SarahJoesy 24.01.2011, 12:41 Uhr 18 11

Warum wir weinen

Weinen. Ein gesellschaftliches Tabu oder doch etwas ganz Normales?

Gestern sah ich eine Frau im Bus. Sie weinte. Es war ein bitterliches Weinen und ihr Schluchzen war kaum zu überhören.Sie legte die Hände vor das Gesicht, schützend. Sie schämte sich.Die Menschen um sie herum warfen sich verwirrte Blicke zu. Keiner ging auf sie zu. Keiner gab ihr ein Taschentuch. Auch ich nicht. Denn ein Gefühl von Unwohlsein kam in mir auf und ich verspürte Mitleid mit der Frau. Ich habe versucht mir vorzustellen, welche Reaktion der Menschen ich mir in ihrem Fall wünschen würde. Aber es kam nur ein Gedanke dabei herum - dass ich mir wünsche, niemals in diese Situation zu kommen.

Und trotzdem sind Tränen doch eigentlich etwas ganz Alltägliches. Manchmal weine ich bei einem traurigen Film, wenn es mir schlecht geht oder ich mich verletzt habe. Tränen gehören zu meinem Leben dazu und umso länger ich darüber nachdenke, desto weniger verstehe ich, warum ich sie verstecken sollte. Ich halte es daher für wichtig der Frage auf den Grund zu gehen - Warum weinen wir eigentlich? Müssen wir das? Gehört das dazu? Und wenn ja, warum ist dann öffentliches Weinen solch ein Tabu?

Denn zumindest in unserer literarischen und filmischen Welt scheint das Weinen ganz normal zu sein. Ein Charakter in einem Buch oder Film weint, und wir wissen, dass er traurig ist, Wut oder Schmerz empfindet. Vielleicht wüssten wir das auch ohne die Tränen, doch sie verdeutlichen uns das Gefühl einer Szene, lassen uns mitfühlen und - ja wenn die Musik dann auch noch passt - ebenfalls weinen. Ich würde behaupten, dass in jedem besseren Liebesroman mal einer der Charaktere weint, so wie in meinem folgenden Beispiel:

"Sie schüttelte den Kopf. Die Tränen, die sie vorhin heruntergeschluckt hatte, schossen ihr wieder in die Augen, als sie seine Vorwürfe anhörte. ,Nicht, Colin, bitte!' Sie wollte ihm sagen, dass sie ihn nie angelogen hatte, doch sie brachte es nicht über die Lippen."

Hier sind es wohl Trauer und Verzweiflung, die den Charakter zum Weinen bringen. Die ihn die Fassung verlieren und sprachlos werden lassen. Doch es wirkt authentisch und beim Lesen dieser Szene käme ich wohl nie dazu, mich unwohl oder beschämt zu fühlen. Was hat es also mit diesen Gefühlen auf sich, die wir selber kennen, aber nicht so gerne bei fremden Menschen sehen wollen?

Thomas Hülshoff beschreibt in seinem Buch "Emotionen" die Gefühle Verlust, Trauer, Kummer und Depression und verliert dabei kaum ein Wort über Tränen. Er spricht jedoch von einem mimischen Ausdruck der Trauer. Wenn die Haltung geduckt ist, wir mit leiser Stimme sprechen, die Augenbrauen nach oben und innen gebogen und die Mundwinkel nach unten gezogen sind, dann trauern wir. Und jeder Mensch auf der Welt kann es erkennen. Denn diese Mimik ist anthropologisch festgelegt und lässt den Menschen, so Hülshoff, den Tränen nahe erscheinen. Ich hätte die Trauer der Frau im Bus also auch ohne ihre Tränen erkennen können - an ihrer Körperhaltung und Mimik. Doch wäre sie mir dann überhaupt aufgefallen?

Denn den Tränen nahe sein - das ist nicht gleichzusetzen mit dem Weinen. Aber wenn das Weinen nicht notwendigerweise dazu gehört, wieso tun wir es dann? Und auch noch so oft. Meistens, so Jorgos Canacakis, weinen wir abends zwischen 19 und 22 Uhr, wobei Frauen viermal mehr weinen - nämlich 5,3 Mal im Monat - als Männer. Und Frauen weinen meist auch noch länger, wohin gegen Männer es bei feuchten Augen belassen. Nicht selten, weil sie die Tränen unterdrücken. Und das Vermeiden von Tränen ist kein geschlechtsspezifisches Problem. Ich würde sagen vielmehr ein gesellschaftliches. Weil wir eben alle nicht die Frau im Bus sein wollen. Wir wollen nicht die Fassung verlieren, die Kontrolle abgeben und Schwäche zeigen. Aber was heißt es, wenn wir tränenlos bleiben? Wenn jemand keine Tränen für mich übrig hat, dann lässt es mich glauben, dass ich nicht wichtig für ihn bin. Somit stellen Tränen Schwäche und Wertschätzung gleichzeitig dar. Kein Wunder, dass man sich da unwohl fühlt. Also, was hat es mit nun mit den Tränen wirklich auf sich?

Canacakis spricht von einer gesunden Funktion des Weinens, da dem Körper die Möglichkeit gegeben wird, sich zu Reinigen. Denn in Stresssitutationen produziert der Körper hormonell Gifte, die so heraus geschwemmt werden können. Und ganz egal wie logisch das auch klingt, auch ich selber möchte in der Öffentlichkeit nicht gerne weinen. Denn Weinen bringt mehr an Gefühl mit sich, als das bloße Reinigen von Giften. Es ist eine aufwühlende Sache. Daher war das Gefühl, dass mich - und ganz bestimmt auch meine Mitmenschen- im Bus überkam, ein Unwohlsein, etwas zwischen Scham und Mitleid. Ein fremder Mensch zeigte durch sein öffentliches, bitterliches Weinen uns allen die eigene Verletzlichkeit und Schwäche. Und da so etwas so selten ist, zog es die ganze Aufmerksamkeit auf sich.

Das ist nämlich auch eine Wirkung, die Tränen oft zugesprochen wird. Dass sie absichtlich eingesetzt werden, um Aufmerksamkeit oder Mitleid zu erregen, seinen Willen durchzusetzen oder einfach einem Konflikt aus dem Weg zu gehen. Sie dienen somit als Druckmittel oder Anklage und wollen gesehen werden. Das kann als ärgerlich und kindisch abgetan werden, es kann aber auch einfach nur bedeuten, dass Derjenige Gefühle zeigt.
Doch ich möchte an diesem Punkt nicht appellieren, dass man Tränen gezielt einsetzten sollte. Denn die Literatur, die ich zu diesem Thema gelesen habe, hat nicht das Problem der zu häufigen oder falsch eingesetzten Tränen behandelt. Nein, sie sprach vielmehr kaum von Tränen. Und wenn doch, dann so wie Canacakis, als Apell. Der Appell, Tränen zuzulassen und somit auch die Trauer zuzulassen. Canacakis sieht Tränen als Symbol und appelliert - Keine Angst vor Tränen!

Egal ob sie von körperlichen Schmerzen, Durst, Hunger oder seelischen Ursachen herrühren, ob man gerade seinen Glauben oder seine Hoffnungen verliert oder seine Illusionen untergehen sieht. Selbst wenn sie erpresserisches Druckmittel sind, um Aufmerksamkeit ringen oder als Anklage dienen. "Tränenlos" zu bleiben, ist nicht die bessere Variante. Denn wir wissen von der positiven Wirkung der Tränen, davon, dass sie Linderung, Erleichterung und Zufriedenheit verspüren lassen. Wer nicht weint, der will, kann oder darf es nicht. Und der wird erstarren, blockieren und sich gelähmt fühlen.
Denn Tränen sind nicht nur nützlich, weil sie von Stresshormonen reinigen. Sie reinigen gewissermaßen auch die Trauer. Negative Gefühle, Ängste und Fantasien können losgelassen und weggespült werden. Daher gehören Tränen unweigerlich zu unserem Leben dazu. Und auch wenn wir uns unsicher dabei fühlen, weil wir die Fassung verlieren, sollten wir mutig sein, Tränen zu zeigen. Und darüber zu reden. Damit die Menschen lernen, das Tränen wichtig und richtig sind, und nicht vermieden und unterdrückt werden müssen. Nur so kann das Tabu des Weinens verstanden und überwunden werden. Vielleicht können wir es dann in einem ganz einfachen Satz erklären:

Wer weint, der fühlt. Und Fühlen ist doch gut, oder?








Literaturverzeichnis
CANACAKIS, JORGOS (2006). Ich sehe deine Tränen. Lebendigkeit in der Trauer. Das Leben- und Trauerumwandlungsmodell. Stuttgart: Kreuzverlag
CIOMPI, LUC (1997). Die emotionalen Grundlagen des Denkens: Entwurf einer fraktalen Affektlogik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
HÜLSHOFF, THOMAS (2001). Emotionen: eine Einführung für beratende, therapeutische, pädagogische und soziale Berufe. München: E. Reinhardt
ROBERTS, NORA (2010). Irische Träume. In: Die Geliebte des Malers. Hamburg: Cora Verlag

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18 Antworten

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    Also ich finde den Text auch prima. Genau diese Frage hab ich mir nämlich selbst letztens gestellt. Ich bin ein Mensch, der wirklich nicht viel weint und sich da auch ganz gut im Griff hat. Wenn mir aber etwas wirklich nahe geht, dann lass ich meinen Emotionen aber auch freien Lauf- und meinen Tränen.
    Mein Ex-Freund hat mich dabei nicht Ernst genommen. Er meinte immer nur: "Warum heulsten jetzt schon wieder? Ich find das echt nervig." Na ja. Gut. Wenn er es nicht verstehen kann, ist das sein Problem. Mir geht es jedenfalls auch mal besser, wenn alles raus ist.

    Und dein Text war wirklich eine tolle Antwort auf meine Frage.

    02.02.2011, 12:52 von frau_wachsmalstift
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    "Wer weint, der fühlt. Und Fühlen ist doch gut, oder?"

    Ich denke, das wird jeder Therapeut unterschreiben können.

    31.01.2011, 13:21 von LudwigMartin
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    sehr schöne argumentation! gefällt mir.

    28.01.2011, 18:29 von sitka
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    weinen unterdrücken ist eine verkrampfung des zwerchfells und es kommt - zumindest hab ich das mal in der schule gelernt - vor allem bei jungs vor. das hält aber an, auch ins erwachsenenalter und kann durch ne relativ einfache übung gelöst werden, wodurch weinen ausgelöst wird...

    ich kann das irgendwie auch nicht nachvollziehen warum eine natürliche reaktion als so unangenehm empfunden wird...
    mir geht es so, dass wenn es mir schlecht geht ich alkohol trinke (unterbewusst wahrscheinlich absichtlich) um weinen zu können - das befreit... (die methode ist aber mehr als fragwürdig)

    28.01.2011, 00:50 von paleica
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    Ich finde es echt schade, dass viele Menschen sich nicht trauen ihre Tränen zu zeigen. Ich muss sagen, ich würde gerne viel öfter weinen. Man fühlt sich doch gleich viel besser und hat einfach etwas "weggegeben", etwas belastendes oder schlimm ist dann einfach leichter. Ich glaube auch, dass ich in der Beziehung nicht wirklich "normal" bin. Denn es ist wirklich selten das ich weine. Wenn, dann nur unter größten Belastungen oder Schmerzen. Obwohl ich gerade dann eine innere Starre habe und mich kaum rühren kann. Aber es entspannt, wenn es dann doch mal passiert.

    Ich finde es echt gut, dass du dieses Thema mal angeschnitten hast. Dein Artikel hat mir echt gut gefallen.

    Denn: Wer weint, der fühlt. Und fühlen ist wirklich gut!

    26.01.2011, 22:19 von Aerosmiths-Fan
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      @Aerosmiths-Fan Danke!

      Und ja, Fühlen ist gut....

      26.01.2011, 22:24 von SarahJoesy
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    1) weinen Frauen wegen dem Hormon Prolactin mehr.
    Dieses Hormon ist für die Tränenproduktion verantwortlich und Frauen produzieren deutlich mehr von diesem Hormon!

    2) Finde ich es verantwortungslos und egoistisch nicht zu reagieren wenn jemand in der Öffentlichkeit weint. Die meisten Menschen müssen sich schon in einem Ausnahmezustand befinden um es soweit kommen zu lassen. Wenn der jenige keine Hilfe will, kann er sie immernoch ablehnen, was dann auch respektert werden sollte.

    3. Wenn ich mich in einem solchen Ausnahmezustand befinde ist es mir pupsegal wer mich so sieht!

    26.01.2011, 16:23 von lostchild
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      @lostchild Für mich erfordert das Weinen auch etwas Mut zu zeigen, dass wir Gefühle haben und dazu stehen, mal abgesehen vom hormonell gesteuerten Weinen der Frauen. Ich weine auch öffentlich, erst vor kurzem am Tisch mit Freunden oder einmal in einer öffentlichen Lokalität. Leider war es sehr traurig zu sehen, wie wenig die anderen damit umgehen konnten, manche haben auch gelacht-wie traurig ! Wenn ich einen Menschen öffentlich weinen sehe, kommen mir selbst auch immer die Tränen. Ein schöner Text, der auch mal wieder ein Abbild unserer Gesellschaft zeigt, die zum Teil ziemlich arrogant und verroht ist.

      26.01.2011, 17:14 von Azzurro13
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    Mir kommen meistens die Tränen bei besonders schönen, glücklichen Momenten - sei es in der Realität oder in Filmen und Büchern. Und sich dafür zu schämen lohnt sich einfach nicht.

    Dennoch muss ich zustimmen, dass ich die Frau im Bus sehr gut verstehen kann. Man zieht damit ja automtisch die Aufmerksamkeit auf sich - die möchte ich persönlich gerade in solchen Momenten nicht haben.

    26.01.2011, 14:21 von Jazz1989
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    Ich weine meist Lachtränen.

    26.01.2011, 13:41 von frl_smilla
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      @oceaneyes Also solche Statistiken sind in dem Fall total nichtssagend - das ist doch nur der zusammen"gerechnete" Durchschnitt. Ich meine, im Ernst, ich weine doch nicht nach einem festen Schema, so à la, Donnerstags ist die Welt besonders traurig, Montags nicht, da lache ich...mal weint man sogar an einem Tag zig Mal, oder an mehreren darauffolgenden Tagen (man weint ja in den seltensten Fällen grundlos^^) und dann weint man widerum wochen- oder monatelang gar nicht. Aber um irgendwo drauf Bezug nehmen zu können, haben sich diese Wissenschaftler eben den Monat genommen. Somit heisst es, Frauen weinen so und so oft, Männer so und so oft.

      Mir ist es generell peinlich, vor anderen Menschen zu weinen. Auch wenn es eigentlich keinen Grund gibt, dass es einem peinlich ist. Gut, ausser vielleicht dem verquollen Gesicht, die schlitzförmigen Augen und das rot-weiße Gesicht anschliessend.^^

      Ich habe einemal im Zug ein Mädel bitterlich weinen gesehen, und schwankte die ganze Zeit mit dem Gedanken, ob ich nun hingehe, und frage, ob alles okay ist, oder nicht. Oder ob es ihr peinlich wäre, bzw. sie sich dann noch unwohler fühlen würde. Letztendlich habe ich es nicht gemacht, was mir im Nachhinein schon ein wenig Leid tat.

      26.01.2011, 20:38 von topfbluemchen
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