Warum mache ich nichts dagegen?
Er tut es schon wieder. Warum greife ich nicht ein, warum geht sie nicht?
Regentropfen im Schein von Laternen können schöner sein als der Blick in die Sterne. Es sind so viele, sie alle sind kurz vor dem Ende ihres Weges. So spät erst nehmen wir sie wahr.
Kleine Rauchfäden steigen hinaus in die Nacht. Das Fensterbrett ist hart, die nasse Scheibe klebt an meinem nackten Rücken und in Wahrheit ist es überhaupt nicht warm. Mein Laptop ist warm, doch nur auf meinen Oberschenkeln. Nasse Flecken bilden sich auf meiner Hose, Tropfen laufen meinen Oberarm herunter. Eine Tür knallt zu, über mir. Auch dort ist das Fenster offen.
Er schreit. Ich kann es nicht verstehen, es ist Polnisch. Meine Zigarette fliegt, sich mit dem Regen vereinend, wie in einem Wasserfall auf die Straße. Etwas landet auf dem Boden. Mein Blick bleibt still. Er schlägt sie. Schon wieder. Polnische Worte flehen, so weinerlich dass meine Ohren es ihr vergeben.
Mein Nachbar ist arbeitslos, ein Musiker, ein Alkoholiker. Vor einigen Jahren hatte er seine Mutter und seine Tante tot in der Wohnung aufgefunden. Wer kann so etwas je wieder vergessen? Seine Freundin ist die dritte Frau die ich an seiner Seite erlebe. Die dritte Polin. Manchmal, so eine ältere Frau aus unserem Haus, fährt er kurz über die Grenze und bringt eine mit. Eine was? Eine Frau.
Über mir schlägt er sie halbtot.
Sie sind nicht verheiratet. Einmal habe ich mich mit ihrem gebrochenen Deutsch unterhalten. Nie wieder, niemals wieder möchte sie zurück. Ich habe nicht ganz verstanden ob sie nun wirklich von der Polizei gesucht wird oder ob ihr ehemaliger Zuhälter sie umbringen würde. Es klang recht tragisch. Was auch immer ich hören könnte. „Nix Polizei, bitte.“. Dann nahm sie meinen Oberarm in ihre Hände und bedankte sich. Ihre Augen sagten mir dass sie wirklich nie wieder zurück wollte. Sie sei doch frei zu gehen, sagte ich. „Liebe.“, sagte sie.
Kurz liegen meine Augen in meinen Händen. Türen knallen zu. Er dreht die Musik auf, so laut dass er Bass auf meiner Brust aufprallt. Nun werden sie trinken. In etwa einer Stunde wird sie mit leeren Flaschen in Richtung Tankstelle torkeln, aber erst wenn sie sich sicher ist dass niemand im Treppenhaus ist.
Ich rauche schon wieder. Sie singen Karaoke. Ich habe es ihr versprochen.






Kommentare
Verdammt guter Text!
21.10.2010, 20:56 von AdriAAAnund warum tust du jetzt nichts....?
17.03.2009, 17:46 von cat_womanantwort gefunden?
Öh... liest du den ganzen Kommentarmüll hier eigentlich noch? Wenn ja... warum?
17.07.2007, 22:45 von Yeezabeloh wow. tolle lyrische sprache.
13.07.2007, 23:20 von lila-hexewenn die story wahr ist, würd ich mich mal mit dem ASD (Allgemeinen Sozialdienst) in verbindung setzen - hat mit Polizei nichts zu tun, kann aber eine Hilfe sein.
Und was machst du wenn er sie umbringt?
13.07.2007, 19:51 von FlavamaticAber allgemein juristisch schon im Grenzbereich zur Unterlassen Hilfeleistung.....
Nur mal zum nachdenken, ob man einem Menschen der in Angst lebt solch ein Versprechen abnehmen sollte...
Gute Geschichte, die zum Nachdenken anregt.
13.07.2007, 16:24 von TergennSoll man Erwachsene sich selbst überlassen? Oder was unternehmen?
So wie du es hier geschrieben hast, wüsste ich auch nicht, was ich täte.
Ein Satz ist unfreiwillig komisch: Kurz liegen meine Augen in ihren Händen.
ganz schön schrecklich, aber schrecklich schön.
12.07.2007, 22:47 von orely19