Strobofeuer 21.01.2007, 17:29 Uhr 6 0

„Was du tust ist falsch!“

Wenn die Meinung zur Mission und die Diskussion zum K(r)ampf wird. Ein Plädoyer für die Freiheit des Standpunktes und mehr Respekt.

Man trifft sie nahezu überall ... nicht nur auf der Strasse wo sie mit Info-Ständen in der Fussgängerzone stehen und im günstigsten Fall nur Handzettel verteilen.
Nein, oft befinden sie sich ebenso im Bekanntenkreis.

Menschen die eine Grundüberzeugung leben, was ja an sich nichts Verkehrtes ist.
Da gibt es beispielsweise Vegetarier/Veganer, Christen, diverse politische Gruppen, Tierschützer, etc. .
Ob man nun der gleichen Meinung ist oder nicht, spielt ja zunächst mal keine Rolle.
Neutral betrachtet, ist es ja auch eigentlich lobenswert, sich für seine Überzeugungen und Ideale einzusetzen, egal wie diese aussehen mögen.
Daran ist, sofern es sich nicht um radikales oder menschenfeindliches Gedankengut handelt, zunächst ja gar nichts auszusetzen.

Schwierig wird es, wenn die Meinung zu Mission wird, wenn das spezifische Sendungsbewusstsein in übersteigerter Form ans Licht tritt und der „idealistische Mensch“ zur „idealistischen Nervensäge“ mutiert.

Ich erinnere mich da an eine Begebenheit, bei der eine „Fußgängerzonen-Infostand-Tierschützerin“ trotz mehrmaliger und ebenso deutlicher Bekundung absoluten Desinteresses meinerseits, nicht nur versuchte mich mit allen Mitteln in ein Gespräch zu verwickeln, sondern sich mir sogar physisch in den Weg stellte, nachdem ich mehrmals Anstalten vollführt hatte, einen absichtlich großen Bogen um sie und ihre Mitstreiter zu ziehen.

Vermutlich war Letzteres mein Fehler, da sich diese Leute durch Flüchtende oder auch Menschen die offensichtlich nicht der gleichen oder einer ähnlichen Meinung sind, scheinbar immer besonders gereizt fühlen.
Diese Theorie fühle ich durch die Tatsache bestätigt, dass es zB nahezu unmöglich ist in einem „Gothic“-Outfit in der Fußgängerzone an ausdauernd missionierenden „Christen-Gruppen“ oder Straßenpredigern vorbei zu schlendern, ohne deren gesteigerte Aufmerksamkeit zu erlangen.
Das kann in Sprüchen a la „Auch deine Seele wird errettet werden!“ oder dem penetranten Versuch enden, fast schon gewaltsam eine Unterhaltung zu erzwingen.
Ich wüsste jedenfalls nicht, wie ich es sonst nennen sollte, wenn mir jemand fast 20 Meter hinterherläuft und unermüdlich auf mich einredet.

Man kann eben niemand zum Diskutieren zwingen, der nicht Diskutieren möchte und sollte es auch nicht, weil es eher Groll als Offenheit erzeugt.

Dennoch, aus diesen „Ansprache-Situationen“ kann man sich zügigen Schrittes meistens recht schnell und unkompliziert befreien.

Anders sieht es aus, wenn man im Rahmen einer Party oder einer anderen Situation, wo es schwer ist zumindest eine räumliche Distanz zu schaffen gezwungen ist, sich mit einem seine Überzeugung predigenden Menschen auseinanderzusetzen.

Man sollte mich nicht falsch verstehen, ich schätze Diskussionen sehr, wenn mir nicht nur Phrasen um die Ohren geschmissen werden, die ich schon tausendmal gehört habe.
Ich habe zB schon die eine oder andere fruchtbare und gleichzeitig keine Spur langweilige Unterhaltung mit Christen, Freikirchlern, Parteianhängern und auch Vegetariern geführt, wo man durchaus sagen kann, dass beide Parteien nach Ende des Gesprächs ein bisschen schlauer und keine Spur verärgert oder aufgebracht waren.

Allerdings setzt so etwas voraus, das die jeweils andere Gesprächspartei akzeptiert, dass man eine andere Meinung vertritt.

Und genau da sitzt meist der Haken.

Ein Grundsatz den man haben kann ist der, dass die eigene Freiheit immer bei der Freiheit des anderen endet.
Ich zumindest versuche danach zu leben und schreibe Anderen nicht vor, wie sie sich zu verhalten oder zu leben haben.
Die Ausnahmen dürften im Rahmen des BGB und des STGB hinlänglich bekannt sein.
Halte ich für vernünftig.
Das Problem für die „Idealistische Nervensäge“ besteht aber blöderweise darin, dass mein Verhalten in ihren Augen unbedingt einer Änderung bedarf.

Das Beispiel „radikal/militanter Vegetarier“ ( Ich schreibe ausdrücklich „radikal/militant“ !).
Einem militanten Vegetarier dürfte es ein Dorn im Auge sein, dass es Leute gibt, die ohne schlechtes Gewissen und sogar sträflicher Weise mit Genuss, Fleisch verzehren und das überhaupt nicht verkehrt finden.
(Wohl bemerkt bezieht sich das nicht auf alle Vegetarier.)
Er tut sich schwer damit dieses Verhalten, inklusive der Einstellung, dass es keiner Änderung bedarf, zu akzeptieren, da es im Kontrast zu seiner Grundüberzeugung und seinem Weltbild steht.

So kann es zB passieren, dass jedesmal wenn man einem jener entsprechenden Menschen begegnet ein ungebremster, aggressiver Predigt-Redeschwall auf einen niederprasselt.
Die Worte schallen von dem imaginären Oberlehrer-Podest hernieder, auf das sich die „Idealistische Nervensäge“ begibt.
Zum Schuljungen mutierend, der eine „Belehrung von Oben“ erhält, fragt man sich, ob man das einfach so hinnehmen soll.
Es findet keine Diskussion statt, zumindest keine ergiebige, denn die eine Seite sendet eine in einem einzigen Satz zusammengefasste Botschaft, die niemand gerne hört.

„Was du tust ist falsch!“

Argumente wie: „Aber ich zwing dich doch auch nicht auf der Stelle mit dem Fleischessen anzufangen, weil ICH das richtiger finde.“ werden leider nicht akzeptiert, da man sie moralisch oder ethisch leider nicht mit Schlagworten wie „Massentierhaltung“ etc. begründen kann.
(Außer man sagt: „Dein Boykott schädigt die Wirtschaft, also uns alle!“)
Aber muss man das überhaupt?

Wenn man etwas macht das alle tun, also etwas allgemein Akzeptiertes, so ist man einzig und allein seinem eigenen Gewissen unterworfen.

Ähnlich kann es bei missionierungs-eifrigen Christen oder Freikirchler aussehen, nur kommt dort wenn man die Gedanken etwas weiter spinnt, eine weitere Dimension des Bildes hinzu, welches derjenige von mir in der Rolle des Atheisten ( „Es gibt keinen Gott“ ) oder Agnostikers ( „Mir ist egal ob es einen Gott gibt“ ) hat.

In der Grundüberzeugung vieler Christen ist verankert, das Nicht-Christen in der Hölle landen.
Krass gesagt bin ich zB in den Augen eines dieser Christen „die arme Sau die beim jüngsten Gericht in der Hölle landet“ und „gerettet“ werden muss, was er als guter Christ als seine Aufgabe betrachtet.
Zumindest in der Weise, dass er mich zum Glauben führt, damit die Rettung durch Gott erfolgen kann!
Das führt meinst zu sehr, sehr anstrengenden Gesprächen. Denn wenn man nicht an Himmel und Hölle glaubt und infolgedessen auch keine Notwendigkeit im „gerettet werden“ sieht, hat man das Problem, wie man das jemand mit einem in dieser Hinsicht grundverschiedenen Weltbild klar machen soll.

Die Wahrheit über das Leben und die Welt ist eben eine zutiefst subjektive Angelegenheit.
Eine allgemein verbindliche Wahrheit kann es gar nicht geben, da auf dieser Welt gigantisch viele Ideen existieren und demzufolge ebenso viele Ansichten.

Was lernen wir nun daraus?

Eine Diskussion entsteht dann, wenn man die eigene Meinung nicht als ultimativ und für jeden anderen verbindlich betrachtet und akzeptiert sowie respektiert, dass es Menschen mit entgegengesetzter Meinung gibt.

Ohne diese Erkenntnis entsteht selten ein fruchtbarer Boden für Gesprächsbereitschaft.

Und wieder: Ich möchte in keinster Weise jene angreifen, die sich für ihre Überzeugung, ihren Glauben und ihre Ziele einsetzen.
Mir stinkt lediglich häufig die Art und Weise.
Diskussionskultur bedeutet auch Standpunkte zu respektieren, die man nicht teilt.

Also liebe „Nervensägen“!

Schaltet doch einfach mal einen Gang zurück, dann hört man euch vielleicht auch gerne und interessiert zu.
Fangt damit an, eine Diskussion nicht mit Schulmeister-Tonfall und Vorwürfen, sondern mit Thesen und Ausgangsfragen zu beginnen.

Ich entschuldige mich nebenbei an dieser Stelle ausdrücklich für den Gebrauch des Wortes „Nervensäge“.
Ich habe das Wort mit Absicht verwendet um zu demonstrieren, dass man innerhalb einer Diskussion immer schlechte Karten hat, wenn man den Anderen vorverurteilt.

Offenheit wird man damit nicht ernten, wenn man dem anderen das Gefühl gibt zB ein „Ignorant“ zu sein oder es sogar wörtlich in den Raum wirft.

6 Antworten

Kommentare

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    Wieso schädigen Vegetarier die Wirtschaft?

    22.11.2007, 20:35 von Nachtschattenartige
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      @[Benutzer gelöscht] Ich danke fürs Empfehlen ;-)

      06.03.2007, 20:13 von Strobofeuer
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    netter text. manchmal ist die erkenntnis, dass man das jetzt einfach mal NICHT ausdiskutiert, unglaublich befreiend. Spätestens wenn man sagt: "ok, du hast deine meinung, ich hab meine meinung und wir finden ganz sicher nicht zueienander - lass uns damit aufhören." und dann ist immer noch nicht schluss, dann hat man es ganz sicher mit "idealistischen nervensägen" zu tun. eigentlich sogar mehr "ideologisch".
    übrigens: der thread "jesus, pimp my life" war fantastisch und hat sogar für mich noch argumente mitgebracht...

    23.02.2007, 10:47 von vert
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    hey!
    Ich finde auch dass du voll kommen recht hast. Gerade penetrante Urchristen oder so finde ich ziemlich anstrengend. vor allem wenn sie einem erstmal zehn Bibelzitate um die Ohren hauen um dann zu sagen siehste, du weißt nix und wenn du mich bei uns mitmachst oder so, tja pech gehabt. Na schönen Dank auch.
    Macht auch irgendwie keinen Spaß, so zu diskutieren.

    "man kann auf seinem Standpunkt stehen, aber man sollte nicht darauf sitzen" Erich Kästner

    Ich finde damit ist das wichtigste zum Thema gesagt.

    Lg

    21.01.2007, 21:57 von magda_ska
    • 0

      @magda_ska Ein schönes Kästner-Zitat ;-)
      Das kompriemiert eigentlich meine Botschaft in großen Teilen.

      06.03.2007, 20:12 von Strobofeuer
    • 0

      @Strobofeuer Komprimiert .... (Cry for EDIT!!!)

      06.03.2007, 20:12 von Strobofeuer
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    *lach*
    kommt mir irgendwie bekannt vor. :-)

    sind mir die liebsten menschen,
    die, mit denen man zwar "gut" diskutieren kann,
    aber eben nur über dinge,
    von denen SIE überzeugt sind ;)

    jeder hat das recht auf ne eigene meinung,
    wie du schon sagtest.
    aber nich jede meinung hat auch ihr eigenes recht.
    auf mancher party hab ich mich schon gefragt, ob die argumentierenden nich vllt irgendwie an nem messiaskomplex leiden, oder so...
    ich strafe sowas (wenns mir zu blöd wird) mit ignoranz.

    21.01.2007, 18:52 von Miss_Satansbraten
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      @Miss_Satansbraten Ja, würde man nicht Ignorieren gäbe man Bestätigung.
      Eben "Öl ins Feuer".
      Hab solche Leute auch schon erlebt *lach*
      Aber man kann nicht bestreiten das der Unterhaltungswert schon mal recht hoch sein kann!
      ;-)

      21.01.2007, 18:59 von Strobofeuer
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