fbauer 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 0

Warum Pornokonsum wenig mit Sex zu tun hat.

Millionen Männer "tun es". Millionen Frauen sind besorgt darüber. Höchstwahrscheinlich unnötigerweise. Behauptet eine neue Publikation.

Zwischen Gisela und Bernd wird "darüber" nicht mehr gesprochen. Es ist klar, dass er , wenn er abends noch länger vor dem PC sitzt, nicht nur dem Online-Pokern frönt. "Mach es wenigstens nur dann, wenn die Kinder sicher nicht reinkommen" war die letzte resignierte Aufforderung von Gisela. Dass seine Suche nach einschlägigen Bildern und Videos im Internet nichts mit ihrer Beziehung zu tun haben soll, wie Bernd immer wieder beteuert, kann sie trotzdem nicht glauben.

Könnte sie aber.

Eine neue Publikation zu dem Thema behauptet nämlich genau das: Dass Pornokonsum wenig mit Sex zu tun hat. Sondern mit vielen anderen Dingen. Isolation zum Beispiel, Langeweile, Minderwertigkeitsgefühle ... Behauptet der Autor Mario Brocallo in seinem "PSratgeber".

Gestoßen ist auf das "eBook" mein Freund Egon, der als Psychologe in einer Familienberatungsstelle arbeitet. Und da dort immer wieder auch sexuelle Fragen ein Beratungsthema sind, versucht das dortige Team auch mit der Fachliteratur auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Über Egon geriet der erwähnte Ratgeber in meine Hände. Besser gesagt: landete er als PDF Dokument in meiner Mailbox - denn das Buch gibt es nicht gedruckt, sondern nur "virtuell" - als "eBook".

"Weil sich viele wohl schämen würden, in einer Buchhandlung ein Buch zu dem Thema zu bestellen" erklärt der Autor auf seiner Website, die eher selbstgemacht als professionell wirkt. Prinzipiell könnte er mit dieser Verkaufsstrategie bei einem so tabuisierten Thema sogar richtig liegen.

Aber gleich einmalmal reingelesen in das Buch. In drei Teile ist es gegliedert: Im ersten werden verschiedene Dimensionen des Suchtverhaltens beschrieben - darunter Isolation, Langeweile (eventuell beruhend auf Arbeitslosigkeit), mangelnde Körperlichkeit (Gesundheit, Sport, Körperpflege), Minderwertigkeitsgefühle, ein "verzerrtes Männlichkeitsideal". Im zweiten werden Fragen aufgelistet, anhand derer man herausfinden soll, welche Hintergründe der Pornokonsum im individuellen Fall haben. Im dritten Teil folgen dann schlußendlich die Tipps zur Reduktion des Suchtverhaltens.

Und bereits im ersten Teil geht es dann doch auch um Zweierbeziehungen: Drei der aufgelisteten Dimensionen nennen sich nämlich: "Diffuser Frauenhass", "verzerrtes Weiblichkeitsideal" und "Nähe-Distanz Konflikt in einer Beziehung". Was Gisela aus diesem Abschnitt lernen würde?

Dass sich Männer durchaus durch sexuelle Phantasien in andere Positionen Frauen gegenüber träumen: Der Mann mit diffusen Aggressionen auf Frauen würde diese in "heftigen" Sexszenen sublimieren, der Mann mit einem "überhöhten" Weiblichkeitsideal durch jene "schmutzigen" Attribute in der Pornographie, die er im wirklichen Leben niemals mit einer Frau in Verbindung bringen würde. Und für Gisela als Frau in einer fixen Beziehung vielleicht am aufschlussreichsten: dass Männer manchmal versuchen, durch Pornographiekonsum vor einer subjektiv als zu intensiv empfundene Nähe zur Partnerin flüchten.

Woher Brocallo seine Weisheiten hat? Aus Gesprächsgruppen mit Männern, gibt er an. "Weil
dies wahrscheinlich das einzige Forschungssetting sei, bei dem Männer ehrlich über Sex reden." Nun, das muss wohl dahingestellt bleiben - seit Kinsey, Masters und Johnson gibt es ja zahlreiche großangelegte Sexualstudien, die "funktionierten".

Aber wie lauten seine Empfehlungen?

Angelehnt an die Auflistungen der "Dimensionen der Pornosucht", die er im ersten Teil beschreibt, gibt der Autor im dritten Teil des Buches jeweils individuelle Tipps für jede der Dimensionen. Also zum Beispiel: wie ein isolierter Mann Kontakte knüpft, welche Fragen man sich zum eigenen Männlichkeitsideal stellen sollte .. etc. Und er ist ehrlich genug, zuzugeben, dass auch professionelle Hilfe bei dieser Problematik hilfreich und wichtig ist: Sozialberatung, Paartherapie, Gesprächsgruppen. Auch und gerade, weil Männer sich dafür genieren oder sagen "so etwas brauche ich doch nicht".

Bernd sollte also mit Gisela in eine Paartherapie gehen, wenn bei ihm die Angst vor Nähe zutrifft (und Gisela sollte mitgehen). "Sie müssen dort nicht über Sex reden" meint Brocallo, "wenn beide erkannt haben, dass Pornographie nur ein vordergründiges Zeichen für einen anderen Konflikt ist".

Insgesamt dürfte diese Publikation eine Marktlücke füllen, denn es gibt zu dem Thema auf den ersten Blick wenig deutschsprachige Literatur - die englische ist oft religiös motiviert. Und wenn sie - was aufgrund des einfachen Designs der Autorenhomepage zu vermuten ist - möglicherweise nur aus einer Diplomarbeit entsprungen ist, die hier im Internet ein wenig vermarktet wird, tut das den einleuchtenden Gedanken darin keinen Abbruch. Eine Arbeit muss ja nicht schlecht sein, bloß weil sie nicht bei einem "richtigen Verlag" publiziert wird."Wichtige Links zu diesem Text"
Mario Brocallo Publications

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