelliert das Unterbewusstsein vehement und kratzt an der kühlen Fassade des Familienvaters. Die Mutter ärgert sich indes über ihren Mann, da dieser ja NUR Brötchen holen wollte, ihm jedoch eingefallen ist, dass es gerade heute an der Zeit sei ,die an der Tankstelle gesammelten Punkte gegen ein Camping-Zelt der Firma Sevilla einzutauschen. Da diese bereits alle vergriffen sind, muss auch dieser Tiefschlag erst einmal verkraftet werden. Bevor er jedoch mit leeren Händen das Tankstellengelände verlässt, greift er zuversichtlich zur Fahrradluftpumpe und lässt sich die restlichen Punkte gutschreiben. Zuhause angekommen wartet die Gemahlin bereits mit schnaufendem Gesichtsausdruck auf ihren Mann und macht ihm Vorwürfe, dass sie ja wie jedes Jahr alles selber machen müsse und der Kaffee, dem sie ihm netterweise eingoss, auch schon kalt sei. Der Mann gibt zu bedenken, den Kaffee einzuschenken bevor er die Wohnungstüre betritt. Dafür gebe es ja wohl Thermoskannen. Der Großvater betritt das Esszimmer und merkt an, dass es draußen eisig kalt sei. Dann dreht er sich um und verlässt wieder die Wohnung, hinterlässt jedoch grauschwarze Fußabtritte auf den Küchenfliesen, da er für die Witterungsmitteilung offensichtlich einen kleinen Spaziergang machen musste. Während der Vater die gekauften Dinkelbrötchen alleine verspeist, wischt die Mutter nochmal nass durch. Der Sohn liegt im Schlafanzug vorm Fernseher und schaut ''Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ im WDR. Die Schwester liegt im Schlafanzug in ihrem Zimmer und schaut ''Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ im MDR. Dabei muss noch soviel vorbereitet werden. Außer der Mutter weiß jedoch keiner was und warum. Hier setzen sich die Streitereien fort. Jedes Familienmitglied wird traditionell ein bis zweimal attackiert, bevor die Sippe in scheinbar seligem Einklang das Haus verlässt um den nachmittäglichen Gottesdienst beizuwohnen. 

Erfahrungsgemäß sind alle zusammenhängenden Kirchenplätze eine halbe Stunde vor Beginn der Messe belegt. Für die Familie ist DAS jedoch die Abfahrtszeit, aus folgendem Grund: da der Vater aus einer spontanen Laune heraus überlegte daheim zu bleiben um dem Christkind die Türe zu öffnen, erzeugte dieser Gedanke bei den Kindern ein Leuchten in den Augen da die Hoffnung bestand, dass auch sie hätten helfen können um so dem Kirchgang zu entgehen. Da die Mutter eine fromme Christin ist, findet sie es sichtlich unangebracht sich dieser, ihrer Meinung nach völlig absurden Diskussion, anzuschließen. Entweder man glaubt an Gott oder Weihnachten findet nächstes Jahr einfach nicht mehr statt. Der Grund ihrer Aggression ist jedoch vorgetäuscht. In Wahrheit ist sie nur zutiefst verletzt, da sie ihrer Familie doch gerade vor zwei Tagen erzählte, dass sie so nervös sei – ihr Auftritt im Kirchenchor stände kurz bevor und das mehrstimmige ''Jauchze, oh jauchze laut'' ist noch nicht in dem Stadium gezeigt zu werden.

Natürlich kokettierte sie mit dieser Aussage nur, um ein wenig Aufmerksamkeit zu erhaschen und ihr für den freudigen Dreiminütigen Auftritt toi toi toi und alles Gute zu wünschen. Wenn die Familie nicht geschlossen die Kirche betreten würde, wäre das erneut ein Grund, sich im Dorf das Maul zu zerreißen. Aus diesem Grund drückt die Mutter noch einmal auf die Tränendrüse und den Tränen einer Mutter kann kaum jemand widerstehen.

Somit wird verheult und verschnoddert das Haus Gottes betreten. Mutter, Vater und Opa teilen sich in den Reihen acht, elf und dreizehn des Mittelgangs auf, die Kinder in den Seitenflügeln. Jetzt hat jeder genau eine Stunde Zeit über das Geschehene nachzudenken, ''Jauchze, oh jauchze laut'' fehlerfrei zu singen oder ein wenig zu schlafen– der Tag und die Auseinandersetzungen sind noch lang. Allerdings werden letztere durch die Vorfreude auf die Bescherung geschmälert.

Das gemeinschaftliche Kaffee trinken lässt die grauen Wolken über der Familie ein klein wenig verschwinden, um pünktlich mit den Anekdoten des Großvaters zum Abendessen wieder aufzutauchen. Schön wäre es, wenn die Kriegsgeschichten in drei oder fünf jährigen Abständen erzählt würden, da die jährliche Kontinuität den eigentlichen Frohsinn dieser Veranstaltung zunichte macht. Ich nehme mir hiermit fest entschlossen vor, es meinem fast 90jährigen Großvater während meines nächsten sechswöchigen Jahresurlaubs, zu verklickern.


Tags: Weihnachten, Familienprobleme, Kirche, Krieg
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Kommentare

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    Ich weiß, ist nur Weihnachten.

    29.11.2013, 19:20 von Wobbly
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    (ich mag ja Weihnachtsgeschichten und auch die katholische Mitternachtsmette mit Weihrauch und Klingeling und allem Drum und Dran) Du erzählst mit dem Text nichts neues, das habe  ich und viele andere hier in unserer Kindheit und Jugend auch erlebt - Geheule von Mutter, Genörgel von Papa, Generve der Geschwister, Gewünschter Genozit mit Glitter.

    29.11.2013, 18:09 von SteveStitches
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