Lumiukko 22.01.2008, 20:11 Uhr 32 22

Was ist Heimat?

Früher musste ich bei diesem Wort immer an "Heimatfilme" denken, die auf dem 3. Programm laufen und in einer heilen Welt, umrahmt von Bergen, spielen.

In diesem Zusammenhang ist das Wort Heimat doch eher etwas Altmodisches, etwas lächerlich vielleicht, etwas, das heutzutage eigentlich auch gar nicht mehr gebraucht wird. Anders als das Wort „Zuhause“ habe ich Heimat auch nie mit einem bestimmten Ort verbunden. Zuhause ist da, wo ich wohne, wo mein Bücherregal steht und mein Freund neben mir im Bett schläft.

Vor 5 Jahren habe ich mein Zuhause nach Finnland verlegt. Finnland ist kulturell nicht besonders weit von Deutschland entfernt, auch hier sind die Leute Europäer, und manchmal finde ich im Alltag sogar Parallelen zur sogenannten typisch bayrischen Kultur, die mich zugegebenermassen mehr geprägt hat, als ich es gerne möchte. Mir fehlt es also an nichts. Ich kann mit den Menschen reden, soziale Kontakte knüpfen, ich habe eine gute Arbeit, einen mich liebenden Freund, eine traumhafte Wohnung und eine Krankenversicherung. Ich bin meinem Fernweh nachgegangen und kann mich immer noch daran freuen, dass ich einen so grossen Traum wirklich habe wahr werden lassen. Aber in all dieser Vollkommenheit und Zufriedenheit gibt es einen dunklen Fleck, einen kleinen Stachel, der manchmal unangenehm piekst. Ein Gefühl, welches aufkommt, wenn man es am wenigsten braucht. Eine Sache, die heutzutage eigentlich nur noch als kindisch, althergebracht und unpassend bezeichnet werden kann. Es ist das Heimweh.

Als ich das erste mal nach Finnland kam, hat mir meine Betreuerin an der Uni angeboten, dass ich jederzeit zu ihr kommen kann, falls ich Heimweh bekomme. Ich war damals unglaublich gerührt, denn meine Betreuerin sprach zu all ihrer Liebenswürdigkeit auch noch gut deutsch. Und sie hatte Verständnis für Heimweh. Ich hatte damals noch kein Verständnis für so etwas. Jetzt habe ich es. Vielleicht sogar ein bisschen zu viel.

Heimweh kommt oft dann vor, wenn plötzlich alles schwierig ist, Müdigkeit oder Stress an einem nagen. Dann sieht plötzlich dieses alte Leben in der Heimat aus wie das Paradies auf Erden. Da ist es schon wieder, das verabscheute Wort: Heimat.

Ich weiss mittlerweile, was Heimat bedeutet und dass der Begriff durchaus nicht altmodisch oder unnütz ist. Heimat ist wichtig. Heimat ist das, wo wir unseren Ursprung haben. Und dieser Ursprung gewinnt ganz besonders dann an Bedeutung, wenn wir in der Ferne sind. Für manche ist Heimat ein Land, eine Stadt oder ein Dorf. Das Haus vielleicht, in dem die Eltern immer noch wohnen. Ein Stück regionale Kultur, die Muttersprache oder ein Dialekt. Ein bestimmtes Gericht, das nur die Mama so gut kochen kann. Eine Familienfeier, die jedes Jahr stattfindet.

Für mich ist Heimat aber auch noch etwas anderes. Heimat ist ein Buch voller Erinnerungen und Eindrücke. Wenn ich dieses Buch aufschlage, dann kommen daraus Gerüche, Musik, Bilder und Lachen hervor. In diesem Buch sind auch all diese Dinge versammelt, die hier fehlen. Die es hier schlichtweg nicht gibt, sei es, weil mir nahestehende Menschen 2000 Kilometer entfernt wohnen, weil es in Finnland kein Laugengebäck gibt oder der höchste Berg in Lappland nur 1200 Meter hoch ist. Es macht Freude, in dem Buch zu blättern, vergessene Dinge wiederzuentdecken oder neue darin aufzuschreiben.

Wenn ich den Ort, den ich mit Heimat verbinde, besuche, denke ich oft, dass ich trotzdem nicht wieder in diese alte Welt zurückkehren wollen würde. Auch wenn ich diese Welt geniesse, zupft das Fernweh dann doch an meinen Ärmel und macht mich darauf aufmerksam, dass wir noch lange nicht miteinander fertig sind. Dann muss ich mich mal wieder verabschieden und weiter der Sehnsucht nachgehen.

Es ist nicht so einfach, Heimatgefühl zuzugeben. Schliesslich bin ich ja Europäerin, Erdenbürgerin. Ich interessiere mich dafür, was in der Welt geschieht, will (wenn auch im Kleinen) das Weltgeschehen beeinflussen, will ferne Länder bereisen, neue Kulturen kennenlernen und verstehen, wie die Menschen am anderen Ende der Welt so ticken. Ich mag tschechischen Schnaps und somalisches Gebäck. Ich habe kurdischen Tanz und das Singen französischer Chansons ausprobiert. Ich bin hungrig nach neuen Erfahrungen aus der Ferne. Doch je weiter ich mit meinen Sehnsüchten fliege, desto fester halte ich dieses „Heimatbuch“ in meinen Händen.

Und wenn jetzt jemand sagt, das ist altmodisch, kindisch und wird heute nicht mehr gebraucht, muss ich entgegensetzen, dass wir es mehr brauchen denn je. Denn sonst haben wir nichts mehr zum Festhalten, wenn uns das Leben mal wieder in atemberaubende Höhen mitreisst, wir in tiefe Schluchten fallen oder wir unser Herz von lieben Menschen im Sturm erobern lassen.

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32 Antworten

Kommentare

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    Der Artikel ist schon ziemlich lange drin, hoffentlich liesst das jetzt noch jemand...
    Ich fand den Text sehr schön und er behandelt ein Thema, mit dem ich mich in letzter Zeit viel beschäftigt habe.
    Ich war letztes Jahr ein paar Monate reisen, da gibt es natürlich immer Höhen und Tiefen und man neigt dazu, seine "Heimat" zu idealisieren. Die letzten Wochen war ich schon total auf "zu hause" eingestellt, hab mir ausgemalt, mit wem ich mich alles treffen will, wenn ich wieder da bin, was ich alles unternehmen will, ich hab mir ne tolle heile Welt in meinem Kopf gebaut. Die hat aber nicht der Realität entsprochen und natürlich kam dann nach der Rückkehr die Ernüchterung. Man selbst hat sich weiterentwickelt, Freunde auch, eben in andere Richtungen. Das Elternhaus, von dem man sich gerade freigekämpft hat, ist enger als jemals zuvor.
    Nach 2 Wochen bin ich nach Berlin gezogen, neuer Versuch ne Umgebung zu finden, in die man passt...

    Ich finde den Begriff Heimat sehr schwierig, letztlich ist es nur der Ort, an dem man zufällig geboren ist, mit den Menschen, die man in seiner Jugend zufällig kennengelernt hat. Dieses Idealisieren, das man so gerne in Situationen betreibt, wo nicht alles rund läuft, ist letztlich doch nur ein Versuch, sich selbst zu definieren, sich einen künstlichen Halt im Leben zu verschaffen, damit man nicht ganz so verloren durchs Leben und die Welt zieht. Das gleiche gilt meiner Meinung nach auch bei sozialen Beziehungen. Also klar, der Mensch braucht soziale Kontakte, teilweise leider auch um sich eine Bedeutung zu geben, der Freundesstatus muss definiert sein, damit sich die Menschen sicher fühlen. Letztlich ist das doch alles flüchtiger und banaler als man denkt, wir sidn alleine in der Welt.
    Versteht mich jemand?

    26.06.2010, 15:12 von diesteffie
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    lebe seit fast 3 jahren in spanien und auch ich konnte mit dem wort "heimat" nicht wirklich viel anfangen. die betonung liegt auf konnte:)
    du hast das gefuehl des heimwehs sehr schoen beschrieben.
    ps: bin auch aus bayern;)

    14.09.2008, 00:59 von mara1979
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    toll, richtig gut und so wahr.
    auswandern, ich hab's auch hinter mir ...

    respekt, gefällt mir sehr.

    24.08.2008, 19:35 von happiness
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    Toll geschriebn! Der Arktikel fasst& trifft wirklich alles genauso wie ich es auch empfinde!
    Auch in Finnland! allerdngs nur für 7monate.
    trotzdem hat sich meine vorstellung von "zu Hause" und "heimat" hier maßgeblich gebildet!
    Danke, für diesen Text!!!

    13.05.2008, 00:37 von AserehT89
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    Heimat ist für mich u.a. viel Geborgenheit. Die bekomme ich meist nicht zu Hause. Dieses Gefühl empfinde ich nur, wenn mich mein Freund in die Arme nimmt. Das ist mehr Heimat, als ein Leben mit Mutti unter einem Dach.
    Wie schon erwähnt, heimweh kommt dann auf, wenn man sich leer fühlt. Heimat wirkt dann wie eine Therapie.

    10.02.2008, 18:06 von wind12
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    damit kann ich nichts anfangen.

    29.01.2008, 00:00 von teddy_titfuck
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      @teddy_titfuck Mit Heimat?
      Dito... will ich aber auch nicht... und habe auch nicht das Bedürfnis danach

      04.02.2008, 23:06 von Butah
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    du hast recht

    28.01.2008, 19:17 von magniso
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    Ein sehr schöner Text!
    Heimat,wo du deine Wurzeln hast,die einTeil innen drin von dir ist,wo du deine Batterie wieder aufladen kannst wenn du dort bist und alles in dich einströmt.
    ich hab nie den Bezug zu ihr verloren,obwohl ich 30jahre fort bin,aber in einer Stadd wie berlin Fuss fassen ist auch nicht drin,so lass ich mich gern immer wieder in den Bann ziehen,wenn ich wie auf Kindheitstrip durch die Strassen meiner Hometown latsche,wehmütig,denn ich wurde als Individualist sehr ausgegrenzt dort.Trotzdem bin ich gern dort,wo schon die geatmete Luft eine Urvertrautheit birgt,ha,es ist in der Nähe von Hannover,aber ganz egal,Heimat ist Heimat

    28.01.2008, 18:52 von Trommler
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      @Trommler Stadt wie Berlin,mann:-)

      28.01.2008, 18:55 von Trommler
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    Ein schöner Text! (:
    Bei mir war es ein wenig anders: Ich wollte weg von zu Hause. Heimat doof, Eletern sowieso.
    Jetzt sitze ich 200km weg von zu Hause. Und weiß plötzlich umso mehr, was "Heimat" bedeutet. Heimat setzt sich aus so vielen Erinnerungen zusammen. Erinnerungen, die mich zu dem gemacht haben, was ich bin.
    Ein <3 für die Heimat.

    28.01.2008, 18:43 von tussi.deluXxe
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