Was würde Jesus dazu sagen?
Könnte er auch heute noch übers Wasser gehen und die Menschen zusammenführen, oder würde er absaufen?
Nein, ich bin nicht religiös.
Ich glaube nicht, dass da oben irgendwo ein alter Mann mit weißem Bart sitzt, uns beobachtet und bestimmt, was mit uns, mit mir geschehen wird. Oder, dass er einst seinen Sohn Jesus auf die Erde schickte, um das Wort Gottes zu verkünden. Ich glaube nur an das, was ich sehen und greifen kann und religiöse Überzeugungen gehören nun mal nicht dazu. Dennoch oder gerade deshalb bin ich irritiert, dass ich mir diese Frage stelle, was Jesus dazu sagen, wie er agieren würde, in unserer heutigen Zeit.
Es verwirrt mich geradezu.
Weshalb denke ich an ihn, obwohl ich nicht gläubig bin und warum interessiert es mich plötzlich, wie er das sehen würde, wie er mit der heutigen Weltsituation umginge? Ist Jesus, wenn es ihn denn gab, nicht schon damals daran gescheitert, die Welt retten zu wollen und ans Kreuz genagelt worden? Wenn er es schon zu seiner Zeit nicht schaffte, den Menschen die zehn Gebote, den Glauben an Gott und des Miteinanders zu vermitteln, wie und warum sollte ihm das in unserer Gegenwart gelingen?
In Zeiten von Krieg und Terror.
In Zeiten, wo jeder nur noch an sich selbst zu denken scheint, materielle Dinge und eigene Bedürfnisse wichtiger geworden sind, wichtiger als Liebe, Aufmerksamkeit oder so etwas wie Respekt und Interesse seinem Nächsten gegenüber. In Zeiten der ausbeutenden Globalisierung, der rücksichtslosen Bereicherung auf Kosten anderer, in Zeiten, wo selbst Religionen fanatisch missbraucht werden und für Gewalt und Mord stehen.
Nein, es würde ihm nicht gelingen, wieder etwas zurechtzurücken.
Jesus würde kläglich scheitern und absaufen.
Vielleicht ist genau das der Punkt, weshalb ich plötzlich an ihn gedacht habe, vielleicht kam mir sein Bild nur aus dem einzigen Grund in den Sinn, weil es keinen wie ihn braucht um zu sehen, dass wir es selbst sind, die scheitern und absaufen werden, wenn nicht bald jeder einzelne von uns erkennt, dass es so nicht weitergehen kann, mit uns und den Dingen, die in der Welt geschehen, wir nicht länger zulassen sollten, selbst die einfachsten Werte zum Teufel zu jagen und von Misstrauen, Neid oder Angst geprägt sind, anstatt wieder aufeinander zuzugehen, sich für andere zu öffnen und nicht mehr nur die eigenen Interessen und Bedürfnisse zu verfolgen, ohne Rücksicht und mit sturer, egoistischer Ignoranz.
Vielleicht hat es ihn gegeben, diesen Jesus.
Dass er tatsächlich Gottes Sohn war glaube ich immer noch nicht, aber vielleicht war Jesus einfach nur ein Mensch wie du und ich und hat damals schon versucht zu verhindern, dass es heute mal so sein wird, wie es ist. Vielleicht musste ich genau deshalb ausgerechnet an ihn denken, deshalb, weil er doch derjenige ist, der besonders für Werte wie Glaube oder Hoffnung steht, für Frieden, Liebe und all dem, was wir zunehmend in den Hintergrund zu stellen scheinen. Vielleicht ist Jesus sogar ein Stück weit in jedem von uns, um uns zu ermahnen, uns immer wieder zu erinnern, uns darauf aufmerksam zu machen, was falsch läuft und besser, menschlicher sein könnte. Und im Grunde geht es gar nicht darum, wie er die Dinge sehen, was er dazu sagen würde, es geht vielmehr darum, was wir dazu sagen, wie wir es sehen, was in der Welt und in unserem Umfeld geschieht oder nicht – und was wir tun könnten, um alles wieder ein wenig gerade zu rücken.
So betrachtet, habe ich also doch so etwas wie einen Glauben an Jesus und an das, was er verkörpert, ob es ihn nun jemals gegeben hat oder nicht...






Kommentare
@relientk
09.05.2007, 14:48 von WildeKirscheich stimme dir vollkommen zu
JESUS LEBT!
Guten Abend Kiyan,
12.04.2007, 22:47 von trooper*verneig* und lächelnde Zustimmung.
Viele Grüße - trooper
Kiyan
12.04.2007, 17:29 von sailorEndlich mal einer, der's verstanden hat...
12.04.2007, 17:11 von sailorÜberraschender Text, plausibel geschrieben und durchaus für einen Glaubenden wie ich in Gedanken nachvollziehbar.
12.04.2007, 16:49 von uschi_fischNur ein klitzekleiner Unterschied: Ich sehe IHN. In jedem der mir begegnet. Sehe ich nicht, frage ich, wo ER ist. Oder besser noch, wo ich bin, mit meinen Vorurteilen, meiner Gewalttätigkeit und meinen schlechten Gedanken. Hab ich diese geklärt, ist ER wieder da. Logisch, wir sind Abbild! Ein Teil vom Ganzen und dieser vollkommen.
Schöner Text,
danke K.,
mutig biste!
Gruß
uschi
@UnDefined: Sag ich doch! Nicht?
11.04.2007, 20:01 von Kiyan;-)
Der berührt mich sehr, Dein Text. Weil er ausdrückt, was ich für die Schnittmenge von christlich gläubigen und christlich denkenden Menschen darstellt - und was ich für beide als das Wichtigste erachte.
10.04.2007, 10:16 von LudwigMartinIch denke auch, daß Jesus einfach Mensch gewesen ist, der sich selbst treu bleiben konnte bis zur letzten Konsequenz. Und daß dieses Menschsein in uns allen steckt. In unseren Momenten innerer Freiheit (frei von Ängsten, besonders von der Angst, etwas zu verpassen) sind wir mehr richtig Mensch und Jesus ähnlich.
Wichtig wäre mir noch hinzuzusetzen, daß Jesus nicht nur in mir, sondern in jedem anderen ist, der mir über den Weg läuft. Damit steht neben der Frage, was Jesus tun würde, zusätzlich die Frage, wie ich mit Jesus umgehen würde - würde er mich stören, würde ich ihm zuhören, würde ich mich mit einem Euro von seiner Gegenwart loskaufen oder müßte ich sogar Gewalt gegen ihn anwenden?
Und wenn ich das getan hätte - würde ich das bereuen?
Und wäre es dann nicht zu spät für mich?
Ich glaube, nein.
Aber ohne die Feier von Ostern könnte ich mir diesen Glauben schlecht vorstellen. Für mich.