schriftstehler 18.09.2012, 19:06 Uhr 7 8

Was brauchst du?

Menschen kaufen Parfüms, Autos, Nahrungsbrei in Plastikfolien, schließen Lebensversicherungen und eine Altersvorsorge ab, sterben dummerweise früh.

Wenn ich alles haben wollte, würde ich es auch bekommen. Aber ich mag keine Toten. Ich mag auch nicht alles, ich mag nur Kleinigkeiten und spezielle Dinge, was will ich also mit Allem? Was brauchst du, frage ich mich täglich und mir fallen immer nur wenige Antworten ein. Das war schon immer so, das war schon so, als ich neun Jahre alt war und im Wald aus Sand Rampen baute, auf denen Murmeln hinabrollten. Den »Big Jim«, den ich glaubte, besitzen zu müssen, habe ich weggeworfen, die Murmeln sind hingegen noch genau da, wo ich sie haben will. Der Sandhügel im Wald ist mittlerweile zusammengesunken und wieder mit Gras bewachsen, aber das lässt sich leicht ändern. Wenn mein Sohn groß genug ist, dann werde ich ihm mal zeigen, welche Faszination die Schwerkraft, eine Kugel und Steilkurven so beinhalten. Doch das hat noch Zeit.

In meinem Fall ist es wirklich nicht viel, was ich haben will. Aber. Manchmal möchte ich auf der Straße einfach anhalten und einen Menschen fragen: »Brauchst du das?« So wie der Junge, der da in dem Geländewagen sitzt und mit dem er durch die unwegsamen Straßen der Großstadt schlingert. Vielleicht ist er schon 30, vielleicht hat er den Wagen bar bezahlt, weil sein Gott Geld ist und er sich und sein Leben darüber definiert. Ich respektiere das, ich respektiere auch den Menschen, der sich ein Stadthaus kauft und es für eine halbe Million Euro sanieren und renovieren lässt, weil schließlich jeder selbst entscheiden kann, was er mit seinem Geld so tun möchte. Und gerade wer viel Geld hat, will damit entweder sehr viel anfangen oder hortet es. Jedes Mal, wenn ich finanziell reiche Menschen treffe, dann muss ich an Spider-Man denken, an den Satz, der so zutreffend ist, dass er für einen Superhelden wichtig ist: »Aus großer Kraft folgt große Verantwortung.« Das klingt immer so einfach, aber so ist es auch. Dafür muss man sich lediglich seiner Kraft bewusst sein und sie so einsetzen, dass es verantwortungsvoll ist. Und Geld, so sehr ich es auch verachte, ist es eine Kraft, die es einzusetzen gilt. So soll Milliardär Günther Herz keine Spenden geben, weil es sich eben nicht rechne. Nein, rechnen muss sich eben nicht alles, die Frage ist immer noch: Was brauchst du? Wie viel mag das sein? Wenn Michael Kühne dem Hamburger Sportverein Millionen gibt, damit sie einen Fußballspieler verpflichten, dann frage ich mich, wie viele Menschen währenddessen sterben, die davon nichts wissen. Und wie viele Menschen davon wissen, aber ihre Rechnungen nicht bezahlen können. Und wie viele Menschen von diesen Millionen profitieren.

Ja, ich gehöre zu den Geringverdienern in diesem Land. Freiwillig, ich will die Kunst und keinen Kommerz, das ist mein Weg, da pfeife ich auf Geld, sondern poche auf meine Überzeugung. Und ich will auch keine Spende von Günther ohne Herz oder dem wenig kühnen Michael, ich fordere Verantwortung. Im vergangenen Jahr erwirtschafteten die Krankenkassen, bei denen wir uns versichern müssen, einen Überschuss von drei Milliarden Euro. Günther Herz soll sich auf vier Milliarden belaufen. Was fängt man mit diesem Geld an? Welche Verantwortung folgt daraus? Die zehn reichsten Menschen der Welt besitzen zusammen 395 Milliarden Dollar, während Projekte um Tausende oder auch mal Millionen bitten, um das Überleben von Völkern zu sichern. Die Milliardäre dieser Welt besitzen ein Netto-Vermögen von 4,6 Billiarden Dollar. Die Wertpapierverluste der Finanzkrise belaufen sich auf vier Billiarden Dollar. Es bliebe also noch Geld übrig, um die Finanzen der kleinen Menschen zu retten, aber was braucht ein Milliardär? Wer braucht eigentlich Geld? Und wie viel? Als ich kürzlich einer Freundin sagte, dass mir und meiner Familie 10.000 Euro für ein Jahr problemlos reichen würden, schüttelte sie nur den Kopf. Wer schon in einer Wohnung lebt, deren Unterhalt mehr als das Dreifache dieser Summe beträgt, kann es sich nicht vorstellen, dass jemand mit wenig, mit sehr wenig auskommen kann, ohne darunter zu leiden. Ja, Wohnungen sind teuer, das weiß ich, aber es ist alles möglich, wenn man zu allem bereit ist.

Es ist noch viel mehr möglich, wenn man seine Kraft verantwortungsvoll einsetzt. Es gibt unglaublich viele Dinge, die niemand braucht, die aber dennoch produziert werden, während man die Masse in dem Glauben lässt, sie würde all das brauchen. Ich hingegen trenne mich täglich von noch mehr Dingen, verschenke sie oder geben ihnen den Status »Dauerleihgabe«, weil ich nur meine Familie und meine Worte brauche. Das Wesentliche, das brauchen wir, der Dumme will alles haben und bekommt am Ende gar nichts. Das ist leider so. Die Menschen kaufen Parfüms, Autos, Nahrungsbrei in Plastikfolien, schließen Lebensversicherungen und eine Altersvorsorge ab, sterben dummerweise früh und haben im Paradies hoffentlich mehr Spaß als hier. Aber. Bitte. Jeder macht, was er will, das ist meine Maxime, das ist aber auch das Problem, weil kaum jemand weiß, was er da eigentlich tut. Verantwortung zu tragen, das können nur die wenigsten, weil sie auch gar nicht wissen, welche Kräfte sie haben und was sie damit anrichten. Irgendwann habe ich meine Murmeln, meinen Sohn und ein Blatt Papier und bin damit gar nicht so schlecht aufgestellt, während ich abends die Kartoffeln aus meinem Beet ziehe, um uns etwas zu essen zu machen. Bislang klappt das wirklich gut und dabei habe ich nicht einmal große Kräfte. Aber ich weiß, welche Verantwortung ich trage.

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7 Antworten

Kommentare

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    Andreas Eschbach hat dazu einen wirklich guten Roman geschrieben. "Eine Billion Dollar"

    20.09.2012, 13:18 von Igel75
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      Ha, dieses kleine, bisher ungelesene Monster hab ich hier auch noch irgendwo rumliegen.

      20.09.2012, 13:30 von themecki
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      Trau Dich, ich finde es lohnt sich.
      Vor diesem Buch dachte ich nicht, dass es so kompliziert sein könnte die Welt mit Geld zu retten.

      20.09.2012, 16:01 von Igel75
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      Die Idee dahinter ist auf jeden Fall interessant.
      Ja, ich sollte mich mal dransetzen. Es verstaubt schon so langsam ;)

      20.09.2012, 17:11 von themecki
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    Ich kann deine kopfschüttelnde Freundin schon verstehen...Für Dich persönlich mag es in Ordnung sein mit wenig auszukommen, aber was ist wenn Dein Sohn zur Schule geht und Du Ihm erklären musst dass Er z.B. nicht auf eine Klassenfahrt mitfahren kann, weil Du das einfach nicht bezahlen kannst? Und das nur, weil Du freiwillig aufs Karriere machen verzichtet hast. Es gibt zuviele Situationen in denen es schwer ist wenn man zuwenig Geld zur Verfügung hat.

    18.09.2012, 22:56 von Kurzer.
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    Ich pflichte dir ja in großen Teilen vom denken her zu, dennoch finde ich, gerade wenn es um die dinge im Kleinen, wie Parfüm, etc. was du da nennst, nur um mal ein Beispiel zu nennen, sollte man nicht NUR mit erhobenem Zeigefinger durch die Welt laufen. die Welt ist nun mal nicht rational, sondern es gibt nicht nur ein Geradeaus, sondern ein drumherum und ein Irgendwie. Man macht nicht alles richtig, und man sollte auch mal Fünfe gerade sein lassen und nicken und lächeln, wenn man denkt "Wat prollt der denn da mit seinem Auto so rum?" Lassen wir doch den Kindern ihren Spass und denken uns unseren Teil. Leben will auch gelebt werden, und nicht nur mit der höchstmöglichen Moralnote bewertet werden.
    Wohlgemerkt, war das auf den 'kleineren Luxus' bezogen. das Thema mit den Millionen, Milliarden usw. ist dann noch mal ne andere Hausnummer.

    18.09.2012, 20:24 von topfbluemchen
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    Liebe und Erinnerung sind die einzig wichtigen Dinge. Hast du schön geschrieben

    18.09.2012, 19:40 von Red-she-devil
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