Melliteratur 21.12.2011, 11:22 Uhr 55 57

Was wir wollten

Wir tragen nicht mehr kleine Schätze aus Steinen und Murmeln in unseren Hosentaschen, sondern große Belastung in unseren Terminplanern.

Wir wollten das nicht.

Wir wollten, dass es anders ist.

Leichter.

Aber. Wir schnitzen traurige Erinnerungen in unsere Steinherzen. Schürfen uns die Knie an den Worten des andern auf und betten uns in unehrliche Spielchen. Wir gießen uns gegenseitig in Lügen aus Beton und kämpfen mit rhetorischen Messern umeinander, bis das Ego aus unseren Augen blutet. Wir stoßen uns die Seelen an einsamen Momenten kaputt, aber leben lieber mit den blauen Flecken, als einem Kopf an unserer Schulter. Wir sind so steif geworden, so glatt gebügelt, so verkrampft, dass wir unsere Arme nicht mehr öffnen können und die Türen stets verriegeln müssen.

Wir wollten das nicht.

Wir wollten, dass es anders ist.

Entspannter.

Aber. Die Herzen schlagen dermaßen schnell, dass unsere Augenblicke sich nicht mehr finden. Wir wollten, dass immer genug Zeit da ist, um im richtigen Rhythmus zu sein. Wir wussten nicht, dass alles eine ewige Autobahn ohne Rastplatz ist und es nur ab und zu eine Abfahrt gibt, um sich selbst zu überholen. Wir wollten uns durch alles treiben lassen, aber jetzt ist da nur noch eine reißende Strömung aus Erwartungen und Ängsten. Wir schnüren uns die Kehlen mit Druck zu und reichen uns eine Enttäuschung nach der andern. Wir sind so hart geworden, so vereist, so kalt, dass unsere Hände sich nicht mehr halten können und wir uns an unsere Brieftaschen klammern müssen.

Wir wollten das nicht.

Wir wollten, dass es anders ist.

Einfacher.

Doch. Wir tragen nicht mehr kleine Schätze aus Steinen und Murmeln in unseren Hosentaschen, sondern große Belastung in unseren Terminplanern. Wir lachen uns nicht mehr gegenseitig die Mundwinkel schön, sondern zählen uns schwindelig an den Rändern unter den Augen. Und obwohl unsere Gefühle auch nichts weiter können als Dasein, soll unser Verstand Unbegreifliches verstehen. Dabei haben wir kein Verständins dafür, wenn jemand mit sich glücklich ist und greifen alles, was anders ist, an, anstatt herauszufinden, wie man es gern haben kann. Wir sind so kompliziert geworden, so theoretisch, so verstaubt, dass unsere Lungen keine Liebe mehr atmen können und wir die schmutzige Luft in Plastikflaschen konservieren müssen.

Wir wollten das nicht.

Wir wollten, dass es anders ist.

Sinnvoll.

Und wenn doch alles aufhört, wieso fangen wir immer wieder damit an, das Licht anzuknipsen und unsere Chancen zu nutzen? Und wenn jede Erinnerung mit der Zeit verblasst, warum kullern wir immer wieder mit lachenden Tränen über vertraute Gesichter? Und wenn das Hier und Jetzt im Moment alles ist, warum gibt uns manche Vergangenheit den nötigen Halt, die Hoffnung für Zukünftiges zu haben? Und wenn alles irgendwann zu Staub zerfällt, warum tragen wir so viel mit uns herum, das wir beschützen, um es irgendwann den Richtigen zu schenken.? Und wenn wir gar keinen Grund dafür haben, auf dem wir stehen können, warum gehen wir dann unseren Weg immer weiter? Und wenn unsere Zeit doch vorüber geht, ist es nie zu spät, es gut zu machen.

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    phenomenales wortspiel, welches den ernst der lage gekonnt beschreibt... Chapeau !!!

    28.12.2011, 12:17 von FRA_39
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    Bin ich nicht, empfinde ich nicht!

    Aber ansonsten sehr schön die vielen Worte aneinandergesetzt!

    23.12.2011, 11:04 von Chiral
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    Amen.

    23.12.2011, 10:54 von Ms_M.
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    "Wir lachen uns nicht mehr gegenseitig die Mundwinkel schön, sondern zählen uns schwindelig an den Rändern unter den Augen. Und obwohl unsere Gefühle auch nichts weiter können als Dasein, soll unser Verstand Unbegreifliches verstehen."


    Das trifft sehr schön, über was ich zur Zeit tagtäglich grübele! Das erinnert so schön an die Eltern, wenn sie früher immer sagten: "Kind, wenn du erstmal erwachsen bist, wünscht du dir wieder klein zu sein!"

    22.12.2011, 20:15 von Beautiful_Mistake
    • 0

      Nie sowas zu hören bekommen. Mal davon ab, wollte ich immer nur so alt sein, wie ich gerade bin. Nochmal Kind sein? Nee, noch nie soetwas gedacht, nicht älter als vierzig werden körperlich, dass vielleicht schon mal...warum sollte man das wollen, nochmal Kind sein? Was ist denn erstrebenswert daran, wenn man keinerlei Einfluß auf sein Leben hat?

      Und wer nicht in der Lage ist, die Belastung des Terminskalenders selbst zu reduzieren, will das ja vielleicht auch garnicht....mal überlegt?

      23.12.2011, 11:08 von Chiral
    • 0

      Ich möchte kein Kind mehr sein und stell mich beim erwachsen werden auch nicht sonderlich doof an, nur manchmal wünscht man sich eben ein Stückchen Unbeschwertheit zurück. Und die hatte man eben als Kind. Deswegen hat mir diese Passage ja auch besonders gut gefallen. Nicht mehr und nicht weniger.

      23.12.2011, 13:35 von Beautiful_Mistake
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    Dabei haben wir kein Verständins dafür, wenn jemand mit sich glücklich ist und greifen alles, was anders ist, an, anstatt herauszufinden, wie man es gern haben kann. 


    Das ist meines Erachtens das größte Problem der Gesellschaft.

    PS.: Guter Text!

    22.12.2011, 13:33 von LilyNerina
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  • 0

    Ach...ich mag das gar nicht, wenn vom "Wir" geredet wird.

    22.12.2011, 11:45 von derHerrMitDemPixel
    • 0

      Wir auch nicht...

      22.12.2011, 19:59 von Neuanmeldung
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Wunderbar! Den Zeitgeist mit einem Netz aus metaphorischen Maschen auf den Punkt eingefangen!


    Gefällt mir sehr gut!

    22.12.2011, 08:55 von an2xg
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  • 1

    . das Beste was ich bis jetzt hier gelesen hab. wirklich.

    22.12.2011, 02:43 von summmer
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